Friedensethik – weich gespülte Statements

Krieg und Religion?
Krieg – Quelle: 753446, Pixabay

Krieg und Religion, das ist kein gefälliges Thema. Denn es wird ein Zusammenhang mit den zwei Wörtern hergestellt, der nach Diskussion drängt, aber irgendwie tabu ist. Die Gläubigen wollen darüber nicht diskutieren, weil damit ihre Religion beschädigt werden kann, die Nicht-Gläubigen scheuen das Thema, weil die political correctness es verbietet.

Vielleicht kann man das Thema konfliktfrei abarbeiten, wenn man sich der Geschichte der Glaubenskriege zuwendet.
Aber man sollte dann vermeiden, aktuelle Konflikte anzusprechen.
Das geht jedoch heute nicht mehr. Die Schlussfolgerung aus der Kenntnis der Glaubenskriege ist nun mal die Frage: Ist das erlaubt, was beispielsweise die IS-Kämpfer anrichten, nur weil sie sich auf den Koran berufen können?

Natürlich nicht!, kommt hier die Antwort. Doch dieser mit Empörung vorgetragenen Zurückweisung des IS-Terrorismus folgt sofort die politisch korrekte Erklärung, die uns freilich in keiner Weise weiterhilft.
Das sei doch nur die falsche Auslegung der heiligen Schrift des Islam, heißt es sofort. Und dann kommt der obligatorische Verweis auf den Dschihad. Da gibt es den friedlichen Dschihad, der ein Kampf des einzelnen Gläubigen ist und zum Ziel hat, ein guter Mensch zu werden. Man kann es nicht mehr hören, dieses weich gespülte Statement. Und die Koranverse, die zum Abschlachten der Christen und Juden auffordern, die sind historisch einzuordnen, haben heute keine Bedeutung mehr. Also bitte keine Aufregung.

Ehrlicherweise muss man an dieser Stelle sagen, so einfach kann man es sich nicht machen. Im Gegenteil: Diese Argumentation öffnet den Fundamentalisten Tür und Tor für ihre krude Ideologie. Denn der Koran ist bei Fundamentalisten das originale Wort Gottes. Nicht etwa eine von Menschen niedergeschriebene Offenbarung. Am Koran darf nichts geändert werden!

Mit dieser Haltung ist der Islam aber nicht reformierbar und bleibt eine hermetisch in sich geschlossene Ideologie, die keinen Widerspruch zulässt. Denn der mögliche Widerspruch oder die vernünftige Kritik ist in diesem System bereits als Immunisierungsstrategie eingebaut. Wer den Koran nicht Wort für Wort glaubt, der hat eben nicht den richtigen Glauben, ist abgefallen. Mehr noch: Wer den Koran nicht in der Version des Hocharabischen lesen kann, der braucht sich als Kritiker überhaupt nicht zu Wort melden. Der versteht nichts, so die Fundamentalisten.

Die muslimischen Kritiker, die den Islam reformieren wollen, stehen da auf verlorenem Posten. Sie fordern Aufklärung. Aber Aufklärung bedeutet, sich aus der Unmündigkeit (der selbst verschuldeten) zu befreien. Das ist eigentlich Kant pur. Liberale Theologen im Islam meinen, die problematischen Texte im Koran sollten neu interpretiert werden und das Mohammed-Bild sollte entdogmatisiert werden, was nichts anderes heißt, als die dunklen Seiten des Propheten zu beleuchten. Beides zählt für Fundamentalisten zu den schlimmsten Beleidigungen des Religionsgründers.

Radikale Kritiker und Aufklärer halten von diesen Reformen wenig. Unmoralische Suren sollen gestrichen werden. Was unmoralisch ist, das soll auch benannt werden.

Doch radikale Aufklärer und liberale Theologen liefern den Ideologen unter den Moslems nur weiter den simplen Beweis, dass die Welt außerhalb des Islam gottlos ist und vernichtet werden soll.
Was tun?

Unter diesen Umständen ist es dann doch angebracht, sich im Ethikunterricht einfachen Aufgaben zuzuwenden – frei von moralischen Ansprüchen. Wir können ja ein Poster malen oder vielleicht ein Rollenspiel einüben, um unserer Betroffenheit Ausdruck zu geben.

tmd.


Quelle: gbs Koblenz, Youtube

Wenn es gut werden soll

Wenn Sokrates heute lebte, ginge er wohl nicht auf den Marktplatz, um dort Bürger anzusprechen. Sokrates ginge heute in einen Baumarkt. Nicht in irgendeinen, sondern in den Baumarkt, in den Bürger gehen, die es gut machen wollen.
Herauszufinden, was das Gute ist, das war Sokrates‘ zentrales Thema.
Doch das Personal im Baumarkt hätte Sokrates ebenso enttäuscht, wie ihn seine athenischen Mitbürger so oft enttäuscht haben.
Was das Gute ist, ist auch heutzutage eine sehr individuelle Sache. Sei es nun beim Renovieren oder Sanieren.
Wie reagierte Sokrates auf solchen Relativismus? Wie reagierte er darauf, dass alles letztlich eine individuelle „Maß“-Entscheidung ist, wie die Sophisten es behaupten? Die sagten, der Mensch sei das Maß aller Dinge.
Die Standardantwort von Sokrates war ungefähr folgende:
Wenn wir über das Gute reden, das Gute aber für jeden Menschen etwas anderes ist, wenn also das Gute etwas Beliebiges ist, dann brauche ich im Leben das Prädikat „ist gut“ eigentlich nicht mehr. Denn es sagt ja nichts mehr Verbindliches aus. Verbindlich wäre es, wenn man wüsste, dass alle Menschen etwas Bestimmtes als „das Gute“ bezeichnen.
Brauchen wir das Prädikat „ist gut“ nicht?
Im Alltag ist der Verlust des Prädikats „ist gut“ zu verschmerzen. In der Werbung ist ohnehin alles irgendwie gut, hipp, cool, angesagt, geil, trendig usw. Im Alltagsleben ist die Suche nach dem „Guten“ nicht notwendig, wenn es sich um Außer-moralisches handelt. Jeder soll schließlich nach seinem Geschmack glücklich werden.
Wenn es aber um Moral und die Tugenden geht, dann ist der Relativismus der Motor, das soziale und politische Zusammenleben zu zerstören.
tmd.

Den Sinn des Lebens gibt es nicht auf Rezept

Aussagen über den Sinn des Lebens sind unterschiedlich. Sie sind unterschiedlich innerhalb einer Altersgruppe (Fachwort: Alterskohorte), aber auch unterschiedlich zwischen den Generationen (Eltern, Großelten usw.).

Diese Unterschiede in Aussagen über die Sinnfrage führen dazu, nach Gründen zu suchen für die Unterschiede. Wir finden als Antworten Merkmale wie Alter, Geschlecht, Beruf, Lebensumwelt. Die Liste lässt sich verlängern. Was man aus dieser einfachen Übung lernt, ist, dass sich diese Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens zwar in Gruppen ordnen lassen (konventionelle und philosophisch-wissenschaftliche Antworten), aber sich schwer in ein Ranking bringen lassen. Der Einfluss der unterschiedlichen Faktoren wird zwar anhand der Maslow-Pyramide erklärt. Es gibt aber keinen besseren oder schlechteren Lebenssinn, den wir uns wie beim Discounter aussuchen können.

Es gibt aber Beispiele, wie die „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ von Heinrich Böll, die eine klare Bewertung vemitteln wollen. Eine kurze Inaltsangabe und Bewertung findet sich unter: Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral. Der Fischer in der Geschichte macht alles richtig, hat den rechten Sinn im Leben gefunden und der Tourist ist der Dumme, einer, dem der Kapitalismus zu Kopf gestiegen ist. Das ist voreilig geurteilt. Der Fischer arbeitet, um zu (über-)leben. Mehr will er nicht. Das gab es immer, und ist für die meisten Menschen Realität. Freiwillig nicht zu arbeiten  und dennoch zu überleben, das ist Bürgern in reichen Sozialstaaten (BRD) vorbehalten oder Multimillionären.

Aber was ist das Gegenteil? Leben, um zu arbeiten, oder anders ausgedrückt, leben, um sich selbst zu verwirklichen? Das kann nicht jeder. Man muss entweder sehr reich sein oder ein Lebenskünstler. Arbeiten, um zu überleben und leben, um tätig zu sein/sich selbst zu verwirklichen, sind Gegensätze, was die Arbeitsmoral betrifft. Es sind zwei vollkommen unterschiedliche Ausprägungen von Arbeitsethik.

Die Arbeitsmoral, die wir wählen oder wählen müssen (weil wir eben nicht reich oder romantisch sind), prägt unseren Lebenssinn.

Schaut man sich die Lebensläufe bekannter Personen an, dann findet man immer wieder den Aspekt des „Tätig-sein-Wollens“. Jemand will etwas erreichen. Der Film „Das Streben nach Glück“ mit Will Smith zeigt diesen unbändigen Willen. Der Sinn des Lebens wird hier als Eigenleistung dargestellt.

Konstantin Kolenda (Philosoph) erklärt die Eigenleistung folgendermaßen:
„Seinen Weg finden“.
„seinen“ deutet auf Individualität hin,
„finden“ meint Aktivität und
„Weg“ bedeutet Kontinuität.
Alles das sind Eigenleistungen.

Wir merken uns: Sinnfindung ist Eigenleistung, die uns niemand abnehmen kann. Ein Faktor der Sinnfindung ist Arbeit. Wir können uns aber unterschiedliche Lebenswege anschauen und nach „Glück streben“. Was dieses Glück ist, das entscheiden wir selbst. Die Verantwortung tragen wir dabei ebenfalls selbst.

Den Sinn des Lebens gibt es nicht auf Rezept!

tmd.

Quelle: CamMW, Youtube

Gegenaufklärung mit Konstruktionsfehlern

In meinem Beitrag: „Gefangen im Kerker der Sinne“ habe ich mir die Frage gestellt, ob es so etwas wie eine Idee des Bösen gibt.

Gehofft hatte ich, dass es dazu einen Kommentar gibt – von Seiten der Schüler/-innen. Eine E-Mail hat mich nun veranlasst, das Thema erneut aufzugreifen, wenn auch nur in der gebotenen Kürze.

Grundsätzlich ist die Diskussion über das Böse (in welcher Form es das gibt) nicht auf Platon beschränkt. Hier zeigt es sich nur als logisches Problem in der Konstruktion von Platons Ideenlehre. (Ich rede übrigens nicht von Theorie, sondern von Lehre – die Ideenlehre ist m.E. keine Wissenschaft.) Wenn es die Idee des Guten gibt, dann muss es doch auch – weil es in der Welt das Böse gibt – die Idee des Bösen geben.
In Platons Dialogen finden sich dazu sehr widersprüchliche Aussagen, für die ich hier – keineswegs Wissenschaftlichkeit beanspruchend – eine Erklärung gebe.

In der Platonforschung ist man sich nicht einig, ob die Reihenfolge der Dialoge so ist, wie sie angenommen wird. Warum ist das so wichtig? Man sagt, dass sich die Lehre von Platon in seinen Dialogen mit der Zeit geändert hat. Anfangs scheint er sich nicht sicher gewesen zu sein, dann kommt eine starke Phase, wo die Ideenlehre ausgearbeitet wird, und schließlich sieht es so aus, als ob Platon davon wieder Abstand nimmt. Einige Wissenschaftler sagen aber, dass Platon nur zeigen wollte, wie er nicht verstanden werden will. Wenn aber die Reihenfolge der Bücher nicht stimmt, dann stimmt auch dieses Argument nicht.
Für mich ist ein anderer Punkt ausschlaggebend: der siebte Brief Platons.

Send me a letter – Quelle: jackmac34, Pixabay
Send me a letter – Quelle: jackmac34, Pixabay

Diesen Brief soll Platon nicht geschrieben haben, sagen die meisten Altphilologen. Das ändert jedoch nichts daran, dass der Inhalt zu der Entwicklung seiner (Platons) politischen Karriere (die keine war, denn er war nicht erfolgreich) passt. Derjenige, der den Brief verfasst hat, muss das gewusst haben. Ich meine, dass Platon mit seinen politischen Ansichten nicht erfolgreich war und das hat sich in seinen Schriften gespiegelt. Ich nehme an, dass Platon den Sokrates deshalb so unerreichbar moralisch gut dargestellt hat, um damit für seine (Platons) politische Lehre eine Gründerfigur zu haben, die zudem nicht direkt angreifbar war, weil es keine eigenen Schriften von Sokrates gibt.

Wie also soll man mit dem Gedanken von der Idee des Bösen umgehen? Der Vorschlag von Jostein Gaarder (Sophies Welt) ist mir zu simpel, aber er hat wenigstens den Vorteil einer Erklärung, die man jedoch nicht hinterfragen darf. Damit sind allerdings nicht die Widersprüche in den Dialogen beseitigt.

Ich meine, die Diskussion um die Idee des Bösen lenkt nur von einem dahinterstehenden Problem ab. Es geht hier nicht um die Konstruktion eines logisch in sich widerspruchsfreien Systems von Aussagen, sondern es geht um das Erreichen der politischen Deutungshoheit.

Ich komme deshalb in diesem Zusammenhang immer wieder auf meinen Vorschlag zurück, dass die Ideenlehre nur dazu dienen sollte, den Sophisten politisch die Kommunikation aus der Hand zu nehmen. Und zwar nicht durch einen ständigen Prozess der Diskussion (den hatte Sokrates vollkommen offen angelegt), sondern durch eine in sich geschlossene Ideologie, die bestimmten Bürgern die Herrschaft sichert. Denn Ideologien sind nicht dazu da, logisch einwandfrei konstruiert zu sein, sondern sind dazu da, Menschen zu überzeugen, die nicht selbst denken wollen.

Oder etwas pointierter: Platons Ideenlehre ist handfeste Gegenaufklärung, aber mit erheblichen Konstruktionsfehlern. Die Konstruktionsfehler sind Ergebnis des Versuchs, die Idee des moralisch Guten auf die Welt der Gegenstände zu übertragen, ihnen dadurch einen Platz im „Ideenhimmel“ zu sichern und damit den Relativismus der Sophisten auszuhebeln. Platon sicherte sich damit die Deutungshoheit.

Ich muss mir dabei natürlich den Vorwurf gefallen lassen, dass ich hier den Sokratischen Diskurs zu einem herrschaftsfreien Diskurs wie bei Jürgen Habermas umdeute und grundsätzlich materialistisch-historisch argumentiere. (siehe dazu: Erkenntnis und Interesse in: Technik und Wissenschaft als >Ideologie<) Aber damit kann ich leben.

tmd.

Sinnsuche und Moral – methodische Überlegungen

Warum und wozu leben wir? ist eine einfache Frage. Die Antworten sind viele und oft auch kompliziert. Sie sind der Sinn, den wir dem Leben geben. Man kann die Antworten ordnen, zusammenfassen und gelangt so zu den beiden Hauptgruppen, die im Ethikunterricht erarbeitet werden.

  • Konventionelle Antworten
    (mein Haus, meine Familie, meine Karriere usw.)
  • Philosophische Überlegungen
    (Gutes tun, die Welt retten, …)

Darüber kann man dann diskutieren, kann feststellen, dass nicht jeder denselben Sinn im Leben erkennt. Das Ergebnis der Veranstaltung ist: Soll doch jeder machen, was er will, solange es erlaubt ist. Und außerdem: Was hat das alles mit Moral zu tun?

An diesem Punkt könnte man also das Thema als erledigt betrachten und sich wichtigeren Dingen zuwenden.

Ein Philosoph wie Aristoteles wäre erstaunt, dass wir uns nicht darum kümmern, unserem Leben einen Sinn zu geben, um glücklich zu werden. Ein „anything goes“ gibt es bei Aristoteles nicht. Glücklich ist der Mensch nämlich nur, wenn er sein Leben auf eine bestimmte Art und Weise führt. Gemeint ist ein tugendhaftes Leben. Die Tugenden des Aristoteles (gerecht, klug, maßvoll, tapfer) stoßen heutzutage nicht mehr auf ungeteilte Begeisterung. Statt über Tugenden wird heute über Werte geredet. Werte werden dann so behandelt, als ob man sie ohne Übung besitzen kann.

Tugenden einüben im Unterricht und für Noten? Das ist ein grundsätzliches Problem. Moralisches Handeln lässt sich zwar bewerten aber nicht benoten. Deshalb ist das Thema Sinnsuche auch so sperrig. Es ist zwar wichtig, aber auch privat.

Es ist aber nicht mehr nur privat, wenn junge Menschen Salafisten in den Krieg folgen, weil sie deren Propaganda nicht durchschauen. Sinnsuche und -findung ist also einerseits das private „Erkenne dich selbst“, andererseits ist es Aufklärung (= selbst denken) durch Wissenszuwachs.

Um diese Wissensvermehrung geht es im Thema Sinnfindung und Probleme und Risiken bei der Sinnsuche.

Mädchen blickt in RIchtung Sonnenuntergang
Suche nach dem Sinn des Lebens – Quelle: Skitterphoto, Pixabay

Soziologie und Psychologie sind die Wissenschaften, die Handreichungen bieten, mit der Sinnfindung zurechtzukommen. Das einfache Schema von Maslow beispielsweise, das meist verwendet wird, kann dabei helfen, die eigene Sicht der Dinge zu reflektieren (darüber nachzudenken).
Gleiches gilt für die soziologischen Untersuchungen zu den jugendlichen Gegenwelten. Das Kommen und Gehen von Altersgruppen (in der Soziologie Kohorten genannt) erkennen, hilft die eigene Rolle in einer solchen „Gegenwelt“ besser zu verstehen („verorten“ ist das Fachwort) und auch selbstverantwortlich verändern.

Immer wieder ist es interessant gewesen, die verschiedenen Modezyklen zu untersuchen. Jede Generation versucht sich so von der Elterngeneration abzugrenzen, was heutzutage allerdings sehr viel schwerer ist, weil die Modetrends die Altersgrenzen überwunden haben.

tmd.

Gelassen in den Tod – Der moralische Sieg des Sokrates

Tod des Sokrates
Der Tod des Sokrates – Quelle: Wikipedia

Sokrates wird zum Tode verurteilt und zwar zu Unrecht. Was liegt näher bei einem Fehlurteil, als das Angebot zur Flucht anzunehmen. Alles war dafür vorbereitet. Sokrates aber beginnt zum Entsetzen seiner Freunde einen philosophischen Diskurs. Inhalt: ein Vergleich von „Unrecht erleiden“ und „Unrecht tun“. Was ist besser, was ist schändlicher, fragt Sokrates. Er kommt zum Ergebnis: Es ist besser Unrecht zu erleiden, als Unrecht zu tun. Was ist aber das „Unrecht tun“ in diesem speziellen Fall? Antwort: sich nicht an die Gesetze und an das Urteil des Gerichts halten.
Moment mal, sagt der kenntnisreiche Leser. Das Urteil war doch ein Fehlurteil. Warum dieses Urteil beachten.

Das ist aus unserer Sicht der Dinge durchaus angebracht. Nicht aber für Sokrates: Gesetze zu missachten, mache sie wertlos. Zudem haben die Gesetze ihm die Möglichkeit gegeben, in der Gerichtsverhandlung seine Gegner bloßzustellen. So wie es überliefert ist, hat Sokrates eigentlich alles dafür getan, dass er zum Tode verurteilt wird. Ihm ging es ums einwandfreie moralische Verhalten. Er wollte mit sich selbst im Einklang leben und sterben, so berichtet es Platon.

Das heißt: tugendhaft leben. Nur wer das Gute tut, der ist auch ein guter Mensch. Dazu muss man aber wissen, was das Gute ist. Genau das hat er in seinem letzten Diskurs klargestellt: Unrecht tun ist schändlich. Platon hat seinen Sokrates damit zum Superphilosophen gemacht, eigentlich moralisch nicht mehr zu übertreffen.
„Gelassen in den Tod – Der moralische Sieg des Sokrates“ weiterlesen

Der Tyrann in uns – Das Gewissen bei Freud

Ein ICH mit schweren Gewissenskonflikten wendet sich Rat suchend an sein Unterbewusstsein, auch ES genannt. „Belästige mich nicht mit deinen Problemen“, sagt das Unterbewusstsein. „Frag das ÜBER-ICH, das ist für deine Gewissenskonflikte verantwortlich.“

Quelle: emARTix, YouTube

Sigmund Freud hat Entstehung und Funktion des Gewissens in seinem Modell mit ICH, ÜBER-ICH und ES erklärt. Das Bild, das in den meisten Lehrbüchern zur Ethik dazu abgedruckt wird, ist eigentlich selbsterklärend. In der graphischen Darstellung geht jedoch ein zentraler Gedanke von Freud unter: Der Mensch hat bereits dann ein schlechtes Gewissen und leidet unter diesem schlechten Gewissen, wenn er nur daran denkt (!), etwas zu wollen, was ihm Eltern, Lehrer oder sonstige „Sozialisationsagenten“ verboten haben zu tun. Das funktioniert nur deshalb, weil der Mensch diese Erzieher als ÜBER-ICH im Bewusstsein „introjiziert“ (also verinnerlicht oder auch eingepflanzt) hat. Das schwer Verstehbare daran ist nun, dass der Mensch für diese „Internalisierung“ (anderes Wort für den gleichen Vorgang) teilweise mit verantwortlich ist. Der Mensch holt sich das schlechte Gewissen als Plagegeist selbst ins Bewusstsein. Wie kann das geschehen und welche Konsequenzen für unser moralisches Verhalten ziehen wir aus diesem Wissen?

Schauen wir uns an, wie das Gewissen entsteht.
Das Glücksempfinden ist für das Kleinkind mit Aggression verbunden, behauptet Freud. Warum? Weil das Kind noch keine Grenzen zwischen sich und seiner Umwelt ziehen kann. Einfach ausgedrückt: Die Eltern sind für das Kleinkind Teil seiner selbst. Wenn die Eltern sich plötzlich anders verhalten, als das Kind es will, reagiert es mit Aggression. Gleichzeitig erkennt das Kind, dass es von den Eltern abhängig ist.

Baby weint
Weinendes Baby – Quelle: TaniaVdB, Pixabay

Krawall machen bedeutet unter Umständen, dass sich die Eltern abwenden. Eltern, die sich abwenden, sind aber für das Kleinkind eine existentielle Bedrohung. Und nun geschieht – nach Freud – etwas Sonderbares. Die Aggression, die sich eigentlich gegen die Eltern richtete, wird umgelenkt auf das eigene, sich langsam herausbildende ICH.

Freud schreibt: „Die Aggression wird introjiziert, verinnerlicht, eigentlich aber dorthin zurückgeschickt, woher sie gekommen ist, also gegen das eigene ICH gewendet. Dort wird sie von einem Teil des ICHs übernommen, das sich als ÜBER-ICH dem übrigen ICH entgegenstellt und nun als Gewissen gegen das ICH dieselbe strenge Aggressionsbereitschaft ausübt, die das ICH gerne an anderen, fremden Individuen befriedigt hätte.“ (aus: Das Unbehagen in der Kultur)

Das ist verständlich. Denn das Kind fühlt sich verantwortlich für den drohenden eigenen Untergang, wenn sich die Eltern nicht mehr um es, das Kind, kümmern. Freud sieht hier auch die grundlegende Angst des Menschen vor Liebesentzug. Das Kind fühlt sich also verantwortlich für die Unlustgefühle (Liebesentzug, Zuwendung fehlt). Damit ist der Grundstein gelegt für eine noch viel üblere Komponente im Bewusstsein: das ÜBER-ICH.

Denn der Mechanismus, die Aggressionen, die sich gegen die Eltern oder die Umwelt richten, umzulenken auf die eigene Person, muss dauerhaft aufrechterhalten werden. Hier bildet sich das ÜBER-ICH heraus, das fortan immer darüber wacht, Aggressionen nicht gegen die Umwelt, sondern gegen das eigene ICH zu steuern.

An dieser Stelle ist aber noch nicht klar, warum man ein schlechtes Gewissen hat. Bisher ist nur erklärt worden, warum Sozialisation funktioniert: Kinder wollen der Bestrafung durch Liebesentzug entgehen und lernen, sich angepasst zu verhalten. Damit sind sie „quitt“ mit den Eltern. Der Verzicht auf Aggression bzw. Triebbefriedigung wird mit Zuneigung und Liebe belohnt.

Ein schlechtes Gewissen entsteht jedoch erst dann, wenn Kinder meinen, dass die Eltern wissen, dass sie (die Kinder) eigentlich aggressiv sich durchsetzen wollen, aber es sich nicht trauen aus besagten Gründen. Was Freud so nicht wusste, aber Psychologen nach ihm herausgefunden haben: Jeder Mensch hat die Chance zu verhindern, dass ihm ein dauerhaft schlechtes Gewissen eingepflanzt wird. Kinder lernen nämlich ab dem vierten Lebensjahr, dass sie lügen können und ihre Umwelt grundsätzlich nicht herausfinden kann, was sie (die Kinder) gerade denken. An diesem Punkt der Entwicklung könnten sich Menschen eigentlich frei machen von der Angst, dass man ihre Gedanken liest. Niemand bräuchte mehr ein schlechtes Gewissen zu haben.

Portrait Sigmund Freud
Sigmund Freud – Quelle: Wikipedia

Diese Chance zur Befreiung von einem üblen inneren Tyrannen können nicht alle nutzen. Wenn sich erst einmal das ÜBER-ICH von den konkreten Personen der Umwelt gelöst hat und im Bewusstsein des Menschen ein Eigenleben führt, dann ist es zu spät. Therapeuten erzählen traurige Geschichten von Menschen, die sich beispielsweise ständig von Gott beobachtet fühlen. Bei vielen Neurotikern wird dieser innere Beobachter aber von den Betroffenen selbst nicht mehr als solcher wahrgenommen. Der Arzt muss hierbei mühevolle Seelenarchäologie betreiben.

Die moralischen Konsequenzen sind: Bei der Erziehung sollte das Seelenleben der Kinder im Vordergrund stehen. Das Gewissen ist keine irgendwie dem Menschen angeborene Eigenschaft. Der Schöpfer des Gewissens ist der Mensch selbst. Also kann er es auch beherrschen.
Und: Eine autonome Verarbeitung von unterschiedlichen, sich widersprechenden Normen ist mit einem Tyrannen im eigenen Bewusstsein nicht möglich.
tmd.

J.J. Rousseau: Ein Wille für alle

Jean-Jacques Rousseau (J.J.R.) schreibt im Gesellschaftsvertrag, 4. Buch, 1.Kapitel: „Solange sich mehrere Menschen vereint als eine einzige Körperschaft betrachten, haben sie nur einen einzigen Willen, der sich auf die gemeinsame Erhaltung und auf das allgemeine Wohlergehen bezieht.“ Ist das möglich, dass mehrere Menschen einen einzigen Willen haben? „J.J. Rousseau: Ein Wille für alle“ weiterlesen

Gewissen: eine kritische Auseinandersetzung

Das ist kein Thema, mit dem man sich gerne beschäftigt – auch weil es eine intuitive Erfahrung ist. Intuitiv? Das sind Erkenntnisse, die ohne inneren Dialog, also ohne mein Zutun, ohne Verstand ablaufen. Da läuft also etwas in meinem Gehirn ab, das ich nicht steuern kann? Nein Danke!
Ich soll es pflegen, das Gewissen, heißt es. Wie soll das gehen, wenn es doch intuitiv abläuft? „Gewissen: eine kritische Auseinandersetzung“ weiterlesen

Gefangen im Kerker der Sinne: Das Höhlengleichnis und Platons Ideenlehre

Raffael, Platon und Aristoteles
Platon und Aristoteles – Quelle: Wikipedia, Detailansicht aus Raffaels „Die Schule von Athen“

Gleichnisse werden verwendet, wenn man komplizierte Sachverhalte erklären will. Das Höhlengleichnis soll Platons Ideenlehre erklären. Liest man das Höhlengleichnis versteht man eher weniger als mehr. Warum? Weil man das Höhlengleichnis erst richtig versteht, wenn man die Ideenlehre verstanden hat. Einige Philosophielehrer beginnen deshalb damit, zuerst die Ideenlehre zu erklären und dann das Gleichnis. Friedo Ricken (er war mal Professor für Ethik in München), beschäftigt sich in PHILOSOPHIE DER ANTIKE nur mit den Ideen.

Was sind Ideen bei Platon? Ein Beispiel: Wenn ich nach einem Geschenk für einen guten Freund suche und plötzlich fällt mir eines ein, dann sage ich, ich habe da eine Idee, was ich ihm (meinem Freund) schenke. Das ist keine platonische Idee. Wenn ich mir vorstelle, wie ein sehr guter Unterricht in Ethik ablaufen soll, dann habe ich eine Idealvorstellung von gutem Unterricht. Das ist eine platonische Idee. Denn den idealen Unterricht, so wie ich ihn mir vorstelle, den gibt es so nicht. Sokrates gibt in einem seiner Gespräche mit einem gewissen Simmias (im Phaidon) ein gutes Beispiel. Er fragt zuerst, ob das wirklich Gute und wirklich Schöne etwas Wichtiges/Erstrebenswertes ist. Klar!, sagt Simmias, wobei wir leider nicht erfahren, woran er gerade dachte. Dann fragt Sokrates, ob Simmias das wirklich absolute Schöne denn schon mal mit eigenen Augen gesehen habe. Die Antwort ist: NEIN. „Gefangen im Kerker der Sinne: Das Höhlengleichnis und Platons Ideenlehre“ weiterlesen