Zeigt den Störern die Rote Karte

Warum streiten Menschen? Hierzu gibt es keine einfache Antwort! Je mehr man weiß, desto mehr schlaue Antworten kann man geben. Gibt es wirklich keine einfachen Antworten?
Nein! Aber es gibt Versuche für eine Antwort.

Kleine Kinder meinen, dass sie alles haben können, was ihren gefällt. Kinder meinen, dass ihre eigene Meinung und nur ihre Meinung die richtige Meinung ist. Bald merken sie aber, dass das nicht „zielführend“ ist.

you can’t always get, what you want“ (Rolling Stones, 1969).

In einem Ethikbuch wird hierzu der Altmeister der Konfliktforschung, Thomas Hobbes, genannt. Er sagt, was die Gründe für Streit und Konflikte sind: Konkurrenz, Ruhmsucht und Mangel an Selbstvertrauen.
Die ersten beiden Gründe sind keine Aufreger. Natürlich sind das Gründe für Konflikte. Aber was soll das sein, das mit dem Selbstvertrauen?

Hobbes ist hier nicht Politiker, sondern Psychologe. Er sagt uns, was uns antreibt, wenn wir Konflikte suchen und austragen: Menschen, die mit sich selbst nicht zurecht kommen, die mit ihrem Leben nicht zufrieden sind, die sind diejenigen, die sehr viel öfter Konflikte suchen. Warum?

Puppe im SPiegel
Spiegeln der inneren Konflikte – Quelle: Desertrose7, Pixabay

Man muss es leider so sagen. Diese Menschen „spiegeln“ ihre eigenen inneren Konflikte auf ihre Umwelt. Was bedeutet das? Diejenigen, die Streitereien anfangen, die andere Menschen beleidigen oder – in Schule und Beruf – mobben, die sind eigentlich die „kleinen Lichter“. Sie haben Probleme im Umgang mit anderen Menschen, sie sind die eigentlichen „Verlierer“.

Warum kann man diesen Menschen, die selbst nicht in der Lage sind, ihr eigenes Leben in den Griff zu bekommen, nicht Einhalt gebieten? Warum kann man diese Störenfriede in der Gesellschaft nicht daran hindern, weiter ihr Unwesen zu treiben?
Hobbes hoffte auf eine Lösung, die er in seinen Büchern beschrieb. Da muss es einen geben, der für Ordnung sorgt und allen, die Konflikte machen, die rote Karte zeigt.
Funktioniert das? Ja!, aber leider nicht immer! Hobbes hatte mit seiner Theorie keinen Erfolg.

Was also tun?
Mutig gegen Mobbing vorgehen. Diejenigen verteidigen, die es sich selbst nicht zutrauen. Konflikte untersuchen und den Gegner nicht als Feind ansehen. Denn jeder Mensch will etwas, was auch ein anderer will. Darin sind sich alle Menschen ähnlich. Auch das lernen wir von Hobbes.

Was fehlt uns? Eigentlich nur Mitgefühl. Das ist die Empathie, die beim moralischen Handeln so wichtig ist.
Wo kann ich das lernen? Im Alltag! In der Familie! In Freundschaft!

In der Schule? Ich weiß es nicht!

tmd.

Das Leben ist kein Spiel

Roulette – nichts geht mehr
Rien ne va plus – Quelle: stux, Pixabay

NICHTS GEHT MEHR!
oh, schade, das Spiel ist aus?
NEIN! DAS WAR KEIN SPIEL. ES IST AUS. ENDE!

Grenzsituationen beschreiben, das ist nur möglich mit Vergleichen. Mit Vergleichen jedoch, die nie an die Wirklichkeit heran reichen. Grenzsituationen sind letztlich Todeserfahrungen, Erfahrungen absoluter Schuld, unabwendbaren Leides. Aber ihnen – diesen Erfahrungen – folgt nicht die Rettung. Es folgt der Tod, das Leiden, die immer währende Schuld.

Paolo Giordano hat das Problem in „Die Einsamkeit der Primzahlen“ literarisch umgesetzt. In seinem Buch gibt es nicht einmal die Andeutung eines happy end. Der Film dazu – überwiegend eindrucksvoll beklemmend – will einen aber nicht ohne einen Funken Hoffnung entlassen. Das ist aber nicht die Realität.

Viele verwechseln Grenzsituationen auch mit Grenzerfahrungen. Das sind beispielsweise die Erfahrungen, die ein Marathonläufer macht. Er geht an seine Grenzen. Er spürt die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit. Aber er ist nicht am Ende.

Grenzsituationen, das sind Leid, Tod, Schuld. Karl Jaspers nennt sie die „tragische Trias“. In diesen Grenzsituationen fühlt sich der Mensch ohnmächtig. Ohnmächtig, das meint „ohne Macht“. NICHTS GEHT MEHR.

Was tun in solchen Situationen? Victor Frankl, Fachmann für solche Fragen, verweist auf die Pflicht jedes Menschen in solchen Situationen nicht zu verdrängen, aufzugeben. Jaspers sagt, man dürfe nicht die Situation verschleiern oder ihr ausweichen. Frankl zitiert in diesem Zusammenhang einen Aphorismus von Hölderlin: Wer auf sein Leid tritt, tritt höher. Aus der Erkenntnis von Schuld folgt Verantwortung.
Doch das setzt absolute moralische Haltung voraus. Die wird gerade in unseren Zeiten nicht hochgehalten. Bob Dylan – er hat in diesem Jahr den Literaturnobelpreis erhalten – verdichtete den Gedanken der Verantwortung – auch gegen den Widerstand der Mehrheit – in „All Along The Watchtower“.

„No reason to get excited, “ the thief, he kindly spoke, „There are many here among us, who feel that life is but a joke. But you and I, we’ve been through that, and this is not our fate, So let us not talk falsely now, the hour is getting late.“ (Bob Dylan, 1967)
(Hervorhebungen von mir)

Dem Leben einen Sinn geben, das ist in Grenzsituationen hoch problematisch. Wir neigen dazu, den Sinn zu „konstruieren“. Das birgt aber gerade die Gefahr in sich, dass wir die Situation irgendwie verschleiern. Frankl tut sich dabei in der Lösungssuche einfach. Er sagt, dass „Sinn“ gefunden werden muss. Das lässt an Offenbarung oder Erleuchtung denken. Das widerspricht aber dem rational denkenden, aufgeklärten Menschen.

Manchmal muss es einfach ausreichen, Gedankengänge nachzuvollziehen und Lösungswege kennenzulernen ohne sofort eine praktische Handlungsanweisung daraus abzuleiten.

tmd.

Thomas Hobbes revisited

Der Selbsterhaltungstrieb bringt den Menschen dazu, Verträge mit anderen Menschen zu schließen, die Sicherheit garantieren.

Der kurze Text zu Thomas Hobbes „Sicherheit statt Freiheit“ in diesem Blog bedarf unbedingt einer Ergänzung, die über das Minimalwissen für eine Prüfung hinausgeht.

Hobbes ist der erste von den drei Theoretikern (die in der 10. Klasse an bayerischen Gymnasien behandelt werden), die sich Gedanken über einen Gesellschaftsvertrag gemacht haben. Bei einem Vergleich mit den anderen wird er immer wieder zu Unrecht in die Ecke gestellt. Insbesondere in die rechte. Einige Interpreten machen ihn zum Vordenker eines totalitären Staates. Andere versuchen seine Beschreibung des Naturzustandes in Frage zu stellen, indem sie nachweisen, dass die Argumente von Hobbes eigentlich nur Spekulation sind. Da braucht man nichts nachweisen. Es ist ein Gedankenexperiment.

So einfach will ich es mir nicht machen, Hobbes gerecht zu werden.
Außerdem wissen wir bereits, das die philosophische Erkenntnis, und natürlich auch die naturwissenschaftliche (nicht alle Naturwissenschaftler hören das gerne) abhängig ist vom Interesse.

Der Naturzustand bei Hobbes ist ein Gedankenexperiment! Man kann es nicht oft genug wiederholen. Den Naturzustand, den Hobbes beschreibt, konnte er – und können wir – historisch nicht nachweisen. Das ist aus seinen Texten nicht abzuleiten und man kann es auch nicht unterstellen, dass er so etwas wollte. Es ist richtig, dass Hobbes als Beispiel für vorstaatliche Gesellschaften die Indianer Amerikas nannte. Das waren zum Teil rassistische Spekulationen. Aber das macht das Gedankenexperiment insgesamt nicht hinfällig. Hobbes hat das Menschenbild des Staatsbürgers psychologisiert. Er hat gefragt, wie der Mensch in einem Staat in Sicherheit leben kann, wenn er so und nicht anders gestrickt ist, nämlich egoistisch. Das ist der eigentliche Fortschritt bei Schaffung eines Menschenbildes. Der Mensch ist nicht böse, weil es den Teufel gibt oder sonstige finstere Mächte, er ist egoistisch von Natur her.

Verstand gebrauchen
Den Verstand gebrauchen – Quelle: geralt, Pixabay

Hobbes ist ein Kind der Aufklärung. Er glaubt fest daran, dass der Mensch ein vernunftgesteuertes Wesen ist. Er bringt die Vernunft ins Spiel, lange bevor sie von Immanuel Kant besetzt wurde. Hobbes sagt, dass der egoistische Mensch erkennt, dass es bestimmte Naturgesetze gibt, die bei der Staatsbildung beachtet werden müssen. Naturgesetze sind bei Hobbes aber nicht physikalische Gesetze. Es sind von der Vernunft entdeckte Vorschriften für die Vergesellschaftung: Das ist z.B. das Streben nach Frieden, Einhaltung von Verträgen und vieles mehr. Hobbes macht im Leviathan etliche Vorschläge, die in ähnlicher Form später auch bei Kant in seiner Schrift zum ewigen Frieden auftauchen. Die Leistung der Vernunft leitet er aber nicht aus moralischen Vorschriften ab, sondern aus dem Selbsterhaltungstrieb des Menschen.

Ich will mich hier nicht mit der Widerlegung der oft unsachlichen Auseinandersetzung mit Hobbes aufhalten. Zwei Punkte erscheinen mir bemerkenswert und sollen hervorgehoben werden.

  • Hobbes war der erste Theoretiker, der die Staatsgründung und die Vergesellschaftung per Vertrag so ausdrücklich und zentral formulierte. Die Bürger stehen im Mittelpunkt, die Bürger handeln, die Bürger sind alle gleich!
  • Hobbes geht bei der Konstruktion seines Menschenbildes vernunftorientiert vor, also rational, nicht empirisch. Er ist eben ein Kind der Aufklärung. Wie ein Naturwissenschaftler fragt er, woraus der Staat besteht: aus Menschen. Also muss ich wissen, wie der Mensch funktioniert. Bei dieser Frage lässt er sich dann von seinen Erfahrungen aus dem englischen Bürgerkrieg leiten. Und Hobbes fragt weiter, wie muss der Gesellschaftsvertrag aussehen, wenn der Mensch so und nicht anders gestrickt ist, damit der Staat die Sicherheit der Bürger garantieren kann.

Die neuere Politikforschung hat Hobbes längst wieder entdeckt. Die Bürgerkriegssituation, die Hobbes in seiner Heimat England erlebt und gefürchtet hat, wird auf die Internationale Politik und ihre „neuen Kriege“, die asymmetrischen Kriege übertragen. Es hat schon einen gewissen Reiz, sich vorzustellen, dass ein „Leviathan“ auf unserem Planeten für Frieden sorgen könnte. Also kein IS-Terror, kein Syrien-Krieg usw.

tmd.

Der Weg zur Selbstverwirklichung: Tugenden üben!

Selbstverwirklichung heißt: Die Tugenden der Gerechtigkeit, Klugheit, Tapferkeit, Mäßigung einüben. Das Ziel: Ein glücklicher Mensch werden.

Selbstverwirklichung ist ein Thema, das nicht sofort und unmittelbar den Bezug zur Moral offenlegt. Oder einfach gesagt: Was hat denn das mit Ethik zu tun?

Ehrlicherweise müsste man dann sagen: Mit unseren heutigen Vorstellungen von Moral hat es in der Tat nicht viel zu schaffen. Aber ein antiker Mensch zur Zeit von Aristoteles, der wäre umgekehrt erstaunt darüber, dass wir die Selbstverwirklichung nicht zur Ethik rechnen.
Wenn wir Selbstverwirklichung als Grund für ein glückliches Leben sehen, dann sind wir der Sache schon näher gekommen. Denn der antike Mensch wollte glücklich sein und nahm an, dass es durch tugendhaftes Leben auch zu erreichen ist.

Gotische Malerei
Die Tugenden, gotische Malerei – Quelle: makamuki0, Pixabay

Und wie ist es heute? Von den Tugenden der Mäßigung, Tapferkeit, Klugheit und Gerechtigkeit bleibt nicht viel übrig. Gerechtigkeit wird als Wert wahrgenommen, und zwar in einer Weise, die nichts mehr mit „Aneignung“ zu tun hat. Es wird nicht darüber geredet, wie das gerecht „sein“ sich vollzieht. Es ist eine Handlung! Nicht ein Gegenstand, den man hat oder nicht. Gerechtigkeit muss eingeübt werden! Es reicht eben nicht, das Wort auf ein Poster zu malen und an die Wand zu hängen.
Die anderen Tugenden? Passen überhaupt nicht in das moderne Projekt der Selbstverwirklichung. Klugheit wird von Quiz-Wissen ersetzt. Tapferkeit ist durch unsere Vergangenheit schwer beschädigt aus dem Verkehr gezogen worden. Mäßigung ist von der Gesundheitslobby instrumentalisiert auf reines Ernährungsverhalten reduziert worden.
„Jeder Mensch soll sich ein Ziel stecken und es verwirklichen. Das ist der Sinn des Lebens.“ Auf diesen Kernsatz reduziert ist vom Projekt der Antike – über das Einüben von Tugenden ein guter und glücklicher Mensch zu werden – nicht mehr viel übrig geblieben.

Wo kann man die Tugenden einüben? Im Alltag! Überall!
Warum wird es nicht gemacht? Weil man sehr schnell an seine Grenzen stößt. Es ist eben einfacher, dumm, feige und maßlos zu sein. Und die Gerechtigkeit haben wir ja schon als Poster an die Wand gehängt. Dann schreiben wir noch schnell die anderen drei außer Mode gekommenen Tugenden hinzu und fertig ist das Thema.

Halt: Wir können doch ein Rollenspiel skizzieren und ansatzweise vorführen. Gut sind wir!

tmd.

Strategie der Sekten – Herstellung einer neuen Identität

Das Ziel jeder Sekte ist es, den Willen der Mitglieder zu brechen. Die Strategie: Das Opfer langsam und unauffällig aus ihrem früheren Umfeld ziehen.

„Habt ihr denn gar nichts gemerkt? Ist euch nichts aufgefallen? Er (sie) muss sich doch verändert haben?“ Diese Fragen hören Eltern, deren Kinder in eine Sekte eingetreten sind und plötzlich verschwunden sind.
Nein! Sie haben nichts gemerkt. Sie konnten nichts merken. Seitdem in Deutschland Jugendliche von Salafisten dazu verführt wurden, ihr Leben für den IS in Syrien zu opfern, ist die Strategie von Sekten und Fundamentalisten näher ausgeleuchtet worden.

Zur Strategie gehört es, dass die Neuen in der Gruppe zunächst ein Doppelleben führen müssen. Das heißt, sie müssen in ihrem bisherigen Leben weiterhin die Rolle spielen, die ihr Umfeld von ihnen erwartet. Gleichzeitig sollen sie nach und nach in die Sekte durch Manipulation eingebunden werden. Das hat einen Sinn. Der Neue muss davor geschützt werden, dass sein bisheriges Umfeld ihn auf die Sinnlosigkeit seines Tuns hinweist. Solange das Opfer noch nicht vollständig in die Gruppe eingebunden ist, besteht die Gefahr, dass Eltern und Freunde mit ihr/ihm über die Inhalte der Sekte diskutieren. Sehr schnell würde in solchen Diskussionen die Botschaft der Sekte also Ideologie enttarnt werden. Das muss die Sekte verhindern.

In den Fällen, in denen Jugendliche in die Fänge der Salafisten geraten waren, haben die Opfer erst sehr spät bzw. gar nicht offengelegt, dass sie zu den Fundamentalisten gewechselt waren.

Gottesanbeterin
Lass dich nicht fressen – Quelle: bella67, Pixabay

Ist ein junger Mensch erst einmal in der Sekte fest verankert, dann wird er aus seinem bisherigen Umfeld abgezogen. Er wird von der Sekte hermetisch abgeschirmt und kontrolliert. Kein Kontakt zu seinem früheren Leben soll mehr möglich sein. Auch das hat seinen Sinn.
Ideologien sind von der Struktur und Systematik her angreifbar. Ein letzter Zweifel an der Ideologie der Sekte bleibt immer. Hier müssen also Vorkehrungen getroffen werden, dass dieser Zweifel nicht zum Nachdenken anregt.

In ihrem Buch „Mein geheimes Leben bei Scientology und meine dramatische Flucht“ beschreibt Jenna Miscavige Hill diesen Punkt in ihrem Leben, an dem sich Zweifel an der Ideologie von Scientology bei ihr regten. Plötzlich waren ihr die Freunde wichtiger als die Gruppe. Jenna Miscavige ist die Nichte des Nachfolgers von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard, David Miscavige.

Solche Zweifel haben tief verwurzelte moralische Standards. Es gibt Psychologen, die behaupten, dass Mitgefühl und Mitleid angeboren sind.
Genau das müssen die Sekten verhindern, dass nämlich diese Zweifel aufkommen.

Es wird zum Beispiel viel Mühe darauf verwendet, den Sektenmitgliedern Handreichungen zu bieten im Umgang mit der Kritik der Umwelt. Einem frischen Salafisten muss immer wieder „eingetrichtert“ werden, dass es erlaubt ist, Nicht-Gläubige (und das sind alle Nicht-Moslems) zu töten.
Erstaunlich ist aber auch, dass viele Rückkehrer aus dem IS-Kalifat desillusioniert sind. Die Indoktrination hat anscheinend nicht der Realität des grausamen Krieges standgehalten.

Was die Rückkehrer jedoch erzählen und was davon in den Medien berichtet wird, das kommt bei den frisch Angeworbenen nicht an. Denn die sind schließlich auf der Suche nach einem Weltbild, das ihnen weismacht, sie würden bei Befolgung dieser irren Lehrinhalte zu besseren Menschen – und wenn nicht zu besseren Menschen, dann wenigstens zu besseren Toten mit Freifahrt ins Paradies – und den dort auf sie wartenden Jungfrauen.

tmd.

Tugenden – Die Seele des Staates

„Dear Prudence won’t you come out to play?“
(Lennon/McCartney)

Das Thema Seele und Platon geht weiter. Wieder war eine E-Mail der Anlass. Ich wurde gefragt, was die Tugenden mit der Seele zu tun haben.
In „Der Staat“ (politeia) entwickelt Platon die Seelenlehre weiter. Sein Interesse ist dabei Folgendes: Er will einen Zusammenhang herstellen zwischen dem einzelnen Bürger des Staatswesens und dem Staatswesen als einem funktionierenden Gemeinwesen. Er behauptet, dass der Staat dann gut ist, wenn jeder einzelne Bürger sich am „Gut-sein“ orientiert.
Um es gleich vorweg zu sagen. Der Platonische Staat in der politeia ist ein totalitärer Staat. Der Einzelne hat sich der Gemeinschaft unterzuordnen. Und der Entwurf ist eine reine Utopie, die ein wenig an marxistische Verhältnisse erinnert. Tommaso Campanella hat es in seiner Utopie „Sonnenstaat“ (1602) sehr viel bunter dargestellt, aber auch mit totalitären Zügen.

Jetzt aber zum Verhältnis von Seele und Staat.
Die Seele besteht in der politeia aus drei Teilen: Vernunft, Mut, Begierde. Die Vernunft ist von den Dreien der wichtige Teil. Die Vernunft muss den Mut und die Begierde führen. Damit die Vernunft diese schwere Aufgabe leisten kann, braucht sie Klugheit. Klugheit ist aber eine Tugend. Mit dieser Tugend der Klugheit kann die Vernunft aus dem Mut oder aus der Tollkühnheit die Tugend der Tapferkeit machen. Aus der reinen Begierde macht die Vernunft mit Hilfe der Klugheit die Tugend der Mäßigung.
Halten wir also fest: Es gibt eine Rangordnung der Tugenden. Zuerst die Klugheit, dann die Tapferkeit, und zuletzt die Mäßigung. Dafür gibt es auch ein schönes Bild, das des Wagenlenkers mit zwei Pferden. Die Vernunft als Träger der Klugheit ist der Wagenlenker und die beiden Pferde sind Mut und Begierde, die zu den Tugenden der Tapferkeit und Mäßigung geformt werden.

Platon führt an dieser Stelle eine weitere Tugend ein, die keine Entsprechung in einem Seelenteil findet: die Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit schwebt gleichsam über den andern Tugenden. Sie ist Orientierungspunkt und Wegweiser für die untergeordneten Tugenden.
Jetzt haben wir als endgültige Reihenfolge für die Tugenden:
Gerechtigkeit, Klugheit, Tapferkeit und Mäßigung. Die Tugenden der Klugheit, Tapferkeit und Mäßigung sollen sich an der Gerechtigkeit orientieren.

Utopie Blase
Platonischer Utopie-Staat – Quelle: geralt, Pixabay

Jetzt geht es weiter zum Staat.
Auch hier gibt es drei Teile, nämlich drei Klassen. Es erinnert ein wenig an das Kastensystem der Hindus, aber hier wird man nicht in eine Klasse hinein geboren, sondern „hinein-erzogen“ und gebildet. Aber das Thema hatte ich in einem früheren Beitrag schon behandelt.
Die unterste Klasse entspricht dem Seelenteil der Begierde. Das sind die Handwerker und Kaufleute. Darüber stehen die Soldaten. Sie entsprechen dem Seelenteil des Mutes. An oberster Stelle stehen die Philosophen oder die Herrscher mit Philosophen-Diplom. Das entspricht der Vernunft.
Die Philosophen haben nun die Aufgabe, die Soldaten zur Tapferkeit zu erziehen und die Handwerker und Kaufleute zur Mäßigung. Dabei setzen die Philosophen die Klugheit ein. Klug sind sie, weil sie ziemlich lang studiert haben und letztlich den Durchblick auf das Ideale und Gute haben. Bei ihren Führungsaufgaben orientieren sie sich an der Tugend der Gerechtigkeit.

Der Platonische Utopie-Staat funktioniert also nur, wenn die Philosophen an der Herrschaft sind und wenn sie alles richtig machen. Die Herrschaft war das eigentliche Ziel von Platon. Er wollte politisch an die Macht. Geschafft hat er das nicht, aber die Philosophen nach ihm hatten genug Stoff zum Nachdenken und konnten auf Platon aufbauend neue und eigene Ideen entwickeln.

tmd.

Die Methoden der Sekten – und bei wem sie nicht wirken

Wer mit Identitätsdefiziten zu kämpfen hat, wer keine Freunde hat, wer in der Schule versagt, wer also ein Verlierer ist, der wird schnell zum Opfer von Sekten, neu-religiösen Bewegungen, Psychogruppen und fundamentalistischen Religionsfanatikern.

Sekten werben Mitglieder
Mitgliederwerbung – Quelle: Pavlofox, Pixabay

Aufklärung über Sekten und andere ideologielastige Gruppen ist am besten machbar durch das Nacherzählen von Geschichten über Menschen, die in die Fänge von Sekten geraten sind. Bücher über Aussteiger, z. B. aus Scientology, gibt es etliche. Eine andere Möglichkeit ist, die Methoden offenzulegen, nach denen Sekten neue Mitglieder werben.

Mitgliederrekrutierung ist eine Inszenierung.

  • Dabei spielt die Sekte die WIR-Rolle: Wir sind die Starken. Wir halten zusammen. Wir kennen die Wahrheit. Wir wissen, warum es den anderen so schlecht geht. Und wir sagen es auch! Fundamentalisten gehen meist diesen direkten Weg.
  • Eine andere Inszenierung ist die HELFER-Rolle: Hast du Probleme, dann komm doch mal bei uns vorbei. Ganz unverbindlich natürlich. Kostet nichts! Und wenn du länger bleiben willst … eine Schlafstelle haben wir auch für dich.
  • Besonders heimtückisch ist die entwaffnend ehrliche BESSERWISSER-Rolle. Die geht so: Also weißt du, so kannst du nicht weitermachen. Du musst etwas für deine Gesundheit tun. Und du musst endlich sehen, dass du ein Workaholic bist. Also du musst unbedingt mental „aufräumen“. Komm doch in meine Gruppe! Sieh mich an, mir geht es fantastisch, seitdem ich bei meiner Gruppe bin.

Diese Inszenierungen haben nicht bei jedem Erfolg. Nur wer Probleme hat, wer in Schule oder Ausbildung nicht zurecht kommt, wer keine gefestigte Identität hat, der wird zum Opfer. Wer es nicht gelernt hat, mit Enttäuschungen, Verlusten und Misserfolgen zurecht zu kommen, der wird die Inszenierungen dankbar annehmen.

Aufklärung macht immun gegen das Sekten-Virus.
Kritische junge Menschen, die „selbst denken“ wollen, sind dagegen immun gegen Sekten. Sie sind sogar eine Gefahr für jede Sekte. Wer bei Diskussionen mit Fundamentalisten sein moralisches Basis-Handwerkszeug, das „ethische Argumentieren“ auspackt, der wird schnell verabschiedet. Denn mit jungen Menschen, die logisch argumentieren, wollen Fundamentalisten und Sektierer nichts zu tun haben.

tmd.

Diktatur der Philosophen

Die Beiträge zu Platon haben einen Aspekt nicht ausführlich behandelt. Dank einer E-Mail kann ich diesen wichtigen Punkt nachliefern. Es geht um die Frage, ob Bildung für alle möglich ist und ob der Platonische Staat demokratisch gedacht war.

Platons Staat ist eine Klassengesellschaft. Die Philosophen herrschen. Handwerker und Kaufleute sind dazu da, das Gemeinwesen ökonomisch am Leben zu halten. Krieger sollen den Staat militärisch nach außen schützen. Sie alle aber haben in Platons Staat keine demokratischen Mitspracherechte, denn nur die Philosophen oder Herrscher mit Philosophen-Diplom führen den Staat.

Wie ist die Verteilung auf die einzelnen Positionen der Gesellschaft organisiert? Gibt es eine Verteilungsgerechtigkeit? Nicht in dem Sinne, wie wir uns das vorstellen. Die Besetzung der Positionen ist abhängig von Bildung. Bildung ist bei Platon aber ein Ausleseprozess. Nur die wirklich Guten kommen an die Spitze.

Aber halt!, sagt der kundige Leser. Bei Platons Lehrer, dem alten Sokrates, da war das doch irgendwie anders. Genau! Der war der Meinung, dass jeder gebildet werden kann, wenn man ihm nur dabei durch geschicktes Fragen hilft. Platon passt das nun wirklich nicht in seine politische Philosophie. Er will die Herrschaft nicht demokratisch teilen. Er will die Diktatur der Wissenden.

Bücher - Wissen
Wissen ist Macht? – Quelle: Alexa, Pixabay

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch leicht die Frage beantworten, ob man sich unbedingt diesen mühsamen Bildungsprozess zumuten muss. Hat man nicht ein Recht auf „dumm bleiben“, wie manche Schüler das einwenden. Das Recht hat man nicht, man hat höchstens das Schicksal, „ganz unten“ zu bleiben.

Für Platon gibt es Menschen, die einfach nicht zum Philosophen taugen. Nicht jeder kann Häuptling sein. Es braucht auch Indianer. Und die Indianer können „dumm“ bleiben, wenn es um Herrschaft geht. Insofern ist das eine Art von Gerechtigkeit, die sich an den Fähigkeiten des Menschen orientiert. Wenn man es vorsichtig formuliert, dann hat Platon Bildung eng mit Elite verknüpft.

Soziologen sehen das heute sehr kritisch. Wir wissen, dass Bildung abhängig von der sozialen Schicht ist, aus der man kommt. Kinder von Elite-Eltern haben es einfach leichter, im Bildungssystem „nach oben“ zu kommen. Anders herum ist es aber auch so, dass dem Wunsch von Schülern, sich nicht mit Bildung auseinander zu setzen, in der Oberschicht nicht nachgegeben wird. Schon in der oberen Mittelschicht wissen die Eltern, dass soziale Teilhabe auch bildungsabhängig ist.

Geht es um politische Teilhabe, dann ist der Vorsprung der Bildungsgewinner noch größer. Im Deutschen Bundestag sind die Beamten und die Bildungsgewinner überrepräsentiert im Verhältnis zur Bevölkerung der Republik. Allerdings ist in unserer politischen Kultur der Weg an die Spitze nicht so unmöglich wie in Platons Staat für Bildungsverlierer. Auch ohne Abitur kann man beispielsweise in Deutschland Außenminister werden.

tmd.

Über Geisterfahrer auf den Autobahnen der Moral

Verwahrloster Fahrrad-Sattel
Verwahrlost – Quelle: pixel2013, Pixabay

Moralisches Verhalten muss man einüben. Dabei lernt man, den Widerspruch von unterschiedlichen Normen und Werten zu ertragen.

Normenkollisionen beschreiben, das ist deshalb so schwer, weil man die Erfahrung zwar irgendwie beschreiben kann, aber derjenige, der die Beschreibung hört, die Erfahrung nicht nachempfinden kann, wenn er selbst noch nie in einer solchen Situation war. Das erzeugt sehr viel praxisfremdes Gerede. Das langweilt junge Menschen.

Aus diesem Grund habe ich in einem früheren Beitrag (Wir müssen lernen, Normenkollisionen auszuhalten) das Beispiel vom Geisterfahrer gewählt, um die Situation der Normenkollision zu beschreiben. Der Vergleich stammt nicht von mir, sondern vom Jesuiten-Pater Klaus Mertes.
Der Vergleich kann dafür sensibel machen, dass unmoralisches Verhalten schwer zu kritisieren ist, wenn man in der Minderheit ist. Der Konsens als Wahrheits-Indikator ist schwer zu durchbrechen. Deshalb ist es so erstaunlich, dass sich in der Zeit des Nationalsozialismus Menschen trauten, Widerstand zu leisten.

Aber auch bei weit weniger dramatischen Kollisionen auf der Moral-Autobahn ist festzustellen, dass wir uns schwer gegen eine Mehrheit durchsetzen können.

Der Zukunftsforscher Harald Welzer hat das an wirklich einfachen Beispielen herausgearbeitet. Die gesamte ökologische Bewegung musste sich widersetzen gegen eine große Mehrheit. Hier ging es zwar nicht um Leben und Tod, zumindest nicht für die aktuelle Gesellschaft. Aber die Öko-Alternativen konnten moralische Gründe ins Feld führen. Sie sahen die Zukunft der Menschheit in Gefahr. Dabei konnten sie sich auf den Philosophen Hans Jonas berufen. Der hatte in „Das Prinzip Verantwortung“ herausgearbeitet, das der Zeithorizont eines Gesellschaftsvertrages nicht ausreicht. Wir können keinen Vertrag mit der nächsten Generation schließen.

Philosophische Konzepte können keinen Widerstand leisten, das können nur Menschen. Diese Menschen müssen Normen- und Wertekollisionen aushalten. Wer aber einmal erfolgreich Widerstand geleistet hat, der spürt das als Identitätserweiterung und Stabilisierung. Welzer nennt das Selbstwirksamkeit. Einfach ausgedrückt: Man merkt, dass man erfolgreich war.

Den Umgang mit Normenkollisionen kann man eher an einfachen Problemen lernen. Niederschwellige Kollisionen treten ja schon dann auf, wenn es darum geht, einem Mobbing-Opfer zur Seite zu stehen.

Die bloße Kenntnis von Werten ersetzt nicht das Einüben!

Wenn man aber einmal selbst erfahren hat, sich moralisch erfolgreich durchgesetzt zu haben, dann ist das ein Gefühl der Selbstwirksamkeit: Ich schaffe das! Mit diesem Bewusstsein kann man sich auch als Geisterfahrer auf die moralische Autobahn wagen.

tmd.

10 Fragen an dich

Diskussion
Diskussion – Quelle: Unsplash, Pixabay
  1. Lebst du gerne in einer Gruppe mit starren Regeln?
  2. Bist du zudem bereit, dich unterzuordnen, viel zu leisten und keine Ansprüche zu stellen?
  3. Würdest du für diese Gruppe auch die Regeln und Normen der anderen, die nicht in der Gruppe sind, missachten, weil es der Gruppe hilft?
  4. Möchtest du in einer Gruppe leben, die von einem Menschen geführt wird, der von sich sagt, dass er den vollen Durchblick hat, der eigentlich eine unangreifbare Autorität ist, der eigentlich auf alle Fragen eine Antwort weiß, einfach ein toller Typ, dem du unbedingt folgen willst?
  5. Willst du endlich ganz klar sagen können, dass du den Unterschied von Gut und Böse kennst? Denn du kennst die Weltformel, die Wahrheit. Du willst zwar die andern Menschen, deine Familie und Freunde retten, aber wenn die nicht wollen, dann sollen die doch untergehen.
  6. Kannst du dir vorstellen, jegliches Privatleben für die Gruppe aufzugeben und keinen eigenen Besitz zu haben?
  7. Würdest du strenge Übungen, wie tagelanges Fasten, akzeptieren, wenn es die Gruppe von dir verlangt?
  8. Würdest du den Kontakt zu deiner Familie und zu Freunden abbrechen, weil die nicht in die Gruppe eintreten?
  9. Ist es für dich erstrebenswert in einer Gruppe zu leben, die zur Elite der Menschheit gehört?
  10. Glaubst du, dass nur du und deine Gruppe überleben werden, wenn die Erde untergehen wird?
  • Das hört sich doch alles ganz gut an, sagst du.
  • Dann hast du ein heftiges Problem, antworte ich dir.
  • Welches?, fragst du.
  • Du bist in höchstem Maße gefährdet, in die Fänge einer Sekte zu geraten und du merkst es nicht einmal. Vielleicht bist du schon in einer Sekte.

tmd.