Täter bekämpfen im Opfer ihre eigenen Ängste

Warum fehlt es so oft an Fairness und Mitgefühl? Es ist nicht das erste Mal, dass diese Frage im Blog gestellt wurde. Hier erneut ein Versuch der Erklärung beginnend mit einem Beispiel.
In einem Ethikbuch habe ich folgende Situationsbeschreibung gefunden:
Anya sieht schlecht und hat seit kurzem eine Lesebrille. Als sie ihre Brille aufsetzt, um eine Aufgabe aus dem Schulbuch vorzulesen, fängt Benjamin zu kichern an. Soweit das Beispiel.

Es ist aus einer anderen Zeit. Heutzutage ist es kein Makel, eine Brille zu tragen. Eine Zeit lang war es sogar irgendwie „in“ eine zu haben. Der Anlass, jemanden zu mobben, ist also austauschbar und ändert sich von Zeit zu Zeit. Es geht um etwas anderes!

Opfer? Täter?
Außenseiter? Opfer? Täter? – Quelle: ShaktiShiva, Pixabay

Nicht das Mobbing-Opfer ist das Problem. Dass jemand ein Sonderling oder Außenseiter ist, ist nicht das Problem. Das Problem ist der Täter. Er hat Probleme, mit einer Umwelt zurecht zukommen, so wie sie ist. Das soziale Umfeld ist aber nicht so, wie es der Täter sich wünscht. Menschen sind nun mal grundverschieden. Hinzu kommt ein zweiter Umstand. Mobbing-Täter haben keine gefestigte Identität. Es sind kleine Lichter, die mit ihren eigenen Ängsten nicht fertig werden. Psychologen sagen, dass Täter ihre eigenen Ängste auf die Opfer projizieren und in der Person des Opfers bekämpfen.

Die Rollenfindung in der Pubertät ist eine Zeit, in der Jugendliche sehr empfindlich sind. Wer als Junge in dieser Zeit Gefühle zeigt, der muss befürchten, als „schwul“ in die Ecke gestellt zu werden. Schon in der 5. Klasse wird im Fach Ethik gelernt, dass wir uns in unserer Wahrnehmung leicht täuschen lassen. Leider wird diese Erkenntnis meist nur auf das naturwissenschaftlich-technische Erkennen und Verstehen bezogen. Es geht aber um Wertungen und Bewertungen. Etwas negativ bewerten, das ist also auch und besonders abhängig von unserer eigenen subjektiven Sicht der Dinge.

Im Grunde haben aber Kinder, die Mitgefühl leben können, die Trumphkarte fürs Leben in der Tasche. Sie werden später von anderen wirklich akzeptiert, sie haben „echte“ Freunde/Freundinnen. Sie sind die Starken! Wie kann man das im Unterricht vermitteln? Bitte kein Rollenspiel! Das funktioniert nur in der Theorie, nicht aber in der Praxis.
Kinder brauchen Vorbilder!

tmd.

Transidentität

Ein Thema ist in der Kategorie Jugendbuch angekommen: die Transidentität. Lisa Williamsons Geschichte „Zusammen werden wir leuchten“ und „George“ von Alex Gino sind nur der Auftakt gewesen. Jetzt hat die Wochenzeitung DIE ZEIT nachgelegt mit einem Bericht über transidente Kinder: „Das ist kein Spleen“, Nr. 47, 10. November 2016.

Im Schulunterricht könnten wir es – das Thema – finden, in Biologie. Unverzichtbar ist Transidentität jedoch im Fach Ethik. Im Moralunterricht gehört es zum Thema Erwachsenwerden. An bayerischen Gymnasien ist das der Fall in der 7. Klasse. Dort findet man aber bisher nichts zum Themenkomplex LGBT (Lesbian, Gay, bisexuel, Transgender).

Intersexualität
Gleich oder unterschiedlich – Quelle johnhain, Pixabay

Dort, wo sich Anknüpfungspunkte böten, werden sie nicht genutzt. Gemeint ist das Tagebuch der Anne Frank mit den entsprechenden Eintragungen vom 6. Januar 44 ff. Die Zahl der Kinder, die sich im eigenen Körper nicht zuhause fühlen nimmt zu, schreibt Martin Spiewak in DIE ZEIT. Mehr Mädchen als Jungs sind betroffen. Die Fachärzte nehmen die Sorgen und Wünsche ihrer jungen Patienten ernst. Problematisch ist die Umwelt der Kinder: die Gleichaltrigen, die Eltern, die Lehrer. Sie brauchen meist genau soviel Hilfestellung wie die betroffenen Kinder.

Warum ist das ein Thema für den Moralunterricht? Weil hier nach Meinung der Methodologen der geeignete Ort sein soll, um Empathie zu üben. Mitgefühl mit Mädchen, die eigentlich lieber Jungs sein wollen und umgekehrt.
Es geht hier aber nicht um einen spaßigen Kleiderwechsel nach dem Motto, wie fühlt man sich als Junge im Minirock. So stellen sich das die Methodologen wohl vor. Es ist aber kein gespielter Rollentausch, in dem Kinder sich die Vorteile des anderen Geschlechts herauspicken und genießen.

Es geht darum, dass der Aufbau einer eigenen Identität für transidente Kinder ein Höllentrip ist. Sie sollen sich eine entsprechende Rolle (als Mann oder Frau) aneignen. Das ist unter normalen Umständen schon für viele Jungs ein hoch riskantes Pokerspiel mit schlechten Karten auf der Hand. Es ist aber außerdem ein Wettlauf mit der Zeit, wenn es um eine Rolle geht, die sie einerseits zutiefst ablehnen, in die sie andererseits aber ohne medizinische Hilfe naturnotwendig „hineinwachsen“.

Mitgefühl für diese Kinder wird nur erzeugt durch Erklärungen, Gespräche, Aufklärung. Mitgefühl kann aber auch ganz pragmatisch so aussehen, wie es der ZEIT-Autor erzählt. Die Mitschüler akzeptieren in einem Fall den radikalen Rollenwechsel und – die Angelegenheit ist kein Aufreger mehr.

tmd.

Über das Böse

Gibt es das Böse an sich oder ist es eine Erfindung der Religionen? Und: Kann man das Böse im Menschen abschalten und Mitgefühl und Empathie einschalten?

Wieder einmal ist eine E-Mail der Anlass, dass ich mich erneut mit Empathie und Mitgefühl beschäftige. Es geht um das Böse in der Welt. Die Ereignisse um Aleppo und den Berliner Weihnachtsmarkt sind zeitlich nahe Beispiele für das Thema.

Bei Wikipedia finden wir folgende Definition: „Empathie bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen.“ Des weiteren wird eine Unterscheidung von Empathie und Mitgefühl gemacht. Der Beitrag dort eignet sich als Einstieg zum Thema.

Für den Moralunterricht ist zusätzlich noch das Wissen um die Theodizee nötig. Hier geht es um folgende Überlegung, die von Lactanz überliefert wurde. Gott ist allmächtig. Wenn Gott allmächtig ist, warum gibt es dann das Böse? Liegt es an der fehlenden Allmacht? Dann ist Gott schwach, also nicht Gott. Will Gott aber das Böse, dann ist er missgünstig, also nicht all-gütig, also ist er nicht Gott. Wenn aber Gott das Böse verhindern will und es auch kann, warum gibt es dann das Böse in der Welt?

Gut und böse
Gut & Böse – Quelle: johnhain, Pixabay

Darüber hinaus gibt es noch die Überlegung, dass Gott allwissend ist. Wenn aber Gott das Böse kennt und zulässt, dann sind Menschen, die das Böse in die Welt setzen, dazu verdammt, es ist ihr Schicksal. Sie können nichts anderes tun, als Unheil und Verderben in die Welt zu bringen. Zuletzt müssen wir noch eine weitere Unterscheidung machen. Existiert das Böse „an sich“, also objektiv und ohne unser Zutun? Oder ist das Böse ein Produkt unserer Welt „für sich“, ist das Böse ein Produkt unserer Kultur, ist es also eine Zuschreibung (eine Erfindung der Religionen).

Im Moralunterricht in der 10. Klasse an Bayerischen Gymnasien kann man durchaus dieses Basiswissen als Einstieg in eine Diskussion ansetzen, um anschließend Fragen kompetent zu bearbeiten.

Beginnen wir mit Empathie und Mitgefühl. Beides soll im Ethikunterricht erlernt, wachgerufen oder irgendwie hergestellt werden. Meist durch Rollenspiele. Empathie kann aber vorgetäuscht werden. Menschen sind nun mal begabte Rollenspieler und wenn es um Noten geht, dann erst recht. Als Katalysator und Indikator fürs „Empathie-Lernen“ sind Rollenspiele also wenig aussagekräftig. Psychologen sagen, dass man automatisch „mitfühlt“, wenn man sieht, dass jemand leidet und zwar so, als ob man selbst leidet. Wenn etwas automatisch funktioniert, dann brauche ich es aber nicht lernen.

Nun zum Mitgefühl. Hier geht es nicht nur ums Verstehen, ums Nachempfinden. Hier geht es ums Helfen, z.B. jemanden trösten. Auch das kann man lernen, aber auch vorspielen. Wenn die Methode des Rollenspiels erfolgreich wäre, dann dürfte es in keiner Klasse an Bayerischen Gymnasien gruppendynamische Probleme geben. Dann müssten alle Kriminellen geläutert die Haft verlassen: voll resozialisiert. Dem ist aber nicht so.

Nun zum zweiten Punkt der Überlegungen: Gibt es das „Böse“ als unveränderliche Erscheinung in Person von Menschen, die schlicht und einfach nur das Böse wollen? Für Christen gibt es das „Böse“, aber auch die Rettung durch den Glauben und insbesondere durch Jesus. Das erklärt zwar nicht unsere Probleme, aber es schafft Hoffnung durch Liebe. In aussichtslosen Situationen ist das sehr viel, eigentlich unverzichtbar.
Atheisten können das „Böse“ als kulturelle Zuschreibung erklären. Dann gibt es aber Probleme mit der Verantwortung für das Handeln des bösen Menschen. Michael Schmidt-Salomon hat in „Jenseits von Gut und Böse“ den Versuch gemacht, das Böse als Erfindung der Religionen zu erklären und die Täter zur Verantwortung zu ziehen. Seiner Argumentation kann ich nur schwer folgen.

Dies ist der zweite Beitrag im Blog, den ich nicht mit einer moralischen Einsicht abschließe. Die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse sind reichhaltig, aber auch widersprüchlich. Kinder haben es bei diesem Thema vielleicht noch etwas leichter mit einer Antwort. Wenn man noch sehr jung ist, kann man Harry Potter zitieren. Dort gab es das Böse. Und es wurde besiegt.

tmd.

Stichwort: Kategorischer Imperativ

Gedankliche Experimente
Gedankenexperiment – Quelle: Comfreak, Pixabay

Der kategorische Imperativ ist ein Gedankenexperiment von Kant. Damit kann man Regeln testen, ob sie gesamtgesellschaftlich akzeptabel sind. Beispiel: Darf man sich Geld leihen, um damit anderen zu helfen, aber in der Absicht, das Geld nicht zurückzuzahlen. Nein! Die Regel ist in sich widersprüchlich. Keiner würde bei dieser Regel Geld verleihen.

Mehr dazu im Blog unter:
Was ist ein Gedankenexperiment
Pflichtgemäßes Handeln und Handeln aus Pflicht
Kategorisch und hypothetisch
Kann man die Freiheit des Willens beweisen
Kant: Der freie Wille
Kant: Der Begriff der Freiheit ist der Schlüssel zur Erklärung der Autonomie des Willens
Was Kant unter Aufklärung versteht

tmd.

Wie lange wollen wir das noch ertragen? – Rollenspiele der besonderen Art

In einem Ethikbuch habe ich zum Thema Jugendliche Gegenwelten und Sinnsuche einen Textausschnitt von Mariah Fredericks „Alles nur ein Spiel“ gefunden.

Es geht in dem Text um ein typisches Rollenspiel im Internet. Dort dürfen die Spieler so ungefähr alles machen, was im richtigen Leben verboten ist. Aber was im Textausschnitt erzählt wird, ist doch eher harmlos. Wer die Diskussionen zu solchen Spielen verfolgt, merkt sehr schnell, dass die Spieler heftig ihr unmoralisches Verhalten im Spiel verteidigen.
Von all diesen Begründungen, die ich gefunden habe, dass es in Rollenspielen erlaubt sein soll zu quälen, zu foltern, zu töten usw., ist diese die wohl interessanteste. Rollenspiele widerspiegeln das richtige Leben.

Computer Spiel
Faszination Computerspiel – Quelle: Tomasz_Mikolajczyk, Pixabay

Wer so etwas von sich gibt, der hat den Grundkurs in Philosophie verschlafen oder hält den naturalistischen Fehlschluss für eine Umweltkatastrophe.

Kohorten von Moral- und Religionslehrern versuchen tagein tagaus, Kindern Empathie nahezubringen. Deutschlehrer und Deutschlehrerinnen versuchen durch geeignete Texte, auf den Begriff Mitgefühl aufmerksam zu machen. Und dann kommt eine Meldung wie diese: Führt euch beim Rollenspiel auf wie die Schweine, denn das wirkliche Leben ist genauso.
Empirisch ist das nicht haltbar. Es gibt immer wieder Menschen, und das ist die Mehrheit, die Mitgefühl „leben“. Sie sind es, die die Welt, so wie sie ist, überhaupt erst erträglich machen. Diese Menschen haben eben keinerlei Freude daran, andere zu quälen, zu foltern und zu morden. Die Vertreter der brutalen Rollenspiele argumentieren aber so: Die Mitspieler wollen ihren Spaß und Freude an der Sache haben.

Wie krank muss man sein, um so etwas zu akzeptieren?

Ich habe hier keine Zitate verwendet, weil ich die „Kampflust“ der Rollenspieler kenne. Hat niemand von denen, die solche Rollenspiele gutheißen, Friedrich Schiller „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ gelesen? Polemisch formuliert: Können die noch lesen?
„Ihre Maximen wirst du umsonst bestürmen, ihre Thaten umsonst verdammen, aber an ihrem Müssiggange kannst du deine bildende Hand versuchen. Verjage die Willkühr, die Frivolität, die Rohigkeit aus ihren Vergnügungen, so wirst du sie unvermerkt auch aus ihren Handlungen, endlich aus ihren Gesinnungen verbannen. Wo du sie findest, umgieb sie mit edeln, mit großen, mit geistreichen Formen, schließe sie ringsum mit den Symbolen der Vortrefflichkeit ein, bis der Schein die Wirklichkeit und die Kunst die Natur überwindet.“ (Neunter Brief)

Moralisch handeln meint: Den Menschen als Zweck zu sehen. So wie es Kant gemeint hat. Menschen, die andere erniedrigen und an die Wand stellen, sind nicht aufgeklärt. Es sind kleine Geister, über die Psychologen nur noch lachen können, weil sie die Idealform einer kranken Persönlichkeit sind. Die kann man teuer therapieren, zu Lasten der Gemeinschaft, die es bezahlen muss. Wie lange will es sich eine moralische Gesellschaft noch zumuten, das zu ertragen?

tmd.

Every girl needs a best girlfriend, but a boyfriend too.

E-Mail von Anna an Oma Maria
Liebe Oma Maria,
du kennst dich doch aus mit Psychologie und so. Wir haben das Tagebuch der Anne Frank gelesen. Also im Unterricht haben wir nur einige Seiten gelesen. Den Eintrag vom 25.4.44 haben wir gelesen. Das mit dem Satz, dass man erst merkt, wenn man verändert ist, wenn man sich verändert hat. Also das ist doch klar, das weiß ich schon. Ich schreibe doch selbst Tagebuch. Es war wieder sooooo langweilig. Und warum soll ich mit Mama und Papa streiten? Ich habe andere Probleme. Kannst du mir helfen? Ich habe mir das Buch der Anne Frank von Mama aus dem Arbeitszimmer geholt und die Einträge vorher gelesen und die vom 6. Januar und danach. Da lag ein Lesezeichen drin. Lies das mal und dann kommen meine Fragen.
deine Lieblingsenkelin(!) Anna

Anne Frank
Quelle: Wikipedia, Unknown photographer; Collectie Anne Frank Stichting Amsterdam

E-Mail von Oma Maria an Anna
Meine liebe Anna,
ich weiß, worum es geht. Ich habe dennoch alles nochmal gelesen. Ist ja so lange her, als ich es das erste Mal gelesen habe. Sollten wir nicht besser telefonieren?
Oma M.

E-Mail von Anna an Oma Maria
Es ist wichtig, Oma!
Hat die Anne Frank (die heißt ja fast so wie ich) ein anderes Mädchen geliebt?? Und warum hat sie dann auch den Peter geliebt?
deine Anna

E-Mail von Oma Maria an Anne
Das ist alles eigentlich sehr einfach, aber dann doch wieder kompliziert.
Mädchen in deinem Alter schwärmen manchmal von anderen Mädchen. Gleichzeitig finden sie es aber auch interessant, einen Freund zu haben.
Viele Kinder denken, dass sie eine bestimmte Rolle erlernen und spielen müssen. Aber das muss so nicht sein. Also, Mädchen finden die Jungs irgendwie gut, aber sie finden manchmal andere Mädchen eben auch attraktiv, sind verliebt. Irgendwann entscheiden sie sich dafür, dass entweder Jungs oder Mädels wichtiger für sie sind. Das weiß man vorher nicht. Telefonieren wir nochmal?
deine besorgte Maria-Oma

SMS von Anna an Oma Maria
ich habe jetzt einen Freund!! Er ist echt süß!!! Du musst ihn kennenlernen.
Anna (in love)

tmd.

Zwischen Freiheit und Diktatur – Zur Rettung der politischen Philosophie von J.J.R.

Jean Jacques Rousseau gehört zu den politischen Philosophen, die leider immer wieder – besonders in Prüfungsvorbereitungen – auf einige Schlagworte reduziert werden. Bei J.J.R. ist das der Naturzustand, der Gesamt- und der Gemeinwille. Meist soll dann noch ein Vergleich zu Hobbes hergestellt werden, und das war es dann. Was dabei raus kommt, ist Äpfel mit Birnen vergleichen. Da könnte man auch die „Adler“, Deutschlands erste Dampflokomotive, mit einem Intercity vergleichen.
Es wird so getan, als ob unsere SuS nicht selbst denken können.
Das schematische Vergleichen, um damit irgendwelche abstrusen Prüfungsfragen zu entwickeln oder Folien mit Tabellen zu produzieren, führt dazu, das J.J.R. – genauso wie Hobbes – zur Lachnummer der politischen Philosophie verkommen.

Das ist alles nur noch bedauerlich und peinlich zugleich. Das Erkenntnisinteresse von J.J.R. rückt dadurch vollkommen in den Hintergrund.

Und: Das hat J.J.R. nicht verdient. Er hat mit Thomas Hobbes und David Hume, (der aus unerfindlichen Gründen, im Lehrplan nur eine Nebenrolle spielt, aber doch so wichtig wäre), dafür gesorgt, dass Kant – unser deutscher Großmeister – weiter machen und denken konnte.
Bei J.J.R. stehen also das Gedankenexperiment zum Naturzustand des Menschen, sein Menschenbild und das Suchen und Finden des Gemeinwillens im Vordergrund. Daran kann man sich dann abarbeiten und viel Ungereimtes finden, Sonderbares und Widersprüchliches. Letztlich hat man den Eindruck, dass da vieles noch nicht richtig durchdacht war.

Das stimmt einerseits, weil J.J.R. sich über Umsetzung des Gemeinwillens nicht die wirklich letzten Gedanken gemacht hat. Andererseits hat er in seinen Schriften vermerkt, dass manches wohl nicht so funktionieren wird, wie erdacht.

Was also tun? Klarheit schaffen!

Ich will also genau das versuchen. Als Grundlage dienen meine früheren Beitrage zu J.J.R. in diesem Blog. Es gibt einen Absatz aus seiner Schrift „Der Gesellschaftsvertrag“, der wohl in den meisten Ethikbüchern abgedruckt ist. Den sollte man aber auch aufmerksam lesen!

„Der Mensch wird frei geboren, und überall ist er in Banden. Mancher hält sich für den Herrn seiner Mitmenschen und ist trotzdem mehr Sklave als sie. Wie hat sich diese Umwandlung zugetragen? Ich weiß es nicht. Was kann ihr Rechtmäßigkeit verleihen? Diese Frage glaube ich beantworten zu können.“

Der Leitgedanke von J.J.R. ist: die Legitimation von Herrschaft.
Er schreibt: „Was kann ihr Rechtmäßigkeit verleihen.“ Mit „ihr“ meint er die Herrschaft! Es geht nicht um Naturzustand, nicht um irgend ein Gedankenexperiment, es geht um Herrschaft, wer sie ausübt und wie der Mensch dabei seine Freiheit behält.

Herrschaft und die Kunst, frei zu bleiben – Quelle: geralt, Pixabay

Merke: Nur in diesem Punkt gibt es Vergleichsmöglichkeiten mit Hobbes und Kant. Der Vergleich ist aber beinahe trivial! Es gibt keine Unterschiede! Der freie und gleiche Bürger soll Herrschaft ausüben. Punkt! Nichts anderes! Und jetzt kommen die unterschiedlichen Begründungen, die natürlich historisch bedingt sind. Menschen versuchen das Gleiche mit unterschiedlichen Begründungen zu rechtfertigen. Mehr nicht!
Und darüber sollen dann Prüfungen geschrieben werden. Über eine Nebensache, die nur Wissenschaftshistoriker interessieren. Dort haben sie natürlich eine immense Bedeutung. Aber nicht beim Thema Moral im Ethikunterricht.

Hier geht es bei den drei Philosophen-Titanen um den Versuch, den Menschen in seine Rechte zu setzen. Nicht mehr Herrschaft von Gottes Gnaden oder durch vermeintliche Naturnotwendigkeit. Der Mensch ist frei und gleich! Was bei uns heute – leider – in Vergessenheit gerät, war für die drei Vor-Denker das Erkenntnisinteresse und ihr eigentliches Anliegen: Kann man Freiheit und Gleichheit im Paket retten? Gedankenexperimente über den Naturzustand dienen nur der Erklärung ihrer Lösungsvorschläge.

Freiheit oder Diktatur
Interessant für politische Philosophen ist das Spannungsverhältnis, das entsteht zwischen der Forderung nach Freiheit und Gleichheit der Menschen einerseits und der politischen Willensbildung in einem Gemeinwesen, dem Gesellschaftsvertrag, andererseits. Ein Vertrag mindert in jedem Fall die Freiheit und Gleichheit der Menschen. Ein Leben ohne Vertrag ist nur möglich in Einsamkeit und Lebensgefahr. Dann aber ist die Sicherheit des Menschen nicht gewährleistet. Das Spannungsverhältnis ist heute in unserer Demokratie aufgehoben (gerettet) in der Kompromissdemokratie. Es ist die Vermittlung von Einzelwille und Gemeinwille/Gemeinwohl. Der Gemeinwille ist dabei nie statisch, er ist ein dynamischer Prozess der Willensbildung. Dieses politische Spannungsverhältnis müssen wir ertragen. Wir sind nicht unumschränkt frei. Meine Freiheit endet am Grenzzaun der Rechte des Mitbürgers. Und wir sind nur rechtlich gleich, aber ansonsten sehr verschiedene Menschen. Der Vorschlag zur Vergesellschaftung von J.J.R. ist dabei ein Extremvorschlag. Er will Freiheit und Gleichheit ohne Verluste. Dadurch wird das Spannungsverhältnis aufgehoben und die Freiheit wird der Gleichheit geopfert. Das Ergebnis ist eine Diktatur.

tmd.

Der Streit mit dir selbst – Der intrapersonale Konflikt

Anna telefoniert mit ihrer Oma Maria

Hallo Oma Maria, ich muss mit dir reden!
Meine liebe Anna, wenn du so anfängst, dann hast du Probleme.

Hast du oft innere Konflikte?
Was soll ich haben?

Innere Konflikte! Also das soll so sein, wie wenn jemand sich mit sich selbst streitet.
Ach! Ich vermute, heute war wieder mal Ethik?

Ja, genau! Wir haben Konflikte durchgenommen. Die zwischen Menschen nennt man interpersonal. Das sind die normalen Streitereien. Und dann gibt es die „intrapersonalen“ Konflikte. Die sind seelisch. Wir haben aufgeschrieben, dass das Gewissenskonflikte sind und Entscheidungsfragen.
Dann weißt du doch schon alles. Um deine erste Frage zu beantworten: Natürlich habe ich „innere“ Konflikte, wenn ich mir überlege, ob ich dir nächste Woche eine pädagogisch wertvolle Lern-DVD mitbringen soll – was dein Vater möchte – oder den dritten Teil der Tribute von Panem, was du dir gewünscht hast.

Danke Oma, dass du mir das Buch mitbringst.
Halt, das ist noch nicht sicher. Da muss ich nochmal mit deinem Vater reden. Also ich muss noch überlegen, wie ich mich entscheide. Und genau das ist mit „innerer Konflikt“ gemeint. Es gibt ein Für und ein Wider.

Konflikte
Konflikte zwischen Menschen – Quelle: geralt, Pixabay

Weißt du Oma, dein innerer Konflikt ist doch nur das Spiegelbild von dem Konflikt mit Papa, also ein interpersonaler Konflikt zwischen dir und deinem Sohn.
Ja, das stimmt. Innere Konflikte haben immer eine Entsprechung in deiner Umwelt. Das erklärt die „intrapersonalen“ Konflikte aber nicht vollständig. Du hast gesagt, dass es auch Gewissenskonflikte gibt.

Du meinst, wenn man ein schlechtes Gewissen hat?
Genau! Wo ist bei einem Gewissenskonflikt die andere Person mit der ich einen Konflikt habe?

Die gibt es nicht. Ich bin mit mir allein. Ich habe etwas gemacht, was ich nicht sollte. Stopp! Ich habe verstanden. Ich streite mich innerlich mit jemandem, der mir vorschreibt, etwas nicht zu tun.
Siehst du! Jetzt wird die Sache klarer. Und jetzt stell dir vor, das funktioniert auch bei Handlungen, die erst in der Zukunft liegen. Du überlegst dir, soll ich es machen oder nicht. Du vergleichst die Vorschriften und Regeln mit deinen Wünschen. Woran erinnert dich das?

An die Dilemma-Geschichten! Ich muss also bei inneren Konflikten unterschiedliche Werte vergleichen und meine Handlungen begründen.
Und die Gründe für die unterschiedlichen Wünsche und Bewertungen sind vielerlei, sagt unsere Lehrerin. Interessen zum Beispiel. Mein Papa will unbedingt, dass ich was lerne und du, meine liebe Oma, du verstehst mich. Bringst du mir nächste Woche das Buch mit??!

Ich muss vorher nochmal mit deinem Vater reden: Konflikte verhindern. Ich rufe dich danach an. Warum hast du eigentlich angerufen?

Tschüs Oma!

tmd.

Macht mich meine Arbeit glücklich?

Den Unterschied von „arbeiten, um zu überleben“ oder „leben, um sich selbst zu verwirklichen, um tätig zu sein“, kennen wir bereits aus den Beiträgen „Den Sinn des Lebens gibt es nicht auf Rezept“ und „„Sinnsuche und Moral“. In diesen Beiträgen habe ich mich damit beschäftigt, dass Arbeit den Sinn des Lebens beeinflusst, sogar ein wichtiger Faktor ist bei der Frage „Wie wollen wir leben“. Die Frage nach dem „Wie“ ist dabei die philosophische Frage nach dem guten, glücklichen Leben.

Hier in diesem Beitrag werde ich Arbeit soziologisch und psychologisch näher erklären. Beginnen wir mit der Psychologie. Arbeit ist der Gegensatz zur Freizeit. Diese Unterscheidung klingt zunächst einfach, ist es aber nicht. Schnell stellen wir fest, dass unterschiedliche Menschen Arbeit und Freizeit unterschiedlich bewerten. Das geht soweit, dass einige Menschen als Freizeit ansehen, was andere als Arbeit sehen. In der Freizeit im eigenen Garten zu arbeiten ist demnach für den Hobbygärtner etwas anderes als für den Landschaftsgärtner, der damit sein Geld verdient. Objektiv gesehen ist die Arbeit aber dieselbe.

Damit verliert die Unterscheidung von „tätig sein“ und „arbeiten, um zu überleben“ aber die nötige Trennschärfe. Wann ist Arbeit etwas, was mein Leben zu einem guten und glücklichen macht? Die Frage nach der richtigen Arbeitsmoral ist damit noch schwerer zu beantworten.

Es gibt nun weitere Merkmale von Arbeit: Macht, Leistungsdruck, Lohn, Zugang zu Arbeit, Recht auf Arbeit. Diese Merkmale werden oft abgehandelt, ohne die Leitfrage nach dem „Glücklichsein“ zu stellen.
Die Antwort auf die Frage „Bin ich in meinem Job glücklich?“ braucht eine soziologische Fragestellung: Wer fühlt sich in welchem Job unter welchen Bedingungen glücklich. Das ist die zentrale Frage. Es gibt also nicht mehr eine oder zwei Wege durch und mit Arbeit ein gutes/glückliches Leben zu führen, sondern mehrere, die auch unterschiedliche Arbeitsmoralen voraussetzen.

Ein glücklicher Bauer
Ist dieser Bauer glücklich? – Quelle: rottonara, Pixabay

Ist hier noch eine Bewertung möglich? Es gibt einen Ansatz, der in der Diskussion um Arbeitsmoral immer wieder auftaucht und eine Bewertung nahelegt. Wer sein Leben als Herausforderung sieht, tätig zu sein und sich selbst zu verwirklichen, der wird seiner Arbeit gegenüber eher eine Haltung entwickeln, die mit dem alten Wort „Berufung“ beschrieben werden kann.

Wer seine Arbeit als Gelderwerb sieht, um sich damit das einzukaufen, was ihm als Person fehlt – Macht, sicherer Arbeitsplatz, Freizeit – wird seine Arbeit eher als Job bezeichnen. Für ihn ist der Gelderwerb dazu da, beispielsweise in der Freizeit sich die Freiheit einzukaufen, die ihm im Job fehlt.

Meine Merkformel dazu ist: Entweder Freiheit im Beruf oder eine Ersatz-Freiheit in der Freizeit. Der Philosoph Robert Menasse hat diese Formulierung in einem lesbaren Interview im fluter-Heft Arbeit der Bundeszentrale für Politische Bildung verwendet. Sie ist aber auch bei anderen Philosophen zu lesen.

Warum sind diese Überlegungen moralische Überlegungen?, werde ich immer wieder gefragt. Antwort: Es ist eine grundsätzlich moralische Frage, ob ich im Leben glücklich sein will oder kann. Arbeit bestimmt mein Leben. Also sollte ich unbedingt etwas dafür tun, dass ich in der Arbeit zufrieden bin und mich wohl fühle, damit ich daraus „Glücklichsein“ ableiten kann.

Viele Firmen geben heutzutage viel Geld aus, damit sich ihre Mitarbeiter am Arbeitsplatz wohl fühlen. Soll man das glauben, dass es den Vorständen von Weltkonzernen um das Glück der Menschen geht?

tmd.

Wir alle spielen Theater – Teil 5

Rollenfindung ist ein Pokerspiel mit vollem Einsatz, aber mit meist miesem Blatt.

Der moralische Aspekt sozialer Rollen wird sichtbar, wenn es um die Wertung verschiedener oder ähnlicher Rollen geht. Die Wertung ist jedoch nicht etwa ein Vorgang, den ich mir erlaube oder auch nicht. Die Wertungen von Rollen sind im Prozess der Sozialisation mit eingebaut und sind Teil der Rolle. Sozialisation heißt hier allgemein die Verinnerlichung von Normen, Werten und Regeln, sowie die damit verbundene Identitätsbildung. Damit wird die Frage beantwortet, wer bin ich eigentlich? (Die eher schizophrene Sicht, „wie viele“ man sei, diskutiere ich hier nicht.)

Die Schlüsselwörter dazu sind Rollenzuschreibung, Rollenübernahme und Rollengestaltung.

Die beiden ersten Begriffe stehen für einen passiven Umgang mit der eigenen Rolle, wobei die Zuschreibung mir praktisch keinerlei Gestaltungsmöglichkeiten lässt, die Rolle zu übernehmen oder nicht. An eine Gestaltung der Rolle ist überhaupt nicht zu denken.
Rollengestaltung ist die aktive Funktion in der Sozialisation. Hier nutze ich das Spiel mit Leistungen und Erwartungen. Dabei muss ich die Erwartungen der Mitmenschen vorsichtig enttäuschen und verändern.
Beispiele: Vor 50 Jahren war es selten, dass sich Väter um die Kinder gekümmert haben. Über die Rolle des „Hausmanns“ wurden in den Geisteswissenschaften Diplomarbeiten geschrieben mit Fallstudien. Solche Männer mussten sich gegen die Erwartungen der anderen Männer, aber auch der Frauen durchsetzen. Rollengestaltung, -zuschreibung und -übernahme sind Teile des Identitäsfindungsprozesses. Das heißt, sie sind keine Spielerei, auch wenn in Anlehnung an Goffman von Rollenspiel die Rede ist.

Spielkarten mischen
Die Karten werden gemischt – Quelle: 955169, Pixabay

Für Kinder und Jugendliche ist die Rollenfindung eine Angelegenheit, bei der mit vollem Einsatz gespielt wird. Es gibt zwar „Versuch und Irrtum“, aber jeder Irrtum wird brutal sanktioniert – insbesondere von den Gleichaltrigen. Nur so ist das Verhalten von Kindern in der Pubertät angemessen einzuordnen. In dieser Phase des Lebens wird „hoch gepokert“ – meist mit einem echt „miesen Blatt“. Aber hier geht es eben auch um Rollengestaltung. Ein hoch riskantes Unternehmen ist das.
Der Film „TomBoy“ von Céline Sciamma zeigt die Suche nach der eigenen Identität sehr einfühlsam. Er zeigt aber auch die Hilflosigkeit der Erwachsenen und erst recht die der Kinder bei und in diesem Prozess.
Gleiches Lob gilt der von Lisa Williamson geschriebenen Geschichte „Zusammen werden wir leuchten“. Eine Transgender-Geschichte, die zeigt, wie brüchig und riskant Identitätsbildung ist.

Selbst der Umgang mit Literatur zu dem Thema zeigt die Unsicherheit der Jugendlichen. Das Angebot (im Unterricht), „Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums“ von Benjamin Alire Sáenz zu lesen und darüber zu berichten, wurde von Jungs abgelehnt, nur die Mädels waren neugierig, mehr über die Freundschaft zweier Jungs zu erfahren. Eine mögliche Erklärung: Mädchen erleben die Phase des Transits als Erweiterung und Bereicherung ihrer Rolle. Jungs sehen sie eher als Bedrohung ihrer phantasierten Männlichkeit.

Damit ist die Serie „Wir alle spielen Theater“ abgeschlossen.

tmd.