Kommunikationstechnik ersetzt nicht Verantwortung

Dies ist ein längerer Beitrag, der sich mit Kommunikation und Moral beschäftigt. Es geht dabei um die Frage, ob es hinter unserer Alltagskommunikation (und Wissenschaftskommunikation) noch eine Ebene der eigentlichen, unhintergehbaren Kommunikation gibt: Eine Kommunikation, die auf ihre moralische Tragfähigkeit hin geprüft werden kann. Im Fall der sozialen Rolle ist diese Frage schon durch mehrere Beiträge in diesem Blog diskutiert worden. Es gibt nichts hinter den sozialen Rollen, die wir spielen. Im Fall der Kommunikation ist das ungleich schwieriger.

Junge, Faden aus dem Mund
Kontrollierte Kommunikation – Quelle: ElisaRiva, Pixabay

Das habe ich nicht so gemeint oder du hast mich falsch verstanden, das hört man oft, wenn eine Auseinandersetzung im Gange ist. Sind diese Erklärungsversuche glaubhaft?

Schnell ist man geneigt, die psychologische Erklärung mit den unterschiedlichen Kommunikationsebenen (Sache, Appell, Beziehung, Selbstkundgabe) als Erklärungsrahmen zu wählen. Das hilft Kommunikation zu steuern nach einem analytischen Konzept.
Psychologisches Wissen dieser Art ist in bestimmten Bereichen des Alltagslebens schon soweit eingedrungen, dass manche Menschen in stark von Kommunikation geprägten Arbeitsfeldern das „Reden“ in den vier Ebenen schon derart verinnerlicht (internalisiert) und perfektioniert haben, dass sie es sich nicht mehr anders vorstellen können. Doch diese analytische Trennung unserer Kommunikation in Sach-, Appell- und andere Ebenen ist nur dazu geschaffen, Kommunikation zu instrumentalisieren. Ich achte bei dieser gesteuerten Kommunikation darauf, im entsprechenden sozialen Kontext die jeweils erfolgversprechende Ebene zu nutzen.

Also: Im Gespräch mit dem Chef bleibe ich betont sachlich. Im Gespräch mit den Mitarbeitern lasse ich den Appell anklingen (wir schaffen das) und nutze auch ein wenig die Beziehungsebene (we are the champions). Und wenn das nicht hilft (wenn also die Mitarbeiter nicht ihr Letztes geben), dann instrumentalisiere ich die persönlichen Gefühle: „Ich arbeite gerne mit Ihnen/Euch zusammen“. Diese analytische Trennung in vier Ebenen hat sich soweit durchgesetzt, dass sie nicht mehr hinterfragt wird.

Das Alltagsleben, das von diesen analytischen Konstrukten der Psychologie so weit entfernt ist wie die Erde vom Sirius, funktioniert so nicht. Aber das ist kein Problem der Menschen des Alltags. Die moralische Bewertung der Ebenen-Kommunikation ist dagegen ein wirkliches Problem. Das, was hier abläuft, ist nicht zweckorientiert in Bezug auf den Menschen. Es geht nur um die Mittel, die eingesetzt werden, den Kommunikationspartner so zu „führen“, wie man das selbst will. Ein aufgeklärter Mensch lehnt so etwas ab. Merke: Kant und seine Maxime, dass der Mensch nie Mittel ist.

Das habe ich so nicht gemeint. Das stand am Anfang dieses Beitrags. Mit dem Modell der Kommunikationsebenen komme ich da nicht weiter, wenn ich danach frage, ob jemand moralisch redet oder nicht. Da kann ich nur feststellen, dass er bei der Wahl der Ebenen einen Fehler gemacht hat. Ich kann aber nicht feststellen, dass er sich unmoralisch gegenüber jemandem verhalten hat. Ich kann nur feststellen: Er hat schlicht und einfach sein Wissen aus dem Kommunikations-Schnellkurs nicht angewendet.

Reicht das? Nein! Es geht bei Moral immer auch um Verantwortung. Verantwortung ist aber nicht gleichzusetzen mit Kommunikationstechnik.
Es hilft manchmal, bei den Klassikern der Sozialpsychologie Rat zu suchen. In Mind Self and Society (1934 veröffentlicht, deutsche Übersetzung: Geist, Identität und Gesellschaft) von George Herbert Mead, findet man einen interessanten Hinweis in Teil III auf S. 187.

Ein Merkmal von Identität ist, dass der Sprecher eine Botschaft nicht nur an den richtet, mit dem er redet. Er richtet sie, die Botschaft, auch an sich selbst. Würde ein Sprecher das nicht machen, dann wüsste er nicht, dass er eine Botschaft gesendet hat. Und noch ein zweiter Aspekt ist wichtig. Der Sprecher sendet eine Information, von der er weiß, dass sie verstanden werden kann und vor allem, wie sie verstanden werden kann.

Sind unter diesen Bedingungen Missverständnisse denkbar? Grundsätzlich: Nein! Denkbar ist nur, dass zwei Personen, die miteinander reden, sich nicht auf dem gleichen Kontextniveau befinden. Aber das kann man wissen als aufgeklärter Sprecher. Hier ist er moralisch bei sich und übernimmt Verantwortung. Der aufgeklärte Mensch reflektiert sein Sprechen und Handeln. Sätze wie: Das habe ich so nicht gemeint oder dergleichen, sollten wir also aus der Kommunikation herausnehmen und durch Erklärungen ersetzen, was wir meinen, gemeint haben. Damit befinden wir uns aber auf einer Meta-Ebene der Kommunikation. Wir reden über das, was wir sagen. Nochmals: Das ersetzt nicht, für das Gesagte die Verantwortung zu übernehmen.

tmd.

Kuscheltiere erlaubt

Vor 10 Tagen erzählte ich in diesem Blog zum Thema Mobbing ein typisches Beispiel: Ein Mädchen in der Unterstufe einer weiterführenden Schule wird von den anderen gemobbt, weil es noch mit Plüschtieren spielt.

Teddy in Fahrradkorb
Kuschel erlaubt – Quelle: cocoparisienne, Pixabay

Jetzt hat ein Beitrag in der regionalen Presse in Franken das Thema in ein neues Licht gerückt: Auch Erwachsene haben Kuscheltiere und bekennen sich dazu. Mehr noch: Erwachsene lassen sich mit ihren Kuscheltieren photographieren.

Also: Entwarnung bei allen Kindern, die ohne ihre diversen Kuschelkameraden nicht leben können. Wahrscheinlich wird in den nächsten Wochen eine Flut von Selfies mit Plüschtier gepostet werden.

Sind also Erwachsene in Gefahr. Droht ihnen die Infantilisierung?
Keineswegs! Es werden doch nur überholte Rollenbilder und Rollenzuschreibungen aufgegeben. Man kann das auch „Ballast abwerfen“ nennen. Eine aufgeklärte und entspannte Gesellschaft braucht das.

tmd.

Ich will anders sein als die anderen

Jugendliche Gegenwelten sind ein Thema der Soziologie und auch der Psychologie spätestens seit es die Wandervogelbewegung am Anfang und die Halbstarken in der Mitte des letzten Jahrhunderts gab. Merkmale jugendlicher Gegenwelten sind: Kleidung, Lebensstil, Musik und Sprache.
Mit diesen Merkmalen will sich jede Alterskohorte von der vorhergehenden abgrenzen.

Abgrenzung durch Kleidung gab es schon früher. Als J.W. v. Goethe seinen Werther veröffentlicht hatte, liefen auffallend viele junge Männer gekleidet wie die Figur Werther herum. Mit ihrer Kleidung signalisierten sie gleich mehrere Botschaften: habe Werther gelesen, habe ihn verstanden und will so leben wie die Figur. Die Zahl der Selbstmorde ging übrigens auch in die Höhe. Kleidung ist seitdem eines der wichtigsten Merkmale, sich von der Generation der Eltern abzugrenzen und innerhalb der eigenen Kohorte hervorzuheben. Man zeigt Flagge mit seiner Kleidung und sagt, wo man hingehört.

Allerdings ist dieses Merkmal zur Differenzierung den Merkmalsträgern zunehmend aus der Hand genommen worden von der Modeindustrie. Sehr einfach gesagt geht das so: Sobald sich ein Trend in einer Gruppe herausgebildet hat, sobald die Gruppe mit einer bestimmten Mode sich von den anderen abgrenzt, versuchen die Modemacher die neue Mode ins Prêt-à-Porter zu bringen.

Die Folge: Mode verliert immer mehr die Möglichkeit der Abgrenzung. Und ein weiterer Trend ist zu vermelden: Man will zu keiner Gruppe mehr gehören, man will quasi unsichtbar sein in einer Gesellschaft von Mode-Merkmalsträgern. Einheitsjeans, Basic T-Shirt, No-Name Boots: das ist die neue Mode, die Nicht-Mode. Klar, dass auch dieser Trend schon wieder vom Modemarkt besetzt wird.

Tätowierte Hände
Anders sein? – Quelle: Unsplash, Pixabay

Mit dieser Erkenntnis sind wir aber auch schon beim zentralen Thema der jugendlichen Gegenwelten. Es wird immer schwerer, sich durch Merkmale zu individualisieren. Die Versuche, Individualität durch Merkmalsübernahme herzustellen, laufen nämlich nicht nur bei Mode ins Leere. Auch der Lebensstil wird vom Markt besetzt. War das unterschiedliche stilvolle Wohnen eine Frage des Möbelhauses, das man ansteuerte, ist heute entweder überall dasselbe zu sehen oder sehr ähnliches. Konnten sich Jugendliche früher in ihrem eigenen Zimmer durch individuelle Möblierung abgrenzen, so ist das heute so gut wie nicht mehr möglich.

Man hat das Gefühl, dass sich Adornos Gedanken in der Anekdote Asyl für Obdachlose (Minima Moralia) flächendeckend durchgesetzt haben. Wenn aber bei jeder Generation der Wunsch besteht, sich abzugrenzen, welchen Weg gehen dann die Jugendlichen heute, wenn die einfache Differenzierung über Mode und Stil nicht mehr ohne weiteres gangbar ist?

Jugendliche suchen sich die Nischen, die vom Markt nur schwer verwertbar sind, die vom Markt nicht zu Geld gemacht werden können. Es sind die alten Ideologien und Weltanschauungen, die wieder interessant werden. Einem Guru oder Heilsprediger nachlaufen, der einem verspricht einmalig und einzigartig zu sein, einem Hassprediger zu folgen, der einem verspricht, zur auserwählten Gruppe der im Jenseits Lebenden zu gehören, das sind die Refugien der nach Individualität Suchenden. Hier hilft wie so oft nur Aufklärung. Genau das mache ich hier im Ethik-Blog.

tmd.

Ethik als Pflicht: der freie Wille und die Vernunft

Kant und der freie Wille sind ein Hauptthema in diesem Blog. Denn nur ein freier Wille kann auch ein guter Wille sein. Kant unterscheidet grundsätzlich Freiheit von etwas und Freiheit zu etwas. Freiheit von etwas nennt er negative Freiheit. Negativ heißt hier nicht schlecht. Gemeint ist, dass Handlungen der freien Bürger grundsätzlich (es gibt also Ausnahmen)  nicht fremdbestimmt sein dürfen. Das muss genauer untersucht werden, was hier Kant vorschlägt.

Schließlich ist der Mensch abhängig davon, dass er Essen und Trinken und Erholungsphasen braucht. Ist das dann schon Abhängigkeit? Diese physischen Ursachen meint Kant nicht. Er meint in erster Linie, dass der Wille nicht fremdgesteuert sein darf. Er denkt hier an biologische und psychologische Gesetze. Kant nennt solche Abhängigkeiten heteronom (fremdgesetzlich). Kant meint aber auch, dass es die gesellschaftlichen Verhältnisse ermöglichen sollen, in der Öffentlichkeit Kritik zu üben. Hier darf es keine Einschränkungen geben. Wo ist dann der Unterschied zur positiven Freiheit, zur Freiheit zu etwas?

Ballonfahren
Freiheit der Lüfte – Quelle: Cleverpix, Pixabay

Die Freiheit, tun und lassen zu können, was man will, ist nur denkbar, wenn es auf Seiten der negativen Freiheit keine Beeinflussung gibt. Erst dann kann der Wille sich als freier gebärden. Wie wird aber die negative Freiheit – z.B. öffentlich Kritik üben zu dürfen -, welche die Grundlage der positiven ist, hergestellt? Durch Gesetze, die der freie, weil gute Wille macht. Stopp! Das ist aber genau betrachtet ein Zirkelschluss. Aber auch nur auf den ersten Blick.

Der freie Wille ist durch den kategorischen Imperativ dynamisch konstruiert. Je weiter es mit der Aufklärung vorangeht, desto mehr wird dafür gesorgt, dass der freie Wille nicht behindert wird durch Gesetze, die nicht der Aufklärung dienen.

Jetzt muss aber noch dafür gesorgt werden, dass der freie Wille nicht in Willkür abgleitet. Das geht nur durch die Pflicht, die beiden Kantischen Maxime zu beachten: (1) Der Mensch ist immer Zweck. (2) Die Gesetze müssen dem Gedankenexperiment des Kategorischen Imperativs genügen. Das verleiht dem freien Willen das Merkmal „gut“. Die Konstruktion aus negativer und positiver Freiheit, angereichert mit den beiden Maximen, verhilft der Vernunft zu der zentralen Rolle in Kants Philosophie.
Aber: Dieser Mechanismus läuft nicht automatisch ab! Dahinter steht immer die Pflicht!

Vernünftig (mit Vernunft) Gesetze zu machen, erfordert die Pflicht, die Maxime auch zu beachten. Deshalb nennt man die Ethik von Kant eine Pflichtethik.

tmd.

Radikale Demokratie in den USA?

Freiheitsstatue, Amerika
Freiheit? – Quelle: Ronile, Pixabay

In der Antrittsrede des neuen Präsidenten der USA finden wir diese Sätze:

„Denn heute übergeben wir die Macht nicht nur von einer Regierung an die andere oder von einer Partei an die andere, sondern wir nehmen die Macht von Washington D.C. und geben sie an euch, das Volk, zurück.

Denn dieser Augenblick ist euer Augenblick. Er gehört euch. Er gehört allen, die heute hier versammelt sind, und allen, die in ganz Amerika zuschauen. Dies ist euer Tag, dies ist eure Feier, und dies, die Vereinigten Staaten von Amerika, ist euer Land.

Worauf es wirklich ankommt, ist nicht, welche Partei unsere Regierung führt, sondern ob unsere Regierung vom Volk geführt wird. Der 20. Januar 2017 wird als der Tag in der Erinnerung bleiben, an dem das Volk wieder zu den Herrschern dieser Nation wurde.“

Das ist radikale Demokratie. J.J.R. wäre begeistert.
Werden die USA zum Vorbild?

tmd.

Erkenntnis und Interesse in der Umweltethik

In einem Ethikbuch habe ich ein Gedankenexperiment der besonderen Art gefunden. Die SuS sollten sich vorstellen, dass die Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft auf Augenhöhe mit den Menschen (und natürlich auch den Tieren und Pflanzen – was aber leider in dem Buch nicht gesagt wird) über die Umweltverschmutzung diskutieren können. Ein interessanter Ansatz. Eigentlich handelt es sich hier um puren Holismus: Nicht nur die Menschen und Tiere und auch nicht nur die Pflanzen und Einzeller, nein!, alles was es gibt an belebter und unbelebter Materie wird ins Recht gesetzt, für das eigene Fortbestehen zu sorgen und zu kämpfen.

Feuer, Wasser, Luft & Erde
Feuer, Wasser, Luft & Erde – Quelle: LaughingRaven, Pixabay

Das Gedankenexperiment läuft mit einem Rollenspiel, das die SuS organisieren sollen, in eine typische Falle: Menschen, hier die SuS, sollen das Interesse von belebter und unbelebter Natur vertreten und Erkenntnisse produzieren. Diese Erkenntnisse sollen ökologischen Frieden stiften. Interessenvertretung der Pflanzen- und Tierwelt ist aber nicht Spiegelung deren Interessen, sondern immer nur das Interesse der Menschen.

Hier eine Erklärung zum Thema Erkenntnis und Interesse und Konzepte der Umweltethik.
Jede Art von Erkenntnis ist immer abhängig vom Interesse. Das Interesse von Natur können wir aber nicht ermitteln, also greifen wir – meist ohne darüber nachzudenken – auf unser menschliches Interesse zurück. Unser Interesse ist aber das Überleben der Menschheit! Die Konzepte der Umweltethik bestätigen das eben gesagte.

Im Holismus haben alle Lebewesen und auch unbelebte Natur dieselben Rechte. Holismus ist eine von vier umweltethischen Positionen. Die anderen sind der Anthropozentrismus, der Pathozentrismus und der Biozentrismus. Hier sehr verkürzt (!) die Definitionen. Anthropozentrismus heißt: Naturschutz ist Schutz des Menschen (!). Pathozentrismus heißt: Naturschutz ist Vermeidung von Leid (für Mensch (!), Tier, Pflanze, Einzeller). Biozentrismus heißt: Naturschutz ist Schutz alles Lebendigen (also auch hier: der Mensch!).

Wir sehen sofort: Bio- und Pathozentrismus sind ein echtes Problem. Uns Menschen wird damit ein permanentes schlechtes Gewissen gemacht und Schuldgefühle sind programmiert. Wir müssen also mit diesem schlechten Gewissen irgendwie umgehen. Wie machen wir das? Wir ersinnen Erklärungen für unser Verhalten der Umwelt gegenüber. Wir erzählen uns Geschichten über die Entstehung der Welt (Bibel). Wir versuchen unser Verhalten in und mit der Natur zu rechtfertigen (Ökologie, Vegetarier, Veganer) Warum? Wir wollen überleben! Wir können das aber nur, indem wir die Natur nutzen. Die Nutzung ist aber auch Benutzung. Die Nutzung ist aber auch – Zerstörung!

Die Erkenntnisse, die in umweltethischen Konzepten wiedergegeben werden sind Erkenntnisse, die wir Menschen geleitet von unserem Interesse sammeln. Die reine Erkenntnis gibt es nicht. Was hat das für Folgen für die Konzepte der Umweltethik? Wir als Menschen versuchen Begründungen zu finden für unser Überleben in der Welt. Die „Zerstörung“ der Welt ist zunächst unspektakulär aus unserer Sicht, aus der Sicht der Menschen (also nicht holistish). Wir schlachten Tiere – industriell. Aber: Wenn wir dabei zuschauen müssten, würde uns übel werden. Wir zerstören die Umwelt.

Aber: Wenn wir wüssten, dass wir unsere Gattung (Mensch) damit umbringen, würde uns Panik erfassen. Beispiel: die Vermüllung der Meere mit Plastik. Plastik, das über die Meerestiere in der Nahrungskette wieder bei uns – in uns landet. Das Gedankenexperiment zu Anfang ist also zunächst zielführend: Wir zerstören unsere Umwelt. Aber die Lösung, Partei zu ergreifen für die Tiere, die Pflanzen und die Elemente, wird getrieben vom Interesse der Menschen, die überleben wollen. Das kann man wissen.

Übrigens: Ein Rollenspiel daraus zu machen, ist nun wirklich das letzte, was den SuS hilft, die Zusammenhänge von Interesse und Erkenntnis in der Umweltethik zu durchschauen. Nehmen wir die Kinder doch endlich ernst. Sie wollen das. Das sagen sie mir.

tmd.

Mobbing: Psychogramm des Täters

Wie oft muss sich der Autor dieses Blogs eigentlich noch mit dem Thema Mobbing beschäftigen? So oft, antwortet der geneigte Leser und E-Mail-Schreiber, bis die Zielgruppe des Blogs das Kompetenzniveau erreicht hat, dem Problem Mobbing nicht mehr hilflos gegenüber zu stehen. Das ist schließlich Sinn und Zweck des Moralunterrichts.

Mobbing ist ein zentrales Thema, auch und besonders in Ethik. Denn hier ist es nicht nur eine Frage der Praxis: Wie gehe ich als Pädagoge und als betroffener Schüler damit um? Es ist auch eine Frage der Theorie: Was sind die Ursachen und Anlässe? Gibt es Erklärungen? Letzteres ist ein Kompetenzthema meiner Zielgruppe (nicht nur in der 7. Klasse).
Natürlich ist jedem klar, dass Mobbing moralisch nicht akzeptabel ist. Daraus lässt sich dann ableiten, dass diejenigen, die Mobbing betreiben, nicht einsichtig sind. Sie haben es nicht oder noch nicht begriffen, dass sie das eigentliche Problem sind.

In den Beiträgen dieses Blogs habe ich mehrfach die Meinung vertreten, dass Mobber mit der komplexen, sich schnell verändernden Umwelt und den Erwartungen, die an sie gestellt werden, nicht zurechtkommen. Man könnte auch sagen: Im Prozess des Erwachsenwerdens haben diese Kinder keine „Roadmap“. Nicht etwa die falsche, wohlgemerkt, sie haben KEINE.
Aufklärung und Schadensvermeidung heißt bei diesem Thema, sich auch mit dem Psychogramm des Mobbers zu beschäftigen. Nicht wissenschaftlich und abstrakt, sondern in Beispielen.

Schwäche – Quelle: Clker-Free-Vector-Images, Pixabay

Im Folgenden will ich mich also nicht damit beschäftigen, wie man Einsicht bei Kindern mit unsozialem Verhalten herstellt. Sehr viel hilfreicher ist es, die Technik des Mobbens offenzulegen mit dem Ziel, dem Mobber zu sagen: Du bist enttarnt und überführt. Wir kennen dein mieses Spiel.

Eine schwache Persönlichkeit – nichts anderes sind Mobber – sucht sich in einer unübersichtlichen, komplexen und neuen Situation Hilfe. Sie will eine Situation herstellen, in der sie sich sicher fühlt. Wovor fürchtet sich der Täter? Als Versager oder Schwächling zu gelten und von den anderen nicht akzeptiert zu werden.

Thomas Hobbes, den wir in der 7. Klasse als schlauen Philosophen kennenlernen, hat das herausgefunden. Fehlendes Selbstvertrauen ist ein Grund für Streiterei und Konflikte. Mobbing ist ein versteckter Konflikt.
Die einfachste Methode für eine Person ohne Selbstvertrauen, Sicherheit für sich herzustellen, ist, in einer Gruppe eine oder mehrere Gruppenmitglieder auszumachen, denen die Rolle des Außenseiters oder Sonderlings zugewiesen wird. Damit will der Mobber von sich ablenken. Das Interesse der Gruppe soll auf das Opfer gelenkt werden. Außerdem sucht sich der Mobber vorher einige andere noch schwächere Persönlichkeiten unter den Mitschülern/-innen. Denen verspricht er, dass er ihnen Schutz bietet. Stichwort: Gemeinsam sind wir stark.
Gemeinsam kann man sich nun dem Opfer zuwenden. Der Haupttäter versucht dabei aus dem Hinterhalt zu handeln. Hier ein Handlungsmuster von mehreren.

Phase 1: Zunächst werden über das Opfer Gerüchte in Umlauf gebracht. Beispiel: Über eine Mitschülerin wird erzählt, dass sie noch mit Plüschtieren spielt. Diese Gerüchte kann das Opfer nicht aus der Welt räumen. Es weiß davon noch nichts.

Phase 2: Das Opfer erfährt von den Gerüchten und will Klarheit herstellen. Der Mobber/die Mobberin muss jetzt sehr vorsichtig sein. Die Helfer werden beauftragt, mit dem Opfer die Sache zu klären: „Wir klären das untereinander.“ Allerdings liegt die Beweislast beim Opfer. Das Opfer soll die Gerüchte aus der Welt schaffen durch eine Gegendarstellung. In unserem Beispiel geht das nur durch eine Gegenbehauptung. Und die ist so gut wie nichts wert, wird aber von den Helfern des Mobbers angenommen. (Anmerkung: Helfen würde es hier, den Psychologen der Schule einzuschalten. Dann hat der Täter nämlich so gut wie verloren.)

Phase 3: Das Thema (Plüschtiere) wird jetzt wie beiläufig im Beisein des Opfers nochmals thematisiert. Das Opfer wehrt sich. Der Mobber/die Mobberin handelt jetzt anders als erwartet. Er/Sie entschuldigt sich. Das Opfer kann nicht anders, als die Entschuldigung anzunehmen.

Phase 4: Die Angelegenheit ist damit nicht beendet. Die Geschichte mit den Plüschtieren wird immer wieder erneut hervorgeholt, gefolgt von einer Entschuldigung. Die ist aber zu diesem Zeitpunkt bereits wertlos.

Phase 5: Das Opfer kann ab sofort mit der Plüschtier-Geschichte ständig gemobbt werden. Die Täter können sich immer herausreden, dass es nur Spaß sei usw., und man sich entschuldigt hat.

Ich habe das Beispiel mit den Plüschtieren bewusst gewählt, weil es noch harmlos ist. Die Wirklichkeit ist brutaler. Schon in der Unterstufe wird mit harten Bandagen gekämpft.

Aus der Literatur wissen wir, dass es Mobbing in Schulen schon immer gab. Soll man das Problem also hinnehmen und ertragen? Typischer naturalistischer Fehlschluss. Dann wäre Moralunterricht sinnlos. Die Methode der Mobber, dem Opfer die Außenseiterrolle zuzuschreiben, muss offengelegt werden, muss transparent gemacht werden. Nicht nur die Pädagogen, sondern auch die Kinder müssen das miese Spiel dieser schwachen Persönlichkeiten als solches erkennen, kritisieren und beenden.

tmd.

Kant: die selbst lernende Gesellschaft

Kant unterscheidet öffentlichen und privaten Gebrauch der Vernunft. Mit öffentlichem Gebrauch der Vernunft meint Kant das Räsonieren (Kritisieren) als freier Bürger vor und in der Öffentlichkeit. Er nennt hier den Gelehrten, der seine Kritik der „Leserwelt“ bekannt macht. Hier muss Kritik durch Einsatz von Vernunft uneingeschränkt erlaubt sein.
Nicht so ist es im privaten Bereich. Hier muss sich auch der aufgeklärte Bürger an die Regeln halten, die sein Arbeitgeber von ihm verlangt. Ein Offizier muss also die Befehle seiner Vorgesetzten ausführen und darf nicht „laut vernünfteln“. Es ist ihm jedoch erlaubt, außerhalb seiner Tätigkeit als Berufssoldat zu räsonieren und zwar als freier Bürger, wieder nennt Kant hier den Gelehrten als Beispiel für den freien Bürger. In einem anderen Beispiel schreibt er, dass der Bürger als Bürger in einer freien Gesellschaft zunächst verpflichtet ist, seine Steuern zu zahlen. Dann aber ist er als Privatmensch durchaus berechtigt, die Steuergesetze zu kritisieren.

Ist dieses Modell von Kritik an und in der Gesellschaft praktikabel und eventuell auch heute noch anwendbar?

Die politische Tätigkeit eines jeden Bürgers ist heutzutage gewährleistet durch Grundgesetz und Arbeitsrecht. Sie geht sogar noch weiter, als Kant es sich vorstellte. Man muss also nicht Gelehrter sein, um zu räsonieren. Systeme, also Verwaltung, Wirtschaft und dergleichen, sollen heute „selbst lernend“ sein. Damit meinen Systemtheoretiker, das beispielsweise eine Verwaltung ihre Zielgruppe im Blick haben sollte und die eigene Arbeitsabläufe ständig beobachten sollte. (Anmerkung: Systemtheoretiker fassen alle denkbar möglichen Teile der Gesellschaft irgendwie zusammen und bezeichnen sie als System: also Schule, Krankenhaus, Stadtverwaltung, Fabriken usw.)

Systeme & Strukturen – Quelle: geralt, Pixabay

Auch damit wäre Kant einverstanden gewesen, solange nicht in der Öffentlichkeit über Veränderungen der Systemstrukturen diskutiert würde, was heutzutage aber möglich ist und auch gemacht wird. Die Gesellschaft als „selbst lernendes System“ würde Kant grundsätzlich gefallen. Er glaubte an die kollektive Aufklärung. Er meinte, dass es nur Wenigen allein gelingt, sich aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien.

Was uns hier interessiert ist das Menschenbild bei Kant und der Interrollenkonflikt des freien Bürgers, der im Job funktionieren muss/soll, aber als freier Bürger Kritik üben kann/soll. Kant hat diesen Interessenkonflikt nicht zu Ende gedacht. Im Zentrum seiner Überlegungen stand der freie, absolut autonome Bürger mit freiem (und gutem) Willen. Er sah sich am Beginn des Prozesses der Aufklärung. Interessenkonflikte sind bei Kant das nachrangige Problem, wenn es darum geht, den Bürger zum autonomen Bürger zu machen.
Wie werden heute die Interessenkonflikte gelöst? Hier hilft die arbeitsteilige Gesellschaft und die Versachlichung gesellschaftlicher Probleme. Wer sich beispielsweise als Pazifist sieht, der arbeitet nicht bei der Bundeswehr. Wer Kritik üben will, der darf es auf mehreren Ebenen: Parteien, Interessenverbände usw.

Wir sehen: Eine pluralistische, demokratische Gesellschaft mit sozialer Marktwirtschaft und entsprechendem Arbeitsrecht ist eine Basis für den aufgeklärten Bürger, da sie viel elastischer und flexibler ist im Umgang mit Kritik. Und: Der aufgeklärte Bürger braucht eine politische Kultur mit Kompromissdemokratie und mehreren Parteien, keine populistischen Mehrheitsentscheidungen. Die Tür zur „selbst lernenden“ Gesellschaft, die hat uns Kant geöffnet.

tmd.

Leben und Arbeiten Teil 3

Gleichberechtigung – Quelle: geralt, Pixabay

Thema: Gleichberechtigung der Frau. Hier geht es um die gleiche Bezahlung für gleiche Leistung und den Zugang zu Jobs, die in Position, Status und Bezahlung attraktiv sind. Gleiche Bezahlung bei gleicher Leistung bedarf keiner größeren Erklärung. Anderes ist ungerecht und schlicht unmoralisch. Das heißt nicht, dass es das nicht weiterhin gibt.
Anders ist es beim Zugang zu attraktiven Jobs. Hier bedarf es einiger Erklärungen, warum es zur Ungleichbehandlung kommt.

Die Verteilung von attraktiven Jobs ist abhängig von sozialen Merkmalen wie Beziehungen (Netzwerken) und Bildungshintergrund der Familie beispielsweise, und ganz besonders auch dem Geschlecht. Es gibt jedoch einen weiteren Einfluss auf die Verteilungsgerechtigkeit, der dafür verantwortlich ist, den Männern die attraktiven Jobs zu sichern und gleichzeitig diese Verteilungsungerechtigkeit nicht sofort sichtbar werden zu lassen.

Es ist der sich wandelnde Marktwert von Jobs. Einfach ausgedrückt: Jobs, die hauptsächlich von Männern besetzt wurden und im Vergleich zu anderen Jobs in gleicher Position und Status für Männer unattraktiv werden, sind freigegeben für Frauen. Klassisches Beispiel: Der Beruf des Lehrers war bis Mitte des letzten Jahrhunderts „männlich“. Das hat sich radikal geändert. In den Grundschulen gibt es kaum männliches Personal. In den weiterführenden Schulen ist der Trend ähnlich. Der Grund: Im Vergleich zu anderen Akademiker-Jobs ist der Lehrerberuf anstrengend, schlecht bezahlt und hat kein Ansehen in der Gesellschaft.

Das sind soziologische und ökonomische Erklärungen. Es gibt Sozialpsychologen, die das Verhalten der Männer, Jobs mit Status, Ansehen und viel Verdienst für sich zu sichern, mit dem Streben nach Macht erklären. Was hat das alles mit Moral zu tun? Der Maßstab der Gleichberechtigung ist allein moralisch begründbar. Menschen sind nämlich grundsätzlich sehr verschieden und das Merkmal Geschlecht ist nur eines von vielen. Empirisch ist Gleichheit also nicht zu begründen, sondern nur durch Vernunft (epistemisch), also moralisch. Ungeachtet dessen wurde dieses Merkmal von Männern bis nach 1958 auch in Deutschland noch als Unterscheidungsmerkmal verwendet, um die attraktiven Jobs zu verteidigen.

tmd.

Leben und Arbeiten Teil 2

In einem älteren Ethikbuch habe ich gelesen, das der Einzelne selbst dafür verantwortlich ist, wenn er sich am Arbeitsplatz dem Konkurrenzkampf aussetzt oder sich dem Leistungsdruck stellt. Zwei Seiten vorher wird in diesem Buch über den Freitod des Torwarts Robert Enke (2009) berichtet. Es ist ein stark vereinfachendes Denken, Konkurrenz und Leistungsdruck allein psychologisch zu erklären. Genau das aber wird den Betroffenen angeboten: psychologische Erklärungen.

Das Selbstbild ist demnach dafür verantwortlich, ob man eine neue Aufgabe als „Herausforderung“ oder als „Druck“ empfindet. Das Selbstbild soll erklären, warum jemand seine Leistungsvorstellung ändern soll oder seine Ziele korrigieren soll, um dann weniger überfordert zu sein. Das ist wenig hilfreich und erklärt darüber hinaus nur Oberflächenerscheinungen. Solche „Scheinerklärungen“ kann man vielleicht SuS in der 9. Klasse erzählen, aber nicht Erwachsenen, die im Arbeitsprozess stehen. Im realen Arbeitsleben kann jemand, der Schwächen zeigt, davon ausgehen, dass er nicht lange seinen Arbeitsplatz behalten wird. Wenn der Kollege/die Kollegin schneller arbeitet, weniger Fehler macht, dann wird sich der Arbeitgeber gerne von dem unproduktiven, Fehler produzierenden Mitarbeiter verabschieden.

Allein der Ratschlag, für das eigene Leistungsvermögen ein geeignetes Anspruchsniveau zu suchen, hilft wenig. Unsere Ansprüche an uns selbst und die Erwartungen der Anderen an uns selbst sind in unseren Rollen bereits verfestigt, wenn wir die Schule verlassen haben. Sanktionen in der Schule trainieren uns für die Wahrnehmung der Sanktionen im Berufsleben. Wir sind darauf geeicht, die Erwartungen, die an uns gestellt werden mit Leistungen zu bedienen, ohne dabei darauf zu achten, was „Herausforderungen“ für uns bedeuten. Achtsamkeit ist in der modernen Arbeitswelt nicht gefragt. Angebote der Arbeitgeber, Überforderung der Mitarbeiter zu verhindern und Leistungsdruck zu mindern, haben nicht den einzelnen Menschen im Blick. Es geht um die Produktivität und das Überleben der Firma.

Geld, Uhr, Streß
Time ist money – Quelle: Alexas_Fotos, Pixabay

Trotz Leistungsdruck und Überforderung durchschauen wir nicht, wie wenig achtsam wir mit uns selbst umgehen. Auch hier ist das an-trainierte Rollenverhalten verantwortlich. Wir haben gelernt, dass ein Mensch ohne Arbeit „nichts wert“ ist. Also fühlen wir uns wertlos, wenn wir keine Arbeit haben. Wir haben gelernt, dass wir bewundert werden, wenn wir viel Geld verdienen. Also fühlen wir uns verachtet, wenn wir nicht Spitzenverdiener sind. Wir haben gelernt, das bestimmte Berufe wichtiger sind als andere. Also fühlen wir uns minderwertig, wenn wir nicht die oberste Gehaltsgruppe erreicht haben.

Wenn wir diese Zusammenhänge durchschauen und dennoch uns weiter unter Druck setzen lassen, dann haben die Psychologen in der Tat recht, dass wir selbst für unser Übel verantwortlich sind.

tmd.