Medizinethik und Person: Oberstes Ziel ist der Schutz der Menschenwürde

Der Beitrag vom 24.2.2017 bedarf einer kritischen Präzisierung. Es heißt dort: Dennoch ist eine Diskussion, die sich grundsätzlich mit den beiden Begriffen der Person beschäftigt, nicht verzichtbar. Nur so werden Interessen und soziale Kommunikation zum Thema offengelegt.

Soziale Kommunikation ist hier so zu verstehen, dass die verschiedenen Deutungen des Begriffs Person gesellschaftlich verfestigte Konstruktionen sind. Der Wertigkeit Mensch-Sein steht nicht eine irgendwie geartete platonische Idee des Mensch-Seins gegenüber. Die herausragende Stellung des Menschen ist nicht ein Abziehbild einer ebensolchen Stellung im Reich der Ideen. Es ist schlicht und einfach verfestigte Kommunikation, die ihren Ursprung darin hat, dass Menschen sich selbst ins Recht setzen, etwas über die eigene Wertigkeit auszusagen. Dabei spielt es keine Rolle, dass die Wertigkeit in den Religionen bestätigt wird. Denn Religionen gehören ebenfalls zur sozialen Kommunikation.

Die Zeit fließt
Zeit in Würde verbringen – Quelle: cocoparisienne, Pixabay

Diese Deutung des Mensch-Sein (als Ergebnis gesellschaftlicher Kommunikation) wird jedoch heftig von denjenigen kritisiert, die eine herausragende Stellung des Menschen in Schöpfungsgeschichte und Offenbarung erkennen. Gerade diese Denktradition ist nun aber auch dafür verantwortlich, dass es so etwas wie allgemeine Menschenrechte und Menschenwürde gibt. Das wird in der Diskussion oft übersehen. Auch deshalb, weil die Ableitung der Menschenrechte und Menschenwürde aus den Abrahamitischen Religionen nach dem Muster der sozialen Kommunikation erfolgt.

Nun ist es aber nicht einerlei, ob die Sonderstellung des Menschen aus der Offenbarung oder aus der Interpretation historischer Kommunikationsergebnisse abgeleitet wird: dieses ist Menschenwerk, jenes ist Erkenntnis des gläubigen Menschen. Ethische Diskussion muss also vorbehaltlos die Kompetenzen der beiden Denkrichtungen zum Schutze vor dem Ausverkauf der Menschenwürde benennen.

tmd.

Ohne Vorurteile funktioniert das Alltagsleben nicht

Jelly Beans
Bunte Vielfalt geht nur mit Toleranz – Quelle: aitoff, Pixabay

„Was tun Sie“, wurde Herr K. gefragt, „wenn Sie einen Menschen lieben?“ „Ich mache einen Entwurf von ihm“, sagte Herr K., „und sorge, dass er ihm ähnlich wird.“ „Wer? Der Entwurf?“ „Nein“, sagte Herr K., „der Mensch.“ (Bertholt Brecht)

Vorurteile und Stereotype sind eigentlich negativ besetzt. Vorurteile sind schlecht, insbesondere gegenüber sozialen Randgruppen. Bei Stereotypen ist das etwas anders. Da kann man sich sogar darüber amüsieren, wenn man betroffen ist. Schotten sind geizig. Ja, wir wissen, dass das nicht stimmt. Deutsche sind fleißig. Ja bitte, das ist schmeichelhaft. Noch mal Glück gehabt, dass uns der Rest der Welt so sieht.

Ohne Vorurteile und Stereotype kommen wir aber nicht zurecht im Alltagsleben. Psychologen sagen, dass wir innerhalb kürzester Zeit einen fremden Menschen einschätzen und beurteilen können und müssen. Soziales Handeln und Kommunikation wären sehr kompliziert, wenn wir nicht bereits vorgefertigte Meinungen abrufen könnten, sobald wir einen uns unbekannten Menschen treffen. Was soll daran schlecht sein?
Im sozialen Zusammenleben greifen wir nicht nur auf Vorurteile zurück, sondern auch auf Rollen. Soziale Rollen sind der Schmierstoff der Gesellschaft. Ohne sie geht nichts. Wir können und müssen ihnen zunächst einmal blind vertrauen. Erst wenn wir enttäuscht werden, wenn beispielsweise unsere Erwartungen an eine andere Person von dieser nicht mit Leistungen bedient werden, merken wir auf: Der andere ist aus der Rolle gefallen, sagen wir.

Was hat das mit Vorurteilen zu tun? Vorurteile und Stereotype sind sehr simple und mit wenigen Leistungs- und Erwartungsbündeln ausgestattete Rollen. (siehe hierzu auch die Serie in diesem Blog: Wir alle spielen Theater Teil 1 bis 5.). Wenn wir über eine Personengruppe nicht viel wissen, dann nehmen wir das an Informationen, was wir bekommen können, auch wenn das grundfalsch ist.

Und: Diese mit wenig Information ausgestatteten Rollen (Vorurteile) basteln wir selbst. Nicht die fremde Person ist es, wir basteln uns ein Bild vom anderen, wie wir es gerne hätten. Das funktioniert aber schon in der Liebe nicht, wie der eingangs zitierte Dialog von Brecht wiedergibt. Wenn man Brecht ernst nimmt, dann müsste man auch Toleranz anders sehen. Wir basteln uns heute von sozialen Randgruppen manchmal Vorurteile, um – politisch korrekt – mit ihnen zurecht zu kommen. Sinnvoller wäre es, mehr über diese Menschen zu erfahren. Das Selbstbild sozialer Randgruppen sollte nicht von unserem Fremdbild überwuchert werden.

tmd.

Die Person in der Medizinethik

Der Begriff der Person ist in der Medizinethik der wichtigste und umstrittenste. Es geht hier um die Unterscheidung des substanzialistischen und qualitativ-aktualistischen Begriffs der Person.

Versuchsmaus
Sind wir im Gegensatz zu Tieren etwas Besonderes? – Quelle: tiburi, Pixabay

Der substanzialistische Begriff der Person geht davon aus, dass der Mensch als körperlich-geistiges (seelisches) Wesen immer eine Sonderstellung unter den Lebewesen einnimmt. Der Mensch hat also Rechte als Embryo und auch als dementer alter Mensch oder als Hirntoter. Ursprünglich wurde dieser Personenbegriff mit intellektuellen und moralischen Fähigkeiten verbunden. Das steht jedoch im Widerspruch dazu, dass der Mensch als Embryo und Hirntoter keine intellektuellen Fähigkeiten hat.
Substanzialisten müssen also immer zusätzliche Begründungen bemühen, um die Sonderstellung des Menschen nachzuweisen. Dabei wird meist so argumentiert (bzw. es wird ein Zusammenhang suggeriert), dass ein Hirntoter früher einmal intellektuelle Fähigkeiten hatte. Oder es wird unterstellt, dass ein Embryo einmal intellektuelle Fähigkeiten haben wird. Sie schließen damit Menschen, die von Geburt an geistig behindert sind, vom substanzialistischen Begriff der Person aus. Diese haben keine nachweisbaren intellektuellen Fähigkeiten. Übrig bleibt also nur die leibliche Existenz, der eine Sonderstellung gegenüber anderen Lebewesen eingeräumt wird.

Der qualitativ-aktualistische Begriff der Person kann diese Ungereimtheiten nutzen für seine Kritik am Substanzialismus. Nur derjenige, der intellektuelle und moralische Fähigkeiten vorweisen kann, kann auch die Sonderstellung Mensch für sich beanspruchen. Eine Kritik, die aber sehr schnell in sich zusammenfällt, wenn man die Entstehung des so definierten Personenbegriffs verfolgt. Intellektuelle Fähigkeit ist eine Sache der Zuschreibung. Ungeklärt ist dabei auch, welche intellektuellen Fähigkeiten jemand vorweisen muss, um als vollwertiger Mensch zu gelten. Kinder mit noch nicht vollständig entwickelter Identität und moralischer Urteilsfähigkeit (siehe die Studien von Lawrence Kohlberg) sind demnach nicht vollwertige Menschen. Rechtlich wird dem übrigens Rechnung getragen. Kinder haben in vielen Bereichen noch keine Urteilsfähigkeit und sind nicht fähig zur Einsicht. Beispiel: die Nutzung von Internet-Medien.

Beide Begriffe sind stark von religiösen bzw. nicht-religiösen Standpunkten und Interessen geleitet. Die Untersuchung der jeweiligen Interessen bei Diskussionen um Sterbehilfe, Organentnahme, Schwangerschaftsabbruch und embryonaler Stammzellen- und Genforschung kann also weiter führen und die von den Vertretern der jeweiligen Standpunkte meist gewollte Unübersichtlichkeit aufhellen und in manchen Fällen sogar beseitigen. Die Diskussionen um sinnlose lebensverlängernde Maßnahmen sind in diesem Blog schon mehrmals erwähnt worden.

Dennoch ist eine Diskussion, die sich grundsätzlich mit den beiden Begriffen der Person beschäftigt, nicht verzichtbar. Nur so werden Interessen und soziale Kommunikation zum Thema offengelegt. Nur so wird der Mensch mündig.

tmd.

Wahrheit und Wahrnehmung

Wahre Aussagen, die mit Hilfe der Vernunft zustande kommen, müssen gerechtfertigt werden. Anderes ist nicht möglich. Einem bodenständigen Empiriker ist das zu wenig. Woher bekommt die Vernunft ihr Futter für die Konstruktion der Welt und Wirklichkeit? Jetzt können die Empiriker triumphieren: über die sinnliche Wahrnehmung!

Aber wie geht das? Wir sehen einen Baum in der Landschaft. Jetzt müssen Empiriker irgendwie nachweisen können, dass sich im Gehirn dessen, der den Baum sieht, ein Abbild des Baumes bildet. Die Rationalisten sagen, dass man dazu Kategorien und Raum und Zeit benötigt. Und sie sagen, dass man Kategorien und Raum und Zeit nicht losgelöst von der Wahrnehmung wahrnehmen kann. Wir wenden sie an und bemerken, dass sie vorhanden sind. Mehr geht nicht.

Baum mit Abendhimmel
Wahrnehmung Baum – Quelle: Bessi, Pixabay

Halt!, rufen die Empiriker. Das verfälscht unzulässig die Wahrnehmung. Viel besser wäre es doch, wenn wir alle Sinneseindrücke wie auf einer Festplatte ablegen und im entscheidenden Augenblick das Gespeicherte mit neuen Sinneseindrücken vergleichen. Der Ansatz ist nicht schlecht. Es bleibt aber die Frage: Welche Konsequenzen ziehe ich aus all diesen Vergleichen von gespeicherten und neuen Sinneseindrücken? Nach welcher Methode vergleiche ich? Und überhaupt: Wie ist es möglich, dass unterschiedliche Menschen einen Baum sehen und sich über ihn in Kommunikation austauschen können in einer Art und Weise, dass beide sicher sind, dass sie den gleichen Baum sehen?

Um es kurz zu machen, auch die bodenständigen Materialisten können nicht anders, als irgendwann Beweggründe einzuführen, warum wir Menschen Wahrnehmung methodisch verarbeiten und uns mitteilen können. Der Primatenforscher Michael Tomasello hat hier Grundlagen geschaffen. Er konnte plausibel machen, dass Menschen Sprache lernen durch das gleichzeitige Zeigen und Benennen von Objekten.

Aber auch hier muss ein angeborenes Bedürfnis des Menschen zum sozialen Verhalten unterstellt werden. Menschen wollen gemeinsam Wahrnehmung erleben und teilen. Wahrnehmung – auch die durch die Ratio gefilterte – braucht den Menschen als ein soziales und politisches Wesen. Offen bleibt hier die Frage: Welchen Stellenwert hat hier die Wahrheit? Veritas est adaequatio intellectus et rei. Thomas von Aquin hat das gesagt.

tmd.

Leben verlängern – um jeden Preis?

Die Diskussion um das moralisch richtige Handeln im Umfeld eines Sterbenden geht weiter.
Dieser Beitrag bezieht sich auf den Blogbeitrag vom 16.2.2017

Zunächst eine Lesehilfe: Im ZEIT-Artikel vom Februar 2017 – Sinnlos gelitten – wird gesagt, Ärzte müssen ihre Patienten und deren Angehörige darüber informieren, dass eine Behandlung auch abgebrochen werden kann.

Das hat Folgen! Wenn Ärzte das nicht tun, können sie verklagt werden.
Im berichteten Fall ging es um das Legen einer dauerhaften Magensonde durch die Bauchdecke. Ein Mega-Geschäft ist das. Aber: Eine amerikanische Studie wird zitiert, dass zwei Drittel der Betroffenen die Magensonde ablehnen und lieber friedlich sterben wollen.

Leiden
Unnötig leiden – Quelle: Counselling, Pixabay

Es geht hier um Fälle, bei denen lebensverlängernde Maßnahmen in den sicheren Tod führen und dabei gleichzeitig die Lebensqualität des Betroffenen verschlechtern. Es verbietet sich einfach, an dieser Stelle von Sterbehilfe im Sinne von Euthanasie zu reden.

Im Extremfall müssen Angehörige also sehr starke Nerven haben, wenn sie dem behandelnden Arzt gegenüber fordern, eine lebensverlängernde Maßnahme nicht durchzuführen oder abzubrechen. Oft lautet der Kommentar des medizinischen Personals: „Sie wollen doch ihren Vater/ihre Mutter nicht verhungern lassen.“

tmd.

Leiden an Lebenslügen

Prinzip Eisberg – Quelle MartinFuchs, Pixabay

Das Eisbergmodell in der Psychologie ist ein leicht verständliches Modell für die Erklärung von menschlichem Handeln. Dabei werden Handlungen nicht durch Gründe erklärt, die wie die Handlungen selbst sichtbar sind. Die Gründe für die Handlungen sind – wie der größte Teil eines Eisbergs – nicht sichtbar, weil unter Wasser.

Bereits in der 7. Klasse Gymnasium ist das Eisbergmodell Thema in Ethik. Eine robuste Erklärung für Konflikte soll das Modell darstellen. Die Textschnipsel in Ethikbüchern sollen dazu dienen, das Modell mit Leben zu füllen. Aber es sind eben nur Schnipsel. Sie reichen nicht aus, um den nicht sichtbaren Teil des Eisbergs zu füllen. Von den bekannten Fakten zum Konflikt werden Gründe erdacht, die logisch passend sind oder von denen die SuS schon mal gehört haben: Mobber sind irgendwann einmal selbst gemobbt wurden. Das ist oft der Fall, aber eben nicht immer. Die Erklärung für Konflikte ist meist viel komplexer (vielschichtiger).

Lauren Oliver hat 2010 mit Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie das Gegenstück zu psychologischen Textschnipseln vorgelegt. Eine kompakte Entstehungsgeschichte von Mobbing, Selbstverleugnung und Selbsttäuschung. Auf 445 Seiten werden die Lebenslügen, der verzweifelte Kampf um Anerkennung, Liebe und Zuneigung der Hauptpersonen vorgeführt und demontiert. Seite um Seite erfährt der Leser, wie das morsche Gebäude von Inszenierungen in sich zusammenbricht. Das Gebäude, das eigentlich von den sensiblen und empfindlichen Kinderseelen errichtet wurde, um die Ängste niederzukämpfen. Die Ängste vor Einsamkeit und Ausgeschlossensein. NICHT.DAZU.GEHÖREN. Die Inszenierungen sind brutal komisch. Und sie sind realistisch. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Lauren Oliver die Geschichte aus der Perspektive einer – ja genau! – einer Toten erzählt.
Samantha, so heißt die Hauptperson, geht durch die Hölle einer unkontrollierten Psychotherapie. Dabei befreit sie sich aus den Zwängen ihrer Mädchen-Clique, demaskiert ihren Freund als einfältigen Angeber, der, wie die meisten Männer in dem Buch, nur Sex Drugs and Rock n Roll im Kopf hat, rettet einem Mädchen das Leben und findet sogar die große Liebe ihres Lebens.

Wenn du stirbst ist wieder ein Beispiel dafür, dass der Einsatz einer kompakten Lektüre zum Thema Konflikte und Mobbing auch im Ethikunterricht mehr leistet als ein Dutzend Textschnipsel in farbigen Kästchen mit bunten Bildern. Und: Mobbing-Täter können sich nur selbst heilen. Sie müssen erkennen, dass sie Verantwortung gegenüber ihren Mitmenschen haben. Ohne diesen Erkenntniszuwachs bleibt Sozialkompetenz ein antrainiertes Rollenspiel.

tmd.

Gesellschaftliche Wertvorstellungen und Medizinethik

Der letzte Beitrag zur Medizinethik vom 14. Februar wurde kritisch gelesen. Da die Kritik nicht in einen Kommentar geflossen ist, kann ich nicht direkt darauf eingehen. Ich werde also versuchen, die Anregungen objektiv aufzunehmen und den kritischen Gedanken weiter zu verfolgen.

Natürlich bleibt der Arzt weiterhin erster Ansprechpartner des Patienten. Aber der Rat suchende Patient befindet sich nicht in einem symmetrischen Verhältnis zum Arzt. Der Arzt kann immer die Wünsche des Patienten ablehnen. Der Patient ist jedoch in seinem Szenario aus Schmerz und Leid gefangen. Natürlich wird er dem Arzt in dessen Bestreben, lebensverlängernde Maßnahmen durchzuführen, folgen, wenn er keine Alternative kennt. Es ist jedoch nur Spekulation, ob der Arzt seinem Patienten die Option eines Behandlungsabbruchs überhaupt anbietet.

In der ZEIT Nr. 6 vom Februar 2017 wird im Beitrag „Sinnlos gelitten“ der Fall eines Mannes geschildert, der auch anders hätte sterben können. Er konnte aber nicht, weil der Arzt es nicht wollte.

Ethik
Moral? Ethik? Wirtschaftliche Interessen! – Quelle: Alexas_Fotos, Pixabay

Den ärztlichen Eid aus der Antike und andere ethische Sinnsprüche kennen wir zwar. Aber das Handeln des Arztes wird doch grundlegend vom Strafgesetzbuch geleitet und – das sollten wir nie vergessen – von wirtschaftlichen Interessen. Schon ist die Diskussion bei der Verteilungsgerechtigkeit. Das hat zwar auch etwas mit Moral zu tun, aber die Kommunikation hat sich vom Leid des Patienten entfernt.

In dem ZEIT-Beitrag wird auch gesagt, was dafür verantwortlich ist, dass solche Entscheidungen oder Nicht-Entscheidungen getroffen werden (müssen). Die Patienten haben keine Patientenverfügung ausgefüllt.
Was ist der Rahmen, an den man sich als Entscheider dann halten soll? Die ZEIT-Autorin Miriam Gebhart gibt die entscheidende aber auch ernüchternde Antwort: Es sind die Wertvorstellungen der Gesellschaft.
Diese Wertvorstellungen sind nicht identisch mit den Vorstellungen der Ethikräte. Es sieht eher so aus, dass die Gerichte und der „normative Druck des Faktischen“ vorangehen und ethische Sinnsprüche der Realität folgen (müssen). Das hören Ethik-Funktionäre aber nicht gerne. Sie wollen doch eher die Alltagswelt nach ihren Wertvorstellungen geprägt wissen.

tmd.

Das magische Viereck der Medizinethik: moralischer Nachholbedarf

Ethik
Selbstbestimmung bis zum Ende möglich? – Quelle: Malalisa, Pixabay

Das amerikanische Modell soll dem Mediziner und dem Patienten helfen, moralisch tragbare Entscheidungen zu treffen. Die Beteiligten (aber eigentlich nur der Arzt) sollen dabei vier ethische Prinzipien berücksichtigen.

  • Selbstbestimmung (des Patienten)
  • Schadensvermeidung (für den Patienten)
  • Fürsorge (um den Patienten)
  • Soziale Gerechtigkeit (gegenüber anderen Patienten und der Gesellschaft)

Die Spannungen zwischen den einzelnen Punkten ist enorm, insbesondere wenn es ums Sterben geht. Wie bei allen Modellen nach dem Schema magisches Viereck oder Sechseck usw. sollen die Eckpunkte ausgeglichen sein. Die Fallstudien zeigen, dass dies nicht möglich ist.
Grundsätzlich endet die Schadensvermeidung für den Patienten an der Leistungsfähigkeit der Krankenkassen. Die Selbstbestimmung des Patienten, der sterben will, findet seine Grenzen in der Schadensvermeidung, die der behandelnde Arzt im Blick hat. Wenn, wie in einem Beitrag in diesem Blog, der Arzt mit dem langen Sterben mehr Geld verdient, als mit Schadensvermeidung (Schmerzlinderung) und Selbstbestimmung des Patienten, dann ist es zudem sozial ungerecht. Das Geld könnte man an anderer Stelle investieren. Das ist aber marktwirtschaftlich gedacht und nicht moralisch.

Es ist interessant, dass immer wieder der wirtschaftliche Aspekt zum Vorschein kommt, wenn es doch eigentlich um moralische Entscheidungen geht. Ich nenne es deswegen moralische Entscheidungen und nicht ethische, weil die letzte Entscheidung des Einzelnen sich nicht auf den Kommunikationszusammenhang des amerikanischen Modells bezieht. Die ethische Kommunikation des amerikanischen Modells lässt doch nur wie mit einem Zaubertrick die moralischen Ängste, Wünsche und Triebkräfte des Patienten und der Angehörigen verschwinden. Zu Recht haben die Soziologen diese und ähnliche Erscheinungen mit dem Wort eskamotieren belegt. Kommunikation lässt Probleme auch verschwinden, verpackt in ethische Konzepte.

„Helfen sie mir Doktor“, fleht der Patient. Und der Arzt kann nur sagen, „ich kann nicht, ich will nicht, ich darf nicht.“

Die Schamanen indigener Völker müssen nicht auf Entscheidungshilfen wie das amerikanische Modell zurückgreifen. Ist ihr Patient am Ende seines Lebens angekommen, dann begleiten sie ihn und haben die autonome Person des Patienten (Selbstbestimmung) im Blick, erleichtern ihm das Sterben (Fürsorge und Verhinderung von Leiden) und sie sind gerecht. Jeder muss sterben und kann so sterben. Nur das ist dem Menschen würdig. Zumindest bei der Ethik des Sterbens hat unsere Gesellschaft noch Nachholbedarf.

tmd.

Wahrheit und Rechtfertigung

Mund der Wahrheit
Mund der Wahrheit – Quelle: alefolsom, Pixabay

Auf der Suche nach Wahrheit und Wirklichkeit sind in der Ethik als Moralwissenschaft die Begriffe empirisch und epistemisch folgendermaßen präzisiert worden.

Empirische Wahrheit ist grundsätzlich eine Sache der Wahrnehmung und Erfahrung. Man sieht (entdeckt) etwas und kann sich sagen: Das ist es oder da ist etwas, z. B. ein Baum. Auf diese Weise – sagen die Empiriker – kann man alles, was es in der Welt gibt, sehen und entdecken. Eine Eigenleistung ist dabei nur das Hinsehen. Man schaut aber nicht irgendwo hin, weil man meint, etwas bestimmtes zu entdecken, sondern die Welt ist so bunt und reichhaltig an Ereignissen und Objekten, irgendetwas sieht man immer.

Was man also bei seiner Rundumsicht in der bunten Welt alles sieht, braucht keinerlei Rechtfertigung, denn es ist doch schon vorhanden. Es ist also wahr. „Schau doch hin!“, kann man sagen. Aber man muss nicht hinschauen. Das führt dazu, dass viele Menschen nicht hinschauen und etwas nicht sehen (entdecken), was es in Wirklichkeit gibt. Die Anderen schauen nicht hin und sagen vielleicht sogar, dass es das, was man gesehen und entdeckt hat, nicht gibt. Kein Problem! Es ist dennoch vorhanden und empirisch wahr. Es ist ja schließlich schon entdeckt worden. Die empirische Wahrheit ist also abhängig von einer objektiven Welt, bzw. von der Annahme, dass es eine solche gibt.

Die Korrespondenztheorie, über die im Zusammenhang mit Thomas von Aquin schon einiges geschrieben wurde im Blog, ist eine echte empirische Wahrheitstheorie. Über die Probleme ist auch schon berichtet worden. Man kann die Übereinstimmung von empirischer Wahrnehmung und Wirklichkeit nicht nachweisen.

Die epistemische Wahrheit ist grundsätzlich eine Sache der Erkenntnis. Bloßes Hinschauen reicht nicht. Man schaut hin und konstruiert eine Wahrnehmung. Man sieht z. B. Zusammenhänge, die objektiv nicht erfahrbar sind. Die Zusammenschau ist ist eine Leistung des Hinschauenden, sie ist subjektiv. Über das solchermaßen Erkannte kann man dann Aussagen machen und diese mit anderen Aussagen vergleichen: Passt es zusammen oder nicht. Das ist die Kohärenztheorie. Man kann aber auch mit anderen Menschen beschließen, dass epistemisch erkannte ist einfach wahr, weil viele andere das auch sagen. Das ist Konsenstheorie. Oder man sagt: Das ist doch unmittelbar einsichtig. Das ist die Evidenztheorie. In jedem Fall will man das Erkannte (z.b. einen moralischen Wert) begründen.

Und hier ist das Problem bei der epistemischen Wahrheit. Man kann beispielsweise ökologische Maßnahmen rechtfertigen. Aber sind sie deshalb auch wahr, insbesondere für diejenigen, die eine Wahrheit noch nicht erkannt haben? Und ein Empiriker würde zudem fragen: „Gibt es das überhaupt?“ Ethisch argumentieren und urteilen muss diese Ausgangslage berücksichtigen. Das muss kein Nachteil sein. Moral ist Menschenwerk. Also untersuchen wir es mit entsprechenden Methoden (auch von Menschen entwickelt). Nichts anderes ist ethisch urteilen und ethisch argumentieren.

tmd.

Umweltethik, Macht und Wirtschaftswachstum

Im ersten Teil der „Everflame“-Trilogie von Josephine Angelini kommt es ab Seite 411 zu einem interessanten Dialog zwischen drei zum Tode verurteilten Wissenschaftlern auf der einen Seite und der Anklage und dem Gericht auf der anderen. Man muss hierbei wissen, dass diese Geschichte hauptsächlich in einer Welt spielt, in der Hexen an den Schaltstellen der Macht sitzen.

(Anmerkung: Ältere Berufsleser sind vielleicht erstaunt, dass ich dieses Beispiel wähle, aber Fantasy-Literatur ist bei meinen SuS sehr beliebt, und die verstehen deshalb auch sofort, worüber ich schreibe.)

Zurück zum Buch: In dieser Welt lösen die Hexen alle Probleme mit – ja, natürlich mit Magie und Hexerei. Und diese Lösungen sind nachhaltig und verursachen keine „negativen externen Effekte“. Das heißt, wenn Energie erzeugt wird und verbraucht wird, dann rückstandsfrei. Wo ist nun das Problem? Für die Energieerzeugung sind letztlich die Hexen zuständig, aber die sind zahlenmäßig in der Minderheit. Außerdem haben die Hexen zu befürchten, dass die „Normalbevölkerung“ durch den Einsatz von Wissenschaft sich unabhängig macht von den Hexen. Das würde das Ende der Hexen bedeuten. Auch diese Welt hat also ein Energieproblem. Das Energieproblem wollen Wissenschaftler in dieser Hexen-Welt lösen mit konventioneller Energieerzeugung (Kernenergie), so wie in unserer Welt.

Aber diese Energieerzeugung ist nicht nachhaltig und auch nicht rückstandsfrei. Auch weiß man in dieser Welt, die von Hexen regiert wird, dass die Kernkraft sehr gefährlich ist. Deshalb wird die Arbeit der Wissenschaften unter Höchststrafe gestellt. Die Hexen sagen, das sei unmoralisch, was die Wissenschaftler machen. Die Wissenschaftler halten dagegen. Energieerzeugung und -verteilung muss demokratisch und nach Marktgesetzen funktionieren. Die Wissenschaftler sagen weiter, dass die Hexen die Energieerzeugung als Machtmittel einsetzen, die Menschen die Energie aber unabhängig von den Hexen „jetzt“ brauchen.

Konsumtempel
Konsum; besser verzichten? – Quelle: CarolCarter, Pixabay

Dieser Fantasy-Roman hält uns einen Spiegel vor. Wir erzeugen Energie und Nahrung nach Marktgesetzen. Dabei zerstören wir unsere Umwelt. Jedes Land auf unserem Planeten macht für sich geltend, dass es ein Recht habe, unbeschränkt Energie zu erzeugen und damit Raubbau an der Umwelt zu treiben. Aber als Alternative haben wir nicht, wie in „Everflame“, die Magie, es gibt auch keine allmächtigen Hexen als Notfallplan B, sondern wir haben nur die Illusion, dass unser Raubbau an der Erde irgendwie ökologisch-nachhaltig gestaltet werden kann. Man muss nur genug Wissenschaft einsetzten, heißt es. Dort, wo Wissenschaft die Zerstörung der Umwelt aufhält – und zwar nachweisbar -, dort ist sie nicht profitabel.

Beispiel: die Renaturierung von Mooren. Damit kann man kein Geld verdienen, höchstens Überschwemmungen in der Region minimieren. Das freut den Steuerzahler, der die Katastropheneinsätze nicht bezahlen muss. Aber zunächst einmal muss er die Renaturierung bezahlen. Aber es gibt Ansätze zur Lösung des Problems. Die sind freilich unspektakulär und wenig medial geeignet und sehr individuell: Konsum-Bescheidenheit. Umweltschutz ist derart eng mit dem globalen Wirtschaftswachstum verbunden, dass man es nicht getrennt voneinander sehen kann.

tmd.