Stichwort: Entfremdung

Hier das Basiswissen für den Begriff der Entfremdung bei Marx.

Arbeit ist für den Menschen die Ausdrucksform des Handelns. Im „Tätig sein“ erfährt sich der Mensch als ein vernunftbegabtes Wesen. Arbeit ist sinnstiftend. Arbeit verändert das Selbstbewusstsein.

Der Mensch ist bei der Arbeit kein vom Instinkt gesteuertes (von der Natur geleitetes) Wesen. Der Mensch kann vielmehr den Arbeitsprozess, die Arbeitsabsicht und das Produkt reflektieren (kann darüber nachdenken und es vergleichen).

Fingerschnipp
Überflüssig? – Quelle: geralt, Pixabay

Wenn dem Menschen der Zugriff (Beeinflussung, Veränderung, Manipulation) auf den Arbeitsprozess, auf das Produkt und die eigentliche Absicht des Herstellungsprozesses entzogen wird, dann kommt es zum Phänomen (Erscheinung) der Entfremdung.

Der Zugriff auf Prozess, Produkt und Absicht des Arbeitens wird entzogen durch Industrialisierung, Rationalisierung und die Abwertung der Arbeitnehmer zu einer austauschbaren Ware.

Die Entfremdung zeigt sich im Verhältnis:

  • zum Produkt (nicht mehr Eigentum des Arbeiters)
  • zum Produktionsprozess (Arbeiter ist austauschbarer Zeitfaktor, also Ware)
  • zum Prozess der Vergesellschaftung (soziales und politisches Selbstverständnis und Verhältnis zu anderen Arbeitern, das ist Entsolidarisierung)

tmd.

Gewaltfreie Kommunikation im Alltag

Sprache, das sind nicht nur Aussagesätze. Aussagesätze, die auf ihre logische Korrektheit untersucht werden können. Aussagesätze, die kohärent sein sollen, damit sie Wahrheit belegen. Sprache ist auch Kommunikation ohne ständige Reflexion des Gesagten. Freundschaft und Liebe funktioniert so. Professionellen Kommunikationstheoretikern gefällt das natürlich nicht. Bei ihnen soll Kommunikation immer so ablaufen, dass sich der Sprecher der vier Ebenen bewusst ist, auf denen er kommuniziert. Das ist die Sachebene, die Apellebene, die Beziehungsebene und die Selbstkundgabeebene. Wer diesen Blog kennt, der weiß, dass der Autor diese Art von Kommunikation kritisch sieht.

Kommunikation, gewaltfrei
Gewaltfreie Kommunikation – Quelle: cherylholt, Pixabay

Umso erstaunter wird der Leser sein, dass hier auf eine kleine Anleitung zu einer einfühlsamen Kommunikation hingewiesen wird: „Wenn die Giraffe mit dem Wolf tanzt“ von Serena Rust. Es ist in dem typischen Stil geschrieben, wie diese Ratgeber geschrieben sind. Darüber muss man hinwegsehen. Aber es hat eine Botschaft, die interessiert: gewaltfreie Kommunikation im Alltag. Ohne ein Schema kommt auch diese Anleitung nicht aus. Es handelt sich hier um:

  • Beobachten statt bewerten
  • Fühlen statt Interpretation (Deutung)
  • Bedürfnisse (was brauche ich) statt Strategien (wie setze ich die Bedürfnisse durch)
  • Bitten statt fordern

Die Beispiele sind zum Teil amüsant und wirken befremdlich, ein wenig wie die Anleitungen zur aggressionsfreien Kommunikation vor 40 Jahren. Aber die SuS von heute stören sich nicht daran. Und von denen kam auch der Hinweis, dieses kleine Buch zu lesen. Im Vergleich zu der professionellen „vier-Ebenen-Kommunikation“ setzt dieses Modell allerdings ein erhebliches Maß an Selbstbewusstsein und Courage voraus. Kurz gesagt: Mut.

  • Jemanden um etwas bitten statt zu fordern, das heißt: die Zurückweisung einkalkulieren.
  • Bedürfnisse zu äußern heißt: Enttäuschungen hinzunehmen.
  • Fühlen statt bewerten heißt: auf sich selbst zurückgeworfen werden. Hier sind Ausreden nicht mehr möglich.

Wenn also SuS mit diesem Büchlein gewaltfreie Kommunikation im Alltag kennenlernen und einüben können, dann ist eigentlich nichts falsch gemacht. Sie lernen Sozialkompetenz.

tmd.

Stichwort: Wandel des Arbeitsethos

Handwerker in der Werkstatt
Was ist Arbeit? – Quelle: Pexels, Pixabay

Die Beschäftigung mit dem sich wandelnden Arbeitsethos dient der Hinführung zu den beiden Klassiker der Wirtschaftsethik Adam Smith und Karl Marx.

Unter Arbeitsethos ist hier die gesamtgesellschaftliche Einstellung zur Arbeit zu verstehen, also das, was große Teile der arbeitenden Bevölkerung über ihr Tun denken und wie sie es bewerten. Der Wandel des Arbeitsethos von der Antike über das Mittelalter in die Neuzeit und in die Industrialisierung/Globalisierung ist schnell gelernt.

Antike: Arbeit ist etwas für die Sklaven.
Mittelalter: Arbeit hilft der christlichen Lebensführung und ist Dienst an Gott.
Neuzeit: Arbeit ist, wenn mit Erfolg (Reichtum) verbunden, ein sicheres Zeichen des Segens Gottes (protestantische Ethik).
Industrialisierung: Arbeit ist ein Produktionsfaktor.

Durch die Entfremdung des Arbeiters von seiner Tätigkeit und dem Produkt (Marx) bleibt ein entfremdetes Arbeitsethos übrig. Man arbeitet, um zu überleben (Knechtschaft) oder um mit dem Lohn seine Freizeit zu finanzieren (Freizeit-Freiheit – Robert Menasse). Letzteres ist schon aus der 8. Klasse bekannt. Wichtig ist in diesem Zusammenhang die wissenschaftliche Leistung von Adam Smith. Ihm wird ein eigener Beitrag gewidmet. Marx ebenso. Smith hat Arbeit nicht mehr nur moralisch definiert, sondern nach Marktgesetzen. Damit war die Tür aufgemacht, Wirtschaft abstrakt zu untersuchen. Der Wandel ist zwar nicht umkehrbar, aber nicht endgültig. Arbeit als Ausdruck von Identität und Selbstwertgefühl gibt es, wenn auch nur schichtenspezifisch.

tmd.

Nietzsche: Der Mensch ist der Sinn des Lebens

Muss es Gott sein?
Muss es Gott sein? – Mysticsartdesign, Pixabay

In einem Ethikbuch habe ich eine Karikatur gefunden, die einen Jugendlichen vor einer Wand zeigt. Auf der Wand steht in schwarzer Schrift geschrieben: GOTT IST TOT. NIETZSCHE. Darunter steht in Rot auf gesprüht: NIETZSCHE IST TOT. GOTT. Neben dem Jugendlichen steht eine Sprühdose mit Aufschrift ROT. Offensichtlich hat er dieses Graffiti zu verantworten. Nebenbei bemerkt: Das ist Sachbeschädigung. Die Fragen zur Karikatur lassen vermuten, dass deren dümmliche Botschaft nicht erkannt wurde. So missverstanden wird Nietsche von seinen Kritikern oder denen, die ihn nicht verstehen, sehr oft. Man greift sich ein Zitat aus seinen zahlreichen Aphorismen heraus und versucht sich in einer Deutung.

Nietzsche hat nicht nur die radikalste Form der Religionskritik vertreten, er hat wissenschaftskritisch die Leistungsfähigkeit der Erkenntniskraft des Menschen und die Grenzen der Kulturproduktion – und dazu gehört Religion – unter die Lupe genommen.

Nietzsche hat offengelegt, dass Moral und Sitte und natürlich auch Religion Menschenwerk sind. Gut, das war nichts Neues damals. Aber er hat erkannt und die Schlussfolgerung gezogen, dass ein Abschied von Gott dem Menschen gleichsam den Boden unter den Füßen wegzieht. Was kommt an die Stelle von Gott?, fragt Nietzsche. Und er gibt sich eben nicht mit Utopien und von Interessen gesteuerten Lösungen zufrieden. An die Stelle von Religion tritt nur wieder eine andere Form von Sitte und Moral, gemacht von wieder den gleichen Menschen mit den gleichen Erkenntnisfähigkeiten.

Was tun? Ein neuer Mensch mit neuer Erkenntnisfähigkeit muss her: der Übermensch. Der Übermensch ist in Kritik am Christentum konzipiert. Das kann man wissen. Seine Merkmale müssen also den Aussagen über den Christenmenschen absolut widersprechen.

Man muss auch fragen, warum Nietzsche – abgesehen von seiner Krankheit – den Gedankengang nicht verfolgt hat, den moderne Geisteswissenschaften heute gehen können. Aber das ist kein eigentliches moralisches Thema. Meine vorsichtige Vermutung ist, dass ihm die entsprechende Kommunikation, ein passendes Paradigma gefehlt hat. Es geht um die Frage, wie kann ich meine Kritikfähigkeit auf die eigene Kritik anwenden? Moderne Soziologen des letzten Jahrhunderts haben darauf eine Antwort gegeben. Es geht nicht. Die Aufgabe wird verglichen mit dem Versuch, ein Auto von außen anzuschieben, in dem man sitzt. (Berger/Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit). Liest man Nietzsche aus dieser Perspektive, dann ist seine Philosophie keineswegs nihilistisch, sondern die Basis für einen handfesten Existentialismus. Aber das geht weit über die gesteckten Ziele des Blogs hinaus.

Mit diesen Grundinformationen kann man Nietzsche lesen und verstehen. Aber ohne Lesen der Originaltexte geht bei Nietzsche nichts. Ich empfehle zum Einstieg aus der MORGENRÖTE, Erstes Buch, Begriff der Sittlichkeit der Sitte (9) und Vom Ursprung der Religionen (62).

tmd.

Am Nasenring der Mode – Über Tattoos und Körperschmuck

Verantwortung für den eigenen Körper? Ist das ein moralisches Problem, eine Frage der Ethik? Menschen, die an Gott glauben, können diese Frage schnell und sicher beantworten. Wer sich von Gott geschaffen nach dessen Ebenbild sieht, geht mit diesem von Gott geschenktem Körper pfleglich um. Sollte man zumindest meinen.

Worauf können aber nicht-glaubende Menschen Bezug nehmen?
Die Wissenschaften, insbesondere die Soziologie und Psychologie, helfen hier weiter. Menschen als soziale Wesen sind nun mal auch ein Produkt ihrer Umwelt. Diese Umwelt ist zum Teil selbst gewählt oder hat einen fest im Griff. Anschaulich wird das an der Mode, nach der wir uns alle mehr oder weniger richten. Seit einiger Zeit ist es nun Mode geworden, die Körperhaut mit Tattoos zu verfremden und Körperschmuck zu tragen. Warum tun sich das Menschen an? Warum entstellen sie sich mit bunten Bildern, Nasenringen und nehmen dabei erhebliche gesundheitliche Risiken in Kauf? „Dazu gehören“ wollen, Geltung und Abgrenzung von den Anderen, Protest gegen das herrschende Schönheitsideal, Maskierung: das sind nur einige Gründe.

Tätowierter MAnn
Modeerscheinung Tattoo – Quelle: PinSharp, Pixabay

Das Phänomen Tattoo ist schichten- und millieuspezifisch gut abgrenzbar. Es kommt in der Unterschicht häufiger vor als in der Oberschicht. Das „Flagge zeigen“ (soziologischer Begriff) ist in niederen Milieus auf das Wir-Gefühl abgestellt. Bei Jugendlichen aus den sogenannten „bildungsnahen Schichten“ kommt es sehr viel seltener vor und ist reiner Protest. Wenn man schon sonst nichts vorzuweisen hat, wie schulischer Erfolg oder Freunde/innen, dann soll es wenigsten ein Tattoo sein. Jugendliche durchschauen diesen gesellschaftlichen Verblendungszusammenhang (so nannten das die Soziologen vor 50 Jahren) nicht immer. Aber: Wer will sich eigentlich freiwillig abhängig machen vom Diktat der Mode? Muss ich meine Haut schwer beschädigen, weil ein Tattoo bei den Freunden und Freundinnen gerade angesagt ist?
Muss ich einen Nasenring tragen, der sehr an ein Teil erinnert, das eine Kuh trägt? Man muss es nicht! Aber die Ablehnung ist schwer zu begründen gegenüber den Mit-SuS, die genau das zum Kriterium machen, dass man dazugehört.

Sehr viel problematischer ist es, das viele Jugendliche die „Ausflaggung“ brauchen, um sich selbst irgendwie gut zu fühlen. Nach dem Motto: Wenn ich erst ein Tattoo habe, dann bin ich erwachsen und fühle mich wohl.

In „Die Einsamkeit der Primzahlen“ von Paolo Giordano versucht Alice (eine Hauptperson) genau das. Sie will anerkannt werden. Aber sie erkennt letztlich auch, dass es keine Lösung ihrer Probleme ist. Heutzutage könne Tattoos mittels Laser entfernt werden (allerdings sehr kostspielig). Alice im genannten Roman muss ihren Freund bitten, das Tattoo mit einer Glasscherbe zu entfernen. Tattoos sind Signale. Ein Schüler sagte mir, dass Tattoos Kraft signalisieren. Wer ein Tattoo trägt, der will sich unangreifbar machen.

Aristoteles (antiker Philosoph) hätte sich nur gewundert über solche Begründungen. Wie kann das Aussehen irgendetwas bewirken? Wer tapfer und klug ist, der braucht das nicht anzuzeigen im Aussehen. Er zeigt es in seinem Handeln. Wer gerecht und maßvoll ist, der braucht es nicht zu signalisieren. Er ist es durch sein Handeln.

Siehe auch:
Ich will anders sein als die anderen

tmd.

Sigmund Freud als Religionskritiker

Religion, Kreuz
Religion – Opium fürs Volk? – Quelle: MasterTux, Pixabay

Grundlage für das Verständnis von Freuds Religionskritik ist das Modell von ICH – ES – ÜBER-ICH.
Im Blog gibt es dazu die Beiträge:
Der Tyrann in uns – Das Gewissen bei Freud
Gewissen: eine kritische Auseinandersetzung

Religion erfüllt bei Freud für den nicht aufgeklärten Menschen drei wichtige Aufgaben.

  • Sie erklärt ihm seine Herkunft und die Entstehung der Welt.
  • Sie gibt ihm in der komplexen, unübersichtlichen Welt Halt und Orientierung.
  • Sie gibt Regeln und Normen für das moralische Handeln.

Religiöse Orientierung und Sinngebung sind vergleichbar mit einem Beruhigungsmittel. Ohne dieses Beruhigungsmittel meint der Mensch, an der Sinnlosigkeit des Lebens zu zerbrechen. Freud diagnostiziert Religion wie eine Zwangsneurose. Es ist eine Zwangshandlung, die den Blick auf die Realität vernebelt und den Menschen auf dem Entwicklungsstand eines Kleinkindes belässt.

Hier liegt allerdings ein kleiner systematischer Stolperstein. Religion ist einerseits Teil der Erziehung und Sozialisation und demnach im ÜBER-ICH angesiedelt. Es ist aber auch eine Zwangshandlung des ICH, das die Verletztheit des ES beruhigen soll.
Betrachtet man also Religion wie eine Zwangskrankheit, dann muss man von Religion geheilt werden.

tmd.

Reifikation: Wer macht unsere Wirklichkeit?

Die Müdigkeit, Worte zu verwenden / die auch sie im Munde führen / „gib kein Wort auf“ / aber: wer sagte schon alles „Sozialismus“ / „Demokratie“ / „Freiheit“ / Anfälle von Ekel / und die Angst / daß wir verlorengehen / im Dickicht der Phrasen / daß kein Wort mehr übrigbleibt / für das, was wir meinen.
(23.6.1977), Jürgen Fuchs, Bürgerrechtler und Schriftsteller (19.12.1950 – 9.5.1999)

Moralische Begriffe sind Menschenwerk, das darf man nicht vergessen. Auch nicht vergessen darf man, dass diese Begriffe unser Leben bestimmen.

Reifikation ist kein eigentliches Thema für moralisches Handeln. Wenn es um wissenschaftliche Begriffe geht, die etwas mit Moral zu tun haben, dann wird die Verdinglichung plötzlich ungemein wichtig.

Was ist Reifikation? Damit meinen die Wissenschaftstheoretiker, dass wissenschaftliche Begriffe für Dinge (Erscheinungen/Pänomene) gebildet werden, die es im Alltag oder in wissenschaftlichen Experimenten gibt. Diese Begriffe sollen aber nicht mit der Wirklichkeit an sich (so, wie die Dinge von sich aus sind) verwechselt werden. Die Naturwissenschaftler haben es da einfach. Sie untersuchen die Welt und machen über sie Aussagen. Solange diese Aussagen praktikabel sind, man mit ihnen in der Forschung und Entwicklung zurechtkommt, heißt es nur: weiter so.

Was aber ist mit Begriffen in den Geistesschaften? Was ist mit Begriffen wie Rolle, Status, Position? Was ist mit einem Modell, das ICH – ES – ÜBER-ICH beschreibt? Die Methodologen – das sind die Wissenschaftstheoretiker, die sich mit der Arbeit der Wissenschaftler beschäftigen – warnen davor, solche Begriffe für das zu nehmen, was sie beschreiben.

Wo ist das Problem dabei?
Wissenschaftliche Begriffe gehen sehr schnell ins Alltagsleben über. Der Begriff der Rolle ist so einer. Ist das, was der Begriff Rolle beschreibt, auch das sozialen Phänomen? Wir reden schon im Alltag über die soziologischen Begriffe derart, dass man meinen könnte, das Leistungs- und Erwartungsverhalten der Menschen ist genau das: Soziale Rolle.

Maßstab
Gibt es einen Maßstab für Leben – Quelle: pashminu, Pixabay

Das wissen wir aber nicht! Wir wissen nur, dass der Begriff Rolle etwas beschreibt, was nicht hintergehbar ist. Gemeint ist, dass es hinter der Rolle des Menschen nicht noch etwas Typischen, Wahres gibt: So etwas, wie die echte Person des Menschen. Das heißt, das, was wir mit dem Begriff Rolle beschreiben, wird so zum Maßstab.

Aber was ist, wenn die Beschreibung oberflächlich ist und so oberflächlich auch ins Alltagsleben einfließt? Das betrifft unser soziales Zusammenleben! Das betrifft unsere Aufklärung über uns selbst! Wir werden zu Handelnden unter dem Vorzeichen der wissenschaftlichen Beschreibungen.

Geht es aber nicht nur um wissenschaftliche Begriffe, sondern um moralische Begrifflichkeiten, dann ist unsere Vorstellung vom richtigen Leben schwer betroffen. Wenn wir hier nicht untersuchen, welche Begrifflichkeiten verwendet werden, wie sie hergestellt wurden und wie alltagstauglich sie sind, dann wird moralisches Handeln den eigentlichen Handelnden aus der Hand genommen. Sie können es nicht mehr bestimmen.

Wissenschaftliche Begrifflichkeiten beherrschen schon heute unser Leben. Daran ist nichts zu ändern. Wir verhalten uns jetzt schon so, wie die Wissenschaftler uns in ihren Studien beschreiben. Autonomes Leben: Das ist die Entscheidung des aufgeklärten Bürgers.

tmd.

Die reflexartige Kommunikation der Gegner des selbstbestimmten Sterbens

Krankenhaus, Betten
Selbstbestimmt leben? – Quelle: SilasCamargo, Pixabay

Selbstbestimmtes Sterben und das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts hat die üblichen Reaktionen hervorgerufen. Das Urteil wird abgelehnt, weil es „nicht umsetzbar ist“, so ein Mediziner in einem Bericht in den Nürnberger Nachrichten vom 8.3.17. Das Urteil wird mit aktiver Sterbehilfe in Zusammenhang gebracht. Zudem sei eine Behörde nicht in der Lage, zu entscheiden, was eine unerträgliche Lebenssituation sei. Das BVG hat in keinem Satz behauptet, dem Betroffenen die Entscheidung abzunehmen.

Die reflexartige Kommunikation der Gegner des selbstbestimmten Sterbens ist schon auffällig. Das zentrale Problem, autonom zu entscheiden, wird mit Verweis auf die heutzutage hervorragende Schmerztherapie gekontert. Die Existenz eines Hospizes wird als Lösung für alle genannt, obwohl die Zahl der Hospize nicht ausreicht.
Völlig unverständlich bleibt jedoch der Vorschlag, dass betroffene Patienten jederzeit auf künstliche Ernährung verzichten können (Was ist damit wohl gemeint? Warum wird die Angelegenheit nicht beim Namen genannt?) oder dass die künstliche Beatmung abgestellt werden könne.

Die Ethikfunktionäre wollen nicht verstehen, worum es geht. Menschen (Mediziner, Politiker, Theologen, Meinungsmacher) nehmen sich das Recht, über das Sterben anderer Menschen zu entscheiden. Klartext: Du sollst so sterben, wie ich (der Arzt usw.) es will. Und wenn du (Patient) dabei nicht mitmachst, dann sterbe, aber nicht nach deinen, sondern nach meinen Regeln.
Der Mediziner in dem zitierten Zeitungsbeitrag befürchtet einen Paradigmenwechsel in der Medizin. Die Betroffenen, die außerhalb von Deutschland Hilfe suchen, fürchten ihn nicht. Sie hoffen ihn herbei. Für viele wird er aber zu spät kommen.

tmd.

In diesem Blog zum Thema:
Nachtrag Sterbehilfe
Medizinethik und Person: Oberstes Ziel ist der Schutz der Menschenwürde
Die Person in der Medizinethik
Leben verlängern – um jeden Preis?
Gesellschaftliche Wertvorstellungen und Medizinethik
Das magische Viereck der Medizinethik: moralischer Nachholbedarf

Stichwort: Dialektik

Im Internet gibt es massenhaft Erklärungen für den Begriff Dialektik. Dennoch fragen mich SuS, was mit Dialektik gemeint ist. Und sie fragen nach Beispielen, nach verständlichen.

Die abstrakten Erklärungen (These – Antithese – Synthese) helfen nicht weiter. Hier der Versuch einer Erklärung in einfacher Sprache. Ich beginne mit Wissen über Dialektik aus der Redeschulung (Rhetorik). Ein Sprecher stellt eine Behauptung (These) auf. „Die Bausteine des Lebens sind Feuer und Erde.“ Ein anderer Sprecher behauptet (Antithese): „Die Bausteine des Lebens sind Wasser und Luft“. Damit kommen beide nicht weiter. Die Lösung (Synthese) ist: Die Bausteine des Lebens sind die Elemente, die in allen genannten Stoffen (Feuer, Luft, Wasser, Erde) enthalten sind.

Durch Diskussion kann man also sein Wissen über die Welt vergrößern. Die Erweiterung meines Wissens war zu Anfang der Diskussion noch nicht vorhanden. Die Erweiterung ist die Synthese. In dieser Synthese ist das Wissen der These und das Wissen der Antithese enthalten. Ein wirklich simples Beispiel sind alle „sowohl als auch“ Aussagen. Wenn zwei Aussagen möglich sind, dann kommt es meist zu einer neuen Aussage, die beide anderen enthält.

Dialektikbücher
Bücher über Dialektik – Altpapier? – Quelle: rotkevichkonstantin, Pixabay

Komplizierter ist die Dialektik bei Karl Marx angelegt. Es war die Theorie von Marx, dass sich der Kapitalismus ungebremst weiterentwickelt. Gleichzeitig aber kommt es zur Verelendung der Arbeitnehmer (These) und zu einer Konzentration Produzenten (das sind die Besitzer der Fabriken) (Antithese). Marx nennt das Widersprüche in der Gesellschaft. Das sieht so aus: Die Kapitalisten brauchen als Konsumenten die Arbeiter, die aber immer mehr verelenden. Die Arbeiter brauchen die Kapitalisten, um zu überleben (sich zu reproduzieren, nennt das Marx). In dieser Situation kann es so nicht weitergehen. Die gesellschaftlichen Widersprüche streben nach Auflösung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Hier kommt Marx mit der frohen Botschaft: Es kommt zur Revolution, die Arbeiter übernehmen die Produktionsmittel (das sind die Fabriken samt den Maschinen) und es beginnt der Sozialismus. Kuba, DDR und Russland sind Beispiele dafür, dass es nicht funktioniert. Das ändert aber nichts an der schönen Theorie von den gesellschaftlichen Widersprüchen, die dialektisch angelegt sind und in einen neuen Zustand umschlagen. Marx hat die Figur der Dialektik auch auf seine Religionskritik angewendet. Dazu mehr im Beitrag über den Religionskritiker Marx.

tmd.

Merkzettel: Jean-Jacques Rousseau

J.J.R. fragt nach der Legitimation von Herrschaft. Herrschaft von Gottes Gnaden diskutiert er nicht. Das schließt er aus. Das Naturrecht erwähnt er kurz. Übrig bleibt der Gesellschaftsvertrag. Nur durch einen solchen Vertrag wird Herrschaft hergestellt, die legitim ist. Was soll der Gesellschaftsvertrag bewirken? Er soll die Freiheit und die Gleichheit der Bürger gewährleisten. Wo ist das Problem? Wenn alle Menschen gleich sind und auch frei handeln können, dann müssen sie den gleichen Willen zum Handeln haben. Sie müssen dasselbe wollen und erstreben. Ansonsten gibt es nur Mord und Totschlag. (siehe Hobbes)

Die Menschen verfolgen aber unterschiedliche Ziele. Was tun? J.J.R. meint, dass die Menschen deshalb unterschiedliche Ziele verfolgen, weil sie durch Kultur und Erziehung falsch sozialisiert sind. Wieso das? Menschen sind grundsätzlich Einzelgänger, behauptet J.J.R. In der Natur würden sie aber als Einzelgänger untergehen. Denn sie sind absolut friedlich. Also schließen sie sich zusammen. Dieser Zusammenschluss ist aber missglückt. Die Menschen haben dabei ihre Freiheit verloren und sind auch nicht mehr gleich. Ein neuer Gesellschaftsvertrag muss her, der die Besonderheiten des Menschen berücksichtigt.

Gesellschaftsvertrag
Verträge, die verbindlich sind – Quelle: stevebp, Pixabay

Der Gesellschaftsvertrag bei J.J.R. soll den Menschen die Möglichkeit geben, nur die Ziele zu verfolgen und nur solche Gesetze zu machen, die der einzelne Bürger wirklich will. Dabei steht die Wahrung der Freiheit und Gleichheit im Vordergrund. Wenn es also zu Abstimmungen im politischen Prozess kommt und jeder unbeeinflusst von den anderen Bürgern seine Meinung abgibt, dann kann das nur der Gemeinwille sein. Den erkennt man daran, dass die Mehrheit diesen Gemeinwillen hat. Die Minderheit muss sich diesem Willen anpassen. Der Gemeinwille kann in dieser Form nur in kleinen politischen Gemeinden ermittelt werden. Grundsätzlich dürfen die Bürger in diesem Gesellschaftsmodell nicht politisch von anderen vertreten werden. Das entspricht dem sogenannten imperativen Mandat. Der Mandatsträger ist an den Wählerwillen gebunden.

J.J.R. schließt außerdem die politische Information und Diskussion aus. Das verfälscht den Wählerwillen. Unterschiedliche Meinungen repräsentieren nur den Gesamtwillen.

Das politische System, das J.J.R. vorschwebt, ist blind gegenüber Lobbyeismus, Demagogie und Diktatur. Im Gesellschaftsvertrag ist eine unlösbare Spannung aufgebaut zwischen Freiheit und Gleichheit. Beides ist nicht gleichzeitig zu verwirklichen, ohne den Menschen aus der Gesellschaft zu vertreiben. Wenn die Grenzen der eigenen Freiheit die Freiheit der anderen Bürger sind, dann hat zwar jeder eine gleiche Freiheit, aber nicht die, die er vielleicht haben wollte. Das System funktioniert nur, wenn die Menschen diesem Umstand nicht bemerken.

Ausführliche Beiträge zum Thema in diesem Blog unter dem Schlagwort Rousseau.

tmd.