Auf der Suche nach dem schlechten Karma

Karma, Harmonie, Stille
Karma – Quelle: Rainer_Maiores, Pixabay

Das Verhältnis von Atman und Brahman war reziprok und reflexiv in einem nicht kausalen Prozess. Keiner der beiden Elemente ist der Taktgeber. Anders ist es beim Modell von Karma und Samsara.

Samsara benennt den Prozess des Sterbens und der Wiedergeburt. Wiedergeboren wird die Seele – also das Atman. Grundsätzlich verantwortlich für die Wiedergeburt ist das Karma des Atman. Gemeint ist, dass die Seele sich nach der Wiedergeburt in einem Körper befindet – das können Menschen oder Tiere, aber auch Götter oder andere Wesen sein.

Die Art und Weise, wie sich die Seele im jeweiligen Leben und im jeweiligen Körper verhält, verändert das Karma des Atman. Schlechtes Karma steht für schlechte Taten. Gutes Karma steht für gute Taten. Wer immer ein gutes Karma anstrebt, der hat Chancen, irgendwann als Mensch (und nicht als Wurm) wiedergeboren zu werden und in dieser Existenzform nach Erleuchtung zu streben. Wer ein schlechtes Karma ansammelt durch schlechte Taten, der wird als minderwertiges Wesen wiedergeboren.

Karma ist der Motor des Samsara

Ziel ist es also, irgendwann nach entsprechender Erleuchtung nicht mehr wiedergeboren zu werden. Wie dieser Zustand dann aussieht, dass wird unterschiedlich erzählt: Vermengen mit dem Brahman, individuelles erleuchtetes Dasein, gleichmäßiges bewusstes Sein oder einfach bei Gott sein. Soweit also die Struktur des Modells von Samsara und Karma. Motor ist das Karma, es hält das Modell am Laufen.

Jetzt zur Kritik. Wenn sich das Atman durch gutes oder schlechtes Karma verändert, dann muss dies auch Auswirkungen auf das Brahman haben. Brahman ist die Summe der Atman. Unklar ist, ob es sich um eine qualitative oder eine quantitative Veränderung handelt. Ist es eine quantitative Veränderung, dann ist das Brahman nicht mehr grenzenlos. Es muss sich in einen Bereich erweitern, der vorher noch nicht belegt war. Oder das Brahman schrumpft, dann bilden sich leere Räume.

Wenn alle Atman nicht mehr wiedergeboren werden und im Brahman aufgehen, wo ist das schlechte Karma geblieben?

Ändert sich Atman qualitativ, dann verändert sich auch Brahman qualitativ. Das ist natürlich viel bedenklicher. Brahman ist schließlich ewig und allumfassend. Es muss also alles schon in sich enthalten, was möglich und denkbar ist. Brahman enthält in dieser Sicht alles an möglichem Karma – gutes und schlechtes. Unter diesen Voraussetzung ist es nicht möglich, dass alle Atman je durch gutes Karma nicht mehr wiedergeboren werden. Denn: Wo ist dann das schlechte Karma, bzw. die Atman mit schlechtem Karma. Wenn also Brahman nur die Summe aller Atman mit gutem Karma ist, wo befindet sich dann in diesem Modell der Ort für das schlechte Karma?

tmd.

Kann man eine Gesellschaft moralisch erziehen?

Männchen
Kann man „die Gesellschaft“ erziehen? – Quelle: 3dman_eu, Pixabay

In „Der Selbstmord“ entwickelte Emile Durkheim vor über 100 Jahren eine grundlegend neue Sicht auf dieses Problem. Abweichendes Verhalten, Verbrechen und auch Selbstmord sind Erscheinungen, die wir in allen Gesellschaften antreffen. Interessanterweise werden in allen Gesellschaften diese Erscheinungen moralisch beurteilt – nicht immer negativ. Zum Beispiel wird Selbstmord auch als gesamtgesellschaftlich notwendig verteidigt. Wir kennen das auch aus Literatur und insbesondere dramatischen Filmen, wenn der Held/die Heldin sich opfert, um die Menschheit zu retten.

Für den Moralunterricht hat die Sichtweise von Durkheim – und allen Soziologen, die seiner Methode seither folgen – enorme Bedeutung.
Moral ist relativ zur jeweiligen Gesellschaft zu denken. Ethischer Relativismus mal nicht philosophisch, sondern modern und wissenschaftlich unterlegt.

Durkheim geht sogar noch weiter. Er hält eine moralische Erziehung für unmöglich: Erziehung ist „nur Abbild und Widerschein der Gesellschaft, die sie nachahmt und zusammengedrängt wiedergibt, aber nicht neu schafft“, schreibt er. (S. 440 ff., Emile Durkheim: Der Selbstmord, stw 431, 1973).

Wie ist dann aber sozialer Wandel möglich?

tmd.

Moksha: Kampfansage an die Ratio

Meditation
Meditation – Quelle: NatoPereira, Pixabay

Der Fluchtpunkt des menschlichen Lebens ist in der Hindu-Philosophie Moksha. Moksha ist der Punkt, an dem Maya, die Illusion des Ich, durchschaut und durchbrochen wird. In der Hindu-Philosophie geht das nur durch die Unterbrechung des Samsara. Samsara ist die ewige Wiedergeburt. Durchbrochen wird das Samsara nur durch ein entsprechendes Karma – eine bestimmte Lebenshaltung.

Soweit das lernbare Grundwissen, das aber in keiner Weise weiterführt.
Fragen wir kritisch nach. Wenn das ICH eine Illusion ist, wie kann das ICH erkennen, dass es selbst eine Illusion ist? Das setzt doch Reflexion voraus!
Wie kann das Samsara erkannt und durchbrochen werden, wenn die Weltanschauung selbst eine Illusion ist? Wie kann ich das Karma beachten und einüben, wenn meine Erkenntnisfähigkeit, die vom Subjekt abhängig ist, eine Illusion des ICH ist? Alle diese Fragen sind ungeklärt, berücksichtigt man die Voraussetzungen der hinduistischen Philosophie.

Es geht um ERLEUCHTUNG. Die hinduistische Philosophie braucht diese Gedankenfigur, um zur Erkenntnis zu kommen. Erkentnis heißt hier: Erkennen, dass der Mensch – und jedes Lebewesen – ständig wiedergeboren wird, wenn er/es nicht ein bestimmtes Karma pflegt. Und dieses Erkennen – die Erleuchtung – darf natürlich nicht, wie in der aufgeklärten europäischen Philosophie, über die Ratio ablaufen. Die Erleuchtung muss etwas Lebensweltliches sein. Das kann z. B. Meditation sein.

Jetzt sind wir der Sache schon näher gekommen. Meditation kann sein: sich Widersprüche vorstellen und darüber nachdenken oder über das Nichts nachdenken. Ziel ist es immer, die kommunikativen Handlungsstrukturen aufzulösen und zu tilgen. Kurz gesagt:

Die Ratio soll außer Kraft gesetzt werden.

Ist dieser Fluchtpunkt erreicht, dann kann die aufgeklärte europäische Philosophie als entsorgt betrachtet werden.

Wollen wir das?

tmd.

Populismus ist der Feind kritisch rationaler Wahrheitsfindung

Populismus
Populismus – Quelle: geralt, Pixabay

Kürzlich bin ich zu einer Fortbildung eingeladen worden. Thema: Populismus. Wer sich mit Moral beschäftigt, der wird aufmerken. Der Unterschied von Gut und Böse werde durch Populismus unkenntlich gemacht, heißt es im Texttrailer.

Der sokratisch-platonische Gedanke des universell Guten ist also immer noch aktuell. Das macht Hoffnung in einer Zeit, in der das moralisch richtige Handeln von Beliebigkeit okkupiert wird. Schuld daran seien unter anderem evidente Erzählungen. Evidenz ist aber eine der Wahrheitskriterien, die dem epistemischen Ansatz zur Verfügung stehen, um Wahrheit zu benennen.

Konsens, ein weiteres epistemisches Wahrheitskriterium, sei vom Populismus ebenso betroffen. Denn die Mehrheit, die unaufgeklärte, sei ebenfalls vom Populismus ins Visier genommen worden. Letzterer wüte dort und lasse das politische Kompetenzniveau auf Null sinken. Bleibt also nur die letzte Bastion kritisch rationaler Wahrheitsfindung: die Kohärenz, das schlüssige widerspruchsfreie Argumentieren. Die Waffe der wissenschaftlichen Aufklärung muss allerdings bedient werden. Das geht nur durch Übung. Also: Lesen, schreiben, reden.

tmd.

Das ICH als Illusion

Cold hearted orb that rules the night,
Removes the colours from our sight,
Red is gray and yellow white,
But we decide which is right.
And which is an illusion?
(Graeme Edge, 1967)

Maya ist ein Begriff der indischen Philosophie, der bei der Erklärung und Vermittlung reflexartig Irritationen und Verstehensprobleme hervorruft.
Grund ist die bis in die Antike zurückreichende Denktradition, die das Subjekt in den Mittelpunkt der Erkenntnis stellt. Dieser erkenntnistheoretisch unverzichtbare Anthropozentrismus europäischen Denkens ist in der indischen Philosophie MAYA. Das erkennende Subjekt ist selbst eine Illusion!

Farben
Farbenfrohe Illusionen – Quelle: frankspandi, Pixabay

Der kritischen und rationalen Untersuchung von Individualität und Sinn im Leben wird damit sozusagen der Boden und den Füßen weggezogen.
Eine Annäherung an den Begriff MAYA ist damit eigentlich grundsätzlich zum Scheitern verurteilt. Vergleiche helfen nicht weiter. In einem Ethikbuch habe ich die Geschichte von einem Schmetterling gefunden, der träumt, ein Mensch zu sein – und umgekehrt. Die Geschichte hat einen fernöstlichen Anstrich, ist aber nicht viel mehr als der Kerngedanke aus Das Leben ist ein Traum von Calderón de la Barca. Dort kann die Figur Sigismund nicht zwischen Traum und Realität unterscheiden. Aber in all diesen Vergleichen gibt es ein handelndes Subjekt.

In der indischen Philosophie ist das handelnde Subjekt aber selbst eine Illusion. Wie soll eine Illusion sich als solche erkennen? MOKSHA ist die Lösung, verspricht die indische Philosophie. Mehr dazu in einem weiteren Beitrag.

tmd.

J.J.R. als Politikbeobachter

Manchmal hilft es, in der schnelllebigen, hektischen Welt der Politik inne zu halten und einen Großmeister der politischen Philosophie zu befragen.
Dient die Politik den Bürgerinnen und Bürgern? Grundsätzlich ist das schon möglich. Politiker behaupten, dass sie für das Gemeinwohl tätig sind und den Gemeinwillen durchsetzen wollen – also das, was die meisten wollen. Aber in einem demokratisch-pluralistischen Politiksystem gibt es eben mehrere Parteien, die alle für sich reklamieren, dass sie genau das wollen – tätig sein für das Gemeinwohl und den Willen der Menschen.

Bundestag
Politik, ein Wettbewerb? – Quelle: LoboStudioHamburg, Pixabay

In demokratisch-pluralistischen Politiksystemen entscheidet der Wettbewerb, welche Partei das Gemeinwohl/den Gemeinwillen durchsetzt. Dazu passt, dass sich die Parteiprogramme einerseits immer ähnlicher werden, andererseits Polarisierungen helfen sollen, um Alleinstellungsmerkmale zu präsentieren und auf sich aufmerksam zu machen. Man will schließlich gewählt werden. Die angeführten Merkmale von Politik schließen nicht aus, dass es um das Gemeinwohl und den Willen der Menschen geht.

Was aber, wenn eine Partei abgewählt wird? Wenn der mündige und politisch kompetente Bürger einer anderen Partei den Auftrag gibt, das Gemeinwohl zu gestalten und den Gemeinwillen durchzusetzen? Jean-Jacques Rousseau kannte das Problem so nicht. Der Bürger entscheidet und will dabei seine Freiheit sichern. Das ist der Gemeinwille. Das wollen alle Bürger. Diejenigen, die nicht in diesem Sinne abstimmen, die sind verwirrt und irren sich.

Wie hätte J.J.R die Diskussionen nach der Wahl in NRW am letzten Sonntag beurteilt? Was die Torten- und Balkengraphiken der Meinungsforscher da im TV zeigten, das seien doch nur die vielen unterschiedlichen Ausprägungen des Gesamtwillens. Damit lässt sich keine an der Freiheit des Menschen orientierte Politik machen, würde er schlussfolgern. Wenn also eine Partei sich beklagt, dass sie nicht mehr gewählt wurde, dann hat sie nach J.J.R. nicht mehr für den Gemeinwillen gearbeitet, sondern für einen Teil des Gesamtwillens.

Völlig abwegig und überhaupt nicht zielführend würde J.J.R. es finden, wenn sich Parteien, nachdem sie abgewählt wurden, zusammen fänden, um eine künstliche Mehrheit zu bilden – nämlich aus mehreren Gesamtwillen -, die dann gegenüber den Bürgern als Gemeinwillen präsentiert wird. Es ist nur verständlich, warum J.J.R. die repräsentative Demokratie ablehnte.

tmd.

Keine Kausalität: Atman und Brahman

Weltbild
Was ist unser Weltbild? – Quelle: geralt, Pixabay

Die Vorstellung von Totalität, der allumfassenden Welt und Wirklichkeit, ist schwer verständlich für Menschen, die ein christlich geprägtes Weltbild haben. Nur durch die Gedankenfigur der Transzendenz, die aber selbst wieder Verstehenshürden aufbaut, kommt man der Totalität nahe.
Im Hinduismus/Buddhismus ist das Problem noch radikaler. Sobald man nach einer Ursache oder einem Grund der Welt fragt, verschließt sich das Gedankengebäude der hindustisch-buddhistischen Religion, produziert unlogische Elemete und widersprüchliche Aussagen.

Das Weltgesetz, der Motor der Welt und Wirklichkeit ist bei den Hinduisten das Zusammenspiel von Atman und Brahman. Mit Vergleichen versucht man dieses Weltgesetz anschaulich zu machen. Das gelingt eigentlich nie vollkommen. Das liegt daran, dass bei jeder Veranschaulichung die Allumfassenheit sofort aufgehoben wird. Man stellt sich als Betrachter gleichsam außerhalb dessen, was beschriebenen werden soll und schon ist die Totalität durchbrochen.

Eine Beschreibung, die ein wenig an die Erklärungen für das Nirvana erinnert, ist diese. Stell dir ein Meer vor. Ein Meer ohne Ufer hinter dem Horizont. Also grenzenlos in der Ausdehnung. Dieses Meer ist Brahman. Meer besteht aus Wasser. Betrachte nun einen Tropfen des Wassers. Dieser Tropfen ist ein Teil des Meeres. Der Tropfen ist Atman. Ohne die vielen Atman gibt es kein Brahman. Ohne Brahman gibt es kein Atman.
In einem Ethikbuch habe ich diesen Satz aus den Schriften der Hindus gefunden: aham brahman asmi/tat twan asi. „ich bin Brahman/das bis du.“

Das ist also reziprok (wechselseitig, aufeinander bezogen) und reflexiv (rückbezüglich) in einem. Beide Elemente ziehen das jeweils andere zur Erklärung heran. Man kann es auch als Individualisierung des Allgemeinen betrachten, das dann so weit geht, Atman mit dem Einzelwesen/den Erscheinungen in der Welt und Brahman mit dem Universum gleichzusetzen. Ungeklärt bleibt jedoch, wie dieses Modell zum Laufen gebracht wird. Warum kommt es zur Individualisierung und warum in dieser Form? Keine Frage, die sich ein gläubiger Hindu stellt. Es läuft doch und ist damit ein Beweis dafür, dass das Weltgesetz aus Atman und Brahman existiert. Die Suche nach einem Grund oder einer Ursache passt nicht in dieses Modell.

Eine Art Urknall ist vorstellbar und würde, so heißt es, von Hindus nicht abgelehnt. Die könnten sich ohne Weiteres mit dieser Vorstellung anfreunden. Insgesamt sei dieses Modell von Welterklärung sehr materialistisch und eigentlich atheistisch. Das widerspräche zwar den vielen Göttern im Hinduismus, aber die sind schließlich auch aus dem Wechselspiel von Atman und Brahman hervorgegangen. An diesem Punkt jedoch melden sich die Widersprüche und die Ungereimtheiten. Sind die Gottheiten eigen- oder fremdgesteuert? Beides geht aber nur im Einklang mit dem allumfassenden Atman/Brahman.

Ein wenig sieht es so aus, dass, sobald man sich mit dieser Weltanschauung beschäftigt, zwangsläufig Teile davon in einem blinden Fleck verschwinden.

tmd.

Grundwissen: Wahrnehmung

Das Grundwissen zum Thema: Wahrnehmung und Erkenntnis, wird schon in der fünften Klasse erarbeitet. Für Quereinsteiger in den Ethikunterricht der Mittelstufe gibt es hier eine kurze Zusammenfassung zum Thema Wahrnehmung.

Die menschliche Wahrnehmung ist zunächst auf die Sinne angewiesen. Die Sinne sind das Sehen, das Hören, das Riechen, das Schmecken und das Tasten (Fühlen). Diese Sinne können einzeln oder auch insgesamt getäuscht werden. Die Graphiken von M.C. Escher (Maurits Cornelis Escher, 1898-1972) sind gute Beispiele für die Täuschung des Sehsinnes. An diesen Bildern kann jedoch auch das Sehen trainiert werden, um die Täuschung zu erkennen. Aus diesem Beispiel kann aber auch abgeleitet werden, dass Menschen in Bezug auf ihre Sinne grundsätzlich manipulierbar sind. Die Möglichkeit der Täuschung wird dabei von anderen Menschen ausgenützt. Denkbar ist natürlich auch, dass Menschen aufgrund von Krankheit ihre Sinne nicht voll einsetzen können.

Maßstab
Sind Werte messbar? – Quelle: arielrobin, Pixabay

Aus dieser Erkenntnis, dass Menschen grundsätzlich in ihrer Wahrnehmung getäuscht werden können, wird der Wunsch abgeleitet, unsere Wahrnehmung zu kontrollieren und zu prüfen. Menschen suchen nach Methoden (Wege), die Täuschungen zu erkennen und zu vermeiden.

Da es in Ethik um Moral, Normen (Regeln und Gesetze) und Werte geht, werden also mögliche Täuschungen im Wertesystem und in Moralvorstellungen unter die Lupe genommen. Ich brauche also einen Bewertungsmaßstab dafür, zu entscheiden, ob eine Moral brauchbar ist oder nicht.

Vorausgesetzt wird dabei im Weiteren ein moralisches System, das sich an den Menschenrechten und der Menschenwürde orientiert. Und: Moral und Werte müssen universell sein. Jeder muss sie anwenden können wollen. Hier wird Immamuel Kant (10. Klasse) bereits kennengelernt. Das Moral- und Wertesystem wird also nicht von der Basis her aufgebaut, sondern Alltagssituationen werden vor dem Hintergrund der herrschenden Moralvorstellungen gespiegelt. Gerade das bereitet die größten Schwierigkeiten, weil man nicht voraussetzungslos eine Moral aufbauen kann.

Beispiel: Einen Menschen allgemein und individuell wahrzunehmen, setzt voraus, dass ich bei der allgemeinen Wahrnehmung die Menschenrechte und -würde als Maßstab nehme: Alle Menschen sind gleich! Die reine Beobachtung ergibt jedoch das Gegenteil: Wir sind alle sehr individuell!
Ich muss also auch den Maßstab meiner Wertungen ständig reflektieren. Das erfolgt in meinen Erfahrungen und Erlebnissen. Das ist meine gleichsam innere, geistige Wahrnehmung. An dieser Stelle wird Verstand und Vernunft eingesetzt. Das wird aber in dieser ausdrücklichen Weise erst in der 10. Klasse thematisiert. In der Unterstufe werden Erkenntnisse aus Soziologie und Psychologie eingesetzt, um Allgemeines und Individuelles zu erklären. Beispiele sind Selbst- und Fremdwahrnehmung und die soziale Rolle.

Auf diese Weise kann man auch Regeln, Bedürfnisse und Glücksvorstellungen untersuchen und allgemeine und individuelle Maßstäbe aufstellen für Freiheit, soziales Handeln und Entscheiden.
An dieser Stelle wird zur Wahrnehmung von Regeln, Normen und so weiter immer ein vorwissenschaftliches Alltagswissen über Moral verwendet, also das, was wir über Moral schon erfahren haben (geistige Wahrnehmung). Beispiel: In sogenannten Dilemmageschichten lernt man, dass sich in Handlungssituationen Regeln widersprechen können. Bestenfalls kann man dann die eine Regel der anderen vorziehen (Vorzugsregeln). Meist ist jedoch der Konflikt zwischen sich widersprechenden Regeln nicht aufzuheben. Die eine Regel besagt: Du sollst nicht lügen. Was tun, wenn ich damit (mit Lügen) Menschenleben rette?

In der Mittelstufe wird dieses Problem dann nochmals aufgegriffen und präzisiert. Moral wird als ein System von wahren Aussagen behandelt. Aufgabe ist es nun, festzustellen, was Wahrheit ist. Hier gibt es zwei Möglichkeiten: empirisch und epistemisch. Die epistemische Feststellung von Wahrheit ist vernunftorientiert. Entweder ist wahr, was in sich widerspruchsfrei ist, was von allen so gesehen wird oder was einfach offensichtlich ist. Hierzu gibt es mehrere Beiträge im Blog, ebenso zur empirischen Feststellung von Wahrheit. Hier geht es um die Übereinstimmung von Wahrnehmung und Wirklichkeit.

In jedem Fall ist der moralische Maßstab, der angewendet wird, Menschenwerk und auch die Ergebnisse moralischer Betrachtungen sind es. Offenbarung und Erleuchtung müssen sich ebenfalls einer kritischen Untersuchung unterwerfen und sind nicht von sich aus wahr.

tmd.

Moralische Feldvermessung

Ein kleines erkenntnistheoretisches Problem beschäftigt Philosophen schon immer und sie können es nicht lösen: Die Beschreibung der Welt – und zwar umfassend und in ihrer Totalität, so nannten es zuletzt die Soziologen der Kritischen Theorie.

Welt in der Hand
Beschreibung der Welt – Quelle: sweetlouise, Pixabay

In dem Moment, in dem ich die Welt beschreibe, muss ich in Rechnung stellen, dass ich mich, der die Welt beschreibt, nicht unterschlagen kann – bei der Beschreibung. Wenn ich mich also in die Beschreibung der Welt mit einbeziehe, dann stehe ich für einen Augenblick außerhalb der Welt, die beschrieben wird und muss sogleich erkennen, dass ich mich wiederum in die Beschreibung einbeziehen muss, und so weiter.

Vor einigen Jahren hat der Philosophieprofessor Markus Gabriel einen Lösungsvorschlag gemacht, der soziologische Aspekte hervorhebt. Die Welt in ihrer Totalität können wir nicht beschreiben, weil es sie so und in dieser Art nicht gibt. Das heißt, wir haben die Frage falsch gestellt, bzw. wir suchen nach etwas, was es so nicht gibt.

Gabriel arbeitet mit „Sinnfeldern“. Sinnfelder konstruieren wir nach Bedarf. Das können x-beliebige Gegenstände sein. Sie müssen nur eines, andere Gegenstände, die unter Umständen ähnlich sind, ausschließen. Ein Beispiel: Eine Cola-Dose kann ich nur als solche auch wahrnehmen, weil ich alle anderen Dosen, die keine Cola enthalten, ausgrenze. „Man macht einen Unterschied“, so nannte das der Soziologe Niklas Luhmann.

Hilft uns das weiter, moralische Entscheidungen zu treffen? Zunächst wird der Standpunkt, dass es viele unterschiedliche Moralen gibt, mit einem wissenschaftlichen Argument gestützt. Das kennen wir. Moral ist Menschenwerk. Ein Sinnfeld einer Moral setzt voraus, dass es da noch andere Moralen gibt. Sonst wäre ja eine Unterscheidung nicht möglich. Dann aber wird ausgeschlossen, dass es so etwas wie eine weltumfassende Moral gibt, die alle anderen Moralen umfasst. Das schließt sowohl die Sinnfeldtheorie als auch unsere grundsätzliche Unfähigkeit, die Welt in Gänze zu beschreiben, aus.

Was sagt das nun aber aus, wenn wir versuchen, moralisch zu urteilen?
Selbstreflexion ist angesagt! Wer die Meinung vertritt, dass es universelle Regeln gibt, der hat ein Problem. Zumindest macht er sich verdächtig, seine Moral als alleinig Seeligmachende zu empfehlen. Das ist philosophisch nicht brauchbar.

tmd.

Stichwort: Anthropozentrische Wende

Hierbei geht es in erster Linie um Erkenntnistheorie. Im Unterricht wird es unter dem Begriff „Menschenbild“ behandelt. Es geht nicht um das Bild, das ich mir von einem Menschen mache, sondern um die Fähigkeiten des Menschen, die Welt und Wirklichkeit zu erkennen (deshalb auch Erkenntnistheorie). Anthropozentrisch heißt hier: auf den Menschen (anthropos, griechisch) bezogen (centrum, lateinisch).

Mensch, Mittelpunkt
Mittelpunkt Mensch – Quelle: geralt, Pixabay

Die Multiplikatoren dieser Wende im Denken und Erkennen waren die Sophisten. Hierzu wird der Name des Sophisten Protagoras gelernt und sein Merksatz: Der Mensch ist das Maß aller Dinge (homo-mensura-Satz). Daraus wird abgeleitet, dass unterschiedliche Menschen eine Sache/einen Sachverhalt unterschiedlich erkennen und bewerten. Den Sophisten war jedoch die Anwendung wichtiger als die Theorie. Sie wollten unter anderem nachweisen, dass für bestimmte Menschen eher die Diktatur als Herrschaftsform geeignet sei, für andere wieder eher die Oligarchie oder Demokratie. Das ist praktischer Relativismus. Geht es um Moral, wird daraus ein ethischer Relativismus abgeleitet.

Der Begriff „ethischer Relativismus“ ist hier eigentlich inkonsequent angewendet, weil es doch um die Beliebigkeit von unterschiedlichen Moralen geht. Die Beschäftigung mit unterschiedlichen Moralen ist eigentlich Ethik. Ethischer Relativismus ist dann eine weitere Meta-Reflexion. Im Unterricht wird das jedoch nicht thematisiert.

Um eine Wende handelt es sich deshalb, weil vor den Sophisten die Vorsokratiker (die Philosophen vor Sokrates, der eigentlich ein Sophist war) das Problem der Erkenntnis nicht subjektiv – vom Menschen her – sondern in Bezug auf die objektive Welt (das Seiende, das, was ist – das Nicht-Seiende, das, was nicht ist) lösen wollten.

Sieh auch den neuen Beitrag zur Anthropozentrischen Wende.

tmd.