Wer trägt die Verantwortung

„Ich bremse auch für Tiere.“ Das war so ein Spruch, der am Heck eines Autos eine Zeit lang eine klare Botschaft von Tierfreunden war. Normalerweise ist derjenige, der in solch einem Fall auffährt, der Schuldige. Doch es gibt hier Ausnahmen. Der Vorausfahrende darf nicht ohne zwingenden Grund bremsen. So steht es in §4 der Staßenverkehrsordnung.

Bevor sich der geneigte Leser wundert, was dieses für Juristen sicher spannende Thema im Moral-Blog zu suchen hat: es geht hier um schnelles Handeln (Bremsen oder nicht) wobei immer irgend ein Schaden dabei entsteht. Also eine klassische Dilemma-Situation.

Soll man das Eichhörnchen, das die Straße überquert retten und dabei einen Auffahrunfall riskieren? Bisher war das im Schadensfall eine Sache der Verkehrsteilnehmer. Bisher war es eine Angelegenheit der Anwälte und Gerichte. Jetzt kommt jedoch der neue Freund des Menschen hinzu: der Roboter, der Computer, der einem das Fahren abnimmt, sagen die „Ethikräte“ (die obersten Moralwächter).

Zahlencodes, Frauengesicht
Künstliche Intelligenz – Quelle: geralt, Pixabay

Er, der Roboter muss jetzt in Sekundenbruchteilen entscheiden, was zu tun ist. Gut, das genau kann dieser Fahrer ganz besonders gut. Wer schon mal Freecell auf einem Computer gespielt hat, der kann dem Rechner regelrecht zuschauen, wie er entscheidet. Innerhalb weniger als einer Sekunde kommt die Meldung: this game is no more winnable oder unable to determinate, if this game is lost – und das manchmal nach wenigen Spielzügen. Rechner können aber noch mehr. Unterschiedliche Entscheidungswege werden durchgerechnet und bewertet.

Und jetzt sind wir genau bei dem Thema, das die Ethikräte derzeit aufregt.

Wer trägt die Verantwortung

Welche Rechenroutinen soll der Computer durchführen, wenn er realisiert, dass es zu einem Auffahrunfall kommen wird? Welche Entscheidungsmuster soll er wählen? Hat der menschliche Passivfahrer die Möglichkeit hier Einfluss zu nehmen? Es ist schon sonderbar, sobald die Technik dem Menschen Arbeit abnimmt, meint der Homo Sapiens, dass er seinen zweiten Namensteil bei der Garderobe abgeben darf. Auch der Einsatz von vollkommen automatisch fahrenden Systemen entlässt den Menschen nicht aus der Verantwortung. Die Selbstfahrsysteme werden aller Voraussicht nach Sicherheitshinweise tragen, die im Grunde jegliche Haftung des Herstellers im Schadensfall ausschließen.

Wer bei einem Unfall mit automatisch fahrenden Systemen zu Tode kommt, dem nutzen diese Überlegungen wenig. Wer die Systeme nutzten wird, der sollte wissen, was er macht.

tmd.

Buddhismus – Leseempfehlung

Bogensport und Buddhismus – Quelle: Sigipritzi, Pixabay

Hier zwei Leseempfehlungen zum Thema Buddhismus.

Eugen Herrigel, ZEN in der Kunst des Bogenschießens
O.W.Barth Verlag, 2011, Neuauflage

Leseprobe:
Die Übungshalle war hell erleuchtet. Der Meister hieß mich eine Moskitokerze, lang und dünn wie eine Stricknadel, vor der Scheibe in den Sand zu stecken, das Licht im Scheibenstand jedoch nicht anzuknipsen. Es war so dunkel, dass ich nicht einmal die Umrisse wahrnehmen konnte, und wenn nicht das winzige Fünklein der Moskitokerze sich verraten hätte, hätte ich die Stelle, an welcher die Scheibe stand, vielleicht geahnt, aber nicht genau auszumachen vermocht. Der Meister „tanzte“ die Zeremonie. Sein erster Pfeil schoss aus strahlender Helle in tiefe Nacht. Am Aufschlag erkannte ich, das er die Scheibe getroffen habe. Auch der zweite Pfeil traf. Als ich am Scheibenstand Licht gemacht hatte, entdeckte ich zu meiner Bestürzung, dass der erste Pfeil mitten im Schwarzen saß, wahrend der zweite die Kerbe des ersten Pfeiles zersplittert und den Schaft ein Stück weit aufgeschlitzt hatte, bevor er sich neben ihm ins Schwarze bohrte.
(S. 72/73)

Das ist die zentrale Szene in Herrigels Beschreibung seiner Ausbildung im Bogenschießen. Das Buch hilft dabei, eine Ausprägung des Buddhismus besser zu verstehen.

Hermann Hesse: Siddhartha

Die Geschichte von Buddha wird neu erzählt. Vertieft das Grundwissen Buddhismus und hat viele Beispiele und Klärungen für die Begriffe Nirwana, Meditation und die vier edlen Wahrheiten. Ein Klassiker.

tmd.

Grundwissen: Buddhismus

Vorbemerkung: Das Grundwissen Buddhismus bezieht sich auf den Lehrplan Ethik in Bayern. Das Wissen ist sehr knapp gefasst und gibt nur einen Bruchteil dessen wieder, was über den Buddhismus eigentlich gewusst werden kann. Das Wissen zum Buddhismus als Religion dient hauptsächlich dazu, einen Vergleich mit abrahamitischen Religionen vorzunehmen. Es geht also um:

  • den Vergleich von Erleuchtung und Offenbarung
  • um unterschiedliche Interpretationen von Wiedergeburt und Jenseits/Tod
  • unterschiedliche Formen der Lebensführung

Lebensweg des Buddha: In den Ethiklehrbüchern ist der Lebensweg wiedergegeben. Mit der Überlieferung kann Buddhas Weg zum Religionsgründer erklärt werden. Dem Meister nachzufolgen, dafür gibt es unterschiedliche Wege, meist werden die drei YANAS genannt: Hinayana, Mahayana, Vajrayana. Mit JANA ist sinnbildlich das Floß gemeint, mit dem man von einem Ufer zum anderen kommt. Das andere Ufer ist das Nirwana. In Europa kennt man den ZEN-Buddhismus in Japan und den tibetischen Buddhismus mit seinem derzeitigen Oberhaupt dem Dalai Lama.

Buddhistische Mönche
Folgen – Quelle: suc, Pixabay

Im Buddhismus geht es um Erleuchtung. Erleuchtung heißt, dass der Mensch einen Zustand erreicht hat, der eine Wiedergeburt ausschließt.
Dieses Ziel zu erreichen, dabei helfen zum einen die vier edlen Wahrheiten, zum anderen der achtfachen Pfad. Dies wird nicht in allen Ethiklehrbüchern gleich dargestellt.

Der achtfache Pfad sagt dem gläubigen Buddhisten, wie er zu leben hat. Es sind kognitive und praktische Kenntnisse und Methoden.

  • Er soll nach Weisheit streben: Rechte Ansicht und Rechtes Denken. (Pfad 1,2)
  • Er soll sich ethisch verhalten: Rechte Rede, Rechte Handlung, Rechter Lebenserwerb. (Pfad 3,4,5)
  • Er soll meditieren: Rechte Anstrengung, Rechte Achtsamkeit, Rechte Konzentration. (Pfad 6,7,8)

Die Buddhistische Ethik ist in ihren Kernsätzen dem NT sehr ähnlich: z.B. nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen. Die Grundlage für den achtfachen Pfad sind die vier edlen Wahrheiten. Die muss man zuerst erkannt haben.

  1. Das gesamte Leben ist LEID: Geburt, Krankheit, Alter,Schmerzen usw.
  2. Ursache für dieses Leid ist der „Durst“ des Menschen, diese Leid zu umgehen und ungeschehen zu machen. Es ist die Lust auf Liebe, Freude, Ruhm und Reichtum.
  3. Dagegen hilft nur: Den Durst nach Leben, nach Liebe, nach Selbsterhaltung usw. zu beenden.
  4. Den Punkt 3 verwirklichen wir, indem wir den achtfachen Pfad gehen.

Vergleich von Offenbarung und Erleuchtung:
Erleuchtung ist eine Eigenleistung. Sie muss vom gläubigen Buddhisten erbracht werden. Dabei helfen ihm Meditation und die restlichen Anweisungen des achtfachen Pfades. Unterschiede gibt es noch hinsichtlich der drei JANAS.

Vergleich von Nirwana und Paradies:
Nirwana ist die vollständige Auflösung der menschlichen Individualität. Das ICH ist letztlich nicht mehr vorhanden. Eine unsterbliche Seele gibt es nicht. Das Paradies dagegen ist der Ort, an dem der Mensch nach seinem Tode vollkommen ist. Er ist Individuum und bei Gott. Die Seele ist unsterblich.

Ethik und Moral:
Hier sind die Unterschiede zwischen Christen und Buddhisten in der Praxis nicht sehr groß. Buddhisten orientieren sich an den vier edlen Wahrheiten und dem achtfachen Pfad. Christen orientieren sich am NT (Bergpredigt).

Sinn des Lebens:
Buddhisten: Erleuchtung.
Christen: Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen.

Literaturempfehlungen folgen in einem eigenen Beitrag.

tmd.

Über die Freiheit eines Christenmenschen

Was sagt uns eigentlich Martin Luther (1483-1546) zum Thema Freiheit?
Die Freiheit des Christenmenschen ist eigentlich nur eine bedingte Freiheit. Der Mensch hat zwar einen freien Willen, aber dieser freie Wille tendiert immer dazu, gegen die göttlichen Gesetze – die im Alten Testament stehen – zu verstoßen. Der Mensch will gerne so sein, wie Gott es vorschreibt, aber er ist einfach zu schwach und sündigt immer wieder.

Martin Luther
Martin Luther – Quelle: Tama66, Pixabay

Was also tun? Luther lenkt unseren Blick auf das Neue Testament. Dort ist Verheißung und Vergebung angesagt – aber nur, wenn man fromm und gläubig ist. Nur der Glaube kann den Christenmenschen retten. Wer nicht glaubt, der wird sich an den Moralvorstellungen des AT abarbeiten und immer wieder scheitern. Wer aber glaubt, der weiß, dass ihm vergeben wird, wenn er sich schuldig gemacht hat.

Hilft uns das weiter – als Christenmenschen? Nur bedingt, wird ein Psychologe und Philosoph anmerken. Es gibt Menschen, die einfach nicht in der Lage sind, diese Pauschalentschuldung durch Glauben zu erfassen. Das widerstrebt der Vernunft. Denn damit ist der Sünde eigentlich Tür und Tor geöffnet. Man wird schließlich immer wieder „entschuldet“ durch Glauben und Hoffnung auf die Zusagen Gottes. Der verzweifelte Versuch zu glauben, aber es nicht zu können, führt oftmals in Depression und Neurose.

tmd.

Auf der Suche nach Wahrheit

Himmel mit WOlken
Der platonische Ideenhimmel – qimono, Quelle Pixabay

Der Unterschied zwischen empirischen und epistemischen Wahrheitstheorien ist nicht so einfach zu verstehen. Das liegt daran, dass wir im Alltagsleben die Welt, so wie sie ist, niemals in Zweifel ziehen. Die Welt mit all ihren Objekten gibt es und muss es geben, sonst könnten wir uns nicht in ihr zurecht finden. Wir können eben nicht jedes mal darüber nachdenken, ob es den Baum, den wir sehen, auch wirklich gibt.

Das Problem ist nicht allein die Frage nach der Existenz der Welt. Es geht um die Frage, was ist Wahrheit und welche Moral ist wahr. Verantwortlich für das Problem ist natürlich Platon, der die sinnliche Wahrnehmung zum geistigen Kerker machte (siehe dazu die Blogbeiträge zum Höhlengleichnis und der Ideenlehre). Allein die Vernunft sei in der Lage, so Platon, uns wahre Erkenntnis zu liefern. Aber schon Aristoteles rückte von dieser Vorstellung ab und meinte, man könne die Objekte der Welt zunächst allgemein erfühlen. Im Ethikunterricht wird das bereits in der Unterstufe thematisiert, wenn es um das Allgemeine und das Besondere geht. Allgemein sind alle Menschen gleich – gemeint ist, sie haben die gleichen Menschenrechte – aber im Besonderen sind sie doch sehr verschieden.

Thomas von Aqiun hat diese Sicht weiter ausgebaut. Man vergleicht das, was man sieht mit dem, was die Vernunft einem sagt. Deshalb wird in der Mittelstufe gelernt: veritas est adaequatio intellectus et rei. Wahrheit ist die Übereinstimmung des urteilenden Denkens mit der Sache. Und damit war sie geboren, die (empirische) Korrespondenztheorie der Wahrheit. Wenn die Wirklichkeit, die ich sehe, mit meinem Urteil (aus der Vernunft) übereinstimmt, dann ist der Vergleich wahr. So einfach kann das sein.

Als die Philosophen jedoch feststellten, dass die Übereinstimmung nur eine Aussage ist, die ich nicht an der Wirklichkeit nachweisen kann, weil dieser Nachweis wieder nur eine Aussage ist, und so weiter, war es um die Leistungsfähigkeit der Korrespondenztheorie geschehen.

Seither hat die (epistemische) Kohärenztheorie die Aufgabe, Wahrheit zu beweisen. Aussagen sind nur dann wahr, wenn sie in sich nicht widersprüchlich sind und nicht im Widerspruch zu anderen wahren Aussagen stehen. Die Konsenstheorie und die Evidenztheorie (beides epistemische Theorien) gibt es zwar auch noch, aber bei den beiden Theorien weiß man, dass sie nicht sehr robust sind. Die Mehrheit (Konsens) muss nicht immer Recht haben und nicht jede Idee ist wahr, auch wenn sie uns gefällt.

Die Kohärenztheorie ist auch deshalb so erfolgreich in moralischen Dingen, weil es hier um Aussagen über Werte und Normen geht. Moralische Aussagen müssen der Verallgemeinerungsfähigkeit dienen, damit jeder Mensch Anteil an ihnen hat.

Wer jedoch in einem platonischen Ideenhimmel eine Entsprechung zu diesen wahren Aussagen sucht, der muss enttäuscht werden. Unsere moralischen Aussagen sind von Menschen gemacht und müssen sich auch nur vor Menschen als wahr rechtfertigen.

tmd.

SENZA FINE

Grenzsituationen sind endgültig. Sie sperren sich gegen Gedankenexperimente und dergleichen Überlegungen, die Grenzsituationen zur reinen Spekulation werden lassen über Zustände, Gefühle oder Gedanken. Dennoch sind Grenzsituationen das Thema für Menschen, das herausfordert. Insbesondere, wenn es ums Sterben geht. Es ist nicht so sehr die Neugierde, wissen zu wollen, was danach kommt – nach dem Tod. Es ist das Interesse daran, wie dieser Prozess vom Betroffenen erlebt wird und wie die soziale Umwelt mit dieser Situation umgeht.

Leben – Tod
Grenzerfahrungen – 733215, Pixabay

Leben wird ganz plötzlich zu einer einzigen großen Planung. Die Literatur ist reich an Beispielen von Menschen, die noch einmal dies oder jenes tun wollen oder ihr Leben ordnen wollen. Dabei kommt es dann zu grotesken Überschneidungen und Konflikten zwischen den Planungen des Menschen, der den Tod vor sich hat und den Planungen seiner sozialen Umwelt, die über den Tag hinaus planen kann. Vielleicht ist die Geschichte einer jungen Frau, sie heißt Ann, die von Isabel Coixet in einem Film (Mein Leben ohne mich, 2003) erzählt wird, gerade deshalb so erschütternd, weil von ihrem nahen Tod ihr soziales Umfeld so gut wie nichts erfährt. Nur der Zuschauer ist über alles informiert. Im Film ist nur der behandelnde Arzt Zeuge der eigentlichen Handlung. Die weiteren Protagonisten leben ihr Leben, haben ihre Probleme und planen weiter.

Life is what happens to you while you’re busy making other plans (John Lennon)

Ann hat auch eine Liste gemacht von Dingen, die sie vor ihrem Tod noch erledigen will. Da werden die Wünsche und Hoffnungen offengelegt, wenn solche Listen gemacht werden. Aber in diesem Fall ist die Liste doch ungewöhnlich. Ann will das Leben nach ihrem Tod planen. Das Leben derer, die weiterleben. Sie erstellt Tondokumente für ihre beiden kleinen Töchter. Jeweils zum Geburtstag soll ihr Arzt den Kindern die Audio-Botschaften schicken. Und sie sucht nach einer Stiefmutter für ihre Kinder, sie sucht nach einer Frau für ihren Mann.

Der Film enthält sich einer Wertung. Ist es moralisch zu rechtfertigen, das Handeln von Ann? Ist Sterben ein Prozess, in den das soziale Umfeld eingebunden sein soll? Der Film endet, wie eine der Filmmelodien, senza fine. Ann ist nicht mehr zu sehen, man hört nur ihre Stimme.

tmd.

Moralische Wahrscheinlichkeit

Grüß Gott
Gibt es einen Gott? – Quelle: Didgeman, Pixabay

Unter den vielen Gottesbeweisen ist der von Blaise Pascal (1623-1662) derjenige, der am besten in unsere Zeit passt. Er ist schlicht und einfach und verzichtet auf komplizierte Argumentationsketten. Er passt zum modernen Menschen, der ergebnisorientiert an die Probleme herangeht. In unserer schnelllebigen Zeit sind Lösungen wie diese unverzichtbar.

Der Mathematiker und Philosoph Pascal argumentiert wie folgt. Zunächst geht es um eine grundsätzliche Entscheidung: Es gibt Gott oder nicht. Das ist eine 50/50-Wahrscheinlichkeit. Dann gibt es jeweils die Entscheidung, moralisch oder unmoralisch zu leben. Diese Möglichkeiten haben jeweils eine 25-prozentige Wahrscheinlichkeit.

Nun können wir vergleichen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es Gott gibt und ich für mein moralisches Verhalten im Jenseits belohnt werde, beträgt nur 25 Prozent. Obwohl nun diese Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, meint Pascal dennoch, dass es sich in jedem Fall lohnt, moralisch zu leben und an die Existenz Gottes zu glauben. Denn die Alternative, unmoralisch zu leben und dafür nach dem Tod Rechenschaft abzulegen vor Gott, hat ebenfalls nur eine Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent. Angesichts dieser Patt-Situation ist es angeraten, moralisch zu leben und auf das Seelenheil im Jenseits zu setzen, wie auf einen möglichen Lottogewinn.

tmd.

Kinder und Moral

Französische Revolution
Vorbilder – Quelle: WikiImages, Pixabay

Kinder und bisweilen auch Jugendliche sind in ihrem moralischen Urteilen ziemlich sicher und prinzipientreu. Sie wissen meist genau, was gut und böse ist. Kinder sind in ihrem moralischen Urteil manchmal so streng wie die Jakobiner in der Französischen Revolution. Ihr moralisches Urteil begründen sie zwar nicht mit den universellen Werten wie die Erwachsenen, aber letztlich zählt doch nur das Ergebnis.

Halten sich die jugendlichen Moraliker an ihre Regeln? Nicht immer!

No risk no fun!

Die moralischen Grundüberzeugungen ins Jugendalter und dann auch noch ins Erwachsenenalter hinüberzuretten, daran sind auch die Vorbilder, die in jedem Ethikbuch beschworen werden, beteiligt. Gut für die Vorbilder, wenn sie nicht mehr direkt von den Kindern herausgefordert werden, weil sie ihre moralische Überlegenheit nicht mehr beweisen müssen.

Unangenehm, wenn die Vorbilder auch Erzieher sind und Moral konsequent durchsetzen müssen. Dann aber berufen sich die Kinder nicht selten auf die zweite Chance. Wenn das nicht geht, dann sind die Vorbilder, die sehr realen, die sich nicht im Ethikbuch verstecken können, plötzlich keine Vorbilder mehr.

tmd.

Das Böse

Das Böse?
Gibt es das Böse? – Quelle: josealbafotos, Pixabay

Gibt es das Böse? Anselm von Canterbury, ein Mönch, der im Mittelalter lebte (1033 – 1109), hat darauf eine interessante Antwort gegeben. Grundsätzlich ist der Mensch ein guter Mensch. Und den Willen, den er hat, um frei zu entscheiden, den hat er von Gott. Und dieser Wille ist deshalb zunächst einmal auch gut. Wenn sich der Mensch aber entschließt – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr gut sein zu wollen, dann verliert er sein höchstes Gut, nämlich gut zu sein. Übrig bleibt nichts.

In einem Lehrer-Schüler-Dialog (aus seiner Schrift: Wahrheit und Freiheit) wird der Lehrer gefragt, ob das Böse nun auch ein „Etwas“ sei. Anselm lässt den Lehrer darauf wie folgt antworten. Wenn das Nichts etwas ist, das alles andere Denkbare, das etwas ist, ausschließt, dann gibt es zwar noch das andere Denkbare, aber nicht das Nichts. Für das Nichts bleibt also nichts mehr Denkbares übrig.

Da Anselm davon ausging, dass alles Denkbare auch existiert, kann er nun schlussfolgern: Wenn etwas ein Nichts ist, dann gibt es das nicht. Nun überträgt Anselm die Argumentation auf das Gute. Wenn das Gute schwindet, durch bösen Willen, dann ist das Gute irgendwann nicht mehr vorhanden, es ist ein Nichts. Gibt es dann noch das Nichts in Form des Bösen? Nein.

Wenn das Gute verschwindet, dann ist nur noch das Nichts.

tmd.

Sicherheit und Freiheit

Piratenromantik
Piratenromantik – Quelle: ptra, Pixabay

Kürzlich fiel mir eine Wandwerbung der Piraten auf. Die Piraten sind eine politische Gruppierung, die vor einigen Jahren die Aufmerksamkeit auf sich zog. Politische Arbeit wurde als Tätigkeit am Notebook oder Smartphone dargestellt und es gab auch einen flotten Spruch: die politischen Gremien zu entern. Entern ist ein Begriff, der für die Beschreibung der Eroberung eines Schiffes von einem anderen Schiff aus gebraucht wird. Soviel zu der Politik-Piraten-Romantik dieser Partei.

Die Werbung, die ich erwähnte, hatte die Überschrift: Freiheit oder Sicherheit. Wer einem dabei reflexartig einfällt, das ist Thomas Hobbes (1588-1679). Ist er doch derjenige, der das Thema erst so richtig aufgemacht hat. Bei ihm stand Sicherheit an erster Stelle. Das ist verständlich, wenn man sich die Zeiten vor Augen führt, in denen er gelebt hat: ständiger Bürgerkrieg, Angst ums Überleben, keine Möglichkeit für die Zukunft zu planen. In einer solchen Situation ist es nur verständlich, wenn man nach einer starken Hand sucht, die Ordnung herstellt.

Das wird oft vergessen und Hobbes wird für sein pessimistisches Menschenbild gescholten. Der Mensch ist egoistisch und jeder Mensch ist des anderen „Wolf“. Dabei unterschlägt man jedoch, dass Hobbes‘ Menschenbild und seine Vorstellungen eines Staates, der wie ein Uhrwerk funktioniert, nur dazu dienten, seiner Grundannahme, dass der Bürger ein grundsätzlich freier Bürger ist, Geltung zu verschaffen.

Natürlich lernen wir für den Unterricht den Merksatz: Freiheit oder Sicherheit. Damit können wir dann diese schrecklich schrägen Vergleiche mit J.J. Rousseau durchführen. Aber für Hobbes war der Bürger in erster Linie ein freier Bürger, der sich das Recht nimmt, die politischen Verhältnisse so zu ordnen, das er, der freie Bürger, in einer Gemeinschaft sicher leben kann. Und dafür muss Sicherheit hergestellt werden.

Eine Gesellschaft, die in absoluter Sicherheit lebt, kann sich Gedanken machen über Freiheit, die ihr fehlt. Freiheit ist jedoch nur dann ein Thema für Menschen, wenn sie, die Menschen, für sich Freiheit grundsätzlich beanspruchen. Vielleicht sind die Piraten beim Entern der politischen Macht deshalb baden gegangen, weil die Wähler die Sicherheit vor Terroranschlägen wollten.

tmd.