Jeder ist seines Glückes Schmied

Hufeisen
Was ist Glück? – Quelle: aischmidt, Pixabay

Der antike Mensch wusste, dass ein moralisches Leben ein glückliches Leben ist. Was aber Glücklichsein bedeutet, das war schon in der Spätantike nicht mehr so klar.

Anicius Manlius Severinus Boethius meinte, dass die Menschen das Glücklichsein unterschiedlich empfinden. Er nannte Reichtum, Ehre, Macht, Ruhm und Lust als Merkmalsausprägungen von Glücklichsein. Welches davon ist aber nun die wahre Glückseligkeit? Die Menschen streben sehr individuell und eben unterschiedlich nach Glück. Boethius empfand das nicht als das große Problem.

„Das Gute ist es also, wonach die Menschen mit so verschiedenem Streben trachten, und hiermit zeigt sich leicht, wie groß die Kraft der Natur ist, da, wie mannigfaltig und einander widersprechend die Ansichten sein mögen, sie doch alle in der Liebe zum Guten ihr Ziel sehen.“
(aus: Trost der Philosophie, Buch III)

Der Weg war damit schon damals offen in Richtung Selbstverwirklichung.

tmd.

Stichwort: Determinimus

Denken
Ursache & Wirkung – Quelle: geralt, Pixabay

Determinismus ist eine Lehre. Die Aussage dieser Lehre ist, dass es keine Wirkung ohne eine Ursache gibt. Moralisch ist das von Bedeutung, weil es nach Meinung der Deterministen keinen freien Willen gibt. Der Wille ist abhängig von irgendwelchen Ursachen. Das können zum Beispiel physikalisch-chemische Prozesse im Gehirn sein. Diese Gründe liegen zeitlich vor dem (moralischen) Handeln.

Diejenigen Philosophen, die den Willen als frei bezeichnen, behaupten das Gegenteil. Sie sagen, dass der Wille des Menschen unabhängig ist von irgendwelchen Beweggründen. Sie müssen dann aber nachweisen, wo sich der Wille befindet und wie es möglich ist, dass er voraussetzungslos funktioniert.

Die Deterministen haben dagegen das Problem, die Kausalketten des Handelns sinnvoll zu verknüpfen. Eine Handlung hat schließlich irgendeine Ursache. Diese Ursache ist aber die Wirkung einer wiederum vorausgenden Ursache. Dieses rein erkenntnistheoretische Problem hat erhebliche Folgen für das moralische Handeln.

Gibt es einen freien Willen, dann gibt es die volle Verantwortung für das Handeln. Ist der Wille abhängig – in welcher Form auch immer – , dann ist der Handelnde auch nur beschränkt verantwortlich für sein Handeln.
Beides hat Einfluss auf die juristische Praxis, die Sozialgesetzgebung, die Sozialpolitik, Medizin und die Sozialpsychologie. Abweichendes Verhalten kann durch die deterministische Betrachtungsweise als Krankheit eingeordnet werden. Bezieht man einen Standpunkt, der den freien Willen betont, dann kann abweichendes Verhalten auch als kriminelle Handlung bezeichnet werden.

tmd.

Kinder an die Macht

Kinder an die Macht? – Quelle: PublicDomainPictures, Pixabay

Immer wieder hört man von Kinderlobbyisten markige Sprüche wie: Kinder an die Macht. Das klingt einfach gut. Sollen doch die Kleinen entscheiden! Dann wird alles gut! Die Anbiederung an die Jugend ist nicht mehr zu überbieten.

Auf der gleichen dümmlichen Argumentationswolke sind auch die Forderungen nach einem Wahlrecht für Jugendliche ab 16 angesiedelt. Wer das fordert, kennt Kinder und Jugendliche nur aus den Medien.

Fragen wir jemanden, der mit praktischer Philosophie bewandert war und dessen Beratung auch Folgen hatte: Aristoteles. Wer zu seiner Zeit politische Entscheidungen zu treffen hatte, der lebte nicht in einer Wohlfühldemokratie, wie sie heute unseren Kindern vorgemacht wird. Die Entscheidungen mussten verantwortet werden. Versager wurden abgestraft.

Junge Menschen, so urteilt Aristoteles, folgen noch den Leidenschaften und sind unerfahren in politischen Entscheidungen. Kann man sie „fordern und fördern“? Nein! Auch hier sagt Aristoteles, dass es eben seine Zeit braucht, bis jemand den Ratschlägen eines erfahrenen Menschen folgen kann und will – ihm überhaupt zuhört.

Das ist ein hartes Urteil. Sind die Bemühungen des Morallehrers deshalb grundsätzlich zum Scheitern verurteilt?

Nein! Moralisches und politisches Handeln lässt sich schon im Klassenverband einüben. Diejenigen, die noch nicht den Nutzen und den Zweck dieser Übungen erkennen können, sind noch nicht reif für die moralische Praxis. Sie brauchen weiterhin strenge moralische Leitplanken als Ersatz für ihre fehlenden Kompetenzen. Aber keinesfalls brauchen sie die Lizenz zum politischen Handeln. Da hatte Aristoteles eben doch Recht.

tmd.

Fides quaerens intellectum

Gottvater, Brügge
Gottvater – Quelle: Pixel2013, Pixabay

Etwas größeres als Gott ist nicht denkbar. Anselm von Canterbury hat das geschrieben. Die Idee dazu hatte er von Augustinus entlehnt. Anselm lebte im 11. Jahrhundert und hat die Diskussion um den Gottesbeweis so richtig eröffnet. Seine Argumentation ist aber nur zu verstehen, wenn wir zwei seiner Sätze kennen.

Fides quaerens intellectum – Glaube, der nach Einsicht sucht.
Credo ut intelligam – Ich glaube, damit ich verstehe.

Erkenntnistheoretisch ist dieses Vorgehen hochinteressant. Nicht die Offenbarung oder Spekulation werden bemüht. Die Vernunft ist es, die weiterhelfen kann. Aber sie kann eben nur genutzt werden, weil sie auf dem Glauben ruht. Dennoch: Die Vernunft wird bemüht und ihr wird ein wesentlicher Anteil an der erfolgreichen Suche zugeschrieben. Anselms Argumentation ist einfach und ein Vorgriff auf die Evidenztheorie. Sie sei hier kurz wiedergegeben. Wenn ich mir etwas vorstellen kann, dann gibt es das auch. Denn in meinem Bewusstsein kann nur das sein, was es auch gibt. (Fantasy-Fans können an dieser Stelle schon mal jubeln.)

Gott ist das Größte, das es gibt, was ich mir denken kann. Mein Glaube, dass es nichts größeres als Gott gibt, ist also richtig, weil ich mir etwas Größeres nicht vorstellen kann. Die erfolgreiche Nutzung der Vernunft hat jedoch auch einen Nachteil. Sobald jemand auf die Idee kommt, seine Vernunft ohne den Glauben einzusetzen, ist es um das „fides quaerens intellectum“ und das „credo ut intelligam“ geschehen. Und das ist dann  der Fall, wenn es um die naturwissenschaftlich-technische Erklärung der Welt geht. Dabei kann man selbstverständlich gläubig sein und bleiben, aber die naturwissenschaftlich-technische Methode kennt keine Denkverbote, je erfolgreicher sie ist.

Was in Technik erfolgreich ist, soll auch bei der Suche nach Moral erfolgreich sein. Mit dem Bemühen, Gott zu beweisen, haben Anselm und andere den Startschuss gegeben, Gott als Motor in der Welt abzuschaffen. Ohne Gott braucht es aber eine neue Verortung von Moral.

tmd.

Diskursethik

Kant und der kategorische Imperativ sind notwendiges Vorwissen, um in der Oberstufe die Diskursethik von Jürgen Habermas zu verstehen.
Habermas bezeichnet Kants Ethik als deontologische und formalistische Ethik.

Mit deontologisch meint er, dass die moralischen Gebote nichts mit den Folgen des Handelns zu tun haben. Eine Handlung ist also bei Kant nicht deshalb gut, weil die Folgen gut sind. Das moralische Gesetz muss für sich schon gut sein. Das ist es aber nur, wenn es in sich widerspruchsfrei ist. Dazu haben wir z.B. die Geschichten mit dem Kaufmann gelernt, der nicht nur deswegen nicht betrügt, weil es dem Firmenimage schadet, sondern, weil er grundsätzlich, also „aus Pflicht“, nicht betrügt. Soviel zur Deontologie.

Formal ist die Ethik von Kant, weil er in einem Gedankenexperiment die Widersprüche in Sätzen herausfiltern kann. Betrügen muss grundsätzlich verboten sein. Wenn es Einzelfälle gibt, in denen das Betrügen erlaubt ist, dann ist die moralische Regel unbrauchbar.

Skywalker & Moral – Quelle: federicoghedini, Pixabay

Was verändert Habermas an Kants Vorgaben? Der Kategorische Imperativ ist nicht haltbar. Ich kenne nämlich nicht alle Menschen und ihre kulturellen Besonderheiten. Da kann es leicht passieren, dass ich eine Regel in meinem Kulturkreis für optimal erkläre, aber in anderen Kulturen die Sache ganz anders aussieht. Habermas nennt das die Gefahr des Ethnozentrismus.

Anmerkung an dieser Stelle: In meinem Ethikbuch für die Oberstufe an Gymnasien in Bayern sind die relevanten Texte von Habermass gekürzt wiedergegeben. Das ist bedauerlich. Ich würde seinen Gedankengang mit diesen Kürzungen nicht verstehen.

Habermas verengt Deontologie und Formalethik auf den schmalen Bereich einer Diskussion. Geltung haben die gefundenen Aussagen – deontologisch und formal – vorerst nur in einer kleinen Gruppe von Menschen, die miteinander sprechen.

Wie sieht so eine Diskussion aus. An dieser Stelle werden die praktischen Anweisungen gegeben. Dabei wird aber nicht erwähnt, dass Habermas davon ausgeht, dass eine solche Diskussion nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich ist. Habermas nennt das den moralischen Standpunkt. Mit Standpunkt meint Habermas das, was wir für eine Diskussion voraussetzen. Das erinnert sehr an das Menschenbild in Ethik: Was kann der Mensch erkennen. Hier geht es darum, unter welchen Voraussetzungen ist ein Diskurs möglich, der zu moralisch akzeptablen Regeln führt.

Habermas hat dazu Vorschläge gemacht, die heftig kritisiert wurden. Seine Vorschläge brauche ich hier nicht nochmal auflisten. Sie stehen in jedem Ethik-Lehrbuch. Habermas antwortet seinen Kritikern, dass der Diskurs eine ideale Sprechsituation vorwegnimmt. Der ideale Sprecher unterstellt dem Gesprächspartner, dass er ebenfalls wahrheitsgemäß argumentiert und es keinen Druck und Zwang gibt.

Solche Sprechsituationen sind denkbar und auch möglich.

tmd.

Skeptizismus: Sextus Empiricus

Gladiator
Moral, von Menschen für Menschen – Quelle: Madrover, Pixabay

Sextus Empirikus war es, der den Skeptizismus der Sophisten ins Mittelalter rettete. Er hat die vielen Beispiele zusammengetragen, die uns heute noch erfreuen: Menschen zu töten ist nicht erlaubt, aber Gladiatoren werden fürs Morden geehrt. Ehebruch ist bei einigen Völkern erlaubt, bei anderen nicht. Die Eltern sollen von den Kindern im Alter versorgt werden, bei den Skyten ist es dagegen üblich, den alten Menschen die Kehle durchzuschneiden, sobald sie 60 Jahre geworden sind. Zum Glück kann man sich jetzt darüber amüsieren, weil es solche Verhältnisse nicht mehr gibt.

Sextus Empiricus hat auch darauf aufmerksam gemacht, dass man sich zunächst über Glück freut, dann aber leidet, weil man befürchtet, dass man das Glück verliert. Hier ist er eher Psychologe als Philosoph und Erkenntnistheoretiker.

Grundsätzlich hat er aber das Nachdenken über unterschiedliche Moralen wach gehalten. Welche Moral die richtige ist, das hat er nicht gesagt. Klar: Er ging davon aus, dass es so etwas wie eine klare Unterscheidung von Gut und Böse nicht gibt. Mehr noch: Mit Gut und Böse, Glück und Unheil solle sich der Mensch nicht beschäftigen. Das erzeuge nur Unruhe.

tmd.

Rollenzwang: den Erwartungen dienen

Leistungen und Erwartungen sind es, die unser soziales Leben herstellen und zusammenhalten. Im Begriff der sozialen Rolle erkennen wir diese Leistungen und Erwartungen, fassen sie zu Leistungs- und Erwartungsbündeln zusammen und richten uns nach diesen Rollen. Ohne Rollen funktioniert es nicht – das soziale Leben. Wir leiden oft darunter, diese Rollen spielen zu müssen. Wir ändern aber allein durch die Erkenntnis nichts an diesem Leiden. Die Erkenntnis hilft nicht weiter, sie kann uns sogar in noch größere Verzweiflung stürzen, wenn wir sehen, dass wir gefangen sind in unseren Rollen.

Literarisch in bester Form hat das Theodor Fontane in seinem Roman Effi Briest herausgearbeitet im Dialog zwischen Geert von Instetten und Geheimrat Wüllersdorf.

Rolle, spielen, Zwang
Welche Rolle spielst du? – Quelle: gmello, Pixabay

Für diejenigen, die Effi Briest nicht gelesen haben, hier eine sehr kurze Zusammenfassung der Handlung. Instetten heiratet die Tochter seiner früheren Geliebten. Effi ist von der Ehe mit dem sehr viel älteren Mann überfordert und beginnt ein Verhältnis mit einem Freund von Instetten, Major Crampas. Nach Jahren erfährt Instetten von dem Verhältnis und sieht sich gezwungen zum Duell mit Crampas. Er berät sich deswegen mit seinem Kollegen und Vorgesetzten Wüllersdorf.

In diesem Gespräch geht es in der Hauptsache um die Frage, warum dieses Duell überhaupt noch nötig ist. Wüllersdorf argumentiert, dass die Angelegenheit doch schon so lange her sei und Instetten seine Frau liebe und keinerlei Hass gegen Crampas im Sinn führe. „…Instetten, so frage ich, wozu die ganze Geschichte.“

Instetten spricht die gesellschaftlichen Zwänge an, wenn er sagt: „Aber im Zusammenleben mit den Menschen hat sich ein Etwas gebildet, das nun mal da ist und nach dessen Paragraphen wir uns gewöhnt haben, alles zu beurteilen, die anderen und uns selbst. Und dagegen zu verstoßen, geht nicht; die Gesellschaft verachtet uns, und zuletzt tun wir es selbst und können es nicht aushalten und jagen uns die Kugel durch den Kopf.“

Und Wüllersdorf weiß genau, was Instetten mit dem „Etwas“ meint und antwortet ihm: „Ich finde es furchtbar, dass Sie Recht haben, aber Sie haben Recht. Ich quäle Sie nicht länger mit meinem ‚muss es sein‘. Die Welt ist einmal wie sie ist, und die Dinge verlaufen nicht, wie wir wollen, sondern wie die anderen wollen. Das mit dem Gottesgericht, wie manche hochtrabend versichern, ist freilich ein Unsinn, nichts davon, umgekehrt, unser Ehrenkultus ist ein Götzendienst, aber wir müssen uns ihm unterwerfen, solange der Götze gilt.“

Fontane kritisiert hier die festgezurrten Leistungs- und Erwartungsbündel preußischer Offiziere.

Ein Role-Making, ein Role-Changing erscheint uns heute als überfällig, blickt man auf die historische Situation in Fontanes Roman. Uns fällt das zwanghafte Festhalten der Personen an Rollenvorstellungen, die sich eigentlich schon überlebt haben, sofort auf. Aber das auch nur, weil wir Distanz haben.

Im Hier und Heute müssen wir diese Distanz erst mühevoll erarbeiten.

tmd.

Der freie Wille als Manager

Freier Wille? – Quelle: ptra, Pixabay

Wenn es um den freien Willen geht, wird immer auch der amerikanische Neurowissenschaftler Benjamin Libet genannt, verkürzt zitiert und zu Unrecht in die Ecke der Deterministen gestellt.

Erzählt wird dann, dass eine Handlung im Gehirn unbewusst entsteht, vorhanden ist und erst 400 ms später im Bewusstsein als Handlung realisiert wird. Die Deterministen jubeln, ist doch die Handlung entstanden, bevor sie bemerkt wurde.

Das kann man so nicht stehen lassen, insbesondere weil man mit diesem Wissen bei Prüfungen keine Aussicht auf Erfolg hat. Denn dort werden Texte vorgelegt, die Kenntnis voraussetzen darüber, was Libet wirklich herausgefunden hat. Handlungen entstehen sehr wohl im Gehirn und werden erst später – das sind die 400 ms – im Bewusstsein als solche realisiert. Aber diese Handlungen marschieren nicht ungehindert durch unseren psychischen Apparat. Sie können nämlich auch blockiert werden. Die Handlung wird nicht ausgeführt.

Der freie Wille ist also nicht der Produzent, sondern der Manager der vielen möglichen Handlungen, die im Gehirn entstehen. Der freie Wille ist Reflexion und Reduktion der komplexen Aktionen in unserem Gehirn.

Kultur und insbesondere Moral bekommen so einen vollkommen neuen Stellenwert. Moral entsteht nicht in einem transzendenten 3-D-Drucker. Moral ist die aktive Konstruktionsarbeit unserer kommunikativen Verhältnisse.

Braucht es in dieser Theorie des freien Willens die Verantwortung? In gewisser Hinsicht schon, wenn man bedenkt, dass Verantwortung selbst ein Teil dieser Konstruktionsarbeit ist.

tmd.

Marx: Sein und Bewusstsein

Hier eine kurze Ergänzung zu Marx und dem Verhältnis von Basis und Überbau. Marx behauptet: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Mit Sein meint Marx das Dasein, die Lebens- und Arbeitsverhältnisse, den Alltag also. Bewusstsein ist die Deutung und Verarbeitung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse, der Sinn des Lebens. Arbeiter haben demnach ein anderes Bewusstsein als die Kapitalisten. Kapitalisten sind bei Marx diejenigen, die die Arbeiter ausbeuten. Arbeiter sind diejenigen, die sich nicht wehren können.

Marx & Engels – Quelle: jensjunge, Pixabay

Irgendwann kommt es, so Marx, zu einem Konflikt zwischen Arbeitern und Kapitalisten. Es kommt zur Revolution und die Arbeiter können die Fabriken der Kapitalisten übernehmen und dann wird alles gut, weil der Sozialismus ist da und bald danach auch der Kommunismus. Auslöser der Revolution soll sein: das Sinken der Profitrate (Kapitalisten verdienen nicht mehr soviel) und die Verelendung der Arbeiter (weil sie von den Kapitalisten keine Arbeit mehr bekommen, da die ihre Produkte nicht mehr verkaufen können). Welche Rolle spielt hierbei aber das Verhältnis von Sein und Bewusstsein? Warum erwähnt Marx das? Das ist in den Beiträgen zu Marx bisher nicht erklärt worden.

Die Produktionsverhältnisse veränderten sich in der industriellen Welt, so wie sie Marx kannte, sehr schnell. Heute geht das sogar noch schneller. Die Produktionsverhältnisse sind aber das Sein des Arbeiters. Also ändert sich auch das Bewusstsein der Arbeiter. Ändert sich auch das Bewusstsein der Kapitalisten? Nein! Es ändert sich nicht oder zumindest sehr viel langsamer. Marx sagt das. Nur so ist erklärlich, das es zur Revolution kommt. Die Arbeiter entwickeln ein neues Bewusstsein – das Klassenbewusstsein. Die Arbeiter erkennen, dass sie es sind, die im Kapitalismus, die Herrschaft übernehmen sollen. Die Kapitalisten wundern sich, dass die Arbeiter plötzlich nicht mehr mit ihrem Dasein zufrieden sind. Aber da ist es nach der Revolution schon zu spät, um irgendetwas am alten Herrschaftssystem zu retten.

Kann man diese Deutung auf unsere Verhältnisse übertragen? Einige Wissenschaftler, die sich damit beschäftigen, meinen das. Sie denken dabei an die „Wutbürger“ oder an die Arbeiterklasse, die in den USA Donald Trump gewählt hat.

tmd.

Die Gewöhnung schläfert den Blick unseres Urteils ein

Schiedsrichter
Regel, Normen, Werte… – Quelle: Free-Photos, Pixabay

Wenn in Ethik Sachverhalte angesprochen werden, die nicht mit einfachen Merksätzen beschrieben werden können, dann taucht meist ein Sinnspruch eines Philosophen in einem Textschnipsel auf, der gut klingt, aber auch erst wieder interpretiert werden muss. Michel de Montaigne (1533-1592) ist so einer, der sich mit Moral und Sitte beschäftigt hat. Ließt man längere Text von ihm, z.B. „Die Verschiedenheit der Sitten“, dann ist man von seiner erkenntnistheoretischen Kritik überrascht. Der Mann hat vieles vorausgedacht.

„Die Gewöhnung schläfert den Blick unseres Urteils ein.“

Wir werden in eine Welt hineingeboren und akzeptieren alle möglichen Normen und Werte, ohne größeren Protest. Würde man die eigenen Gewohnheiten aber aus dem Blickwinkel fremder Kulturen betrachten können, würden wir schnell erkennen, dass viele unserer Verhaltensweisen schon sonderbar sind. Umgekehrt geht das schon einfacher. Montaigne bringt in diesem Zusammenhang das Beispiel, dass es Völker gibt, „bei denen man dem den Rücken zuwendet, den man begrüßt, und den niemals anblickt, den man ehren will.“ Montaigne bezeichnet das als „Grillen“. Interessanterweise beschäftigt er sich ausdrücklich nicht mit den „plumpen Lügengewebe der Religionen“.
Vielmehr geht es ihm um den Nachweis, dass unsere Vernunft eben nicht allein ausreicht, den von Gewohnheit getrübten Blick zu klären. Montaigne ist der Meinung, dass die Vernunft bereits in der Gewohnheit drinnen steckt und deshalb nicht gegen die Gewohnheiten in Stellung gebracht werden kann.

Was heißt das nun in unsere Sprache übersetzt? Unsere Sitten und Moralen sind selbstverständlich Menschenwerk. Daran lässt Montaigne keinen Zweifel. Aber wie soll man die Entstehung von Moralen durchschauen? Wie soll man erkennen, dass sie von den gesamtgesellschaftlichen Kommunikationsstrukturen derart durchsetzt sind, dass man ihren Ursprung nicht erkennt? Montaigne geht sogar soweit zu behaupten, dass unsere Theorien über Vergesellschaftung nicht objektive Gesetze sind, sondern unserer Gewohnheit folgen. Wissenschaftstheoretiker von heute würden ihm wohl zustimmen.
Das erinnert nun schon sehr an Marx und das falsche Bewusstsein.
Montaigne rät aber nicht zu Revolution, sondern zur Selbsterkenntnis. Die Gesellschaft gesundet von ihren Leiden nur durch den einzelnen Menschen. Das Leiden an der Gesellschaft ist der Weg zur Therapie der gesellschaftlichen Leiden.

tmd.