Merkzettel: Ethisch argumentieren

Sag die Wahrheit – Quelle: Gallila-Photo, Pixabay

Hier eine Checkliste von Punkten, die beim ethischen Argumentieren beachtet werden müssen.

  • Argumentiren kann und muss man einüben.
  • Meinungen, Behauptungen und Standpunkte müssen nachvollziehbar sein und müssen begründet werden.
  • Die Begründungen müssen logisch sein.
  • Ohne Fachwissen kann man nicht argumentieren. Auch wenn es um Moral geht, muss man die Probleme kennen.
  • Ethische Argumentation ist nicht Alltagskommunikation. Der gesunde Menschenverstand reicht nicht aus. Man argumentiert immer vor dem Hintergrund einer Theorie. Beispiel: Handeln aus Pflicht, Handeln mit Blick auf das Ergebnis.

tmd.

Über die Herren Sophisten

Der Redner
Der Redner – Quelle: 3dman_eu, Pixabay

Die Sophisten haben nicht gerade das beste Image. Sie sollen ihr Wissen für Geld verkauft haben. An Wahrheit waren sie nicht interessiert. Für einen Philosophen nicht denkbar.
Es gibt aber auch das Bild der Sophisten als erste Aufklärer der Philosophiegeschichte. Sie haben den Weg bereitet in Richtung Pluralismus, heißt es. Jede Bürgerschaft soll demnach die politische Herrschaft haben, die zu ihr passt. Der Bürger ist das Maß der politischen Verhältnisse.

Beide Bilder sind wohl falsch.

In einem Interview rückt der Altphilologe Wilfried Stroh die Verhältnisse gerade.
Prof. Stroh beschreibt die Sophisten als tüchtige Rhetorik-Lehrer. Die Bürger von Athen mit ihren demokratischen Einrichtungen, z.B. Volksversammlung, brauchten diese Lehrer. Wer in Athen etwas erreichen wollte, der buchte sich also einen Rhetorik-Coach. Die Athener selber hatten keine.
Prof. Stroh kennt keine Quellen, aus denen hervorgeht, dass sich die Sophisten ihrer wichtigen Rolle in der Geschichte der Philosophie bewusst waren.
Platon überzog die Sophisten mit Kritik. Er machte das, obwohl er doch wusste, dass sein Lehrer Sokrates eigentlich auch ein Sophist war. Sokrates wollte die Sophisten mit deren eigenen Mitteln entzaubern.
Aber Platon malte ein Bild der Sophisten, dass der Wirklichkeit nicht entsprach. Die Sophisten bei Platon führen Gespräche um Standpunkte, die in Athen kein Thema waren, meint der Professor.

Den Herren Sophisten erging es also wie vielen Personen der Geschichte, deren Bedeutung erst später klar wurde.

tmd.

SMS FÜR DICH von Sofie Cramer

Mehrere SuS haben mich gefragt, ob ich eine Inhaltsangabe und Bewertung zum Roman von Sofie Cramer für den Ethik-Blog schreibe. Ich komme dem Wunsch gerne nach, weil ich hoffe, dass auf diese Weise das Interesse geweckt wird, im Ethikunterricht Bücher (und nicht nur Textschnipsel) zu lesen.

Sofie Cramer erzählt in ihrem Roman „SMS FÜR DICH“ die Geschichte von Clara und Sven. Die beiden lernen sich eher durch einen technischen Irrtum kennen. Nach einigen Irrungen und Verwirrungen kommt es dann doch zum Happy-End für die beiden.

Vertrauen – Quelle: nastya_gepp, Pixabay

Die Geschichte: Clara hat ihren Freund Ben bei einem tragischen Unfall verloren. Ben ist – vermutlich im Drogenrausch – vom Balkon gefallen. Clara tröstet sich damit, SMS-Nachrichten an die Handy-Nummer von Ben zu schicken. Was sie nicht weiß: Die Nummer von Ben wurde durch einen technischen Fehler neu vergeben. An Sven. Der erhält die sehr romantischen und traurigen SMS-Nachrichten von Clara. Anfangs will er sofort antworten, die Verwechslung aufklären und die Angelegenheit beenden.
Doch dann entscheidet er sich anders und will den Absender kennenlernen. Seine Suche ist erfolgreich. Er lernt Clara kennen und verliebt sich in sie. Er erzählt aber Clara nichts von den SMS-Nachrichten, die er von ihr (an Ben‘s Nummer) erhalten hat. Als er ihr die Wahrheit erzählen will, stellt er sich so plump an, dass Clara sich von ihm hintergangen fühlt. Sie meint, er hat ihr Vertrauen missbraucht. Sven will die Sache in Ordnung bringen und Clara um Verzeihung bitten. Er schreibt ihr eine SMS von der ehemaligen Nummer von Ben. Praktisch auf der letzten Seite des Romans finden die beiden wieder zusammen.

Meine Beurteilung:
Ben nannte Clara „Lilime“. Das wusste außer den beiden niemand. Sven erwähnt den Namen und es kommt zum Zerwürfnis (S. 227). Über 200 Seiten wird Sven als eine Person beschrieben, die sehr bedacht handelt. Dass er in einer so wichtigen Sache einfach so drauflos plaudert, das passt nicht.
Sven erwirb das Vertrauen von Clara. Er selbst spielt aber nicht mit offenen Karten. Auch als er sich wieder mit ihr versöhnen will, spielt er den „wissenden“ Beobachter. Clara ist wieder in der Position, dass sie von seinen taktischen Zügen abhängig ist.

Moralisch ist das Verhalten von Sven nicht hinnehmbar.
Vertrauen funktioniert nur auf Augenhöhe.

Sven ist immer einen Zug voraus und kann mit den Entscheidungen von Clara spielen. Das macht ihn eigentlich zu einem eher fiesen Charakter.

Das Buch eignet sich als negatives Beispiel für gelebtes Vertrauen. Bis zur letzten Zeile schenkt Clara Vertrauen. Sven ist Lichtjahre entfernt von einem solchen Wesenszug.
Der letzte Satz im Roman will nahelegen, dass es so etwas wie ein Schicksal gibt. „Vielleicht war es ja gar kein Zufall.“ (S. 239) Clara will damit auch noch die letzten Zweifel an das Verhalten von Sven tilgen. In der Rückschau hilft das dem Leser wenig. Sven hat – einfach gesprochen – verantwortungslos gehandelt. Fazit: Eine geeignete Geschichte, um zu zeigen, was Vertrauen und Verantwortung NICHT sind.

tmd.

Was ist eigentlich Wahrheit? Teil 2

Ein wichtiger Teil unserer Wahrnehmung läuft über Kommunikation. Wann ist eine Kommunikation „wahr“? Hier hilft nur, zu prüfen, ob das Gesagte nachvollziehbar und in sich widerspruchsfrei ist. Eine Sache, z.B. ein Baum, kann nicht wahr oder falsch sein. Entweder es gibt den Baum oder es gibt ihn nicht.
Die Problematik mit der Korrespondenztheorie bleibt hier unbeachtet, bzw. alle, die an der Kommunikation beteiligt sind, meinen, das es den Baum tatsächlich gibt.

Waldsterben – Quelle: Boke9a, Pixabay

Die Aussage: „Der Baum dort ist krank“, kann allerdings wahr oder falsch sein. Ich muss die Aussage also mit anderen Aussagen vergleichen, mit Aussagen also über den Krankheitszustand von Bäumen. Vielleicht muss ich noch weiteres Wissen heranziehen. Insgesamt müssen aber alle Aussagen zueinander widerspruchsfrei sein.
Gleiches gilt bei Kommunikation vor Gericht und in den Wissenschaften.
Natürlich kann ich mich gewaltig irren, wenn ich Aussagen heranziehe, die teilweise falsch sind, oder auf einem Irrtum beruhen. Lange Zeit z.B. galt es als wahre Aussage, dass Spinat viel Eisen enthält. Es handelte sich aber um einen Messfehler!

Diese Art der Wahrheitsprüfung, die Aussagen daraufhin untersucht, ob sie nachvollziehbar, schlüssig und widerspruchsfrei sind, wird Kohärenztheorie genannt. Sie unterstützt die Korrespondenztheorie.
Widerspruchsfreie Aussagen über die Welt und Wirklichkeit sollten außerdem unmittelbar einleuchtend sein. „Ein Stück eines Kuchens ist kleiner als der ganze Kuchen.“ Das ist unmittelbar verstehbar. Diese Theorie nennt man Evidenztheorie. Dabei muss beachtet werden, dass der empirische Sachverhalt (die Erfahrung) gar nicht zur Urteilsbildung herangezogen werden muss. Die Evidenz ergibt sich in unserer inneren Wahrnehmung. „Ein Teil einer Menge ist weniger, als das Ganze.“
Die genannten Wahrheitstheorien verlieren ihre Beweiskraft, wenn unter den Menschen, die sie anwenden, kein Konsens herrscht. Die Konsenstheorie ist sicher die wirkungsmächtigste Theorie zur Klärung von Wahrheit. Wahrheit ist das, was die meisten Menschen für wahr halten. Damit ist sie aber auch empfindlich für Täuschung. Menschen lassen sich gerne täuschen. Psychologen wissen das. Politiker wissen das. Kaufleute auch. Schnell entstehen „Wahrheiten“, die keine sind. Fake News.
Gegen solche Täuschungen kann man nur die Kohärenztheorie in Stellung bringen: Widersprüche enthüllen und aufdecken.
Die Korrespondenztheorie ist eine reine empirische Theorie. Sie arbeitet mit der Erfahrung. Die drei anderen Theorien arbeiten mit der Vernunft. Sie nennt man epistemisch, sie beziehen sich auf Wissen, das man hat.

epistemische Wahrheit – Quelle: sciencefreak, Pixabay

Wissen wir jetzt, was Wahrheit ist?
Nein!
Aber wir haben einen Koffer voller Werkzeuge, mit denen wir feststellen können, ob uns jemand täuschen will.
Also: Wenden wir die Werkzeuge an. Lernen wir argumentieren.

tmd.

Was ist eigentlich Wahrheit? Teil 1

Zuerst die schlechte Nachricht. Wir wissen es nicht genau. Wer sich mit Moral beschäftigt, der kennt das Problem. Wir wissen eben nicht genau, welche Moral die richtige ist. Und auch die Ethiker, die verschiedene Moralen beschreiben und vergleichen, sind nicht im Besitzt der Wahrheit. Ganz zu schweigen von den vielen Fundamentalisten, die es in jeder Religion gibt.

Es gibt aber eine gute Nachricht. Unser Alltag, der noch nicht von Wissenschaft besetzt ist, ist voll von Wahrheiten. Wenn wir uns nämlich ständig Gedanken darüber machen würden, was nun „Wahr“ oder „Falsch“ ist, dann würden wir im Leben nicht voran kommen. Wir verlassen uns auf Gewohnheiten nach dem Motto: Jeden Tag geht die Sonne wieder auf. Wir meinen sehr viel zu wissen, aber das meiste haben wir nicht nachgeprüft, wir werden es nicht nachprüfen oder können es nicht – wir glauben es einfach. Ein philosophischer Blick auf die Welt und Wirklichkeit würde uns mehr als verunsichern.

Dreieck
Illusion – Quelle: ptra, Pixabay

Woher wissen wir, dass es die Welt, die wir sehen, überhaupt gibt?

Zunächst einmal speichern wir die Wahrnehmung als etwas Sinnliches (sehen, hören usw.) ab und meinen, dass es die Welt da draußen tatsächlich gibt. Optische Täuschungen können wir durch Erfahrung und Übung schnell ausschließen. Vollkommene Sicherheit haben wir jedoch nicht, weil wir die gemachten Wahrnehmungen – das Bild in unserem Kopf – von der Wirklichkeit nicht mit der Wirklichkeit vergleichen können. Denn dabei sind wir immer wieder auf unsere Wahrnehmung angewiesen. Wir müssten dafür „außerhalb“ von uns stehen. Das geht aber nicht.

Wir sind Gefangene unserer sinnlichen Wahrnehmung.

Dennoch hat diese Art der Wahrheitskontrolle keineswegs zur Verunsicherung geführt. Das liegt an dem recht „pragmatischen Umgang“ mit unserem „Weltwissen“. Solange unser Wissen von Welt und Wirklichkeit uns keine Probleme verursacht, reicht uns diese eigentlich unvollkommene Wahrheit. In der Philosophie wird die Art der Wahrheitstheorie „Korrespondenztheorie“ genannt. Wir gehen davon aus, dass es eine „Korrespondenz“ von Welt und Wahrnehmung gibt. Korrespondenz ist hierbei die veraltete Bezeichnung für Übereinstimmung. Im Ethikunterricht lernen wir dazu den Satz „Wahrheit ist die Übereinstimmung von urteilendem Denken und Wirklichkeit“. Veritas est adaequatio intellectus et rei. Thomas von Aquin hat das geschrieben. Diese Theorie wird auch „empirisch“ genannt, weil sie über die Erfahrung (Empirie) ermittelt wird.
Wir müssen also unsere Wahrnehmung (das urteilende Denken) an diee Wirklichkeit anpassen.
Leider hilft uns diese Theorie allein nicht recht weiter.
Mehr dazu im nächsten Blogbeitrag.

tmd.

Moralisches Urteilen und Pubertät

Erwachsen werden läuft nicht automatisch ab. Das meint man nämlich nur, weil die biologischen/physischen Veränderungen eigentlich nicht aufzuhalten sind.
Man wird eben älter, ob man will oder nicht.

Das, was da angeblich so automatisch abläuft, kann die Betroffenen aber ganz schön in Schwierigkeiten bringen. Verbunden mit dem Erwachsen werden sind nämlich auch seelische (psychische) und soziale Umbrüche. Nichts ist so wie bisher, wenn die Pubertät beginnt.

Während die physischen Veränderungen nicht aufzuhalten sind, kannst du die seelischen und sozialen Veränderungen zumindest irgendwie beeinflussen. Und du bist nicht vollkommen überrascht, wenn die Psyche Karussell mit dir fährt. Dazu musst du aber wissen, wie die Veränderungen ablaufen, und wie du sie kontrollieren kannst.

Individuell und ähnlich
Individuell und doch ähnlich – Quelle: 3194556, Pixabay

Es geht dabei zunächst um die Entwicklung und Steuerung von Identität und Individualität. Das ist der eine Schwerpunkt beim Erwachsen werden.
Einerseits willst du irgendwie sein, wie irgendein Vorbild. Andererseits willst du aber auch unverwechselbar sein.
Was den nun?
Beides brauchst du.

Identität und Individualität

Identität heißt: du hast ein eigenes Bild von dir selbst, wie und was du bist. Hier kannst du deinen Vorbildern ähneln.
Individualität heißt jedoch: Du hast ein Bild von dir, das unverwechselbar ist und einmalig. Es gibt dich nur einmal.

Individualität und Identität sind aber nur möglich durch Eigenleistung.
Eigenleistung heißt: Individualität und Identität musst du selbst herstellen.

Moralisches Urteilsvermögen

Es geht beim Erwachsen werden aber auch um die Entwicklung des moralischen Urteilsvermögens. Moral haben schon Kinder, aber sie begründen ihre Moralurteile anders als du. Ist die Pubertät abgeschlossen, hat sich dein Urteilsvermögen wieder geändert. Aber nicht automatisch. Es gibt leider Menschen, die moralisch gesehen auf dem Entwicklungsstand eines Jugendlichen stehengeblieben sind.

Train the brain – Quelle: geralt, Pixabay

Dein moralisches Urteilsvermögen kannst du verbessern durch Erfahrungen machen, Diskutieren, Argumentieren. Das ist wie: Bodybuilding für den Geist. Schließlich verändert sich nicht nur der Körper, sondern auch das Gehirn wird in der Pubertät kernsaniert.

tmd.

Stichwort: Gewissen – Grundmodell

Entscheidung – Quelle: 3dman_eu, Pixabay

Intuitiv, also ohne eigenes Zutun, erlebt sich der Mensch oft „im Widerspruch“ zu sich selbst. D.h.: Man will seinen Interessen folgen – erfolgreich, glücklich und reich sein. Aber damit verhält man sich oft nicht als „Gutmensch“.
Die Rollen sind also schnell verteilt: Dem Eigeninteresse zu folgen, ist schlecht, dem gefühlten „idealen“ Handeln zu folgen, ist richtig.

Wer das Richtige tut, der folgt dem Gewissen und handelt verantwortungsvoll.

Erkenntnistheoretisch bleibt dabei unklar:
Entstehung, Form und Funktion des Gewissens.
Welche Rolle spielt der freie Wille?
Kann sich das Gewissen irren?
Kann man dem Gewissen folgen und keine Verantwortung übernehmen?

tmd.

Anthropozentrische Wende

Die „anthropozentrische Wende“ in der Philosophie ist schwer zu verstehen, weil dabei unsere Denkgewohnheiten auf den Kopf gestellt werden.
Ausgangspunkt für die Erklärungen sind die widersprüchlichen Welterklärungen der Naturphilosophen. Diese habe den alten mythischen Glauben und die Religion abgelöst. Das, was vorher durch die Mythen erklärt wurde, sollte jetzt durch Erklärungen ersetzt werden, die den heutigen naturwissenschaftlichen Erklärungen ähneln. Beispiel: Die Welt besteht aus Elementen, wie Luft, Feuer und Wasser.
Sie waren aber sehr unterschiedlich. Diese Widersprüche konnten die Naturphilosophen (Vorsokratiker genannt, weil sie vor Sokrates gelebt haben) nicht aus dem Weg räumen.

(Anmerkung: Sie konnten ihre Erklärungen und Theorien, wie die Welt funktioniert, nicht mit Experimenten beweisen oder widerlegen.)

Das Ziel der Naturphilosophen war es, die Welt nach einem Modell zu erklären. Da sie das nicht schafften, konnte sich eine neue Denkweise durchsetzen, die von den Sophisten vertreten wurde.

Anthropozentrisch: Der Mensch (griechisch anthropos) steht im Zentrum.

Die Sophisten wollten nicht mehr die unterschiedlichen Welterklärungen beseitigen, sondern sie haben ihre Denkrichtung gedreht. Nicht die Welt und Wirklichkeit steht im Zentrum, sondern der Mensch mit seinen Denkvoraussetzungen. Mit Denkvoraussetzungen ist gemeint: Welche Fähigkeiten hat der Mensch, die Welt zu erkennen. (Damit beschäftigt sich die Erkenntnistheorie)

Illusion – Quelle: Convegni_Ancisa, Pixabay

Wenn wir diese Weltdeutung (Paradigma nennt man so etwas in den Wissenschaften) anwenden, dann müssen wir unterschiedliche Sichtweisen von der Welt akzeptieren. Das widerspricht unseren Gewohnheiten. Wir gehen davon aus, dass wir alle die gleiche Wirklichkeit sehen und wahrnehmen. In der Schule lernen wir in Ethik ab der 8. Klasse im Gymnasium, dass die Philosophen nach der einen richtigen Wahrheit suchen: veritas est semper maior.

Das ist aber ein Irrtum! Kinder und Erwachsene, Frauen und Männer, Gesunde und Kranke, alte und junge Menschen nehmen die Wirklichkeit anders wahr. Mediziner und Psychologen können das bestätigen.

But we decide which is right.
And which is an illusion?

(Graham Edge)

tmd.

Introspektion

„Ein gutes Gewissen haben“ und „ein schlechtes Gewissen haben“ sind Redewendungen, die eine Existenz eben dieses Gewissens voraussetzen. Die Existenz dieses Teils wird nicht bezweifelt. Das ist umso erstaunlicher, als wir es nicht sehen können. Wir müssten also doppelt vorsichtig sein, wenn wir uns damit beschäftigen.
Die Sinne können uns täuschen. Das war Thema bereits in der 5. Klasse in Ethik. Gewissen nehmen wir aber nicht über unsere Sinne wahr, sondern es ist eine „Wahrnehmung“, wenn wir in uns „hinein horchen“. Introspektion heißt hier das Fachwort. Das ist Selbstbeobachtung von Vorgängen in uns selbst.
Spätestens an dieser Stelle dürften wir eigentlich nicht mehr unkritisch vom Gewissen reden.

Introspektion – Quelle: geralt, Pixabay

Was machen wir eigentlich, wenn wir so in uns hinein horchen? Hirnforscher würden es folgendermaßen beschreiben. Der Mensch hat ein Bewusstsein. Bewusstsein ist: sich beim eigenen Denken zuschauen. Introspektion ist dann das Beobachten des „Sich selbst beim Denken zuschauen“. Ganz schön kompliziert.

Haben alle Menschen diese Wahrnehmung? Genau das ist das Problem. Philosophen und andere interessierte Menschen erzählen sich und uns von dieser Wahrnehmung. Die Erzählungen sind meist sehr ähnlich. Man kann sie aber nicht empirisch nachprüfen. Wissenschaftler können zwar die verschiedenen Hirnströme messen, aber letztlich machen wir uns ein gedankliches Modell davon, was das Gewissen ist.

Die Rede vom Gewissen ist also ein Leistung des Verstandes (epistemisch). Wenn wir die Introspektionen kritisch auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen wollen, dann haben wir nur die (aus der 8. Klasse bekannten) epistemischen Theorien zur Verfügung. Unser Modell von Gewissen muss also in sich widerspruchsfrei sein, von vielen akzeptiert werden und irgendwie unmittelbar einleuchtend sein, also kohärent, konsent und evident.

Damit ist klar, dass sich die Modelle, die Beschreibungen des Gewissens nicht immer gleichen müssen. Auch die Form (Modell) des Gewissens muss nicht immer gleich sein. Letztlich ist es auch eine Frage der Introspektion, was das Gewissen eigentlich leistet und woher es kommt.

Wir dürfen also nicht aus dem Blick verlieren, welche Interessen hinter den jeweiligen Modellen von Gewissen stehen.

tmd.

Was fehlt, wenn ich verschwunden bin

Im Ethikunterricht der 8. Klasse (G8) gehört das Thema Magersucht in das Modul: Verantwortung. Und dort wird es in den Lehrbüchern voyeuristisch in Textschnipseln abgehandelt.
Lilly Lindners Jugendbuch ist ein Gegendentwurf zu dieser zur Schau Stellung einer Krankheit.

Selbstwahrnehmung – Quelle: strecosa, Pixabay

Es geht um April (englisch gesprochen) und Phoebe. April ist 16 Jahre alt. Phoebe ist 9 Jahre alt. Sie sind Schwestern. Sie sind sprachgewaltig. Ihre Umwelt ist es nicht. Ausnahme: Phoebes Freundin Hazel hat einen Vater, der April und Phoebe versteht.
Phoebe und April kämpfen gegen Lieblosigkeit in ihrer Familie, in unserer Gesellschaft. Die beiden Schwestern und Phoebes Freundinnen Paula und Hazel leben Mitgefühl. Die Erwachsenen (Ausnahme ist Hazels Vater) sind unfähig dazu.

Über Magersucht zu reden, setzt ein Buch wie Was fehlt, wenn ich verschwunden bin voraus, wenn man keinerlei Erfahrung hat und sich nicht in abstrakten Definitionen von Magersucht ergehen will. Lilly Lindner hat ein Buch geschrieben, das im Unterricht gelesen werden kann und sollte.

Es macht wenig Sinn, das Buch wie im Deutschunterricht zu analysieren. Das Buch muss man lesen und die Emphatie spüren.

„Du bist der Grundstein in meinem Wortschatz, für einen glücklichen Satz. Ohne dich habe ich keine Wortgemeinschaften. Ohne dich steht jedes Wort alleine in einem fremden Raum. So wie ich.“ (S. 191)

April stirbt. Das kann man vorab schon erzählen. Auch erzählen kann man, dass das Buch nur aus Briefen besteht. Zuerst sind es Briefe von Phoebe an April, dann die von April an Phoebe.

Was fehlt, wenn ich verschwunden bin, Lilly Lindner, 2015, Fischer.

tmd.