Moral einüben – geht das?

Vernünftiges Argumentieren, das sich an ethischen Standards und Moral orientiert, kann nicht in beliebigen Schlussfolgerungen enden wie: „Man kann der einen oder auch anderen Meinung sein“. Gerade das aber – die Beliebigkeit – steht meist am Ende schulischer Diskussionen.

Symbol der Justitia
Recht und Moral – Quelle: Hans, Pixabay

Die Diskussion der Ereignisse von Arnstein haben mich wieder einmal in der Meinung bestärkt, dass Gruppendiskussionen – genauso wie Rollenspiele – der falsche Weg sind, moralisches Handeln einzuüben und die ethische Dimension der jeweiligen Probleme zu erkennen.
In Arnheim kamen sechs Jugendliche ums Leben durch die fahrlässige Handlung des Vaters zweier der Jugendlichen. Die Schuldfrage muss hier nicht diskutiert werden. Auch die Frage: Strafe oder nicht, braucht nicht weiter beleuchtet werden. Es geht nur um die zentrale Frage der Strafbemessung.
Macht es einen Sinn, dass der Mann ins Gefängnis geht, wenn er durch den Tod seiner Kinder genug gestraft ist? Der Mann ist voll geständig. Keinerlei Ausreden.
Die Frage, die sich uns im Ethikunterricht stellt, ist: Was nützt es der Gesellschaft, wenn der Mann im Gefängnis sitzt? Was nützt es ihm, wenn er in Haft geht?
Hier muss ein Gericht entscheiden und das hat es auch. Bewährung kam heraus. Aber die Verantwortung für den Richterspruch übernehmen die beteiligten Richter.
Dieser fehlende Aspekt der Verantwortung macht jede SuS-Diskussion zum kurzweiligen Zeitvertreib. Es geht ja um nichts! Man kann sich so oder auch anders entscheiden. Wir sind es nicht, die den Mann weg sperren lassen oder nicht. Und wenn der Lehrer in einer solchen Diskussion auf eine Entscheidung dringt, dann reicht ein kurzes Statement, und die Frage ist erledigt. Hat ja keinerlei Folgen, was man da von sich gibt.

Moral einüben, geht das? Ja, aber nicht im Ethikunterricht.

tmd.

Norm – Entscheidung – Handlung

Entscheidung
eine Entscheidung treffen – Quelle: ElenaRepina, Pixabay

Der praktische Syllogismus ist ein Hilfsschema zum Argumentieren, das sich an der Wahrheit orientiert. Er bereitet deshalb soviel Schwierigkeiten, weil wir uns im Alltag nicht an die Reihenfolge des praktischen Syllogismus halten, nicht halten können.
Wie geht das!?
Der praktische Syllogismus beginnt mit einer moralischen Norm. Beispiel: Du sollst nicht lügen.
Dann kommt die Kurzbeschreibung einer Situation, in der ich mich entscheiden muss, ob ich lüge oder nicht.
Den Schluss bildet die Handlung, also wie ich mich letztlich entschieden habe.

Im Alltag begegnet mir zuerst der zweite Satz, also die Situation, in der ich moralisch handeln soll oder will.
Dann kommt die Rückfrage an meine moralischen Normen. Gibt es da Handreichungen, die mir helfen, moralisch richtig zu handeln?
Zuletzt kommt die eigentliche Handlung.

Soll sich die Argumentation an Wahrheit orientieren, dann muss ich angeben, mit welcher Begründung – mit welcher moralischen Norm ich meine Handlung in der entsprechenden Situation rechtfertige.

Der Hinweis auf die moralische Norm, die ich anwende, ist deshalb so wichtig, weil ich in meiner Argumentation diese Norm offenlegen muss.
Diese Norm entbindet mich aber nicht von der Übernahme der Verantwortung. Es reicht also nicht, dass ich mich auf eine Person oder Gott berufe. Meine Handlung muss immer ich selbst verantworten.

tmd.

Bildung und Herrschaft

… was not born to follow – Quelle: Skitterphoto, Pixabay

Das Bildungssystem im Platonischen Staatswesen erinnert an unser Schulsystem und auch an das sozialistische Gegenstück in der ehemaligen DDR.
Kinder haben grundsätzlich die gleichen Chancen. Jeder besucht eine Schule und die Bildung ist für alle kostenlos.
Wer seine Leistungsgrenzen erreicht hat, der wird in entsprechende Berufsfelder eingegliedert. Wer bis zum Schluss seine Grenzen nicht erreicht hat, der ist qualifiziert für eine Führungsrolle im Staat.
Denn nach Platon sollen schließlich nur diejenigen herrschen, die philosophisch gebildet sind.
Politische Herrschaft ist demnach eng an Bildung gekoppelt. Damit sind alle diejenigen, die während der Aus-„Bildung“ vorzeitig aussortiert werden, von der Herrschaft prinzipiell ausgeschlossen. Das kann man als undemokratisch bezeichnen.
Demokratisch wäre es, wenn alle die gleiche Chance auf Herrschaft hätten, also auch die Un- oder wenig Gebildeten. Legt man das Bildungssystem Platons zu Grunde, dann ist die Mehrheit in einem Staat nicht gebildet genug, um einen Staat zu führen. Nur wenige taugen zum Philosophen und deshalb zum Herrschen.
Denkt man dies weiter, dann ist Demokratie zwar die Herrschaft aller, aber nicht unbedingt die Herrschaft der Geeigneten. Man kann auch überspitzt sagen, Demokratie ist die Herrschaft der Mehrheit, also die Herrschaft der Dummen, der Ungebildeten. Unter diesem Blickwinkel schicken wir also nicht die philosophisch Gebildeten in den Bundestag.
Das passt nun gar nicht zu unserer Vorstellung von Politik.
Was also tun?
Kontrollieren wir diejenigen, die für uns die Herrschaft übernommen haben. Damit verhindern wir, dass sich Dummheit durchsetzt. Und widersetzen wir uns der Politik, die der kritischen Diagnose der Vernunft nicht standhält.

tmd.

Wie ein Himmel voller Seehunde

beste freunde
füreinander – Quelle: Olichel, Pixabay

Freundschaften zwischen Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten sind nicht leicht für die Beteiligten. Wenn es sich um eine Liebesbeziehung handelt, wird die Angelegenheit nicht einfacher. Wenn einer aus der Oberschicht kommt, der andere aus der Unterschicht. Familie und Freunde akzeptieren nicht einfach den „Fremden“.
So ergeht es Lollo, Mädchen aus reichem Hause. Mit ihren Eltern macht sie Ferien auf einer Insel vor Schwedens Küste. Der Freund ihres Bruders ist auch dabei. Ein Traumpaar, meinen Lollos Freunde und Freundinnen.
Lollo ist aber in Gedanken bei Anna. Anna macht auch Ferien auf dieser Insel. Aber Anna kommt aus der Unterschicht. Ihr Vater ist Alkoholiker und erwerbsunfähig. Das einzige, was Anna besitzt ist das Ferienhaus, das ihr der Vater bereits vererbt hat, damit das Finanzamt es nicht pfändet. Und Anna ist eine Überlebenskünstlerin. Genau das bewundert Lollo. Und: In Gegenwart von Anna entdeckt sich Lollo neu.
Was Lollo nicht fertigbringt, ist, im entscheidenden Moment sich zu der Freundin zu bekennen.
Nur ein Augenblick entscheidet darüber, dass die gesellschaftlichen Schranken sich schließen. Anna leidet unter dieser Demütigung. Lollo erkennt, dass sie erwachsen werden muss, Verantwortung übernehmen muss. Hier die Aussicht auf das oberflächliche Leben mit einem arroganten Angeber (der Freund ihres Bruders) an ihrer Seite, dort ein Mensch, zu dem sie sich von ganzem Herzen hingezogen fühlt.

Sara Lövestam, Wie ein Himmel voller Seehunde, 2017.

tmd.

Freiheit und Verantwortung

Mann in Landschaft
Freiheit und Verantwortung – Quelle: 27707, Pixabay

Was das Gewissen ist, das wissen wir. Wir meinen es wenigstens. Jemand hat ein schlechtes Gewissen. Jemand ist gewissenlos. Es gibt die Gewissensfreiheit. Und es gibt auch das gute Gewissen.
Fragt man genauer nach, dann stellt sich heraus: Ja! Da gibt es etwas. Breite Zustimmung. Jeder kann etwas zum Thema beitragen.
Fragen wir bei Philosophen und Psychologen nach, bekommen wir recht gute Antworten. Das, was sich bei uns regelmäßig meldet, wenn es etwas zu entscheiden oder zu beurteilen gibt – also „tu das nicht“ oder „da hast du was falsch gemacht – diese innere Meldung ist entweder eine Folge der Erziehung oder ein Produkt unserer Vernunft. Es ist entweder antrainiertes Verhalten oder Freiheit des Handelns mit integrierter Übernahme von Verantwortung für unser Handeln.

Ein autonomes Gewissen gibt es nicht zum Nulltarif

Von Sigmund Freud kennen wir das Modell: ÜBER-ICH – ICH – UNTERBEWUSSTSEIN. Im ÜBER-ICH sitzt die Erziehung unserer Eltern und macht uns Vorschriften. Das ÜBER-ICH ist unser Gewissen, es ist das Modell Gewissen, das fremdgesetzlich ist. Man nennt es heteronom. Aus dieser Abhängigkeit kommt man nur heraus, wenn man diese Abhängigkeit durchschaut. Wenn das funktioniert, hat man ein Gewissen, das frei, nach selbst gesetzten Regeln funktioniert.
Doch dieses autonome Gewissen bekomme ich nicht zum Nulltarif. Das Gewissen ist zwar frei von den Gängelungen der Umwelt, aber es funktioniert nicht ohne unser Zutun. Wir müssen es ständig pflegen. Und das heißt: Wir bewerten, was wir getan haben – evaluativ nennt man das – und wir machen uns selbst Vorschriften – präskriptiv nennt man das.

Freiheit ist immer an Verantwortung gekoppelt

Reicht das? Nein! Woran orientiere ich mich denn nun, wenn ich das Gewissen selbst als Kontrolleur einsetze? Welches sind die richtigen Regeln, was ist moralisch also angesagt?
Das ist nun eigentlich unsere eigene Sache. Wir machen die Regeln, an denen wir uns orientieren, selbst. Wir brauchen also einen Mechanismus, der uns hilft, das eigene Handeln in Freiheit irgendwie zu kontrollieren. Verantwortung heißt das Zauberwort.
Freiheit gibt es nur im Paket mit der Verantwortung. Ich muss also meine Handlungen immer selbst verantworten. Da hilft es auch nur bedingt, in den Büchern der großen Religionen nachzuschauen oder den Arzt oder Apotheker zu fragen. Denn: Wir können uns nicht auf jemanden berufen. Das ist nur billiger Gewissensmissbrauch.

Vernunft einschalten, wenn es um Moral geht

Was also tun, um Gewissenstäter – also Terroristen – zu beurteilen?
Es gibt immer noch die Vernunft. Dieses Werkzeug der Philosophie gilt es in Stellung zu bringen. Also tun wir es!

tmd.

Moralische Geisterfahrer

nicht mehrheitsfähige Kollektivnorm – Quelle: matamoros, Pixabay

Das Gewissen als moralische Instanz muss Widersprüche ertragen können. Der Mensch lebt nicht in einer Welt, die eine Kopie seiner moralischen Innenwelt darstellt. Es sind die widersprechenden Normen unserer sozialen Umwelt, die das Gewissen auf den Plan rufen. Erst dann, wenn diese Widersprüche in Widerstand gegen die herrschenden Normen umgemünzt werden, dann, erst dann ist nach Meinung einiger Philosophen der Zustand erreicht, mit dem wir zufrieden sein können.

Doch hier ist Vorsicht angesagt. Was ist, wenn das Gewissen von nicht mehrheitsfähigen Kollektivnormen geleitet ist und diese Normen universell gemacht werden sollen? Fundamentalisten sind gemeint!

Der moralische Geisterfahrer wähnt sich meist im Recht.

Das Sturmgeschütz Vernunft ist hier in Stellung zu bringen. Nutzen wir es. Denn wer die Freiheit des Gewissens fordert, der muss für das Handeln in Freiheit Verantwortung übernehmen. Verantwortung lässt sich aber nicht am autonomen Gewissen vorbei übertragen – weder an einen weltlichen Führer noch an Gott.

tmd.

Entscheiden und Begründen

Girl
Wie soll ich mich entscheiden? – Quelle: Pexels, Pixabay

In einer Dilemma-Geschichte wird davon erzählt, dass sich jemand entscheiden muss zwischen zwei Handlungen. Beispielsweise muss er oder sie sich entscheiden, die Wahrheit zu sagen oder zu lügen. Egal ist nun, was er/sie macht. Das Ergebnis ist in jedem Fall unangenehm. Nicht zu handeln geht übrigens gar nicht.
Beispiele stehen in jedem Ethikbuch.
Moralisch interessant sind Dilemma-Geschichten nicht deshalb, weil sie nie ein gutes Ende haben. Es geht darum, die Entscheidung, wenn sie getroffen ist, zu begründen.
Der Psychologe Lawrence Kohlberg hat diese Dilemma-Geschichten in seinen Forschungen verwendet, weil er wissen wollte, wie Menschen unterschiedlichen Alters ihre Handlungen und Entscheidungen begründen. Die Entscheidungen selbst waren bei den Versuchspersonen nicht sehr verschieden. Unterschiede gab es aber bei den Begründungen. Kinder begründeten ihre Entscheidungen mit der Angst vor Strafe. Jugendliche berufen sich auf Gesetze und Regeln. Ältere Erwachsene begründeten ihre Entscheidung mit dem Wohl der Gemeinschaft oder mit allgemeinen universellen Lebensregeln – beispielsweise mit den Menschenrechten.
Was haben diese psychologischen Erkenntnisse im Ethikunterricht zu suchen?
Psychologen meinen, dass die moralische Entwicklung des Menschen in Abschnitten verläuft. Moral ist also eine Sache des Erwachsenwerdens. Es läuft aber nicht automatisch ab. Es ist gekoppelt an die Entwicklung der Identität. Wer nicht an der Konstruktion einer eigenen Identität arbeitet, der kann durchaus noch als Erwachsener in Dilemmasituationen sein Handeln wie ein Jugendlicher oder Kleinkind begründen.
Eine Hilfe bei der Identitätskonstruktion ist die Selbsterkenntnis. Eine weitere Hilfe ist es, zu lernen, dass man für sein Handeln Verantwortung übernehmen muss. Verantwortung übernimmt man dann, wenn man sich bei seinen eigenen Handlungen nicht ausschließlich auf andere beruft. „Der oder jener hat gesagt, dass ich … .“
Und: Man kann Dilemma-Geschichte verwenden als Übungsmaterial. Wie würde ich entscheiden? Wie würde ich meine Entscheidung begründen?
Das hilft beim Erwachsen werden. Das hilft bei der Identitätskonstruktion.

tmd.

Praktischer Syllogismus

Ethisch Argumentieren ist eine Aufgabe der Vernunft – Quelle: Anher, Pixabay

Widerspruchsfrei und folgerichtig soll vernünftiges Argumentieren sein. Kohärenz nennt man das. Was kohärent ist, dass soll wahr sein.
Leider können kohärente Aussagen auch in Wirklichkeiten existieren, die nicht die unseren sind. Märchen und Fantasieromane beispielsweise müssen auch in sich widerspruchsfrei sein, damit wir die Geschichten verstehen. Unsere Aussagen müssen also eine „Rückbindung“ an die Wirklichkeit haben. Diese Rückbindung kann ich aber nur dadurch feststellen, dass ich Wahrnehmung mit Wirklichkeit vergleiche. Das ist Aufgabe der Korrespondenztheorie. Von ihr wissen wir, dass sie uns nur bedingt weiterhilft. Wir können die Übereinstimmung von Wahrnehmung und Wirklichkeit nicht endgültig beweisen.
Was bitte, nützt uns dann aber die Forderung nach Kohärenz?

Wir müssen die Argumentation in ein Schema bringen, in dem erkennbar ist, was wir über die Wirklichkeit aussagen (wo wir unter Umständen irren), und was unsere Schlussfolgerungen aus diesen Aussagen sind. In der Logik gibt es dafür die Syllogismen (logische Schlüsse). Meist lernen wir nur den einen bekannten Syllogismus.
Alle Athener sind Griechen (Obersatz)
Sokrates ist Athener (Untersatz)
Sokrates ist ein Grieche (Schlussfolgerung)
Es gibt aber weit mehr Syllogismen.

Mit Moral hat das zunächst einmal wenig zu tun. Aber es gibt eine Ableitung des logischen Syllogismus. Die geht so:
Im Obersatz steht eine moralische Forderung (Du sollst nicht lügen)
Im Untersatz ist eine allgemeine Situation genannt, in der moralisch gehandelt werden soll.
In der Schlussfolgerung steht die Handlungsanweisung für die allgemeine Situation, wobei auf den Obersatz Bezug genommen wird. (Nicht lügen, weil es moralisch nicht erlaubt ist)
Ich habe damit eine in sich widerspruchsfreie Argumentation.
Das nennt man den praktischen Syllogismus.

Doch Vorsicht!
Damit rechtfertige ich nicht die moralische Aussage im Obersatz. Wer dieser Aussage nicht zustimmt, der braucht der Argumentation nicht zu folgen.
Was habe ich damit gewonnen?
Ich habe meine Argumentation offengelegt. Sie ist „wahr“. Aber man muss mir nicht zustimmen. Ich könnte, was durchaus möglich und denkbar ist, auch sagen, dass die moralische Forderung im Obersatz nicht einzuhalten ist. Ich könnte sagen, die moralische Forderung sollte lauten: Grundsätzlich ist lügen verboten, aber es gibt Ausnahmen.

Genau das ist ethisch Argumentieren: Schlussfolgerungen ziehen aus selbst gesetzten moralischen Forderungen.

tmd.

Autonomie – Verantwortung – Freiheit

Freiheit und Verantwortung – Quelle: Free-Photos, Pixabay

Das Gewissen als moralische Instanz ist autonom gegenüber unkontrollierten Einflüssen der sozialen Umwelt. Der Mensch ist dabei verantwortlich für sein Handeln. Er kann und muss sich an die Weisungen des autonomen Gewissens halten. Er kann sich aber andererseits auf das Gewissen berufen. Das gibt dem Menschen die Möglichkeit und Freiheit, anders zu handeln als es die soziale Umwelt verlangt.
Aus dem Gedanken der Autonomie des Gewissens folgt also, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, aber auch die Freiheit einzufordern, gemäß dem Gewissen zu handeln.
Die Gewissensfreiheit ist im Grundgesetz geschützt durch den Artikel 4.
Wir behandeln also das Gewissen verfassungsrechtlich als moralische Instanz.

Diese Gewissensfreiheit hat allerdings auch ihren Preis. Ich muss die Anwendung der Autonomie pflegen. Wenn ich das nicht mache, dann kann ich mich auch nicht auf die Autonomie berufen. Diese Art der Gewissenspflege funktioniert folgendermaßen: Ich kann zurückblicken auf vergangene Handlungen (präskriptiv) und vorausblicken auf geplante Handlungen (evaluativ).
(Achtung: in einem Lehrbuch wird der Begriff präskriptiv vom Fehlerteufel niedergemacht und übrig bleibt das Wort deskriptiv.)
Die präskriptive und evaluative Funktion dient also der Vergangenheits- und Zukunftsbewältigung.

tmd.

Merkzettel: Höhlengleichnis

Raus aus dem Kerker der Sinne – Quelle: StockSnap, Pixabay

Das Höhlengleichnis von Platon soll die Ideenlehre erklären. Gleichzeitig soll es erklären, dass der Mensch ein bildungsfähiges Wesen ist.

Die Erklärung der Ideenlehre durch das Höhlengleichnis bleibt unverständlich, wenn man die Ideenlehre nicht schon kennt. Die Erklärung zur Bildungsfähigkeit des Menschen bleibt irreführend, weil es nicht um die Fächer in der Schule geht, sondern um den Gebrauch der Vernunft geht. Das muss man erst lernen.

Zunächst zur Bildungsfähigkeit: Die Menschen, die in der Höhle sitzen und dort gefesselt sind, können nur die Schatten der Wirklichkeit sehen. Der Grund: Sie nutzen nur ihre sinnlichen Fähigkeiten. Die Sinne sind aber leicht zu täuschen.
Meine Merkhilfe dazu: Wir sind Gefangene im Kerker der Sinne.
Die Täuschung ist nur zu verhindern durch Erfahrungen und Wissen und vor allem durch den Einsatz von Vernunft. Vernunft ist hier theoretisches Denken, ist abstraktes Denken. Erfolgreichste Disziplin ist hier die Mathematik.

Nun zur Ideenlehre: Platon sucht nach universellen Begriffen. Das Gute und die Tugenden sollen nicht beliebig sein. Das Gute in seiner vollkommenen Form ist bei Platon in der Welt der Ideen enthalten. Damit seine Theorie systematisch die gesamte Wirklichkeit beschreiben kann, werden auch alle Objekte der Welt in die Welt der Ideen gespiegelt. Es gibt also zu jedem Objekt der Welt, das wir sinnlich wahrnehmen, ein vollkommenes Gegenstück in der Welt der Ideen.

Das vollkommene Objekt in der Ideenwelt kann man aber nur erkennen, wenn man die Vernunft einsetzt. Das führt jedoch zu etlichen Problemen. Gibt es zu jedem Objekt der wahrnehmbaren Welt auch ein Gegenstück in der Welt der Ideen, dann müsste es auch Viren und Bakterien in der Welt der Ideen geben.

Welche Interpretationen lässt das Höhlengleichnis noch zu?
Lernen, Wissen ansammeln und die Vernunft trainieren ist anstrengend. Es ist einfacher, im Kerker der Sinne zu verharren und sich mit Schattenmeldungen (Neudeutsch: fake-news) zu beschäftigen.

tmd.