Moralische Geisterfahrer

nicht mehrheitsfähige Kollektivnorm – Quelle: matamoros, Pixabay

Das Gewissen als moralische Instanz muss Widersprüche ertragen können. Der Mensch lebt nicht in einer Welt, die eine Kopie seiner moralischen Innenwelt darstellt. Es sind die widersprechenden Normen unserer sozialen Umwelt, die das Gewissen auf den Plan rufen. Erst dann, wenn diese Widersprüche in Widerstand gegen die herrschenden Normen umgemünzt werden, dann, erst dann ist nach Meinung einiger Philosophen der Zustand erreicht, mit dem wir zufrieden sein können.

Doch hier ist Vorsicht angesagt. Was ist, wenn das Gewissen von nicht mehrheitsfähigen Kollektivnormen geleitet ist und diese Normen universell gemacht werden sollen? Fundamentalisten sind gemeint!

Der moralische Geisterfahrer wähnt sich meist im Recht.

Das Sturmgeschütz Vernunft ist hier in Stellung zu bringen. Nutzen wir es. Denn wer die Freiheit des Gewissens fordert, der muss für das Handeln in Freiheit Verantwortung übernehmen. Verantwortung lässt sich aber nicht am autonomen Gewissen vorbei übertragen – weder an einen weltlichen Führer noch an Gott.

tmd.

Entscheiden und Begründen

Wie soll ich mich entscheiden? – Quelle: Alexas_Fotos, Pixabay

In einer Dilemma-Geschichte wird davon erzählt, dass sich jemand entscheiden muss zwischen zwei Handlungen. Beispielsweise muss er oder sie sich entscheiden, die Wahrheit zu sagen oder zu lügen. Egal ist nun, was er/sie macht. Das Ergebnis ist in jedem Fall unangenehm. Nicht zu handeln geht übrigens gar nicht.
Beispiele stehen in jedem Ethikbuch.
Moralisch interessant sind Dilemma-Geschichten nicht deshalb, weil sie nie ein gutes Ende haben. Es geht darum, die Entscheidung, wenn sie getroffen ist, zu begründen.
Der Psychologe Lawrence Kohlberg hat diese Dilemma-Geschichten in seinen Forschungen verwendet, weil er wissen wollte, wie Menschen unterschiedlichen Alters ihre Handlungen und Entscheidungen begründen. Die Entscheidungen selbst waren bei den Versuchspersonen nicht sehr verschieden. Unterschiede gab es aber bei den Begründungen. Kinder begründeten ihre Entscheidungen mit der Angst vor Strafe. Jugendliche berufen sich auf Gesetze und Regeln. Ältere Erwachsene begründeten ihre Entscheidung mit dem Wohl der Gemeinschaft oder mit allgemeinen universellen Lebensregeln – beispielsweise mit den Menschenrechten.
Was haben diese psychologischen Erkenntnisse im Ethikunterricht zu suchen?
Psychologen meinen, dass die moralische Entwicklung des Menschen in Abschnitten verläuft. Moral ist also eine Sache des Erwachsenwerdens. Es läuft aber nicht automatisch ab. Es ist gekoppelt an die Entwicklung der Identität. Wer nicht an der Konstruktion einer eigenen Identität arbeitet, der kann durchaus noch als Erwachsener in Dilemmasituationen sein Handeln wie ein Jugendlicher oder Kleinkind begründen.
Eine Hilfe bei der Identitätskonstruktion ist die Selbsterkenntnis. Eine weitere Hilfe ist es, zu lernen, dass man für sein Handeln Verantwortung übernehmen muss. Verantwortung übernimmt man dann, wenn man sich bei seinen eigenen Handlungen nicht ausschließlich auf andere beruft. „Der oder jener hat gesagt, dass ich … .“
Und: Man kann Dilemma-Geschichte verwenden als Übungsmaterial. Wie würde ich entscheiden? Wie würde ich meine Entscheidung begründen?
Das hilft beim Erwachsen werden. Das hilft bei der Identitätskonstruktion.

tmd.

Praktischer Syllogismus

Ethisch Argumentieren ist eine Aufgabe der Vernunft – Quelle: Anher, Pixabay

Widerspruchsfrei und folgerichtig soll vernünftiges Argumentieren sein. Kohärenz nennt man das. Was kohärent ist, dass soll wahr sein.
Leider können kohärente Aussagen auch in Wirklichkeiten existieren, die nicht die unseren sind. Märchen und Fantasieromane beispielsweise müssen auch in sich widerspruchsfrei sein, damit wir die Geschichten verstehen. Unsere Aussagen müssen also eine „Rückbindung“ an die Wirklichkeit haben. Diese Rückbindung kann ich aber nur dadurch feststellen, dass ich Wahrnehmung mit Wirklichkeit vergleiche. Das ist Aufgabe der Korrespondenztheorie. Von ihr wissen wir, dass sie uns nur bedingt weiterhilft. Wir können die Übereinstimmung von Wahrnehmung und Wirklichkeit nicht endgültig beweisen.
Was bitte, nützt uns dann aber die Forderung nach Kohärenz?

Wir müssen die Argumentation in ein Schema bringen, in dem erkennbar ist, was wir über die Wirklichkeit aussagen (wo wir unter Umständen irren), und was unsere Schlussfolgerungen aus diesen Aussagen sind. In der Logik gibt es dafür die Syllogismen (logische Schlüsse). Meist lernen wir nur den einen bekannten Syllogismus.
Alle Athener sind Griechen (Obersatz)
Sokrates ist Athener (Untersatz)
Sokrates ist ein Grieche (Schlussfolgerung)
Es gibt aber weit mehr Syllogismen.

Mit Moral hat das zunächst einmal wenig zu tun. Aber es gibt eine Ableitung des logischen Syllogismus. Die geht so:
Im Obersatz steht eine moralische Forderung (Du sollst nicht lügen)
Im Untersatz ist eine allgemeine Situation genannt, in der moralisch gehandelt werden soll.
In der Schlussfolgerung steht die Handlungsanweisung für die allgemeine Situation, wobei auf den Obersatz Bezug genommen wird. (Nicht lügen, weil es moralisch nicht erlaubt ist)
Ich habe damit eine in sich widerspruchsfreie Argumentation.
Das nennt man den praktischen Syllogismus.

Doch Vorsicht!
Damit rechtfertige ich nicht die moralische Aussage im Obersatz. Wer dieser Aussage nicht zustimmt, der braucht der Argumentation nicht zu folgen.
Was habe ich damit gewonnen?
Ich habe meine Argumentation offengelegt. Sie ist „wahr“. Aber man muss mir nicht zustimmen. Ich könnte, was durchaus möglich und denkbar ist, auch sagen, dass die moralische Forderung im Obersatz nicht einzuhalten ist. Ich könnte sagen, die moralische Forderung sollte lauten: Grundsätzlich ist lügen verboten, aber es gibt Ausnahmen.

Genau das ist ethisch Argumentieren: Schlussfolgerungen ziehen aus selbst gesetzten moralischen Forderungen.

tmd.

Autonomie – Verantwortung – Freiheit

Freiheit und Verantwortung – Quelle: Free-Photos, Pixabay

Das Gewissen als moralische Instanz ist autonom gegenüber Einflüssen aus der sozialen Umwelt. Der Mensch ist dabei verantwortlich für sein Handeln und muss sich an die Weisungen des Gewissens halten. Er kann sich aber andererseits auf das Gewissen berufen. Das gibt dem Menschen die Möglichkeit und Freiheit, anders zu handeln als es die soziale Umwelt verlangt.
Aus dem Gedanken der Autonomie des Gewissens folgt also, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, aber auch die Freiheit einzufordern, gemäß dem Gewissen zu handeln.
Die Gewissensfreiheit ist im Grundgesetz geschützt durch den Artikel 4.
Wir behandeln also das Gewissen verfassungsrechtlich als moralische Instanz.

Diese Gewissensfreiheit hat allerdings auch ihren Preis. Ich muss die Anwendung der Autonomie pflegen. Wenn ich das nicht mache, dann kann ich mich auch nicht auf die Autonomie berufen. Diese Art der Gewissenspflege funktioniert folgendermaßen: Ich kann zurückblicken auf vergangene Handlungen (präskriptiv) und vorausblicken auf geplante Handlungen (evaluativ).
(Achtung: in einem Lehrbuch wird der Begriff präskriptiv vom Fehlerteufel niedergemacht und übrig bleibt das Wort deskriptiv.)
Die präskriptive und evaluative Funktion dient also der Vergangenheits- und Zukunftsbewältigung.

tmd.

Merkzettel: Höhlengleichnis

Raus aus dem Kerker der Sinne – Quelle: StockSnap, Pixabay

Das Höhlengleichnis von Platon soll die Ideenlehre erklären. Gleichzeitig soll es erklären, dass der Mensch ein bildungsfähiges Wesen ist.

Die Erklärung der Ideenlehre durch das Höhlengleichnis bleibt unverständlich, wenn man die Ideenlehre nicht schon kennt. Die Erklärung zur Bildungsfähigkeit des Menschen bleibt irreführend, weil es nicht um die Fächer in der Schule geht, sondern um den Gebrauch der Vernunft geht. Das muss man erst lernen.

Zunächst zur Bildungsfähigkeit: Die Menschen, die in der Höhle sitzen und dort gefesselt sind, können nur die Schatten der Wirklichkeit sehen. Der Grund: Sie nutzen nur ihre sinnlichen Fähigkeiten. Die Sinne sind aber leicht zu täuschen.
Meine Merkhilfe dazu: Wir sind Gefangene im Kerker der Sinne.
Die Täuschung ist nur zu verhindern durch Erfahrungen und Wissen und vor allem durch den Einsatz von Vernunft. Vernunft ist hier theoretisches Denken, ist abstraktes Denken. Erfolgreichste Disziplin ist hier die Mathematik.

Nun zur Ideenlehre: Platon sucht nach universellen Begriffen. Das Gute und die Tugenden sollen nicht beliebig sein. Das Gute in seiner vollkommenen Form ist bei Platon in der Welt der Ideen enthalten. Damit seine Theorie systematisch die gesamte Wirklichkeit beschreiben kann, werden auch alle Objekte der Welt in die Welt der Ideen gespiegelt. Es gibt also zu jedem Objekt der Welt, das wir sinnlich wahrnehmen ein vollkommenes Gegenstück in der Welt der Ideen.

Das vollkommene Objekt in der Ideenwelt kann man aber nur erkennen, wenn man die Vernunft einsetzt. Das führt jedoch zu etlichen Problemen. Gibt es zu jedem Objekt der wahrnehmbaren Welt auch eine Gegenstück in der Welt der Ideen, dann müsste es auch Viren und Bakterien in der Welt der Ideen geben.

Welche Interpretationen lässt das Höhlengleichnis noch zu?
Lernen, Wissen ansammeln und die Vernunft trainieren ist anstrengend. Es ist einfacher, im Kerker der Sinne zu verharren und sich mit Schattenmeldungen (Neudeutsch: fake-news) zu beschäftigen.

tmd.

Selbsterkenntnis: ein hartes Training

make it your way – Quelle: skeeze, Pixabay

Ein Kommentar zum Beitrag Identität: selbst gemacht, ist Anlass, genauer zu beschreiben, was wir eigentlich machen, wenn wir Identitätskonstruktion betreiben. Die Frage ist, wie kann ich Identität neu in mir „konstruieren“, und zwar nicht nur als Abziehbild zur sozialen Umwelt, wenn mir doch nur die alten Verhaltensweisen der Kindheit zur Verfügung stehen.
Noch genauer gefragt: Wie kann ich das Nachdenken über mich selbst in Gang bringen?
Und eine zusätzliche Frage: Was hat das mit Moral zu tun?
Die zweite Frage ist leichter zu beantworten. Das Nachdenken über sich selbst hat in der Philosophie Tradition. Es geht um Selbsterkenntnis. Das ist Selbstreflexion. Selbsterkenntnis hat zum Ziel, ein sittliches (moralisches) Leben zu führen. Ein moralisches Leben zu führen, das war Ziel des antiken Menschen, der meinte, dadurch glücklich zu sein.

Die Ausgangsfrage ist nicht leicht zu beantworten. Sich selbst in der sozialen Umwelt zu verorten und über sich selbst nachzudenken, setzt mit der Pubertät ein. Soziale Rollen zu übernehmen läuft ab nach dem Muster: Versuch und Irrtum. Jugendliche probieren neue Rollen aus und sehen, ob es funktioniert oder nicht. Vorgegebene Rollenmuster zu übernehmen ist grundsätzlich einfacher, als etwas neues für sich zu erfinden. Konstruktion ist es dann, wenn Jugendliche Teile von Rollen neu zusammenzustellen.

Wie wird dieser Prozess unterstützt?
Ein einfaches Mittel der Selbstreflexion ist Analyse der eigenen Stärken und Schwächen. Diese Methode eignet sich für das gesamte Leben. Im Berufsleben engagieren sich Erwachsene ein Psychologie-Coach. Jugendliche können sich ein Feedback von Lehrern, Freunden und Eltern holen.
Selbstreflexion und Selbsterkenntnis setzt außerdem Zeitbewusstsein voraus. Nur ein Vergleich von vorher – nachher ermöglicht es, zu erkennen, dass man für sich selbst einen Lebensentwurf in die Zukunft verlängert.

Selbstwahrnehmung und Selbstreflexion können dazu führen, dass man sich zum eigenen Baumeister seiner Identität erklärt.
Das muss aber nicht zwingend so sein. Der Kommentarschreiber weist zu Recht darauf hin, dass man in Krisensituationen auf altbewährte Handlungsmuster zurückgreift.

Identitätskonstruktion ist also letztlich von erfolgreichen Rollenspielen abhängig. Damit sind aber nicht diese dümmlichen Trockenübungen im Unterricht gemeint. Dort ist der Text bekannt, die Regieanweisungen sind übersichtlich. Dort wird nichts fürs echte Leben gelernt, weil die Realität eben anders funktioniert. Im echten Leben ist Identitätskonstruktion nämlich eher ein Pokerspiel mit echt miesen Karten.

tmd.

Stichwort: Korrespondenztheorie

Infiniter Regress – Quelle: nataliekoroshchenko, Pixabay

Die Frage: „Ist das wirklich wahr?“, ist philosophisch grundlegend. Bei der Antwort können wir uns an dem alltäglichen Wahrheitsbegriff orientieren. Ich deute auf einen Baum und sage: Das ist ein Baum. Meine Aussage stimmt überein mit der Sache, die ich benenne. Das ist eigentlich schon Philosophie pur. Wahrheit ist die Übereinstimmung zwischen dem denkenden Bewusstsein und der Sache. Thomas von Aquin hat das geschrieben. Veritas est adaequatio intellectus et rei. Mein Aussage entspricht hier dem denkenden Bewusstsein.
Woher weiß ich, dass die Aussage wahr ist? Ich nehme es an, ich glaube es, solange nicht irgendein Grund sich findet, dass ich mich irre. Irrtum ist also immer möglich. Denn der Nachweis meiner wahren Aussage kann wieder nur durch eine Aussage über die Sache und meine Aussage nachgewiesen werden. Das geht so weiter bis in die Unendlichkeit. Es ist ein infiniter Regress.
Das muss uns im Alltag aber nicht stören. Wir können uns auf die Wahrheitstheorie des Alltags verlassen. Erst dann, wenn wir uns einbilden, im Werkzeugkoffer sitzt eine Fee, sollten wir innehalten und kritisch unsere Annahme überprüfen.

tmd.

Merkzettel: Psychologische Deutung des Gewissens bei Freud

Wie ein Virenscanner sitzt das Über-ICH im Arbeitsspeicher des Bewusstseins und kontrolliert die Wünsche des Unterbewusstseins.

Scan im Bewusstsein – Quelle: gagnonm1993, Pixabay

Sigmund Freud beschreibt das Gewissen als heteronomen (fremdbestimmten) Teil des Bewusstseins. Das Gewissen ist dabei abhängig von Erziehung und sozialer Umwelt.
Dem Analytiker Freud geht es nicht um die nähere Bestimmung eines psychischen Apparates, der für die Unterscheidung von Gut und Böse zuständig ist. Freud will Krankheiten, insbesondere Neurosen, behandeln und heilen. Diese Krankheiten sind das Ergebnis von Schuldgefühlen/Schuldbewusstsein und Strafbedürfnis. Die Spannung von Schuld und Strafe muss aufgelöst werden. Freuds Vermutung: Neurosen sind Spannungslöser.
Das Modell des Gewissens von Freud ist einfach im Aufbau: Unterbewusstsein – ICH – Über-ICH. Das ICH ist die handelnde Person. Sie steht in ständiger Auseinandersetzung mit dem Unterbewusstsein und dem Über-ICH. Das Unterbewusstsein beherbergt die Wünsche des Menschen nach Lustbefriedigung. Das Über-ICH ist der Ort der anerzogenen Moralvorstellungen. Das ICH steht dazwischen und muss in seiner Umwelt handeln – gegen oder mit dem einen oder anderen Teil des Bewusstseins.
Das Über-ICH wacht über die Einhaltung der moralischen Vorstellungen. Es ist zunächst nur das Abziehbild der elterlichen Erziehung. Es löst sich jedoch von der sozialen Erziehungssituation und führt ein Eigenleben im Bewusstsein des Kindes. Das Kind fühlt sich auch dann von den Eltern beobachtet, wenn diese das amoralische Verhalten nicht bemerken – und zwar von dem Über-ICH.
Das Über-ICH sitzt wie eine App im Arbeitsspeicher des Bewusstseins und kontrolliert die Wünsche des Unterbewusstseins wie ein Virenscanner.
Das Kind fühlt sich also schon mit den Wünschen im Unterbewusstsein ertappt und hat ein schlechtes Gewissen, hat Schuldgefühle. Diese Spannung aus Schuldgefühl und Strafbedürfnis (damit wieder alles in Ordnung ist) will das Kind/der Jugendliche beenden durch Spannungsauflösung. Selbstbestrafung ist hier die Lösung.
Genau das sind die Neurosen, die Freud behandeln will.

tmd.

Identität: selbst gemacht

Selbstspiegelungen – Quelle: Gallila-Photo, Pixabay

„Ist Identitätsbildung ohne Eigenleistung, also ohne Identitätskonstruktion möglich?“, bin ich kürzlich von einer Schülerin gefragt worden. Die Frage ist berechtigt.
Identität und Identifizierung sind Begriffe, die in der 7. Klasse (G8) bereits erarbeitet werden. Dabei ist Identität die Summe der sozialen Merkmale, die jemand besitzt, wie Alter, Geschlecht, Herkunft usw. Identifizierung ist die emotionale Gleichsetzung mit einer anderen Person. Du willst so sein wie ein anderer.

Identitätsbildung ist also in der Tat ein Prozess, der auch passiv ablaufen kann. Du orientierst dich an Vorbildern, die auch von deinen Freunden und Freundinnen bevorzugt werden. Die meisten Menschen beginnen sehr spät damit, sehr eigene Entscheidungen bezüglich ihrer Rolle zu treffen, also wie sie sich selbst sehen und gesehen werden wollen. Damit allein ist „Individualität“, also Unvergleichbarkeit, möglich.

Viele Jugendliche in der Pubertät sehen auch die Nachteile von eigenverantwortlicher Identitätskonstruktion. Schnell wirst du damit zum Außenseiter oder Sonderling.

Was ist dann aber ausschlaggebend dafür, dass manche Jugendliche den Weg in eine selbst konstruierte Identität finden und andere ein Leben lang ein Abziehbild ihrer Umwelt bleiben?
Psychologen haben viel darüber nachgedacht und geforscht. Heute kann man den Grund einer selbst konstruierten Identität mit einem Begriff beschreiben: „Selbstwirksamkeit“. Du merkst, dass du dich im Vergleich zu früher verändert hast und siehst den Grund dafür in eigenen Entscheidungen.

Es gibt dazu zwei Merksätze, die ich verwende, um Identitätskonstruktion zu erklären.

  • „Wenn man sich selbst verändert, merkt man das erst, wenn man verändert ist.“ Anne Frank schreibt das in ihrem Tagebuch. Du suchst und findest Veränderungen in deinem Leben in der Vergangenheit. Du vergleichst dich mit dir in der Vergangenheit. Nun kannst du entscheiden, ob du in Zukunft Veränderungen deiner Identität auch selbst steuern willst. Selbsterkenntnis ist das. Heutzutage nennt man das auch: Sich neu erfinden.
  • „Du sollst der werden, der du bist.“ Friedrich Nietzsche hat das geschrieben. Er meint, dass du dir einen Plan für dein Leben machen kannst und diesen dann verfolgst.

In beiden Fällen geht es darum, dass du feststellst, „selbst etwas bewirkt zu haben“. Das ist „Selbstwirksamkeit“.

Funktioniert das ohne Komplikationen?
Keineswegs! Es ist eigentlich ein sehr riskantes Spiel. Aber es ist auch sehr spannend. Sagen meine SuS.

tmd.

Stichwort: Kohärenz

Widerspruchsfreies Denken – Quelle: geralt, Pixabay
  • Kohärenz ist ein Thema in Ethik in der 8. Klasse (G8). Hier geht es um das ethische Argumentieren. Argumentieren heißt, einen Standpunkt beziehen und diesen begründen. Dies geschieht meist mit einer Behauptung oder Meinung, die mit Beispielen bekräftigt wird. Hier können Kompetenzen aus dem Deutschunterricht genutzt werden.
  • Diese Art der Begründung darf in sich keine Widersprüche haben, sie muss schlüssig sein und nachvollziehbar sein. Wenn es keine Widersprüche gibt, dann können Aussagen „wahr“ sein. Ethische Argumentation soll also das Merkmal der Wahrheit haben.
  • In einigen Lehrbüchern wird das auch „Konsistenz“ genannt.
  • Ethisch ist das Argumentieren dann, wenn es von moralischen Forderungen ausgeht. Beispiel: Du sollst nicht töten. Alle weiteren Meinungen und Behauptungen orientieren sich an dieser Vorschrift.
  • Kohärentes Argumentieren bezieht sich auf Aussagen über die Wirklichkeit. Geprüft wird aber nicht die Übereinstimmung mit der Wirklichkeit. Das wäre die Aufgabe der Korrespondenztheorie. Geprüft wird die Übereinstimmung einer Aussage mit anderen Aussagen. Hier dürfen sich keine Widersprüche ergeben.
  • Auf diese Weise können komplexe Aussagesysteme entstehen, die in sich widerspruchsfrei sind, aber nicht unbedingt in der Wirklichkeit existieren müssen. Beispiele sind Märchen. Sie sind nicht in der Wirklichkeit vorhanden, aber dennoch in sich widerspruchsfrei.

tmd.