Vergesellschaftung und Moral

Ich bin gefragt worden, was Vergesellschaftung und Gesellschaftstheorie mit Ethik zu tun haben. Die Frage ist berechtigt. Die Beschäftigung mit den verschiedenen Vertragstheorien von Thomas Hobbes und Jean-Jacques Rousseau lässt das Ziel der Aufgabe in den Hintergrund rücken. Zuweilen vergisst man, weshalb und warum man sich mit den Theorien beschäftigt. Außerdem gibt es etliche Literatur zum Thema, in der genau der moralisch Aspekt ausgeblendet ist.
Deshalb hier eine kurze Anmerkung zu Vergesellschaftung und Moral.

Rousseau und Hobbes sind der Meinung, dass die Menschen eine politische Ordnung nur mittels eines Vertrages herstellen können. Dazu gebrauchen sie außerdem ihre Vernunft. Ohne Vernunft geht also gar nichts bei den Vertragstheoretikern. Ohne Vertrag würden die Menschen im sogenannten Naturzustand weiterleben oder in einem Zustand, der sich „naturwüchsig“ aus den vorhandenen Menschenrechten (Freiheit und Gleichheit) entwickeln würde.
Hier zeigt sich, dass Hobbes und Rousseau nicht mehr die antike Vorstellung hatten, dass sich die Menschen als „politische“ Wesen ohne eigenes Zutun zu einem Staat zusammenschließen würden.

Fotomontage, Gesichter
Aspekt Menschenbild – Quelle: geralt, Pixabay

Also: Die antiken Menschen haben immer in politischen Verhältnissen gelebt, meinten sie. Sie mussten sich nur noch darum kümmern, dass es die „richtige“ politische Ordnung sei. Richtig war die politische Ordnung dann, wenn es eine „gute“ Ordnung war. Die Probleme, die sich dadurch ergaben, sind hier im Blog bei Platon, Sokrates und den Sophisten beschrieben.

Die politische Philosophie der Neuzeit hatte also ein doppeltes Problem.

  • Erstens: Sie musste eine politische Ordnung herstellen durch Vertrag und dabei auf das jeweilige Menschenbild achten bzw. es beim Vertragsentwurf berücksichtigen.
  • Zweitens: Sie mussten beim Vertragsentwurf darauf achten, dass die politische Ordnung eine „gute“ Ordnung sei.

Bei Hobbes ist die Ordnung die richtige, die Sicherheit herstellt. Bei Rousseau ist das Kennzeichen der guten Ordnung, die Freiheit und (!) die Gleichheit der Bürger herzustellen.

Nicht vergessen darf man, dass alles von der Vernunft des Menschen abhängig war. Nicht bedacht wurde dabei, dass sich die Vernunft auch recht willkürlich verhalten kann. Erst Immanuel Kant hat sich Gedanken gemacht, wie man die Vernunft vor Willkür schützen kann.
Vergesellschaftung ist also gar nicht so einfach. Die Vernunft muss den Menschen im Blick haben und versuchen zu verstehen, wie er „funktioniert“. Die Vernunft muss aber auch die mögliche politische Ordnung im Blick haben und fragen, ob es eine richtige, die „gute“ Ordnung ist. Das ist die Frage nach der Moral.

tmd.

Das Glück als Ziel des menschlichen Lebens

Das ist der Titel des ersten Buches der Nikomachischen Ethik. Damit benennt Aristoteles den Kern antiker Ethik: Glücklich sein.
Daran hat sich auch heute nichts geändert – an dem Streben nach Glück. Der Unterschied besteht darin, dass wir den Weg zum Glücklichsein nicht mehr direkt über das Einüben von Tugenden suchen. Wir wollen das Glücklichsein als Angebot, als eine Art Ware bestellen. Oder wir fragen, warum es nicht funktioniert – das mit dem Glücklichsein.
Die Untersuchung von Lebensläufen legt offen, dass es im Leben eines Menschen sogenannte Wendepunkte gibt, an denen viel kaputt gehen kann beim Streben nach Glück. Pubertät und Erwachsen werden sind solche Wendepunkte, aber auch das Altern und der Prozess des Sterbens. Kennt man solche Wendepunkte, an denen sich vieles verändert, dann ist man darauf vorbereitet, dass es Probleme gibt. Dann kann man also verhindern, durch diese Wendepunkte unglücklich zu werden.
Die Beispiele sind zahlreich: Schwierigkeiten in der Schule (plötzlich schlechte Noten), erste Liebe (die unglücklich endet), Probleme im Berufsleben (Mobbing) usw.
Die psychologischen Ratgeber sind voll von Lösungsmustern dazu. Was uns hier im Blog interessiert, das ist die Frage: Was hat das mit Moral zu tun?
Aristoteles und seine Ethik wurden schon genannt. Der antike Mensch will glücklich sein und ist es, wenn er gut ist.
Von dieser Maximalforderung ist heute übrig geblieben, dass sich an den Wendepunkten des Leben die Beurteilung der Welt und Wirklichkeit verändert. So die Aussage von Psychologen. Insbesondere in der Pubertät müssen Jugendliche neben einer eigenen Identität auch eigene Moralvorstellungen finden.
Es geht also um das Finden von eigenen Moralvorstellung. Nun ist es so, dass Moral nicht jedes mal neu erfunden wird. Orientierung gibt es in Schule und Familie.
Sehr viel schwieriger ist es mit dem Umgang von Sinnkrisen. Diese können den Menschen jederzeit treffen: ein schwerer Unfall, eine Krankheit, eine Trennung von lieben Menschen.
Hier ist wieder die Philosophie gefragt. Die bietet aber nur den beschwerlichen Weg der Selbsterkenntnis an. Es hat keinen Sinn, sich in Grenzsituationen selbst anzulügen, aufzugeben oder die eigene Verzweiflung auf anderen Menschen abzuladen.

alter Mann
Grenzsituation Lebensende – Quelle: Myriams-Fotos, Pixabay

Grenzsituationen sind solche, bei denen es keinen Ausweg mehr gibt: Tod, Leiden, Schuld. Der Philosoph Viktor Frankl meint, dass man auch in diesen Grenzsituationen einen Sinn finden soll. Man soll sich fragen: Was erwarten die Menschen von mir in dieser Situation? Was hilft den anderen? Diese Art der „Selbstdistanzierung“ hilft gerade in aussichtslosen Situationen.

tmd.

Stichwort: Arbeitsmoral

„Leben, um zu arbeiten“ und „Arbeiten, um zu leben“ sind die beiden Grundformen von Arbeitsmoral.

Bilder malen
Selbstverwirklichung oder … – Quelle: bridgesward, Pixabay

Im ersten Fall geht es um das Arbeiten in Form von „Tätigsein“. Damit ist nicht nur kreatives Arbeiten gemeint. Arbeit wird hierbei nicht als Last empfunden. Arbeit ist Selbstverwirklichung.

Im zweiten Fall geht es darum, mit Arbeiten den Lebensunterhalt zu erwirtschaften. Arbeit ist hier nur Mittel zum Zweck. Hier gibt es noch eine weitere Untergliederung.

  • Arbeit dient nur dazu, den Lebensunterhalt zu sichern. Keinerlei Geld bleibt für die Freizeit.
  • Arbeit soll die Freizeit finanzieren. In diesem Fall kann die Freizeit ein Ersatz für die verlorene Freiheit im Arbeitsleben sein. Der Philosoph Robert Menasse hat dazu die Formel geprägt der „Freizeit-Freiheit“.

Selbstverständlich ist es auch möglich, dass jemand seine Arbeit als „Tätigsein“ begreift, nicht als Last, und dennoch seine Freizeit nutzt zur Selbstverwirklichung.

harte Arbeit
Arbeiten, um zu leben – Quelle: skeeze, Pixabay

Die verschiedenen Formen von Arbeitsmoral sind abhängig von Erziehung und sozialem Umfeld. Sie sind also ein sozialer Faktor.
Wir bezeichnen gleiche Tätigkeiten als anstrengend und kompliziert (Arbeit), aber auch als Hobby und Entspannung (Freizeit). Den Unterschied machen wir. Er liegt nicht in der Tätigkeit. Es ist eine paradoxe Zuschreibung.

tmd.

Merkzettel: Thomas Hobbes

equality
Gleichheit – Quelle: Wokandapix, Pixabay

Der Mensch ist grundsätzlich egoistisch und gewaltbereit. Sein Ziel ist es, sich alles anzueignen, was er haben will. Er ist gierig. Hat er einen Wunsch befriedigt, wartet sofort der nächste Wunsch. Soweit Hobbes über den Menschen im Naturzustand.
Der Naturzustand ist ein Gedankenexperiment. Hier wird erzählt, wie sich der Mensch ohne Gesetzte und Ordnungsmacht verhält. Es ist der „Krieg aller gegen alle“. Dieser Zustand ist also eine Fiktion. Der Naturzustand soll illustrieren, wie der Mensch von Natur aus ist. Hier kann er seine natürlichen Rechte ausleben. Der Naturzustand zeigt auch, dass sich aus den Naturrechten (Freiheit, Gleichheit) ohne Zuhilfenahme der Vernunft keine politische Ordnung entwickeln lässt.

Mit Vernunft kann der Mensch die Naturgesetze ermitteln. Naturgesetze sind keine physikalischen Gesetze. Naturgesetze sind von der Vernunft ermittelte Vorschriften wie:

  • jeder Mensch hat einen Selbsterhaltungstrieb;
  • geschlossene Verträge soll man halten;
  • für einem Friedenszustand sollen alle die gleichen Rechte haben.

Diese von der Vernunft erkannten Vorschriften (Naturgesetze) können die Bürger für einen Vertrag weiterverwenden: Das ist der Gesellschaftsvertrag. Der Gesellschaftsvertrag wird zwischen allen Bürgern eines Staates geschlossen. Ziel ist es, den Naturzustand mit dem „Krieg aller gegen alle“ zu beenden.

Im Gesellschaftsvertrag geben die Menschen ihr Recht ab, sich alles, was sie wollen, auch gegen den Willen der Mitmenschen anzueignen. Der Vertrag sorgt dafür, dass der Staat – als abstrakter Herrscher – für die Einhaltung des Gesellschaftsvertrags sorgt. Der Vertrag gibt den Menschen Sicherheit. Dafür opfern sie einen erheblichen Teil ihrer Freiheit.

Merksatz: Sicherheit statt Freiheit.

Die Bürger sind gezwungen, sich an den Vertrag zu halten. Der Vertrag kann nicht einseitig geändert werden.

Verletzt der Staat jedoch die genannten Naturgesetze, dann ist der einzelne Bürger sehr wohl berechtigt, sich zu wehren. Insbesondere dann kann sich der Bürger von seinem Staat verabschieden, wenn der Staat seine Schutzfunktion aufgibt.

tmd.

Freiheit und Gleichheit: Jean-Jacques Rousseau

J.J.R. will mit seinem Gesellschaftsvertrag eine politische Ordnung herstellen, in der Freiheit und Gleichheit gewährleistet sind.
Er beginnt damit, dass er grundsätzlich nach Legitimation von Herrschaft fragt. Zu seiner Zeit gab es drei Arten von Legitimation: Herrschaft von Gottes Gnaden, Naturrecht und ein Gesellschaftsvertrag.

Freiheit und Gleichheit
Freiheit – Quelle: StockSnap, Pixabay

Gesellschaftsvertrag meint: die Bürger eines Landes schließen einen Vertrag, in dem die Herrschaft geregelt ist.
Herrschaft von Gottes Gnaden erwähnt er in seinen Überlegungen nicht. Das Naturrecht würdigt er, indem er Freiheit und Gleichheit als naturgegebene Rechte eines jeden Menschen bestimmt. Aus diesen Naturrechten lässt sich aber keine Herrschaft ableiten.
Warum ist das so?
J.J.R. hat ein bestimmtes Menschenbild. Der Mensch ist ein Einzelgänger, der den anderen Menschen besser aus dem Wege geht. Er ist frei und unabhängig und will es bleiben. In diesem Naturzustand kann der Mensch aber nicht überleben. Er ist in der Natur nicht überlebensfähig. Alle anderen Lebewesen sind ihm eigentlich überlegen. Also muss er sich mit anderen Menschen zusammenschließen, um sich zu schützen gegen die übermächtige Natur. Dieser naturwüchsige Zusammenschluss funktioniert jedoch nur in der Familie. Dort sind die Herrschaftsverhältnisse angebracht. Sobald aber der Mensch alt genug und vernünftig ist, braucht es eine andere Herrschaftsform. Es braucht eine Herrschaftsform, in der Gleichheit und Freiheit des Menschen gewährleistet sind. Das ist der Gesellschaftsvertrag.
Überlässt man es dem Zufall, dann wird die Vergesellschaftung zu einem Gefängnis für die meisten Menschen. Sie leben in Unfreiheit und sind nicht mehr gleich, weil sich einige Menschen mehr Rechte nehmen und die anderen Menschen beherrschen.
Nachdem J.J.R. diese Überlegungen abgeschlossen hat, geht es darum, einen Vertragsentwurf für einen Gesellschaftsvertrag zu machen, der den Menschen Schutz vor der übermächtigen Natur bietet, aber gleichzeitig auch Freiheit und Gleichheit herstellt.
J.J.R. sagt, alle Menschen haben dieses Ziel, nämlich frei und gleich zusammen zu leben. Im Vertrag muss also stehen, dass die Vertragschließenden, wenn sie vergesellschaftet sind, alle die gleiche Freiheit haben sollen.
Damit sie aber wirklich gleich sind, müssen sie mit dem Vertragsschluss ihre bisherigen Rechte auf individuelle Freiheit abgeben. Dafür erhalten alle Menschen die gleiche Freiheit, die im Vertrag zugesichert ist und die individuelle Freiheit ersetzt. Alle Bürger haben jetzt die „gleiche Freiheit“.

tmd.

Ist der Weg wirklich das Ziel?

Trauer
vergeblich – Quelle: Counselling, Pixabay

Sinnfindung ist nicht die Übernahme fertiger Antworten auf die Sinnfrage. Sinnfindung ist ein Prozess, den ich selbst steuern kann und soll. Maßstab sind meine Erwartungen, die ich ans Leben stelle. Meine Erwartungen sind nicht unbeeinflusst von meiner sozialen Umwelt. Das kann ich bei der Sinnfindung berücksichtigen.
Eine Erwartung, die viele Menschen teilen, ist „glücklich sein“. Das Streben nach Glück wird dabei in den Vordergrund gestellt. Ist man nämlich erst mal glücklich, dann beginnt wieder das erneute Streben nach Glück.
Als Sinnspruch passt dazu: „Der Weg ist das Ziel“. Gemeint ist damit, das Tätigsein steht im Vordergrund.

Hält diese Gedankenfigur einer Prüfung in der Wirklichkeit stand?

Was soll jemand, der sich Jahre abgemüht hat für seinen beruflichen Erfolg, mit dem Spruch „Der Weg ist das Ziel“ anfangen, wenn seine Bemühungen nicht erfolgreich sind? Wie fühlt sich ein Kind, dass jahrelang auf das Abitur hin gearbeitet hat, wenn es im Abschluss nicht gelingt? Es gibt noch viele Beispiele. Sie führen alle dazu, den Sinnspruch in Frage zu stellen.
Der Weg ist eben nicht das Ziel, wenn alles vergebens war. Es hilft den Betroffenen auch nicht weiter, wenn man ihnen sagt, dass sie durch die Niederlage an Persönlichkeit gereift sind. Darauf kann man gerne verzichten.

Und es gibt einen weiteren Aspekt, das Tätigsein nicht so hoch zu hängen. Das Gefühl des Glücks, der Zufriedenheit nach einem Erfolg ist eben auch vorhanden. Wer einen Ausbildungsweg abgeschlossen, einen Wettkampf gewonnen hat, der ist glücklich. Diese Augenblicke gibt es. Sie machen den Weg erst zu dem, was er ist. Es ist der Abschnitt vor dem ersehnten Glücklichsein.

Wir sollten also nicht voreilig solche Sinnsprüche nacherzählen, ohne sie durchdacht zu haben. Der Weg ist eben nur dann das Ziel, wenn das Ziel auch erreicht wurde.

tmd.