Eine Anmerkung zu Adam Smith

Public Market
Der Markt regelt Angebot und Nachfrage – Quelle: ptra, Pixabay

Adam Smith war in erster Linie Moralphilosoph. Seine theoretischen Überlegungen verstellen den Blick darauf.

  • Seine erste These: Streben nach Eigennutz, führt nicht zu Chaos, sondern zur natürlichen von Gott gewollten Ordnung, so seine Meinung. Denn die vielen kleinen Produzenten und Kaufleute versorgen uns nicht aus Menschenliebe, sondern aus Eigenliebe. Sie wollen mit ihren Produkten am Markt erfolgreich sein.
  • Seine zweite These war: Diese vielen wirtschaftlichen Aktivitäten werden wie von einer unsichtbaren Hand geleitet, mit der Folge, dass es immer einen Marktpreis gibt, der Angebot und Nachfrage regelt.

Diese objektive Sicht auf das Marktgeschehen klammert jedoch nur auf den ersten Blick die Moral aus. Ziel ist es doch, alle Menschen mit ausreichenden Gütern zu versorgen.
Man möchte beinahe sagen: Macht euch keine Sorgen, alles wird gut.

Adam Smith, hier im Blog:

tmd.

Wille und Handlung

Extremklettern
der Wille zum Handeln – Quelle: JudiCBell, Pixabay

Es gibt Philosophen, die den freien Willen als Wahnidee bezeichnen. Für diese Philosophen gibt es keinen freien Willen. Wenn es aber keinen freien Willen gibt: Wie verfährt man mit Menschen, die Böses tun? Wenn es keinen freien Willen gibt, dann kann man sowohl kleine Kriminelle, aber auch Terroristen und Personen wie Stalin und Hitler nicht zur Rechenschaft ziehen.
Michael Schmidt-Saomon ist einer der Philosophen, die den freien Willen als Wahnvorstellung ablehnen. Schmidt-Salomon löst das genannte Problem mit den Bösewichten, indem er einen Unterschied macht zwischen Willensfreiheit und Handlungsfreiheit.
Willensfreiheit lehnt er ab. Aber der Mensch ist immer noch frei zu handeln – oder nicht. Das Gehirn plant eine Entscheidung und bringt sie ins Bewusstsein. Dort, im Bewusstsein, kann die Entscheidung fallen: Handeln oder nicht handeln.
Was ist verantwortlich dafür, dass ein Mensch dem Willensvorschlag des Gehirns nachgibt oder nicht? Es ist Erfahrung, es ist Erziehung.
Mit Erziehung ist hier eigentlich gemeint, die eigene Vernunft einzusetzen. Das erinnert sehr an Kant, der aber an den freien Willen glaubte.
Wie soll man also umgehen mit der Handlungsfreiheit?
Man muss sie trainieren. Anders geht es nicht.
Schmidt-Salomon und die anderen Gegner des freien Willens, haben dabei aber nicht an die klassische Moralphilosophie gedacht – oder sie wollten nicht daran denken.
Moralische Handeln ist bei Aristoteles Übung. Das, was eingeübt wird, dafür übernehme ich Verantwortung. Verantwortung übernehmen heißt aber, dass ich die Handlung verantworte und nicht irgendein Naturgesetz. Ich kann keine Ausrede finden!
Gegner des freien Willens sagen, dass menschliches Handeln durch Gesetze (Naturwissenschaften, Psychologie) vorgeschrieben ist. Man nennt das Determinismus. Gleichzeitig soll der Mensch aber auch Handlungsfreiheit haben.
Wenn Handlungsfreiheit aber nicht determiniert ist – und das muss sie sein, wenn hier Freiheit wirkt – dann ist der Mensch doch frei in der Entscheidung. Und dann kann und muss er auch zur Verantwortung gezogen werden.

tmd.

Buchtipp: Als ich dich suchte

junge Frau im Regen
in mir suche ich nach dir – Quelle: Pexels, Pixabay

Grenzsituationen sind nicht lösbar im Sinne von „Alles wird gut“. Grenzsituationen sind ausweglos. Sie sind ein Dilemma im Quadrat. Beim Dilemma kann man wenigsten wählen zwischen zwei unangenehmen Alternativen. Egal, was man macht, es ist immer falsch. Aber man muss sich halt entscheiden und dann beginnen die Begründungsversuche. Wir kennen das von Kohlberg.
Aber Grenzsituationen lassen keine Begründungen mehr zu.

Nichts geht mehr.

Lauren Oliver hat anscheinend für solche Situationen eine gewisse Vorliebe. Hier im Blog habe ich „Wenn du stirbst, zieht das ganze Lebe an dir vorbei, sagen sie“ schon vorgestellt. Mit „Als ich dich suchte“ hat sie wieder eine Geschichte vorgelegt, die man unbedingt im Ethikunterricht lesen sollte. Sie passt zum Modul Sinnfindung in der 8. Klasse (G8) und dort in das Kapitel Grenzsituationen.
Es geht um die Schwestern Nick und Dara. Unterschiedliche Typen. Damit ist die Übersichtlichkeit in dem Roman auch schon beendet. Die Geschichte hat zwei Erzähler, die beiden Schwestern. Dann werden noch einige Dokumente in die Handlung eingebaut. Und es wird von einem Autounfall berichtet, bei dem Dara schwer verletzt wird. Und wir lesen, dass Dara den Freund ihrer Schwester geküsst hat.

Der Leser versucht irgendwie einen roten Faden in dem Buch zu finden. Es ist wie im richtigen Leben. Erst im Rückblick wird vieles klar. Ich habe – als ich die Story verstanden und rekonstruiert habe – zurück geblättert und nach den Wendepunkten und Anhaltspunkten gesucht, die den Blick auf die wirkliche Handlung verstellen. Lauren Oliver hat nichts verheimlicht. Alles ist schlüssig und logisch. Aber der Leser merkt es eben erst zum Schluss. Der Originaltitel „Vanishing Gils“ tut ein Übriges, um für Verwirrung zu sorgen.

Da dies ein Moral-Blog ist, steht die literarische Leistung von Lauren Oliver nicht im Vordergrund. Ich will diese Leistung aber dennoch nicht ungelobt lassen. Schließlich müssen Bücher, die für den Unterricht gelesen werden, besonders interessant und spannend sein. Sie müssen ein eigenes Erlebnis sein. Ansonsten beschweren sich die SuS.
In der Geschichte steckt ein psychologisch erklärbares Problem, das Ergebnis einer Grenzsituation sein kann. Es geht um die Verarbeitung von Schuld.
Eine akademische Erklärung ist aber langweilend und die entsprechenden Textschnipsel in den Lehrbüchern sind es erst recht.

tmd.

Anmerkung zum freien Willen

Pfad
alternative Möglichkeiten – Quelle: PublicDomainPictures, Pixabay

In der Diskussion um den freien Willen wird das Denkmuster des „Prinzips der alternativen Möglichkeiten“ verwendet. Es geht darum, dass der Mensch nur dann einen freien Willen haben kann, wenn er in einer bestimmten Situation so aber auch anders handeln kann.
Diejenigen Philosophen, die einen freien Willen als unmöglich ablehnen, versuchen das folgendermaßen zu begründen.
Jede Wirkung hat genau eine Ursache. Identische Ursachen haben auch identische Folgen, so die Begründung.

Wenn jemand in einer Handlungssituation (Ursache) zwei unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten (Wirkung) zur Verfügung hätte, dann müsste er sich gleichzeitig in zwei unterschiedlichen Handlungssituationen (Ursachen) befinden.
Das sei logisch nicht möglich, sagen die Kritiker.

In diesem Zusammenhang ist mir das Gedankenexperiment des Johannes Buridan (14. Jahrhundert) eingefallen. Wenn man vor zwei vollkommen identische Alternativen (das sind die alternativen Möglichkeiten) gestellt ist, kann man keine Entscheidung treffen.
Überträgt man dieses Gedankenexperiment auf das Problem mit dem freien Willen, dann zeigt sich: Der Mensch mit einem freien Willen würde in dieser (logischen) Patt-Situation (alternative Möglichkeiten) gar nicht handeln.
Mir gefällt diese Erklärung besser, nicht nur, weil sie ein reines Gedankenexperiment ist. Die Erklärung ist immun gegen den Einwand, dass es in der Quantenphysik solche alternativen Möglichkeiten geben soll.

tmd.

Schuld und Vergebung

Gespräch in der Kirche
Wer seine Schuld nicht los wird, der sucht das Gespräch, damit ihm Vergebung zuteil wird – Quelle: Pexels, Pixabay

Wer sich entschuldigen will, will seine Schuld loswerden. Entschuldigungen kann man grundsätzlich nicht erzwingen. Es gibt gesellschaftliche Rituale der Entschuldigung. Manchmal ist dann jemand, der um Entschuldigung gebeten wird, praktisch gezwungen, die Entschuldigung anzunehmen.
Was aber tun, wenn man sich nicht mehr entschuldigen kann? Wenn derjenige, bei dem man sich ENTSCHULDEN will, beim Ritual der ENTSCHULDUNG nicht mitmachen kann – weil er tot ist?
Es gibt wenige Situationen, die so ausweglos sind und die spezieller Hilfe bedürfen. Heutzutage ruft man in diesem Fall schnell nach dem Fachmediziner, der die Sache heilen soll. Das geht aber nicht immer. Manchmal helfen eben keine Pillen und Therapien.

tmd.

Computergestützte Moral

Frau Gesicht Fantasy
Moral als künstliche Intelligenz? – Quelle: tweetyspics, Pixabay

Die Diskussion um das selbst fahrende Auto geht weiter. Soll so ein Auto im Zweifel an die Wand fahren, um so einer Gruppe Menschen, welche entgegen der Straßenverkehrsordnung den Fahrweg überqueren, das Leben zu retten? Der nicht selbst fahrende „Passagier“ des Autos würde dabei zu Tode kommen. Oder soll der Computer im Auto anders programmiert sein?

Die fachlichen Diskussionen sind lang und sollen hier nicht nacherzählt werden. Eine rein logische Überlegung sei aber erlaubt.
Das, was wir den Rechnern in den selbst fahrenden Autos einprogrammieren, sollte unseren moralischen Leitgedanken entsprechen. Dabei machen wir also nichts anderes, als unsere Normen und Werte handlungsleitend zu machen. Dazu gehört auch, dass wir nicht nur uns, sondern auch die Mitmenschen schützen sollen und wollen. Alles anderes wäre unmoralisch.

Wenn der Roboter im Auto so handelt, dann hält er sich – nebenbei bemerkt – an die Robotergesetze, die Isaac Asimov aufgesetzt hat.

  • Ein Roboter darf kein menschliches Wesen (wissentlich) verletzen oder durch Untätigkeit (wissentlich) zulassen, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird.
  • Ein Roboter muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen – es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel eins kollidieren.
  • Ein Roboter muss seine Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert.

In „Aufbruch zu den Sternen“ wurde dann noch das Nullte Gesetz daraus abgeleitet und vorangestellt.
Ein Roboter darf die Menschheit nicht verletzen oder durch Passivität zulassen, dass die Menschheit zu Schaden kommt.

Dieser kleine Ausflug in das Genre der Science-Fiktion sei hier erlaubt. Denn die so formulierten Gesetze genügen zunächst einmal dem kategorischen Imperativ. Der Mensch ist immer Zweck. Holte man die genannten Gesetze zurück in die Alltagswelt, dann wäre unsere Welt zumindest formal sehr viel moralischer als sie es jetzt ist.

Moralische Entscheidungen erfolgen jedoch nicht auf der Basis von Algorithmen. Menschen treffen Entscheidungen nicht nach Drehbuch. Moral als soziale Tatsache ist ein selbst lernendes System. Die Dynamik dieses selbst lernenden Systems ist offen.

tmd.

Moral: eine soziale Tatsache

Es ist schon erstaunlich, dass wir die Normen und Werte, die Regeln des Zusammenlebens und die Moral selbst herstellen und uns dann darüber beschweren, dass wir diese Normen und Werte befolgen müssen. Nicht immer beschweren wir uns darüber, aber wenn, dann schon sehr heftig.
An dieser Stelle kann man einwenden, dass diejenigen, die sich über Normen beschweren, nicht immer diejenigen sind, die sie gemacht haben. Aber auch diejenigen, die gegen Normen rebellieren, halten sich an die Normen und Werte – zumindest meistens.

Soziologen bezeichnen Normen und Werte als „soziale Tatsachen“. Das hat etwas Beruhigendes. Das Wort Tatsache, das klingt schon sehr realistisch. Aber damit ist noch nicht geklärt, warum wir uns an diesen Tatsachen orientieren und warum wir den Tatsachen folgen. Und erst recht nicht geklärt ist, wo sich diese Tatsachen befinden. Beim Wort Tatsache denkt man doch automatisch an eine Feststellung, eine Aussage über die Wirklichkeit. Der Soziologe Émile Durkheim (1858 – 1917) meinte, dass sie ein „Eigenleben“ führen. Soziale Tatsachen sollen wie Dinge behandelt werden. Jedenfalls üben sie auf uns Zwang aus.

Und eine weitere Frage müsste geklärt werden. Auch wenn es sich um nicht mehrheitsfähige Kollektivnormen handelt, dann haben diejenigen, die diesen Normen folgen, dieselben im Bewusstsein. Diese Normen sind Teil ihres Wissens. Die Soziologen nennen das: kollektives Bewusstsein. Ist dieses kollektive Bewusstsein die Summe aller „Bewusstseins“ oder das Abbild eines „Meta“-Bewusstseins?

Wo befinden sich die sozialen Tatsachen, wie werden sie hergestellt und warum befolgen wir sie, auch wenn wir nicht immer froh darüber sind?
Wie soll man diese Fragen ohne soziologisches Vorwissen beantworten?

Wolken
soziale Tatsachen: wie eine cloud an Informationen, außerhalb von uns … – Quelle: StockSnap, Pixabay

Ich versuche es mit einem Vergleich. Das Internet hat die sogenannte Cloud. In dieser Cloud kann vieles abgelegt werden. Und aus dieser Cloud kann Wissen, können aber auch Prozesse (Programme) abgerufen werden.

(Ich weiß, dass diese Cloud nicht eine Wolke im eigentlichen Sinne ist. Die Cloud ist natürlich eine Sammlung von Computern und Speichermedien.)

Soziale Tatsachen kann man sich wie dieses Wissen, das in der Cloud gespeichert ist, vorstellen. Hergestellt wurde es durch die Nutzer. Benutzt wird es ebenfalls durch die Nutzer.
Überträgt man dieses Bild auf die Normen und Werte, dann sieht man, dass wir die Normen und Werte zwar herstellen, uns dann aber auch an sie – mehr oder weniger – halten. Wir befolgen die Normen.

Wie kommt es dann zu einem Wandel der Normen?
Auch hier verwende ich den Vergleich mit dem Internet. Wenn Normen und Werte nicht mehr praktisch anwendbar sind, unseren Vorstellungen nicht mehr genügen, dann machen wir neue. Nun geht es darum, dass diese neuen Werte auch abgerufen und verwendet werden. Ist das der Fall, dann haben sich die neuen Normen durchgesetzt. Gelingt es nicht, dann bleibt es bei den alten Werten.

Warum empfinden wir die sozialen Tatsachen wie Dinge, die außerhalb von uns existieren?
Wir müssen feststellen, dass Normen existieren und weiterbestehen, auch wenn wir mit ihnen nicht einverstanden sind. Wir orientieren uns an ihnen, weil wir feststellen, dass wir Probleme bekommen, wenn wir sie nicht einhalten. Das Modell der sozialen Rolle zeigt diese Abhängigkeit sehr deutlich. Soziale Rollen bestehen aus Erwartungen, die an uns gestellt werden. Diesen Erwartungen müssen wir folgen, auch wenn es uns nicht gerade gefällt. Wenn nicht, müssen wir mit Sanktionen (Strafe) rechnen. Bedauerlicherweise werden wir nicht besonders gelobt, wenn wir alles richtig machen, so wie es von uns verlangt wird.

soziale tatsachen im Kopf
… aber auch in unserem Bewusstsein: soziale Tatsachen – Quelle: ElisaRiva, Pixabay

Die politische Philosophie von Thomas Hobbes, Jean-Jaques Rousseau und Immanuel Kant macht uns jedoch Hoffnung. Dort wird der Wandel der sozialen Tatsachen, der Normen und Werte in den Vordergrund gestellt. Wir machen Gesetze, denen wir freiwillig folgen, weil wir die Gesetze in Freiheit und Verantwortung mittels Vernunft hergestellt haben.

tmd.

Filmtipp: Zwei Tage – eine Nacht

junge Frau auf der Parkbank
entscheiden, das Gute zu tun – Quelle: Antranias, Pixabay

Kürzlich habe ich den Film „Zwei Tage, eine Nacht“, von Jean-Pierre und Luc Dardene gesehen. In dem Film geht es um ein spezielles moralisches Thema: Solidarität und Arbeit. Aber nur auf den ersten Blick geht es darum.
Eine junge Frau – Sandra heißt sie – verliert ihren Arbeitsplatz. Ungewöhnlich ist dabei, wie es dazu kommt. Ihr Chef will die Belegschaft verkleinern, um Kosten zu sparen. Sandra war längere Zeit krank gewesen und deshalb wird sie entlassen. Ihre Arbeitskollegen – es sind 16 Frauen und Männer – könnten jedoch auf ihre Jahresprämie (1000 Euro) verzichten, dann wird Sandra nicht entlassen. Also ein klassisches moralisches Gedankenexperiment und eine Dilemmageschichte in einem.
Der Film spielt in Frankreich. Das muss dazu gesagt werden.
Die junge Frau versucht nun in Einzelgesprächen ihre Kolleginnen und Kollegen dazu zu bewegen, auf die Prämie zu verzichten, damit sie ihren Arbeitsplatz nicht verliert.
Das ist soweit die Handlung. Sandra ist nicht immer erfolgreich. Die Gespräche laufen teils dramatisch ab. Diejenigen, die der jungen Frau nicht helfen wollen, begründen ihre Ablehnung, mehr oder weniger nachvollziehbar. Sympathie hat man mit ihnen nicht.
Die beiden Filmemacher hätten keinen ernstzunehmenden Film gemacht, wenn es so oder anders geendet hätte. Auch ein offenes Ende hätte nicht überzeugt.
Das moralische Thema „Solidarität“ war den beiden Regisseuren nicht genug.
Der Film endet mit der seit Sokrates immer gleichlautenden Ansage: Unrecht tun kann nicht damit begründet und legitimiert werden, dass man selbst Unrecht erlitten hat.
Die Kolleginnen und Kollegen, die sich für die Prämie entschieden haben, werden nicht nur wegen ihrer fehlenden Solidarität in die Ecke gestellt. Immerhin kann man jedem das Recht zubilligen, nur an sich zu denken. Das, was sie Sandra angetan haben mit ihrem mitleidlosen Handeln, das bleibt einem von ihnen erspart, weil die junge Frau eben nicht Gleiches mit Gleichem vergilt.
Sandra wächst in ihrer Niederlage über sich hinaus.

tmd.

Individualisierung revisited

Frau vor Horizont
Individualisierung macht die Arbeitswelt weiblich – Quelle: FreeFotos, Pixabay

Der Begriff „Individualisierung“ bereitet doch mehr Schwierigkeiten bei der Erarbeitung als erwartet. Deshalb gibt es hier noch einige Präzisierungen.
Individualisierung ist ein soziologischer Fachbegriff. Es geht um den Wandel von Fremd- zur Selbstbestimmung. Individualisierung ist eine soziale Tatsache. Soziale Tatsachen treten uns wie „Dinge“ gegenüber. Sie üben einen gewissen Zwang auf uns aus. Auch Selbstbestimmung übt Zwang aus.
Beispiel: An die Rolle der Ehefrau und Mutter wurden bis in die 70er Jahre Erwartungen gestellt, die von den meisten verheirateten Frauen auch geleistet wurden. Es bestand also ein gewisser Zwang, diese Rollen-Erwartungen zu erfüllen.
Individualisierung beschreibt nun den Prozess, dass diese Rollen und die damit verbundenen Erwartungen teilweise weggefallen sind. An Stelle dieser Erwartungen sind andere getreten, nämlich die Erwartung, dass jeder für sein Leben selbst verantwortlich ist. Frauen können und dürfen arbeiten gehen, Karriere machen oder auch nicht. Sie können Kinder haben wollen und eine Familie gründen oder auch nicht.
Und genau an dieser Stelle beginnen die Verständnisschwierigkeiten. Die soziale Tatsache „Individualisierung“ tritt den einzelnen Akteuren im sozialen Leben wie eine feststehende Sache, ein „Ding“ gegenüber. Soziale Tatsachen sind Zwänge in Form von Normen, Werten und Verpflichtungen. Wie die Akteure mit den Erwartungen umgehen, ist nun eine rein psychologische Angelegenheit. Bedienen sie die Erwartungen mit Leistungen, dann ist es in Ordnung, wenn nicht, drohen Sanktionen (Bestrafungen). Vor diesem sozialen Hintergrund der Erwartungen und Leistungen muss sich der einzelne Mensch entscheiden.
Viele SuS sind nun erstaunt, wenn sie feststellen, dass „Individualisierung“ nicht reibungslos funktioniert. Man hat zwar die Möglichkeit, sein eigenes Leben frei zu erfinden und zu gestalten, trifft dabei aber auf Widerstände, die wiederum sozialer Natur sind.
Beispiel: Frauen sind zwar die Gewinner der Individualisierung, weil sie in unserer auf Wissen und Kompetenz gebauten Arbeitswelt langsam die Führungsrolle (auch quantitativ) übernehmen. Aber die Alltagswelt ist nicht so, dass sie Karriere und Familie unter einen Hut bringen.
An diesem Punkt werden die Erklärungen, „warum ist das so?“, immer komplexer und komplizierter.
Denn die Baumeister und Konstrukteure der „Individualisierung“ sind selbstverständlich die Menschen selbst.
Zurecht fragen die SuS, warum die Baumeister der sozialen Zwänge diese nicht abstellen bzw. verändern? Das tun sie auch in Form von politischer Sozialgesetzgebung. Dennoch erklärt das nicht die Widersprüche, die uns im Alltagsleben begegnen. Wir können frei handeln und haben zahlreiche Wahlmöglichkeiten. Die negativen Effekte unseres Handelns müssen wir uns aber selbst zurechnen. Motto: Du bist frei, mach was draus.

Dahinter steht die alte Frage: Sind wir als Konstrukteure der sozialen Welt die Lösung oder Teil des Problems?

Wir stellen soziale Welt her und leiden gleichzeitig darunter. Karl Marx würde das als klassischen Widerspruch bezeichnen. Am Beispiel der „Individualisierung“ hätte er Recht. Frauen sind die Akteure unserer auf Wissen und Dienstleistung gestellten Gesellschaft. Diesen neuen „Produktivkräften“ widersprechen die noch vorhandenen alten Strukturen der Ungleichheit in unserer Gesellschaft, die Frauen dazu zwingen entweder auf Familie oder auf Karriere zu verzichten.
Es wird interessant sein, zu beobachten, wie sich die Widersprüche auflösen.

tmd.

Was wusste Sokrates und warum wurde ihm sein Wissen zum Verhängnis?

junge Frau hat erfolgreich meditiert
das Gute tun ist immer besser – Quelle: dimitrisvetsikas1969, Pixabay

Die Diskussion um Sokrates und den viel zitierten Satz (ich weiß, dass ich nichts weiß), der so in den Quellen nicht zu finden ist, geht weiter. Was wusste Sokrates nun wirklich?
Zunächst ist es so, dass Sokrates von sich sagen konnte, dass er über Dinge, von denen er nichts verstehe, auch wisse, dass er sie nicht verstehe. Das ist nicht gerade sensationell, aber zeigt doch einen gewissen Grad der Selbst-Reflexion auf hohem Niveau.

Was wusste er nun aber wirklich?
Sokrates konnte für sich beanspruchen, dass er die richtige Werteordnung hatte. In seinen Dialogen konnte er beweisen, dass seine Gesprächspartner von Moral und Tugenden keine Ahnung hatten. Das war es letztlich auch, was ihm zum Verhängnis wurde. Mit seiner Form der Gesprächsführung legte er das Nichtwissen der anderen objektiv offen. Jeder verstand das. Sokrates konnte nachweisen, dass seine Gesprächspartner alles Außermoralische für wichtig hielten und das Moralische nicht. Am Beispiel des Sterbens machte er es zuletzt noch klar. Die Menschen wissen nichts vom Tod und dem Leben im Jenseits und doch fürchten sie es und halten das Leben für wichtiger. Im Leben wissen sie aber nicht, was das Gute und was die Tugenden wirklich sind.
Wenn es also im Leben darum geht, das richtige zu tun, zum Beispiel recht zu handeln, dann solle man das auch tun, auch wenn der Tod drohe. Die Menschen darauf hinzuweisen, dass sie die falsche Werteordnung haben, ist also richtig, auch wenn es in den Tod führt.
Sokrates wusste also was „nicht geht“: Nämlich Unrecht tun. Und das ist zumindest schon einiges.

tmd.