Buchtipp: Mausmeer

Im Alltag schrumpft das Hier und Jetzt auf ein Nichts zusammen. Dadurch verlernen wir, auf die innere Stimme des Augenblicks zu achten.

Geschwister am Meer
im Hier und Jetzt des Augenblicks der inneren Stimme lauschen – Quelle: Foundry, Pixabay

Die Gegenwart entscheidet über Vergangenheit und Zukunft. Während man von der Zukunft ohne weiteres annimmt, dass sie offen ist und zufällig (kontingent), unterstellt man bei der Vergangenheit immer, dass sie feststeht. Das ist aber nicht so. Ständig interpretieren wir die Vergangenheit aus der Zukunftsplanung. Für unser Handeln in der Zukunft suchen wir die Begründungen in der Vergangenheit. Das nennt man dann: Aus der Vergangenheit lernen. Dabei wird die Vergangenheit immer wieder durch die vom Interesse geprägten Scheinwerfer der Zukunftsplanung neu beleuchtet. Dadurch entsteht also neue Vergangenheit.
Die Gegenwart schrumpft dabei bis zur Unkenntlichkeit zusammen.
Wird die Gegenwart jedoch unter die Lupe genommen und dabei die Zukunft mehr oder weniger ausgeblendet, dann entsteht ein „Hier und Jetzt“, dass irritiert.

Tamara Bach, Jugendbuchautorin, hat ein Gespür für diese Hervorhebung von Gegenwart. Mit „Mausmeer“ hat sie jetzt eine Geschichte vorgelegt, die jeglicher Biografieplanung widerspricht. Das, was wir alltäglich machen, nämlich die Zukunft aus der Vergangenheit heraus planen, wird durch den Augenblick beinahe aufgehoben. Die Vergangenheit bricht nur noch in kurzen Erinnerungen auf.
Es geht um Annika und Ben, die das Osterwochenende im verlassenen Haus des Großvaters verbringen. Annika studiert und Ben hat kurz vor dem Abitur – als er 18 Jahre wird – die Schule verlassen.
Tamara Bach hat schon einmal ein Jugendbuch mit diesem Thema vorgelegt: Was vom Sommer übrig ist. Dort waren die Rückblenden jedoch noch deutlich umfangreicher. Mausmeer ist außerdem 14+ geeignet.

Sinnfindung und Lebenslaufplanung unterschlägt diesen Aspekt des Lebens. Ein wenig leuchtet dieser Aspekt beim TAO auf. Aber das ist nicht Kern der Sinnfindungsfrage im Ethikunterricht der 8. Klasse (G8).
Also: absolut empfehlenswert für Leser/innen, die Sprache und Themen abseits des Mainstream mögen.

tmd.

Anmerkung: Integration und Religion

Deutschland-Flagge
integrierbar? – Quelle: geralt, Pixabay

Der islamistische Terror hat nichts mit dem Islam zu tun. Diese „politisch korrekte Empörung“ hat sich selbst entzaubert. Denn mit wachsender Religiosität steige auch die Zustimmung zu fundamentalistischen Positionen. Stark religiöse muslimische Männer werden häufiger straffällig als religiöse Christen. Nachzulesen ist das in einem Beitrag von Jan Bielicki in der SZ vom 20.4.2018.
Es geht dabei um die Frage, ob Religion die Integration behindere.
Die Antwort ist nicht recht zufriedenstellend. Denn es sieht so aus, dass Religion die Integration dann nicht behindere, wenn sie als „Nebensache“ von den Migranten angesehen wird. Ausschlaggebend für eine erfolgreiche Integration sei das soziale Umfeld und insbesondere die Schule.
Basis dieser Aussagen sind Umfragen aus dem Jahr 2015. Damals war das Ausmaß der Migrationswelle noch nicht zu erkennen.

Die politische Kultur der modernen aufgeklärten Republiken Europas leben davon, dass Religion eben nicht die Hauptrolle spielt.

Die politische Kultur Deutschlands baut auf Pluralismus und Kompromiss!
Kompromiss wird jedoch ausgehebelt, wenn der Pluralismus einen Fundamentalismus gewähren lässt, der von einem Gottesstaat und der Scharia träumt.

Die Deutsche Verfassung hat gegen den politischen Extremismus die Erfahrungen aus Weimar in Stellung gebracht: Wehrhafte Demokratie und die Artikel 1, 20 und 79. Der Artikel 4 der Verfassung lässt aber die Möglichkeit offen, mit religiösem Fundamentalismus die Verfassung zu unterlaufen.

tmd.

Stichwort: Hermeneutik

Frau im Spiegel
Zirkel des Verstehens – Quelle: Dr-MasterMind, Pixabay

Hermeneutik ist eine Methode, etwas zu verstehen. Mit dem „etwas“ kann vielerlei gemeint sein.
Es kann ein Text in einem Buch sein. Dann will ich verstehen, was der Autor mir damit erzählen will.
Es kann ein Bild oder Bauwerk sein. Dann will ich wissen, welche Bildinformation vermittelt werden soll oder was ich in der Fassade und Struktur des Bauwerkes lesen kann.
In diesen beiden Fällen benötige ich also Zusatzinformationen, die über mein Vorwissen hinausgehen, damit ich „verstehen“ kann.
Wenn ich wissen/verstehen will, wie und warum ein Flugzeug fliegen kann, dann brauche ich nicht nur eine Menge Zusatzinformationen, sondern auch Erklärungen. Verstehen ist also sehr oft verkoppelt mit dem Erklären.

Es gibt also Sachverhalte, die ich verstehen muss, um sie zu erklären. Und es gibt Sachverhalte, die ich erst dann verstehe, wenn ich sie erklären kann.

Wenn es um Moral geht, dann hat „verstehen wollen“ mit der Frage zu tun: Wie denkt der Mensch. Was läuft ab, wenn der Mensch über sich selbst nachdenkt. Wie kommt der Mensch auf neues Wissen und Erkenntnisse.

Hermeneutik und Erkenntnistheorie sind also zwei Seiten einer Medaille. Es geht um die Methoden des Denkens. Das, was mit Hermeneutik beschrieben ist, kennen wir aus Schule und Alltag. Wir lernen etwas Neues, indem wir auf Vorwissen aufbauen. Das Neue können wir nur richtig verstehen, wenn wir Vorwissen haben.
Wann und wie hat dieser Prozess begonnen?
Darüber gibt es unterschiedliche wissenschaftliche Hypothesen. Diese Hypothesen (Behauptungen) sind entstanden durch – genau!, durch hermeneutisches Denken.
Das ist doch ein Zirkelschluss!? Richtig! Aber das ist auch so gewollt. Die Erklärung, wie man denkt, und der Prozess des Denkens selbst, fallen zusammen.
Das bereitet die meisten Schwierigkeiten, Hermeneutik zu „verstehen“.

Um Hermeneutik zu verstehen, muss man Hermeneutik anwenden.

Aber auch bei einfachen Sachverhalten, die nichts mit Erkenntnistheorie zu tun haben, kommt es zu einem „hermeneutischen Zirkel“. Beispiel: Ich lese ein Buch und versuche durch Zusatzinformationen den Text besser zu verstehen. Lese ich den Text nochmals, dann erschließt sich mir der Text durch die Zusatzinformationen sehr viel besser.

Wenn ich hermeneutisches Denken auf das moralische Handeln anwende, dann betreibe ich deskriptive Ethik. Ich untersuche und vergleiche unterschiedliche Moralen und versuche sie besser zu verstehen. Das ist mit Neugierde verbunden. Das „Verstehen“ ist hier oft auch mit Kritik gekoppelt. Dort aber, wo es Denkverbote gibt, ist Hermeneutik zum Scheitern verurteilt. Dort, wo das Ergebnis des Denkprozesses schon feststeht, ist Hermeneutik eine mühsame, sinnlose und langweilige Übung.

Vielleicht langweilen sich SuS deswegen so schnell im Unterricht, weil das Ergebnis schon feststeht.

tmd.

Der Ring des Herrn

Die Ringparabel aus Nathan der Weise von Gotthold Ephraim Lessing ist Thema im Ethikunterricht (G8) an bayerischen Gymnasien in der 7. und in der 10. Klasse.

ring mit mädchen
Wer liebt mich? – Quelle: globenwein, Pixabay

In der 7. Klassenstufe geht es um die Geschichte und die Frage, wie sich die drei Söhne als Vertreter der drei Weltreligionen verhalten müssten, wenn der Ring tatsächlich diese Wirkung hat, dass nämlich der Ringträger allen Menschen gut und angenehm erscheine.
Den richtigen Ring hat also der Sohn, der von allen anderen Menschen (und von Gott) geliebt wird. Eine Religion, die nicht „geliebt“ wird, kann also nicht die richtige sein. An den Taten soll man also die Menschen mit der richtigen Religion erkennen. An dieser Stelle wird die Argumentation gedreht. Wer sich so verhält, dass die anderen Menschen meinen, man hätte den echten Ring, der hat ihn auch. Ein Wettstreit darum, möglichst viel Gutes zu tun, soll die Folge sein. Gleichzeitig wird damit Toleranz angemahnt und eingefordert. Es wird – sehr vereinfacht – unterstellt, dass die drei Weltreligionen doch irgendwie gleich seien.
Dass sie es objektiv von ihren Lehrinhalten nicht sind und alle einen Alleinvertretungsanspruch geltend machen, wird hier nicht erwähnt.

In der 10. Klasse wird das Thema verfeinert. Nathan eröffnet das Problem mit den Sätzen, in denen er die Kraft des Ringes beschreibt:
„Und hatte die geheime Kraft, vor Gott
Und Menschen angenehm zu machen, wer
In dieser Zuversicht ihn trug. (…)“

Das interessante ist also, dass der Ring nur seine Wirkung entfalten kann, wenn man an ihn glaubt.
Das erwartete Verhalten kann von den nachgemachten Ringen also nicht automatisch hergestellt werden. Man muss auch daran glauben. Aber (!), man hat keinerlei Beweise dafür, dass man den richtigen Ring bzw. die richtige Religion hat.
Lessing lässt den Nathan die Lösung des Problems von einem Richter vortragen:
„Doch halt! Ich höre ja, der rechte Ring
Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen;
Vor Gott und Menschen angenehm. Das muss
Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden
Doch das nicht können! – Nun; wen lieben zwei
Von euch am meisten? – Macht, sagt an! Ihr schweigt?
Die Ringe wirken nur zurück? und nicht
Nach außen? Jeder liebt sich selbst nur
Am meisten? – O so seid ihr alle drei
Betrogene Betrüger! Eure Ringe
Sind alle drei nicht echt. (..)“

Die drei Religions-Vertreter müssen also angeben, wen von den dreien sie am meisten lieben. Das ist reine Logik. Die beiden mit dem falschen Ring müssen den mit dem echten Ring einfach „unwiderstehlich sympathisch finden“.
Dem ist aber nicht so! Also sind alle Ringe falsch. Es gibt also keine „wahre“ Religion. Es gibt nur Menschen, die glauben, dass sie die richtige Religion haben.

Was also tun?
Lessing lässt den Richter einen Rat geben:
„Es eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe nach!
Es strebe von euch jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag
Zu legen! (..)“

Zwei Botschaften sind damit in die Welt gesetzt.
Eine wahre Religion gibt es nicht. Alle drei Religionen können den Gläubigen keine Sicherheit geben. Man muss eben daran glauben.
Aber die Religionen können darum wetteifern als die „wahre“ Religion zu erscheinen – und zwar durch ihre Taten.
Ein wirklich empirisches Verfahren mit Ergebnissen, die jeder vergleichen und bewerten kann.

tmd.

Religion kontra Menschenrechte

Blut, Verletzung
garantiert die Verfassung die Unversehrtheit? – Quelle: twightlightzone, Pixabay

Es gibt drei Artikel in der Deutschen Verfassung, die wir nicht aufgeben dürfen.
Artikel 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Artikel 2: Jeder hat das Recht auf (..) körperliche Unversehrtheit.
Artikel 3: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

Und es gibt den Artikel 4: Hier geht es um Religionsfreiheit.

Der verfassungsrechtliche Konflikt zwischen Artikel 4 und den Artikeln 1 bis 3 ist schon vor Jahren ausgebrochen. Ethikräte schweigen dröhnend zu diesem Konflikt. Einen Sturm der Entrüstung sollte man erwarten.

Es geht um das Brauchtum der Beschneidung. Das Thema ist grundsätzlich vermintes Gelände. Wer sich hier äußert, der muss politisch korrekt reden. Wer hier Stellung bezieht, darf niemandem auf die Füße treten.
Weil dies so ist, wird nicht darüber geredet.

Im Ethikunterricht wird das Thema deshalb auch möglichst flach gehalten. Nicht darüber reden, nur kurz erwähnen. Es ist „Brauchtum“. Die Kinder fragen aber nach. Wenn erwähnt wird, dass es auch Mädchen betrifft, hauptsächlich in Afrika, dann ist die Entrüstung groß.

In DIE ZEIT vom 15.3.2018 beschreiben zwei Männer ihre Erlebnisse zu diesem Brauchtum, das immer noch als „Fest“ betitelt wird. SuS, die das lesen, sind entsetzt. Zu Recht! Es ist Zynismus, diese Körperverletzung derart zu benennen.

Von der Verfassung soll der Mensch geschützt werden. Es geht um körperliche Unversehrtheit.
Es geht um Menschenrechte. Haben Kinder keine Menschenrechte?
Steht Religion über den Menschenrechten? Nein!

tmd.

Vermintes Gelände – Islam im Ethikunterricht

Islam mit Logo
Ist der Islam fähig zur Aufklärung? – Quelle: Ramdlon, Pixabay

Menschenbild und Moral wird dann zum Problem im Ethikunterricht, wenn es um Religion geht. Insbesondere wenn es um den Islam geht. Die Beschäftigung mit den religiösen Vorstellungen vom Menschen ist immer auch mit Kritik an diesen Bildern verbunden. Während die Kritik an soziologisch, psychologisch oder philosophisch geprägten Weltbildern dem wissenschaftlichen Diskurs dient und ihn voranbringt, ist das bei religiös geprägten Weltbildern und hier insbesondere dem islamischen Weltbild sehr viel komplizierter.
Es gibt Fundamentalisten im Islam, die jegliche Kritik ablehnen. Kritik ist für diese Gläubigen gleichzusetzen mit Gotteslästerung. Die Ablehnung jeglicher Kritik beginnt schon damit, dass der Dialog mit Kritikern, die nicht in der Lage sind, den Koran im Original zu lesen, grundsätzlich abgelehnt wird. Meine eigene Erfahrung.
Es gibt aber auch kritisch aufgeklärte Gläubige in allen drei Buchreligionen. Das Christentum hat sogar aus den eigenen Reihen Kritiker hervorgebracht und muss mit Kritik leben. Gläubige Islamkritiker, die ihre Religion reformieren wollen, haben es schwer. Kernpunkt der Reformer und Kritiker im Islam ist, dass erstens die Person des Propheten kritisch untersucht werden soll und zweitens, dass der Koran nur noch als historischer Text behandelt wird und nicht Gottes Original-Sprech ist.
Beides geht nach Meinung der Fundamentalisten und Traditionalisten gar nicht.
Wenn aber diese Kritik nicht erlaubt ist, kann das Menschenbild im Islam nicht ohne Verluste untersucht werden.
Zwei Beispiele:
Es ist in der kritischen Islamwissenschaft kein Aufreger mehr, wenn klargestellt wird, dass auf einen islamistischen Terroristen im Paradies nicht Jungfrauen warten, sondern nur weiße Trauben. Es ist schlicht ein Übersetzungsfehler. Ein Fundamentalist wird das nicht akzeptieren. Denn damit wäre das Tor offen für weitere Kritik. Der Koran ist eben nicht in einem Stück im Hocharabischen geschrieben worden. Er ist wahrscheinlich nicht mal zu Lebenszeit des Propheten geschrieben worden.
Die Person des Propheten ist zuletzt vom Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad untersucht und entzaubert worden. Es gibt Islamwissenschaftler, die sogar die historische Figur Mohammed bezweifelt (Volker Popp). Das allerdings ist im Islam undenkbar.
Beide Themen müssen freilich in Bezug zum Menschenbild gesetzt werden. Schließlich beschreibt Mohammed die Erkenntnisfähigkeit des Menschen. Hier ist auch anzumerken, dass der Prophet im Koran an keiner Stelle als Autor genannt wird und überhaupt erst 200 Jahre nach seinem Tod als Autor bezeichnet wird.
Geht es dann um Moral, ist die Angelegenheit noch komplizierter. Ein kritikunfähiger Islam ist nicht in der offenen pluralistischen Gesellschaft einzupassen. Zwar gibt es im Islam auch so etwas wie die Goldene Regel. Das gibt es in allen Religionen. Aber es gibt eben auch die Scharia und die Hadithen. Überlieferte Regeln, die in ihrem historischen Hintergrund gesehen werden müssen, sind das. Und es muss akzeptiert werden, dass diese Regeln nicht mehr angewendet werden dürfen. Wir haben das BGB und das StGB. Wir brauchen keine Scharia, die durch die Hintertür importiert wird.
Insgesamt ist also die Beschäftigung mit dem Islam im Ethikunterricht ein vermintes Feld.

tmd.

Merkzettel: Vorwissen Religionskritik

Kriegsfriedhof
wo war Gott? – Quelle: amiena1966, Pixabay

Theodizee: Die Eigenschaften Gottes können nicht eingehalten werden. Gott kann nicht gleichzeitig gütig, allmächtig und allwissend sein. Das schrieb bereits der antike Philosoph Epikur. Den Begriff Theodizee hat Gottlieb Wilhelm Leibniz geprägt. Er bedeutet: Gerechtigkeit oder Rechtfertigung Gottes.

  • Wenn Gott gütig ist, dann dürfte es kein Leid geben. Es gibt aber das Leid, also ist Gott nicht gütig.
  • Wenn Gott allwissend ist, dann kennt er den Lebensweg eines jeden Menschen. Dann hat der Mensch jedoch keinen freien Willen. Er bildet es sich nur ein. Wenn er aber einen freien Willen hat, dann kann Gott nicht allwissend sein.
  • Wenn Gott allmächtig ist, dann dürfte es neben ihm keine andere Macht geben. Es gibt aber das Böse. Wenn Gott das Böse nicht verhindern kann, dann ist er nicht allmächtig. Wenn er das Böse nicht verhindern will, dann ist er nicht gütig. Wenn der Kampf zwischen Gott und dem Bösen offen ist, dann ist Gott nicht allwissend.
  • Wenn Gott aber das Böse verhindern kann und es auch will, woher kommt dann das Böse?

Humanismus: Hier als Beispiel die Ringparabel aus Nathan der Weise. Religion rechtfertigt sich nicht mehr durch die Offenbarungen Gottes an seine Propheten, sondern durch das Handeln der Menschen. Menschenrechte und Menschenwürde sind Merkmal des humanistischen Menschen.
Religionswissenschaften, Religionsphilosophie und Religionsvergleich: Die Beschäftigung mit Religion als gesellschaftlicher Tatsache macht die Religion zu Menschenwerk. Religion ist geistiges Produkt der Menschen. Religionsvergleich führt zur Feststellung nicht nur der Unterschiede, sondern auch der Gemeinsamkeiten. Religionstexte werden deshalb als Kulturleistung enttarnt, es sind nicht mehr Botschaften Gottes.
Wissenschaften: Die Naturwissenschaften übernehmen die Erklärung der Welt. Religion ist nicht mehr für die Deutung des Lebens zuständig. Das übernehmen Soziologie, Psychologie, Medizin, Physik und so weiter.

tmd.

Selbstverwirklichung durch Grundeinkommen

Schneiderin
selbstbestimmt und kreativ – Quelle: nikolabelopitiv, Pixabay

Kürzlich hat der Gründer der Drogeriemarktkette dm in einer Talkshow wieder einmal seine Vorstellungen zum bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) erklärt. Sein Vorschlag ist bekannt und er wird nicht müde, diesen medial zu verbreiten. Dennoch ist es immer wieder erstaunlich, wie reflexartig auf seine Argumente reagiert wird. In der Talkshow wurde neben den üblichen Bedenken die Frage der Gerechtigkeit diskutiert. Es wurde behauptet, dass das bedingungslose Grundeinkommen nicht gerecht sei. Götz Werner antwortet darauf, dass das BGE ein Menschenrecht sei und bezieht sich auf unsere Verfassung. Außerdem sei Arbeit grundsätzlich nicht zu bezahlen. Wie ist das zu verstehen?
Das BGE soll jede Person in Deutschland erhalten. Also auch Kleinkinder, aber noch nicht in voller Höhe. Der Betrag sei 1000 bis 1500 Euro. Finanziert wird das aus der Konsumsteuer. Jedes Produkt, das gekauft wird, soll mit ca. 50 % Konsumsteuer belegt werden. Im Gegenzug werden sämtliche Sozialleistungen und Steuern abgeschafft.
Hier setzt die Kritik an. Es sei nicht gerecht, dass jemand mit einem geringen zusätzlichen Einkommen für ein Produkt genauso viel zahlen soll, wie ein Millionär. Diese Ungerechtigkeit gibt es jedoch heute schon, sagt Götz Werner. Er meint, dass man das Konzept des BGE erst einmal durchdacht haben muss, bevor man es versteht.
Hier eine kurze Erklärung zum Konzept, dass Götz Werner schon an vielen Stellen erläutert hat.
Das BGE ist dazu da, ein bescheidenes Leben in Menschenwürde zu führen. Aus dieser Position heraus kann der Mensch entscheiden, ob er arbeiten will oder nicht. Und er kann entscheiden, was er arbeiten will. Das erklärt auch, dass erst das Grundeinkommen es ermöglicht zu arbeiten. In einem Dialog mit einem Journalisten hat Werner es mal so erklärt. Der Journalist wird dafür bezahlt, dass er überhaupt zur Arbeit antritt. Die Arbeit selbst kann man nicht bezahlen. Sie ist ggf. gesamtgesellschaftlich notwendig und die Entlohnung ergibt sich aus Angebot und Nachfrage. Arbeit, für die man niemanden findet, der sie macht, die muss man entweder automatisieren oder selbst machen. Eine dritte Möglichkeit ist, die Arbeit so zu gestalten, dass diejenigen, die sie machen, sich gestaltend einbringen können. Wenn auch das nicht hilft, dann muss eben der Lohn entscheiden. Beispiel: Unsere Gesellschaft braucht Müllwerker. Wenn die Arbeit niemand machen will, dann muss sie entweder automatisiert werden oder den Müllwerkern muss ein Arbeitsplatz geboten werden, der nachgefragt wird. Notfalls ist Geld der letzte entscheidende Faktor.
Der Grundgedanke ist also, keine Arbeit anzunehmen, die man eigentlich ablehnen will. Entfremdung im Arbeitsleben wäre damit abgeschafft. Arbeit wandelt sich zu sinnhafter Tätigkeit.
Ein Argument gegen das BGE, das noch vor Jahren diskutiert wurde, taucht in aktuellen Diskussionen nicht mehr auf. Die Folge des BGE wäre, dass keiner mehr arbeiten würde. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn der Zwang zu arbeiten entfällt, entwickelt sich die Kreativität des Menschen, sich durch nicht entfremdete Arbeit selbst zu verwirklichen.

tmd.

Sterbefasten

Wolken, Himmel, Glaube
nicht auf den Tod warten, ihm entgegengehen – Quelle: geralt, Pixabay

Ein Tabuthema hat es in die Medien geschafft: Fasten mit dem Ziel das eigene Leben selbstbestimmt zu beenden. Das Erstaunliche daran ist, dass nur noch wenig Kritik von Ethikräten und Medizinern zu hören ist.
Einfach ist dieser Tod nicht. Aber die Beteiligten, besonders die Angehörigen des Menschen, der sterben will, sind informiert. Sie sind am Prozess des Sterbens beteiligt. Der Tod des geliebten Menschen trifft sie nicht unvorbereitet.
Bei dieser Art von Freitod leisten die Angehörigen keine Sterbehilfe. Sie leisten Sterbebegleitung. Eine schwierige Aufgabe. Müssen sie doch dafür sorgen, dass ihr Angehöriger bei seinem Vorhaben nicht behindert wird.
In einer Talkshow habe ich von der Geschichte eines Mannes gehört, dessen Sterben unnötig hinausgezögert wurde, weil eine Pastorin ihm immer wieder – wenn sie unbeobachtet war – Wasser zu trinken gab.
Das nun ist verständlich aus der Sicht der Gottesfrau. Sterbefasten ist für solche Theologen Selbstmord. Selbstmord ist aber eine Form der Selbsterlösung (vom Elend der Welt). Das ist in den drei großen Weltreligionen nicht erlaubt, sieht man mal von den Märtyrern ab, die Andersgläubige und Ungläubige weg sprengen.
Bleibt abzuwarten, wann und wie die Fundamentalisten unter den Gläubigen hier zur Gegenaufklärung ansetzen.

tmd.

Moral und Technik

Geschäftsräume und Mitarbeiter
Digitalisierung schafft neues Bewusstsein und verlangt nach passender Moral – Quelle: sigre, Pixabay

„Nur das Wissen um Normen und Werte, erst die Fähigkeit zur Debatte über Technikfolgen, macht eine Gesellschaft urteilsfähig.“ Nachzulesen ist dieser Satz in der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ vom 15. Februar 2018 und dort auf Seite 67 in „These 9. Ethik ist kein intellektuelles Dekor; erst sie macht Menschen urteilsfähig“. Es geht dabei um ethische Dilemmata, die durch Digitalisierung und Robotik entstehen.
Eine Herausforderung ist das. Aber eigentlich nichts Neues. Die Reihenfolge im Gedanken ist hier wichtig. Zuerst gibt es Technikfolgen, dann die Debatte darüber, die der Normen und Werte bedarf.
Karl Marx würde sich amüsieren und sich bestätigt sehen. Die Moral entsteht schließlich nicht im lufleeren Raum. Digitalisierung als Faktor der Produktionsverhältnisse bringt die Dilemmata im Paket mit der passenden Moral hervor. Das kann man wissen.
Es ist eben nicht so, dass wir einen Koffer mit moralischen Werkzeugen haben, die nichts mit den Problemen zu tun haben. Vernunft arbeitet sich an den Problemen ab und die Lösungen stehen in engem Zusammenhang mit dem Problem. Es soll, so der Text in DIE ZEIT, verhindert werden, dass nur mit technischen Expertisen auf die Dilemmata geantwortet wird. Genau das aber geschieht, wenn man die Abhängigkeit des ethischen Diskurses von der Technikentwicklung nicht sehen will. Wann gab es eine geplante Weiterentwicklung der Technik, die vorherzusehen war?
Marx dachte, man könne die Produktionsverhältnisse gesamtgesellschaftlich politisch steuern, um die Abhängigkeit des Arbeiters von der Entwicklung der Produktionsverhältnisse zu verhindern. Ein Irrtum war das.
Was jetzt schon festzustellen ist: Es wird darüber nachgedacht, wie man Verantwortung abgeben kann in der neuen digitalen Welt der Roboter. Ein schwerer Fehler.

tmd.