Am Nasenring der Mode – Über Tattoos und Körperschmuck

Verantwortung für den eigenen Körper? Ist das ein moralisches Problem, eine Frage der Ethik? Menschen, die an Gott glauben, können diese Frage schnell und sicher beantworten. Wer sich von Gott geschaffen nach dessen Ebenbild sieht, geht mit diesem von Gott geschenktem Körper pfleglich um. Sollte man zumindest meinen.

Worauf können aber nicht-glaubende Menschen Bezug nehmen?
Die Wissenschaften, insbesondere die Soziologie und Psychologie, helfen hier weiter. Menschen als soziale Wesen sind nun mal auch ein Produkt ihrer Umwelt. Diese Umwelt ist zum Teil selbst gewählt oder hat einen fest im Griff. Anschaulich wird das an der Mode, nach der wir uns alle mehr oder weniger richten. Seit einiger Zeit ist es nun Mode geworden, die Körperhaut mit Tattoos zu verfremden und Körperschmuck zu tragen. Warum tun sich das Menschen an? Warum entstellen sie sich mit bunten Bildern, Nasenringen und nehmen dabei erhebliche gesundheitliche Risiken in Kauf? „Dazu gehören“ wollen, Geltung und Abgrenzung von den Anderen, Protest gegen das herrschende Schönheitsideal, Maskierung: das sind nur einige Gründe.

Tätowierter MAnn
Modeerscheinung Tattoo – Quelle: PinSharp, Pixabay

Das Phänomen Tattoo ist schichten- und millieuspezifisch gut abgrenzbar. Es kommt in der Unterschicht häufiger vor als in der Oberschicht. Das „Flagge zeigen“ (soziologischer Begriff) ist in niederen Milieus auf das Wir-Gefühl abgestellt. Bei Jugendlichen aus den sogenannten „bildungsnahen Schichten“ kommt es sehr viel seltener vor und ist reiner Protest. Wenn man schon sonst nichts vorzuweisen hat, wie schulischer Erfolg oder Freunde/innen, dann soll es wenigsten ein Tattoo sein. Jugendliche durchschauen diesen gesellschaftlichen Verblendungszusammenhang (so nannten das die Soziologen vor 50 Jahren) nicht immer. Aber: Wer will sich eigentlich freiwillig abhängig machen vom Diktat der Mode? Muss ich meine Haut schwer beschädigen, weil ein Tattoo bei den Freunden und Freundinnen gerade angesagt ist?
Muss ich einen Nasenring tragen, der sehr an ein Teil erinnert, das eine Kuh trägt? Man muss es nicht! Aber die Ablehnung ist schwer zu begründen gegenüber den Mit-SuS, die genau das zum Kriterium machen, dass man dazugehört.

Sehr viel problematischer ist es, das viele Jugendliche die „Ausflaggung“ brauchen, um sich selbst irgendwie gut zu fühlen. Nach dem Motto: Wenn ich erst ein Tattoo habe, dann bin ich erwachsen und fühle mich wohl.

In „Die Einsamkeit der Primzahlen“ von Paolo Giordano versucht Alice (eine Hauptperson) genau das. Sie will anerkannt werden. Aber sie erkennt letztlich auch, dass es keine Lösung ihrer Probleme ist. Heutzutage könne Tattoos mittels Laser entfernt werden (allerdings sehr kostspielig). Alice im genannten Roman muss ihren Freund bitten, das Tattoo mit einer Glasscherbe zu entfernen. Tattoos sind Signale. Ein Schüler sagte mir, dass Tattoos Kraft signalisieren. Wer ein Tattoo trägt, der will sich unangreifbar machen.

Aristoteles (antiker Philosoph) hätte sich nur gewundert über solche Begründungen. Wie kann das Aussehen irgendetwas bewirken? Wer tapfer und klug ist, der braucht das nicht anzuzeigen im Aussehen. Er zeigt es in seinem Handeln. Wer gerecht und maßvoll ist, der braucht es nicht zu signalisieren. Er ist es durch sein Handeln.

Siehe auch:
Ich will anders sein als die anderen

tmd.

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