Anmerkung zum Mitleid

trauriges Mädchen
wer hilft hier? – Quelle: rubberduck1951, Pixabay

Von Ludwig Feuerbach (1804 – 1872) erfährt man im Ethikunterricht nur seine Einlassungen zur Religionskritik – natürlich in Textschnipseln. Seine „Projektionsthese wird dabei auf den Kernsatz verdünnt, das Gott nicht existiert, sondern nur eine Projektion der menschlichen Wünsche ist.
Feuerbach hat aber mehr zu bieten. Er liefert eine einfache Deutung von Kommunikation als intersubjektivem Handlungszusammenhang. Am Beispiel des Gewissens erklärt er die Intersubjektivität so: Wenn ich ein schlechtes Gewissen habe, dann sehe ich in dem anderen Menschen – dem gegenüber ich mich unmoralisch verhalten habe – mein alter ego. Er nennt es das Ich außer mir. Man erkennt sich in dem anderen.
Heute würde man das reziprokes (wechselseitiges) und reflexives (rückbezügliches) Handeln nennen. Das heißt: Das Mitleid, das ich einem anderen Menschen gegenüber aufbringe, oder der Wunsch nach Glück, das ich selbst habe, das unterstelle ich auch dem anderen Menschen.
Das klingt stark nach Goldener Regel. Beim schlechten Gewissen ist es das verletzte Du, das mir signalisiert, dass ich mich unmoralisch verhalten habe. Mein unmoralisches Verhalten fällt dabei auf mich zurück.
Kant wäre damit nicht zufrieden. Subjektive Beweggründe für sittliches Verhalten wollte er ausschließen. Nur der gute Wille ist gut. Ziele oder Charakterzüge können nicht sittliches Handeln rechtfertigen.
Feuerbach argumentiert aber mit dem Mitleid den Menschen gegenüber. Das ist nicht vernunftgeleitet. Er unterstellt, dass mein Mitmensch genauso funktioniert wie ich und auch mir gegenüber Mitleid zeigen würde.
Die Möglichkeit, dass ich ein schlechtes Gewissen haben kann und erkenne, dass ich mit einem Mitmenschen unmoralisch verfahren bin, zeigt zweierlei: Ich habe zwar automatisch Mitleid. Aber ich muss auch danach handeln.
Wie lässt sich aber nun Mobbing und das Böse erklären.
Moral ist also eine Sache der Erziehung. Wenn sie nicht funktioniert, muss man sich um die Opfer kümmern – nicht um die Täter.

tmd.

Ein Gedanke zu „Anmerkung zum Mitleid“

  1. .. Interessant! Kluge Gedanken zu dem Thema liefert auch Victoria Rationi mit „Der nichtreligiöse gute Mensch“ (aber auch: „Die Religionsparabel“) …

    Weiter so!

    Lore

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