Anmerkungen: Der kategorische Imperativ (Teil 2)

Muss man eine Maxime, z.B. „du sollst nicht lügen“, sklavisch befolgen, auch wenn man damit Menschenleben gefährdet?
Genau diese Frage wird immer wieder gegen Kant ins Feld geführt. Ihm wird reiner Formalismus vorgeworfen. Das sei unmenschlich, sagen die Kritiker.
Die Maxime du sollst nicht lügen, hat bei Kant immer Vorfahrt. Was aber, wenn ich einen Menschen durch meine Lüge vor dem Tode rette? Dann muss man es tun. Man muss Menschenleben retten. Denn die Maxime, einen anderen Menschen zu retten vor dem Tode, ist höchstes Gut in unserer aufgeklärten Gesellschaft.
Was ist aber dann mit der Maxime, du sollst nicht lügen? Hat sie ihren Wert verloren? Sie hat nur Bedeutung und Verpflichtung in Handlungszusammenhängen, die das Zusammenleben der Menschen konfliktfrei gestalten und regeln. Wenn aber eine Maxime das Zusammenleben und insbesondere die Menschenrechte selbst beschädigt, dann ist diese Maxime in diesem Zusammenhang nicht mehr brauchbar.
Also: Ein zu Unrecht Verfolgter in einer Diktatur genießt den Schutz eines jeden aufgeklärten Mitbürgers.
Jede Maxime muss dem – erweiterten – Gedankenexperiment genügen und widerspruchsfrei sein.

Gerne dien‘ ich den Freunden, doch tu‘ ich es leider mit Neigung,
und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin.
(Friedrich Schiller)

Heißt das, dass ich nicht moralisch handele, wenn ich aus Zuneigung oder Liebe handele?
Absolut falsch! Kant meinte, dass man dann, wenn keine Zuneigung besteht, man dennoch aus Pflicht oder zumindest pflichtgemäß (weil es zum Job gehört) handeln soll.

tmd.

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