Radikale Demokratie in den USA?

Freiheitsstatue, Amerika
Freiheit? – Quelle: Ronile, Pixabay

In der Antrittsrede des neuen Präsidenten der USA finden wir diese Sätze:

„Denn heute übergeben wir die Macht nicht nur von einer Regierung an die andere oder von einer Partei an die andere, sondern wir nehmen die Macht von Washington D.C. und geben sie an euch, das Volk, zurück.

Denn dieser Augenblick ist euer Augenblick. Er gehört euch. Er gehört allen, die heute hier versammelt sind, und allen, die in ganz Amerika zuschauen. Dies ist euer Tag, dies ist eure Feier, und dies, die Vereinigten Staaten von Amerika, ist euer Land.

Worauf es wirklich ankommt, ist nicht, welche Partei unsere Regierung führt, sondern ob unsere Regierung vom Volk geführt wird. Der 20. Januar 2017 wird als der Tag in der Erinnerung bleiben, an dem das Volk wieder zu den Herrschern dieser Nation wurde.“

Das ist radikale Demokratie. J.J.R. wäre begeistert.
Werden die USA zum Vorbild?

tmd.

Erkenntnis und Interesse in der Umweltethik

In einem Ethikbuch habe ich ein Gedankenexperiment der besonderen Art gefunden. Die SuS sollten sich vorstellen, dass die Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft auf Augenhöhe mit den Menschen (und natürlich auch den Tieren und Pflanzen – was aber leider in dem Buch nicht gesagt wird) über die Umweltverschmutzung diskutieren können. Ein interessanter Ansatz. Eigentlich handelt es sich hier um puren Holismus: Nicht nur die Menschen und Tiere und auch nicht nur die Pflanzen und Einzeller, nein!, alles was es gibt an belebter und unbelebter Materie wird ins Recht gesetzt, für das eigene Fortbestehen zu sorgen und zu kämpfen.

Feuer, Wasser, Luft & Erde
Feuer, Wasser, Luft & Erde – Quelle: LaughingRaven, Pixabay

Das Gedankenexperiment läuft mit einem Rollenspiel, das die SuS organisieren sollen, in eine typische Falle: Menschen, hier die SuS, sollen das Interesse von belebter und unbelebter Natur vertreten und Erkenntnisse produzieren. Diese Erkenntnisse sollen ökologischen Frieden stiften. Interessenvertretung der Pflanzen- und Tierwelt ist aber nicht Spiegelung deren Interessen, sondern immer nur das Interesse der Menschen.

Hier eine Erklärung zum Thema Erkenntnis und Interesse und Konzepte der Umweltethik.
Jede Art von Erkenntnis ist immer abhängig vom Interesse. Das Interesse von Natur können wir aber nicht ermitteln, also greifen wir – meist ohne darüber nachzudenken – auf unser menschliches Interesse zurück. Unser Interesse ist aber das Überleben der Menschheit! Die Konzepte der Umweltethik bestätigen das eben gesagte.

Im Holismus haben alle Lebewesen und auch unbelebte Natur dieselben Rechte. Holismus ist eine von vier umweltethischen Positionen. Die anderen sind der Anthropozentrismus, der Pathozentrismus und der Biozentrismus. Hier sehr verkürzt (!) die Definitionen. Anthropozentrismus heißt: Naturschutz ist Schutz des Menschen (!). Pathozentrismus heißt: Naturschutz ist Vermeidung von Leid (für Mensch (!), Tier, Pflanze, Einzeller). Biozentrismus heißt: Naturschutz ist Schutz alles Lebendigen (also auch hier: der Mensch!).

Wir sehen sofort: Bio- und Pathozentrismus sind ein echtes Problem. Uns Menschen wird damit ein permanentes schlechtes Gewissen gemacht und Schuldgefühle sind programmiert. Wir müssen also mit diesem schlechten Gewissen irgendwie umgehen. Wie machen wir das? Wir ersinnen Erklärungen für unser Verhalten der Umwelt gegenüber. Wir erzählen uns Geschichten über die Entstehung der Welt (Bibel). Wir versuchen unser Verhalten in und mit der Natur zu rechtfertigen (Ökologie, Vegetarier, Veganer) Warum? Wir wollen überleben! Wir können das aber nur, indem wir die Natur nutzen. Die Nutzung ist aber auch Benutzung. Die Nutzung ist aber auch – Zerstörung!

Die Erkenntnisse, die in umweltethischen Konzepten wiedergegeben werden sind Erkenntnisse, die wir Menschen geleitet von unserem Interesse sammeln. Die reine Erkenntnis gibt es nicht. Was hat das für Folgen für die Konzepte der Umweltethik? Wir als Menschen versuchen Begründungen zu finden für unser Überleben in der Welt. Die „Zerstörung“ der Welt ist zunächst unspektakulär aus unserer Sicht, aus der Sicht der Menschen (also nicht holistish). Wir schlachten Tiere – industriell. Aber: Wenn wir dabei zuschauen müssten, würde uns übel werden. Wir zerstören die Umwelt.

Aber: Wenn wir wüssten, dass wir unsere Gattung (Mensch) damit umbringen, würde uns Panik erfassen. Beispiel: die Vermüllung der Meere mit Plastik. Plastik, das über die Meerestiere in der Nahrungskette wieder bei uns – in uns landet. Das Gedankenexperiment zu Anfang ist also zunächst zielführend: Wir zerstören unsere Umwelt. Aber die Lösung, Partei zu ergreifen für die Tiere, die Pflanzen und die Elemente, wird getrieben vom Interesse der Menschen, die überleben wollen. Das kann man wissen.

Übrigens: Ein Rollenspiel daraus zu machen, ist nun wirklich das letzte, was den SuS hilft, die Zusammenhänge von Interesse und Erkenntnis in der Umweltethik zu durchschauen. Nehmen wir die Kinder doch endlich ernst. Sie wollen das. Das sagen sie mir.

tmd.

Mobbing: Psychogramm des Täters

Wie oft muss sich der Autor dieses Blogs eigentlich noch mit dem Thema Mobbing beschäftigen? So oft, antwortet der geneigte Leser und E-Mail-Schreiber, bis die Zielgruppe des Blogs das Kompetenzniveau erreicht hat, dem Problem Mobbing nicht mehr hilflos gegenüber zu stehen. Das ist schließlich Sinn und Zweck des Moralunterrichts.

Mobbing ist ein zentrales Thema, auch und besonders in Ethik. Denn hier ist es nicht nur eine Frage der Praxis: Wie gehe ich als Pädagoge und als betroffener Schüler damit um? Es ist auch eine Frage der Theorie: Was sind die Ursachen und Anlässe? Gibt es Erklärungen? Letzteres ist ein Kompetenzthema meiner Zielgruppe (nicht nur in der 7. Klasse).
Natürlich ist jedem klar, dass Mobbing moralisch nicht akzeptabel ist. Daraus lässt sich dann ableiten, dass diejenigen, die Mobbing betreiben, nicht einsichtig sind. Sie haben es nicht oder noch nicht begriffen, dass sie das eigentliche Problem sind.

In den Beiträgen dieses Blogs habe ich mehrfach die Meinung vertreten, dass Mobber mit der komplexen, sich schnell verändernden Umwelt und den Erwartungen, die an sie gestellt werden, nicht zurechtkommen. Man könnte auch sagen: Im Prozess des Erwachsenwerdens haben diese Kinder keine „Roadmap“. Nicht etwa die falsche, wohlgemerkt, sie haben KEINE.
Aufklärung und Schadensvermeidung heißt bei diesem Thema, sich auch mit dem Psychogramm des Mobbers zu beschäftigen. Nicht wissenschaftlich und abstrakt, sondern in Beispielen.

Schwäche – Quelle: Clker-Free-Vector-Images, Pixabay

Im Folgenden will ich mich also nicht damit beschäftigen, wie man Einsicht bei Kindern mit unsozialem Verhalten herstellt. Sehr viel hilfreicher ist es, die Technik des Mobbens offenzulegen mit dem Ziel, dem Mobber zu sagen: Du bist enttarnt und überführt. Wir kennen dein mieses Spiel.

Eine schwache Persönlichkeit – nichts anderes sind Mobber – sucht sich in einer unübersichtlichen, komplexen und neuen Situation Hilfe. Sie will eine Situation herstellen, in der sie sich sicher fühlt. Wovor fürchtet sich der Täter? Als Versager oder Schwächling zu gelten und von den anderen nicht akzeptiert zu werden.

Thomas Hobbes, den wir in der 7. Klasse als schlauen Philosophen kennenlernen, hat das herausgefunden. Fehlendes Selbstvertrauen ist ein Grund für Streiterei und Konflikte. Mobbing ist ein versteckter Konflikt.
Die einfachste Methode für eine Person ohne Selbstvertrauen, Sicherheit für sich herzustellen, ist, in einer Gruppe eine oder mehrere Gruppenmitglieder auszumachen, denen die Rolle des Außenseiters oder Sonderlings zugewiesen wird. Damit will der Mobber von sich ablenken. Das Interesse der Gruppe soll auf das Opfer gelenkt werden. Außerdem sucht sich der Mobber vorher einige andere noch schwächere Persönlichkeiten unter den Mitschülern/-innen. Denen verspricht er, dass er ihnen Schutz bietet. Stichwort: Gemeinsam sind wir stark.
Gemeinsam kann man sich nun dem Opfer zuwenden. Der Haupttäter versucht dabei aus dem Hinterhalt zu handeln. Hier ein Handlungsmuster von mehreren.

Phase 1: Zunächst werden über das Opfer Gerüchte in Umlauf gebracht. Beispiel: Über eine Mitschülerin wird erzählt, dass sie noch mit Plüschtieren spielt. Diese Gerüchte kann das Opfer nicht aus der Welt räumen. Es weiß davon noch nichts.

Phase 2: Das Opfer erfährt von den Gerüchten und will Klarheit herstellen. Der Mobber/die Mobberin muss jetzt sehr vorsichtig sein. Die Helfer werden beauftragt, mit dem Opfer die Sache zu klären: „Wir klären das untereinander.“ Allerdings liegt die Beweislast beim Opfer. Das Opfer soll die Gerüchte aus der Welt schaffen durch eine Gegendarstellung. In unserem Beispiel geht das nur durch eine Gegenbehauptung. Und die ist so gut wie nichts wert, wird aber von den Helfern des Mobbers angenommen. (Anmerkung: Helfen würde es hier, den Psychologen der Schule einzuschalten. Dann hat der Täter nämlich so gut wie verloren.)

Phase 3: Das Thema (Plüschtiere) wird jetzt wie beiläufig im Beisein des Opfers nochmals thematisiert. Das Opfer wehrt sich. Der Mobber/die Mobberin handelt jetzt anders als erwartet. Er/Sie entschuldigt sich. Das Opfer kann nicht anders, als die Entschuldigung anzunehmen.

Phase 4: Die Angelegenheit ist damit nicht beendet. Die Geschichte mit den Plüschtieren wird immer wieder erneut hervorgeholt, gefolgt von einer Entschuldigung. Die ist aber zu diesem Zeitpunkt bereits wertlos.

Phase 5: Das Opfer kann ab sofort mit der Plüschtier-Geschichte ständig gemobbt werden. Die Täter können sich immer herausreden, dass es nur Spaß sei usw., und man sich entschuldigt hat.

Ich habe das Beispiel mit den Plüschtieren bewusst gewählt, weil es noch harmlos ist. Die Wirklichkeit ist brutaler. Schon in der Unterstufe wird mit harten Bandagen gekämpft.

Aus der Literatur wissen wir, dass es Mobbing in Schulen schon immer gab. Soll man das Problem also hinnehmen und ertragen? Typischer naturalistischer Fehlschluss. Dann wäre Moralunterricht sinnlos. Die Methode der Mobber, dem Opfer die Außenseiterrolle zuzuschreiben, muss offengelegt werden, muss transparent gemacht werden. Nicht nur die Pädagogen, sondern auch die Kinder müssen das miese Spiel dieser schwachen Persönlichkeiten als solches erkennen, kritisieren und beenden.

tmd.

Kant: die selbst lernende Gesellschaft

Kant unterscheidet öffentlichen und privaten Gebrauch der Vernunft. Mit öffentlichem Gebrauch der Vernunft meint Kant das Räsonieren (Kritisieren) als freier Bürger vor und in der Öffentlichkeit. Er nennt hier den Gelehrten, der seine Kritik der „Leserwelt“ bekannt macht. Hier muss Kritik durch Einsatz von Vernunft uneingeschränkt erlaubt sein.
Nicht so ist es im privaten Bereich. Hier muss sich auch der aufgeklärte Bürger an die Regeln halten, die sein Arbeitgeber von ihm verlangt. Ein Offizier muss also die Befehle seiner Vorgesetzten ausführen und darf nicht „laut vernünfteln“. Es ist ihm jedoch erlaubt, außerhalb seiner Tätigkeit als Berufssoldat zu räsonieren und zwar als freier Bürger, wieder nennt Kant hier den Gelehrten als Beispiel für den freien Bürger. In einem anderen Beispiel schreibt er, dass der Bürger als Bürger in einer freien Gesellschaft zunächst verpflichtet ist, seine Steuern zu zahlen. Dann aber ist er als Privatmensch durchaus berechtigt, die Steuergesetze zu kritisieren.

Ist dieses Modell von Kritik an und in der Gesellschaft praktikabel und eventuell auch heute noch anwendbar?

Die politische Tätigkeit eines jeden Bürgers ist heutzutage gewährleistet durch Grundgesetz und Arbeitsrecht. Sie geht sogar noch weiter, als Kant es sich vorstellte. Man muss also nicht Gelehrter sein, um zu räsonieren. Systeme, also Verwaltung, Wirtschaft und dergleichen, sollen heute „selbst lernend“ sein. Damit meinen Systemtheoretiker, das beispielsweise eine Verwaltung ihre Zielgruppe im Blick haben sollte und die eigene Arbeitsabläufe ständig beobachten sollte. (Anmerkung: Systemtheoretiker fassen alle denkbar möglichen Teile der Gesellschaft irgendwie zusammen und bezeichnen sie als System: also Schule, Krankenhaus, Stadtverwaltung, Fabriken usw.)

Systeme & Strukturen – Quelle: geralt, Pixabay

Auch damit wäre Kant einverstanden gewesen, solange nicht in der Öffentlichkeit über Veränderungen der Systemstrukturen diskutiert würde, was heutzutage aber möglich ist und auch gemacht wird. Die Gesellschaft als „selbst lernendes System“ würde Kant grundsätzlich gefallen. Er glaubte an die kollektive Aufklärung. Er meinte, dass es nur Wenigen allein gelingt, sich aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien.

Was uns hier interessiert ist das Menschenbild bei Kant und der Interrollenkonflikt des freien Bürgers, der im Job funktionieren muss/soll, aber als freier Bürger Kritik üben kann/soll. Kant hat diesen Interessenkonflikt nicht zu Ende gedacht. Im Zentrum seiner Überlegungen stand der freie, absolut autonome Bürger mit freiem (und gutem) Willen. Er sah sich am Beginn des Prozesses der Aufklärung. Interessenkonflikte sind bei Kant das nachrangige Problem, wenn es darum geht, den Bürger zum autonomen Bürger zu machen.
Wie werden heute die Interessenkonflikte gelöst? Hier hilft die arbeitsteilige Gesellschaft und die Versachlichung gesellschaftlicher Probleme. Wer sich beispielsweise als Pazifist sieht, der arbeitet nicht bei der Bundeswehr. Wer Kritik üben will, der darf es auf mehreren Ebenen: Parteien, Interessenverbände usw.

Wir sehen: Eine pluralistische, demokratische Gesellschaft mit sozialer Marktwirtschaft und entsprechendem Arbeitsrecht ist eine Basis für den aufgeklärten Bürger, da sie viel elastischer und flexibler ist im Umgang mit Kritik. Und: Der aufgeklärte Bürger braucht eine politische Kultur mit Kompromissdemokratie und mehreren Parteien, keine populistischen Mehrheitsentscheidungen. Die Tür zur „selbst lernenden“ Gesellschaft, die hat uns Kant geöffnet.

tmd.

Leben und Arbeiten Teil 3

Gleichberechtigung – Quelle: geralt, Pixabay

Thema: Gleichberechtigung der Frau. Hier geht es um die gleiche Bezahlung für gleiche Leistung und den Zugang zu Jobs, die in Position, Status und Bezahlung attraktiv sind. Gleiche Bezahlung bei gleicher Leistung bedarf keiner größeren Erklärung. Anderes ist ungerecht und schlicht unmoralisch. Das heißt nicht, dass es das nicht weiterhin gibt.
Anders ist es beim Zugang zu attraktiven Jobs. Hier bedarf es einiger Erklärungen, warum es zur Ungleichbehandlung kommt.

Die Verteilung von attraktiven Jobs ist abhängig von sozialen Merkmalen wie Beziehungen (Netzwerken) und Bildungshintergrund der Familie beispielsweise, und ganz besonders auch dem Geschlecht. Es gibt jedoch einen weiteren Einfluss auf die Verteilungsgerechtigkeit, der dafür verantwortlich ist, den Männern die attraktiven Jobs zu sichern und gleichzeitig diese Verteilungsungerechtigkeit nicht sofort sichtbar werden zu lassen.

Es ist der sich wandelnde Marktwert von Jobs. Einfach ausgedrückt: Jobs, die hauptsächlich von Männern besetzt wurden und im Vergleich zu anderen Jobs in gleicher Position und Status für Männer unattraktiv werden, sind freigegeben für Frauen. Klassisches Beispiel: Der Beruf des Lehrers war bis Mitte des letzten Jahrhunderts „männlich“. Das hat sich radikal geändert. In den Grundschulen gibt es kaum männliches Personal. In den weiterführenden Schulen ist der Trend ähnlich. Der Grund: Im Vergleich zu anderen Akademiker-Jobs ist der Lehrerberuf anstrengend, schlecht bezahlt und hat kein Ansehen in der Gesellschaft.

Das sind soziologische und ökonomische Erklärungen. Es gibt Sozialpsychologen, die das Verhalten der Männer, Jobs mit Status, Ansehen und viel Verdienst für sich zu sichern, mit dem Streben nach Macht erklären. Was hat das alles mit Moral zu tun? Der Maßstab der Gleichberechtigung ist allein moralisch begründbar. Menschen sind nämlich grundsätzlich sehr verschieden und das Merkmal Geschlecht ist nur eines von vielen. Empirisch ist Gleichheit also nicht zu begründen, sondern nur durch Vernunft (epistemisch), also moralisch. Ungeachtet dessen wurde dieses Merkmal von Männern bis nach 1958 auch in Deutschland noch als Unterscheidungsmerkmal verwendet, um die attraktiven Jobs zu verteidigen.

tmd.

Leben und Arbeiten Teil 2

In einem älteren Ethikbuch habe ich gelesen, das der Einzelne selbst dafür verantwortlich ist, wenn er sich am Arbeitsplatz dem Konkurrenzkampf aussetzt oder sich dem Leistungsdruck stellt. Zwei Seiten vorher wird in diesem Buch über den Freitod des Torwarts Robert Enke (2009) berichtet. Es ist ein stark vereinfachendes Denken, Konkurrenz und Leistungsdruck allein psychologisch zu erklären. Genau das aber wird den Betroffenen angeboten: psychologische Erklärungen.

Das Selbstbild ist demnach dafür verantwortlich, ob man eine neue Aufgabe als „Herausforderung“ oder als „Druck“ empfindet. Das Selbstbild soll erklären, warum jemand seine Leistungsvorstellung ändern soll oder seine Ziele korrigieren soll, um dann weniger überfordert zu sein. Das ist wenig hilfreich und erklärt darüber hinaus nur Oberflächenerscheinungen. Solche „Scheinerklärungen“ kann man vielleicht SuS in der 9. Klasse erzählen, aber nicht Erwachsenen, die im Arbeitsprozess stehen. Im realen Arbeitsleben kann jemand, der Schwächen zeigt, davon ausgehen, dass er nicht lange seinen Arbeitsplatz behalten wird. Wenn der Kollege/die Kollegin schneller arbeitet, weniger Fehler macht, dann wird sich der Arbeitgeber gerne von dem unproduktiven, Fehler produzierenden Mitarbeiter verabschieden.

Allein der Ratschlag, für das eigene Leistungsvermögen ein geeignetes Anspruchsniveau zu suchen, hilft wenig. Unsere Ansprüche an uns selbst und die Erwartungen der Anderen an uns selbst sind in unseren Rollen bereits verfestigt, wenn wir die Schule verlassen haben. Sanktionen in der Schule trainieren uns für die Wahrnehmung der Sanktionen im Berufsleben. Wir sind darauf geeicht, die Erwartungen, die an uns gestellt werden mit Leistungen zu bedienen, ohne dabei darauf zu achten, was „Herausforderungen“ für uns bedeuten. Achtsamkeit ist in der modernen Arbeitswelt nicht gefragt. Angebote der Arbeitgeber, Überforderung der Mitarbeiter zu verhindern und Leistungsdruck zu mindern, haben nicht den einzelnen Menschen im Blick. Es geht um die Produktivität und das Überleben der Firma.

Geld, Uhr, Streß
Time ist money – Quelle: Alexas_Fotos, Pixabay

Trotz Leistungsdruck und Überforderung durchschauen wir nicht, wie wenig achtsam wir mit uns selbst umgehen. Auch hier ist das an-trainierte Rollenverhalten verantwortlich. Wir haben gelernt, dass ein Mensch ohne Arbeit „nichts wert“ ist. Also fühlen wir uns wertlos, wenn wir keine Arbeit haben. Wir haben gelernt, dass wir bewundert werden, wenn wir viel Geld verdienen. Also fühlen wir uns verachtet, wenn wir nicht Spitzenverdiener sind. Wir haben gelernt, das bestimmte Berufe wichtiger sind als andere. Also fühlen wir uns minderwertig, wenn wir nicht die oberste Gehaltsgruppe erreicht haben.

Wenn wir diese Zusammenhänge durchschauen und dennoch uns weiter unter Druck setzen lassen, dann haben die Psychologen in der Tat recht, dass wir selbst für unser Übel verantwortlich sind.

tmd.

Leben und Arbeiten Teil 1

Im Beitrag „Macht mich meine Arbeit glücklich“ habe ich die Aspekte „leben, um zu arbeiten“ und „arbeiten, um zu (über-)leben“ verglichen. Früher sagte man auch: Beruf oder Job. Daraus habe ich des weiteren abgeleitet, dass sich viele Menschen in ihrer Freizeit die Freiheit schaffen, die sie im Job nicht haben. Damit entfremden sie sich von sich selbst. Dieser Gedanke ist sozusagen eine Überleitung in die 10. Klasse und zu Karl Marx.

Adler im freien FLug
Fühle dich frei – Quelle: geralt, Pixabay

In der 9. Klasse habe ich die Formulierung der „Freizeit-Freiheit“ von Robert Menasse deshalb eingeführt, weil die alleinige Unterscheidung von Freizeit und Arbeit zwar das „Paradox“ der Arbeit anschaulich macht, aber keinerlei Konsequenzen daraus gezogen werden, außer derjenigen, dass einige Menschen als Arbeit empfinden, was andere als Freizeit sehen. Konsequent wäre es aber, zu fragen, warum brauche ich überhaupt Freizeit? Schlaf und Ernährung zählen nicht zur Freizeit. Ich könnte doch auch jeden Tag das machen, was mir sowieso Freude bereitet, und mich dafür von den Menschen bezahlen lassen, die diese Tätigkeiten als Mühe ansehen. Das Gedankenexperiment führt sehr schnell zu der Erkenntnis, dass es so nicht funktioniert. Es gibt Arbeiten, die will niemand gerne machen. Nun könnte man vorschlagen, dass diese ungeliebten Arbeiten gemacht werden müssen und eine Gesellschaft schlicht und einfach beschließt, diese ungeliebten Arbeiten sehr gut bezahlen zu lassen.

Machen wir es konkret: Ein Müllwerker erhält in jedem Fall ein Grundgehalt von 8000 Euro. Auch das funktioniert nicht. Die Arbeitgeber würden bei diesen Löhnen pleite gehen oder die Bürger müssten erheblich mehr für die Entsorgung bezahlen. Einige wollen das nicht, andere können nicht. Außerdem müssten die Müllwerker in unserem Gedankenexperiment in ihrer Freizeit die Freiheit suchen, die sie in der Arbeit nicht haben.

Warum kommen wir mit dem Gedankenexperiment nicht weiter? Das „Paradox der Arbeit“ ist psychologisch hochinteressant, erklärt aber nicht die Verteilungskämpfe um Arbeitsplätze. Die Verteilungskämpfe sind wiederum eine Erklärung für den Leistungsdruck, der in der Schule beginnt und sich bis ins Rentenalter fortsetzt. In Teil 2 von „Leben und Arbeiten“ werde ich mich damit beschäftigen.

tmd.

Friedensethik ist Rechtfertigung

Die Fragen,  mit denen sich die Friedensethik beschäftigt:

  • Sind Menschen wirklich von Natur aus friedlich?
  • Wie soll man mit Konflikten umgehen?
Ist Frieden möglich? – Quelle: photoshopper24, Pixabay

Je nachdem, wie wir diese beiden Fragen beantworten, ergeben sich vier unterschiedliche Aufgabenfelder der Friedensethik.

  • Menschen sind grundsätzlich friedlich. Was ist Ursache und Anlass, dass sie gewalttätig werden?
  • Menschen sind von Natur aus gewaltbereit. Wie kann man sie zur Friedfertigkeit erziehen?
  • Konflikte sind das Ergebnis von falscher Sozialisation. Wie wird „richtig“ sozialisiert?
  • Konflikte gehören zum Leben dazu, sind unvermeidlich. Wie kann ich mit Konflikten umgehen, damit sie nicht in Gewalt münden?

Es geht also um die Friedenserziehung. Viele Pädagogen gehen davon aus, dass Friedenserziehung – beispielsweise in der Gruppe – auf das Konfliktverhalten zwischen Interessensystemen übertragen werden kann. Konfliktmanagement in Gruppe und Familie oder zwischen Partnern soll auf das Konfliktverhalten im Krieg angewendet werden. Ein Irrtum.

Die Konfliktlösungsmuster in Partnerschaft und Gruppe lassen sich nicht in Konflikten der internationalen Politik anwenden.

Nun gibt es Menschen, die sich von akademischen Diskussionen zum Thema Frieden in keiner Weise beeindrucken lassen. Ein islamistischer Terrorist kann alle die aufgelisteten Fragen mit reinem Herzen beantworten und im nächsten Atemzug seinen Gesprächspartner umbringen. Er würde sein Handeln folgendermaßen erklären und rechtfertigen: Von Natur sei er ein friedliebender Mensch und in keiner Weise an Konflikten interessiert. Aber die anderen Menschen, die nicht an seinen Gott glauben, die seien für die Konflikte verantwortlich. Als gläubiger Mensch habe er zudem die Pflicht, die Konflikte in dieser – sicherlich brutalen – Art und Weise zu lösen. Das Lösungsschema stehe schließlich so in seiner Heiligen Schrift.

Was lernen wir daraus?
Friedensethik ist zunächst eine große Rechtfertigung von allen an Konflikten Beteiligten für ihr eigenes Handeln.

Dennoch gilt es, den Frieden „irgendwie “ herzustellen. Das setzt Aufklärung voraus. Beispielhaft das sehr differenzierte Interview von Herlinde Koelbl mit dem israelischen Scharfschützen Nadav Wymann (DIE ZEIT, Nr. 49, 2016). Lesenswert!

tmd.

Stichwort: Umweltethik

Der Begriff Bereichsethik wird in einem Ethiklehrbuch im Zusammenhang mit Umweltethik genannt. Der Begriff Bereichsethik ist m.E. irreführend. Es wird der Eindruck erweckt, als ob es eine allgemeine Ethik gäbe, die keinen Bezug auf einen Gegenstandsbereich hat. Dem ist aber nicht so.

Jede moralische Überlegung bezieht sich auf konkretes Handeln. Allerdings wird Moral im Lehrplan an Gymnasien in Bayern – bevor es um Umwelt-, Friedens- und Arbeitsethik geht – mit Anwendungsfeldern in Verbindung gebracht, die keiner weiteren Erklärung bedürfen. Wenn wir uns mit Wahrnehmung, der Gruppe, der Familie oder Freundschaft beschäftigen, dann können wir unser Alltagswissen benutzen. In dieses Alltagswissen ist jedoch schon so viel Fachwissen eingeflossen, dass uns der Bezug zum Fachwissen nicht mehr auffällt. Wissensinhalte aus Psychologie, Soziologie und Pädagogik sind uns einfach schon geläufig. Und wenn wir etwas hinzulernen, dann fügt sich das wenig spektakulär in unser vorhandenes Alltagswissen ein.

Schützenswerte Umwelt
Schutz der Umwelt – Quelle: geralt, Pixabay

Anders ist es beispielsweise bei der Umweltethik. Hier kommt man ohne ein beträchtliches Maß von Spezialwissen einfach nicht aus. Dieses Spezialwissen kommt aus Naturwissenschaft und Technik, aus den Rechtswissenschaften und der Politik. Wer sich mit der Klimaerwärmung beschäftigt, der muss zunächst einmal grundlegende physikalisch-chemische Vorgänge begreifen. Wer sich mit Klimawandel beschäftigt, der muss sich mit Geologie und Meteorologie auseinandersetzen. Wer nach Lösungen für Umweltprobleme sucht, muss die vorhandenen politischen Konzepte kennen und auch deren Umsetzung in Verträgen.

Die rein methodischen Kompetenzen (um deren Erwerb es in der Schule geht) rücken gegenüber den Inhalten in den Hintergrund. Die Auseinandersetzung mit den Inhalten erfordert die gleichen Kompetenzen wie in den Kernfächern (erklären, verstehen, Zusammenhänge herstellen und natürlich lesen, lesen, lesen). Es reicht aber nicht mehr aus, sein Heil in der Darstellungskompetenz zu suchen und ein Poster zu kleben und zu bemalen, wenn man nicht verstanden hat, was man eigentlich vermitteln will. Und es reicht erst recht nicht, ein Rollenspiel einzuüben mit Rollenkarten, die den SuS fremd sind (Politiker, Wissenschaftler, Verwaltungsbeamte). Man braucht grundsätzlich Sachwissen, bevor man moralisch urteilen und handeln will! Das erzeugt bei den meisten SuS, die sich mit Umweltethik beschäftigen, zunächst einmal Erstaunen, wenn nicht Unmut.

Der Wunsch, moralisch zu handeln, wenn es um die Umwelt geht, setzt aber außerdem die Kenntnis der verschiedenen theoretischen Positionen voraus, die sich mit Natur beschäftigen. Wenn es also in den Beiträgen, die hier unregelmäßig folgen werden, um Natur und Umwelt geht, ist diese grundsätzliche Vorbemerkung immer mit zu bedenken.

tmd.

Was für ein Mensch willst du sein?

Sinnfindung ist in Krisensituationen und Grenzsituationen eine besondere Herausforderung. Geht es doch darum, in aussichtslosen Situationen den Mut zu haben, weiter zu machen, weiter zu leben und auch noch dem eigenen Tod einen Sinn zu geben. Was jedoch, wenn man dabei das Leben anderer Menschen aufs Spiel setzt, wenn man den Tod anderer Menschen in Kauf nimmt?

Der Drehbuchautor und Schriftsteller David Safier hat in „28 Tage lang“ einige Romanfiguren geschaffen, die vor genau diese Sinnfragen gestellt sind. Sie müssen ihrem Leben einen Sinn geben, obwohl sie doch den Tod vor Augen haben. Und einige davon müssen die Erfahrung machen, zu überleben, weil andere für sie in den Tod gehen.

Safiers Personen sind zwar Kunstprodukte, aber nur insofern, als sie die verdichteten Erzählungen und Berichte von Überlebenden des Warschauer Ghettos wiedergeben. Alles das, was in „28 Tage lang“ erzählt wird, hat sich so ereignet, nur eben verteilt auf viele unterschiedliche Personen. Der innere Dialog der Hauptperson, die jüdische Polin Mira, ist zwar Fiktion, aber glaubwürdig.

Novalis, Sinn des Lebens
Was ist der Sinn deines Lebens? – Quelle: geralt, Pixabay

„28 Tage lang“ benennt und bündelt die moralisch brisanten Fragen der Sinnfindung in Grenzsituationen. Mira stellt sich die zentrale Frage: „Was für ein Mensch will ich sein?“. Da bleibt nichts philosophisch abstrakt. Das verstehen auch Kinder.

Das Lesen von „28 Tage lang“ deckt gleich mehrere Kompetenzbereiche ab. Da das Buch packend geschrieben ist, stellt es für Wenig-Leser keine Lese-Barriere dar. Die moralischen Fragen sind leicht zu referieren. Beispiel: Die Gruppe der Widerstandskämpfer, die noch nicht von der SS gestellt und erschossen wurde, wird von einem kleinen Jungen, der von der SS vorgeschickt wurde, entdeckt. Soll er erschossen werden? Die Handlung lässt weich gespülten Diskussionen um eine Entscheidung keinen Raum. Und das ist gut so. Natürlich ist auch der Bezug zum Geschichtsunterricht zu nennen.

Das Buch ersetzt spielend die abstrakten Lehrbuchinhalte zum Thema Grenzsituationen und Sinnfindung. Und es gibt ausführliche Lehrermaterialien, die auch für die SuS zugänglich sind.

tmd.