Die reflexartige Kommunikation der Gegner des selbstbestimmten Sterbens

Krankenhaus, Betten
Selbstbestimmt leben? – Quelle: SilasCamargo, Pixabay

Selbstbestimmtes Sterben und das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts hat die üblichen Reaktionen hervorgerufen. Das Urteil wird abgelehnt, weil es „nicht umsetzbar ist“, so ein Mediziner in einem Bericht in den Nürnberger Nachrichten vom 8.3.17. Das Urteil wird mit aktiver Sterbehilfe in Zusammenhang gebracht. Zudem sei eine Behörde nicht in der Lage, zu entscheiden, was eine unerträgliche Lebenssituation sei. Das BVG hat in keinem Satz behauptet, dem Betroffenen die Entscheidung abzunehmen.

Die reflexartige Kommunikation der Gegner des selbstbestimmten Sterbens ist schon auffällig. Das zentrale Problem, autonom zu entscheiden, wird mit Verweis auf die heutzutage hervorragende Schmerztherapie gekontert. Die Existenz eines Hospizes wird als Lösung für alle genannt, obwohl die Zahl der Hospize nicht ausreicht.
Völlig unverständlich bleibt jedoch der Vorschlag, dass betroffene Patienten jederzeit auf künstliche Ernährung verzichten können (Was ist damit wohl gemeint? Warum wird die Angelegenheit nicht beim Namen genannt?) oder dass die künstliche Beatmung abgestellt werden könne.

Die Ethikfunktionäre wollen nicht verstehen, worum es geht. Menschen (Mediziner, Politiker, Theologen, Meinungsmacher) nehmen sich das Recht, über das Sterben anderer Menschen zu entscheiden. Klartext: Du sollst so sterben, wie ich (der Arzt usw.) es will. Und wenn du (Patient) dabei nicht mitmachst, dann sterbe, aber nicht nach deinen, sondern nach meinen Regeln.
Der Mediziner in dem zitierten Zeitungsbeitrag befürchtet einen Paradigmenwechsel in der Medizin. Die Betroffenen, die außerhalb von Deutschland Hilfe suchen, fürchten ihn nicht. Sie hoffen ihn herbei. Für viele wird er aber zu spät kommen.

tmd.

In diesem Blog zum Thema:
Nachtrag Sterbehilfe
Medizinethik und Person: Oberstes Ziel ist der Schutz der Menschenwürde
Die Person in der Medizinethik
Leben verlängern – um jeden Preis?
Gesellschaftliche Wertvorstellungen und Medizinethik
Das magische Viereck der Medizinethik: moralischer Nachholbedarf

Stichwort: Dialektik

Im Internet gibt es massenhaft Erklärungen für den Begriff Dialektik. Dennoch fragen mich SuS, was mit Dialektik gemeint ist. Und sie fragen nach Beispielen, nach verständlichen.

Die abstrakten Erklärungen (These – Antithese – Synthese) helfen nicht weiter. Hier der Versuch einer Erklärung in einfacher Sprache. Ich beginne mit Wissen über Dialektik aus der Redeschulung (Rhetorik). Ein Sprecher stellt eine Behauptung (These) auf. „Die Bausteine des Lebens sind Feuer und Erde.“ Ein anderer Sprecher behauptet (Antithese): „Die Bausteine des Lebens sind Wasser und Luft“. Damit kommen beide nicht weiter. Die Lösung (Synthese) ist: Die Bausteine des Lebens sind die Elemente, die in allen genannten Stoffen (Feuer, Luft, Wasser, Erde) enthalten sind.

Durch Diskussion kann man also sein Wissen über die Welt vergrößern. Die Erweiterung meines Wissens war zu Anfang der Diskussion noch nicht vorhanden. Die Erweiterung ist die Synthese. In dieser Synthese ist das Wissen der These und das Wissen der Antithese enthalten. Ein wirklich simples Beispiel sind alle „sowohl als auch“ Aussagen. Wenn zwei Aussagen möglich sind, dann kommt es meist zu einer neuen Aussage, die beide anderen enthält.

Dialektikbücher
Bücher über Dialektik – Altpapier? – Quelle: rotkevichkonstantin, Pixabay

Komplizierter ist die Dialektik bei Karl Marx angelegt. Es war die Theorie von Marx, dass sich der Kapitalismus ungebremst weiterentwickelt. Gleichzeitig aber kommt es zur Verelendung der Arbeitnehmer (These) und zu einer Konzentration Produzenten (das sind die Besitzer der Fabriken) (Antithese). Marx nennt das Widersprüche in der Gesellschaft. Das sieht so aus: Die Kapitalisten brauchen als Konsumenten die Arbeiter, die aber immer mehr verelenden. Die Arbeiter brauchen die Kapitalisten, um zu überleben (sich zu reproduzieren, nennt das Marx). In dieser Situation kann es so nicht weitergehen. Die gesellschaftlichen Widersprüche streben nach Auflösung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Hier kommt Marx mit der frohen Botschaft: Es kommt zur Revolution, die Arbeiter übernehmen die Produktionsmittel (das sind die Fabriken samt den Maschinen) und es beginnt der Sozialismus. Kuba, DDR und Russland sind Beispiele dafür, dass es nicht funktioniert. Das ändert aber nichts an der schönen Theorie von den gesellschaftlichen Widersprüchen, die dialektisch angelegt sind und in einen neuen Zustand umschlagen. Marx hat die Figur der Dialektik auch auf seine Religionskritik angewendet. Dazu mehr im Beitrag über den Religionskritiker Marx.

tmd.

Merkzettel: Jean-Jacques Rousseau

J.J.R. fragt nach der Legitimation von Herrschaft. Herrschaft von Gottes Gnaden diskutiert er nicht. Das schließt er aus. Das Naturrecht erwähnt er kurz. Übrig bleibt der Gesellschaftsvertrag. Nur durch einen solchen Vertrag wird Herrschaft hergestellt, die legitim ist. Was soll der Gesellschaftsvertrag bewirken? Er soll die Freiheit und die Gleichheit der Bürger gewährleisten. Wo ist das Problem? Wenn alle Menschen gleich sind und auch frei handeln können, dann müssen sie den gleichen Willen zum Handeln haben. Sie müssen dasselbe wollen und erstreben. Ansonsten gibt es nur Mord und Totschlag. (siehe Hobbes)

Die Menschen verfolgen aber unterschiedliche Ziele. Was tun? J.J.R. meint, dass die Menschen deshalb unterschiedliche Ziele verfolgen, weil sie durch Kultur und Erziehung falsch sozialisiert sind. Wieso das? Menschen sind grundsätzlich Einzelgänger, behauptet J.J.R. In der Natur würden sie aber als Einzelgänger untergehen. Denn sie sind absolut friedlich. Also schließen sie sich zusammen. Dieser Zusammenschluss ist aber missglückt. Die Menschen haben dabei ihre Freiheit verloren und sind auch nicht mehr gleich. Ein neuer Gesellschaftsvertrag muss her, der die Besonderheiten des Menschen berücksichtigt.

Gesellschaftsvertrag
Verträge, die verbindlich sind – Quelle: stevebp, Pixabay

Der Gesellschaftsvertrag bei J.J.R. soll den Menschen die Möglichkeit geben, nur die Ziele zu verfolgen und nur solche Gesetze zu machen, die der einzelne Bürger wirklich will. Dabei steht die Wahrung der Freiheit und Gleichheit im Vordergrund. Wenn es also zu Abstimmungen im politischen Prozess kommt und jeder unbeeinflusst von den anderen Bürgern seine Meinung abgibt, dann kann das nur der Gemeinwille sein. Den erkennt man daran, dass die Mehrheit diesen Gemeinwillen hat. Die Minderheit muss sich diesem Willen anpassen. Der Gemeinwille kann in dieser Form nur in kleinen politischen Gemeinden ermittelt werden. Grundsätzlich dürfen die Bürger in diesem Gesellschaftsmodell nicht politisch von anderen vertreten werden. Das entspricht dem sogenannten imperativen Mandat. Der Mandatsträger ist an den Wählerwillen gebunden.

J.J.R. schließt außerdem die politische Information und Diskussion aus. Das verfälscht den Wählerwillen. Unterschiedliche Meinungen repräsentieren nur den Gesamtwillen.

Das politische System, das J.J.R. vorschwebt, ist blind gegenüber Lobbyeismus, Demagogie und Diktatur. Im Gesellschaftsvertrag ist eine unlösbare Spannung aufgebaut zwischen Freiheit und Gleichheit. Beides ist nicht gleichzeitig zu verwirklichen, ohne den Menschen aus der Gesellschaft zu vertreiben. Wenn die Grenzen der eigenen Freiheit die Freiheit der anderen Bürger sind, dann hat zwar jeder eine gleiche Freiheit, aber nicht die, die er vielleicht haben wollte. Das System funktioniert nur, wenn die Menschen diesem Umstand nicht bemerken.

Ausführliche Beiträge zum Thema in diesem Blog unter dem Schlagwort Rousseau.

tmd.

Karl Marx als Religionskritiker

Denkmal, Marx
Marx-Denkmal in Chemnitz – Quelle: diema, Pixabay

Zwei Begriffspaare und einen Schlüsselbegriff soll man kennen und anwenden können, wenn man die Religionskritik von Karl Marx erklären will. Es geht um das falsche Bewusstsein und das Begriffspaar Basis und Überbau, sowie das Begriffspaar Sein und Bewusstsein. Die Basis ist der Alltag der Menschen mit ihrer Arbeit und Freizeit. Der Überbau ist das Wissen und die Kenntnisse dieser Menschen. Es sind die kulturellen Leistungen, die Menschen hervorgebracht haben. Es ist auch der Sinn, den die Menschen in ihrem Leben suchen und finden. Es ist die Religion.

Das Sein entspricht der Basis. Das Bewusstsein entspricht dem Überbau. Warum hat Marx zwei Begriffspaare für ein und dieselbe Sache verwendet? Die meisten Philosophen vor Marx (insbesondere Feuerbach und Hegel) waren der Meinung, dass die Menschen durch ihr Bewusstsein das Sein (Dasein) beeinflussen und lenken. Bei Hegel klingt das sogar sehr dramatisch, wenn er schreibt, dass der Geist (der Weltgeist) das Sein herstellt und sich selbst darin erkennt!

Marx dreht den Zusammenhang um. Nicht das Bewusstsein stellt das Sein her, sondern das Dasein der Menschen, die Verhältnisse in denen sie leben, ist ausschlaggebend für ihr jeweiliges Bewusstsein. Speziell die Arbeiter, die durch die Industrialisierung immer ärmer werden und die Kapitalisten, die durch den selben Prozess immer reicher werden, entwickeln durch die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen sie leben ein bestimmtes Bewusstsein (den Überbau).
Die Strukturen Basis und Überbau bleiben erhalten. Die Funktion Sein und Bewusstsein dreht Marx um. Wichtig dabei ist, dass sowohl die Arbeiter als auch die Kapitalisten ein falsches Bewusstsein entwickeln. Beide Gruppen täuschen sich über die wahren gesellschaftlichen Verhältnisse hinweg.

Geht es um die Religionskritik, dann interessieren hier besonders die Arbeiter und ihr falsches Bewusstsein. Die Kapitalisten haben zwar auch ein falsches Bewusstsein, aber bei denen ist eher wichtig zu wissen, dass sie nicht sehen, wie ihr Kapitalismus langsam an die Wand gefahren wird und dass sie selbst daran Schuld haben.

Bei den ausgebeuteten Fabrikarbeitern, die langsam verelenden, weil sie immer weniger verdienen, hat das falsche Bewusstsein und der Überbau eine wichtige Funktion: Er sorgt dafür, dass die Arbeiter ihre Lage nicht durchschauen. Warum? Weil sie gleichsam als gesamtgesellschaftliche Droge die Religion haben. Ein Spruch von Marx dazu: Religion ist Opium fürs Volk.
Die Religion täuscht die Arbeiter darüber hinweg, dass sie in einer hoffnungslosen Lage sind, wenn es so weiter geht. Die Religion macht den Ausgebeuteten der Erde vor, dass es im Jenseits eine Erlösung gibt und dass vor allem alles so Rechtens ist, wie es ist.

Wie können die Arbeiter ihr falsches Bewusstsein ablegen, wie können sie erkennen, dass sie getäuscht werden? Nun, sie müssen die Täuschung nicht durchschauen. Denn die Rettung naht in Form einer historischen Dialektik. Gemeint ist, dass die gesellschaftlichen Widersprüche (die zwischen Arbeitern und Kapitalisten; die zwischen Kapital und Arbeit) sich zwangsläufig in einer Revolution auflösen werden. Es wird zum Showdown kommen zwischen den Kapitalisten, die immer weniger Gewinne machen mit ihren Investitionen, und den Arbeitern, die von ihrer Hände Arbeit nicht mehr leben können.
Der Kapitalismus wandelt sich in den Sozialismus, in dem die Arbeiter den Besitz der Produktionsmittel haben. Am Ende entsteht der Kommunismus, in dem alle Menschen glücklich zusammen leben und das produzieren, was die Kommune zum Leben braucht.
Religion wird in dieser Gesellschaftsform nicht mehr gebraucht. Die Arbeiter, die im Kommunismus die Produktionsmittel besitzen, haben kein falsches Bewusstsein mehr. Sie haben ein von Religion befreites Klassenbewusstsein.

tmd.

Ludwig Feuerbach

Bereits in der Antike gab es die Vermutung, dass die Menschen sich ihre Götter nach ihrem eigenen Bilde machen. Feuerbach will diesen Ansatz systematisieren. Dazu verwendet er eine psychologische Erklärung. Untersucht man die Merkmale, die Gott näher bestimmen, sieht man, dass es Aussagen sind, die menschliche Defizite in ihr Gegenteil verkehren. Menschen sind sterblich, wissen nicht alles, sind schwach und missgünstig. Gott dagegen ist stark, allwissend, mächtig und gütig.
Bei Feuerbach heißt es dann: die Prädikate, die Gott näher bestimmen sind nicht göttlicher Natur (gehen von Gott aus), es sind vielmehr menschliche Zuschreibungen. Sie haben ihren Ursprung im Menschen. In der Sprache der Religion: Nicht Gott teilt dem Menschen durch Offenbarung mit, dass er (Gott) das Pradikat gut sein hervorbringt.

Gut zu sein ist ein Prädikat, dass der Mensch gerne hätte und in Gott idealisiert. Das wird Projektionstheorie genannt.

Ludwig Feuerbach
Ludwig Feuerbach – Quelle: Wikimedia

Wie kommt Feuerbach auf diese Idee, dass der Mensch eigentlich gut sein will, es nicht ist und deshalb ein Idealbild schafft, um sich an diesem Ideal zu orientieren?
Feuerbach stand in Tradition von Georg Wilhelm Hegel. Bei Hegel entwickelt sich das Bewusstsein des Menschen in Schritten von zunehmender Selbsterkenntnis (sehr einfach ausgedrückt, er nennt das Dialektik, dazu gibt es einen eigenen Beitrag). Das, was das Bewusstsein als sein Selbst erkennt, sind aber die kulturellen Leistungen der Menschheit. Dazu gehören auch die Religionen. Der Mensch erkennt also in der Religion sein eigenes Produkt. Heute würde man sagen: Religion ist das Ergebnis kommunikativen Handelns oder verdinglichte Kommunikation. Feuerbach argumentierte auch in Tradition der Sophisten. Die Erkenntnisfähigkeit ist abhängig vom Menschen. Der Mensch schafft sich also seine Erkenntnisse mittels zunehmender Selbsterkenntnis.

Feuerbach legt damit die Grundlagen für die Religionskritik von Marx. Er wird aber auch von modernen Theologen instrumentalisiert, die seine psychologische Erklärung in einen Gottesbeweis ummünzen wollen. Die Geschöpfe Gottes erkennen in ihren eigenen Kulturleistungen die Handschrift ihres Herrn.

Kritik wird gelegentlich auch an seiner Projektionstheorie geübt. Sie berücksichtige nicht, dass Gott im alten Testament andere, negative Prädikate besitzt. Dabei wird jedoch übersehen, dass sich das Bewusstsein in Schritten weiterentwickelt. Die kulturelle Leistung des Menschen war zur Zeit des Alten Testaments eine andere als im 19. Jahrhundert.

Anmerkung:
Vergleiche zwischen den einzelnen Religionskritikern sind mit Vorsicht zu genießen. (Ebenso sind natürlich auch Rollenspiele, bei denen sich SuS als Religionskritiker in Diskussion befinden, wenig zielführend.) Nur Feuerbach und Marx haben Anknüpfungspunkte. Marx bezieht sich ausdrücklich in seinen Schriften auf Feuerbach. Nietzsche und Freud beispielsweise gehen von grundsätzlich anderen Vorüberlegungen aus.

Feuerbachs Ansatz wird auch anthropologisch genannt. Er will die positiven Prädikate für den Menschen zurückerobern. Wir müssen unsere Sehnsucht nach einer menschenfreundlichen Gesellschaft nicht ins Jenseits und auf Gott projizieren. Genau hier kann moralisches Handeln ansetzen.

tmd.

Wahrheit und Religion

Eine interessante Antwort auf die Frage: Welche Religion ist die wahre Religion?, gibt es seit Lessings Ringparabel in Nathan der Weise. (Der Inhalt der Parabel ist in den meisten Ethikbüchern als Zusammenfassung enthalten.)

Die wahre Religion zeigt sich hier im Handeln des Menschen. Im Humanismus zählt also der Output. Der Input, die heiligen Schriften, gewinnen ihre Bedeutsamkeit erst über das menschenfreundliche Handeln. Gleichzeitig wird aber der Boden bereitet für den Gedanken der Toleranz und für den interreligiösen Dialog zwischen den Religionen.

Diese Antwort auf die konkurrierenden Wahrheitsansprüche der Religionen nennt man Pluralismus. Religionen sind grundsätzlich gleichwertig, haben aber unterschiedliche Antworten auf die Sinnfragen des Lebens. Diese Position gleicht einem Waffenstillstand. Die drei Religionen, um die es hier im Wesentlichen geht, können dabei intern weiterhin davon ausgehen, dass es eine wahre Religion gibt und das ist die eigene.

Für eine Prüfungsvorbereitung wichtig sind hier die Begriffe Exklusivismus und Inklusivismus. Exklusivismus meint die radikale Variante der Vorstellung im Besitzt der Wahrheit zu sein: Nur die eigene Religion gibt die Wahrheit wieder. Der Inklusivismus ist hier sehr viel geschickter in der Behauptung, die Wahrheit zu besitzen. Die anderen Religionen sind nicht grundsätzlich falsch, aber sie vermitteln nicht die absolute Wahrheit, sondern nur Teilwahrheiten. Der Islam ist in der komfortablen Situation, die beiden anderen Buchreligionen als Teilwahrheiten in seinen Wahrheitsanspruch integrieren zu können.

Keiner der drei Standpunkte (Inklusivismus, Exklusivismus, Pluralismus) kann also argumentativ die konkurrierenden Wahrheitsansprüche der drei Buchreligionen lösen.
Der Toleranzgedanke des Humanismus (Ringparabel) hilft ebenfalls nicht weiter. Verwendet man die Bedeutung der Toleranz im eigentlichen Sinne (wie er von den Römern verwendet wurde), dann kann er nur von denen verwendet werden, die Macht haben. Toleranz ist also der Standpunkt der Mächtigen.

tmd.

siehe auch hier im Blog:
Wahrheit und Wahrnehmung
Wahrheit und Rechtfertigung

Nachtrag: Sterbehilfe

Im Blogbeitrag vom 16. Februar 2017, Gesellschaftliche Wertvorstellungen und Medizinethik, heißt es im letzten Absatz: Diese Wertvorstellungen sind nicht identisch mit den Vorstellungen der Ethikräte. Es sieht eher so aus, dass die Gerichte und der „normative Druck des Faktischen“ vorangehen und ethische Sinnsprüche der Realität folgen (müssen).

Paragraphen
Rechtsprechung – Quelle: geralt, Pixabay

Das Bundesverwaltungsgericht hat am 2. März 2017 entschieden, dass in extremen Ausnahmefällen schwerstkranke Menschen einen Anspruch auf Medikamente zur schmerzlosen Selbsttötung haben.

Die Richter argumentierten mit dem Persönlichkeitsrecht. Schwer und unheilbar Kranke sollen das Recht haben, selbst über den Zeitpunkt zu entscheiden, wann ihr Leben beendet werden soll.

Der Fall, der dahinter steht, wird in den Medien diskutiert werden und bedarf deshalb hier keiner weiteren Vertiefung.

tmd.

Stichwort: Theodizee

Die Beschäftigung mit den Religionskritikern, die an bayerischen Gymnasien behandelt werden, wird erleichtert durch Vorwissen über die Theodizee. Theodizee ist der Versuch, die Existenz Gottes zu beweisen. Die Diskussion führte letztlich zu der Erkenntnis, dass Gott nicht unmittelbar wahrnehmbar ist. Wir können Gott über seine Schöpfung nur mittelbar erkennen, aber ein direkter Zugriff auf Gott ist nicht möglich. Die Folge ist, dass wir eigentlich keine Vorstellung von Gott haben können. Gott ist absolut transzendent. Transzendent ist das, was Menschen nicht wahrnehmen können. Menschen nehmen aber an, dass hinter manchen Wahrnehmungen etwas existieren muss, sonst gäbe es diese Wahrnehmungen nicht.

Oh mein Gott
OMG; nicht nur ein Wortspiel – Quelle: Wokandapix, Pixabay

Jetzt zur Theodizee: Es geht um die Antwort auf die Frage, warum es das Böse in der Welt gibt, warum es Leid, Elend, Katastrophen usw. gibt und warum Gott das zulässt. Von Gott wiederum wird gesagt, dass über ihn bestimmte Aussagen gemacht werden. Gott ist allmächtig, Gott ist all-gütig und Gott ist allwissend. Nun werden Fragen und Aussagen gegeneinander ausgespielt.

Wenn Gott allmächtig ist, dann kann er das Böse in der Welt verhindern. Will er das nicht, dann ist er nicht all-gütig. Dann ist er nicht Gott. Kann er das nicht, dann ist er nicht allmächtig. Dann ist er wieder nicht Gott. Eine Lösung gibt es nur, wenn man Gott in Kategorien denkt, die sich unserer Vernunft entziehen. Das kann so weit gehen, dass wir sagen, es gibt zwar einen Gott, aber er kümmert sich nicht um uns. Offenbarung und Schöpfungsgeschichte werden damit zu einer von Menschen gemachten Deutung eines Gottes, von dem man annimmt, dass es ihn gibt, über den man jedoch nichts Verlässliches mehr aussagen kann.

Damit ist die Diskussion, ob es Gott gibt oder nicht, eigentlich erledigt. Glaube und Religion werden zur kulturellen Leistung der Menschen. Diese Kulturleistung muss ihre Brauchbarkeit im Alltagsleben beweisen. Hier setzen die Religionskritiker Feuerbach, Marx und Nietzsche an. Als Naturwissenschaftler wird hierzu Sigmund Freud befragt. Sie untersuchen die negativen Effekte von Religion und Glaube in der Gesellschaft. Die Religionskritiker werden in jeweils eigenen Beiträgen behandelt.

tmd.

Medizinethik und Person: Oberstes Ziel ist der Schutz der Menschenwürde

Der Beitrag vom 24.2.2017 bedarf einer kritischen Präzisierung. Es heißt dort: Dennoch ist eine Diskussion, die sich grundsätzlich mit den beiden Begriffen der Person beschäftigt, nicht verzichtbar. Nur so werden Interessen und soziale Kommunikation zum Thema offengelegt.

Soziale Kommunikation ist hier so zu verstehen, dass die verschiedenen Deutungen des Begriffs Person gesellschaftlich verfestigte Konstruktionen sind. Der Wertigkeit Mensch-Sein steht nicht eine irgendwie geartete platonische Idee des Mensch-Seins gegenüber. Die herausragende Stellung des Menschen ist nicht ein Abziehbild einer ebensolchen Stellung im Reich der Ideen. Es ist schlicht und einfach verfestigte Kommunikation, die ihren Ursprung darin hat, dass Menschen sich selbst ins Recht setzen, etwas über die eigene Wertigkeit auszusagen. Dabei spielt es keine Rolle, dass die Wertigkeit in den Religionen bestätigt wird. Denn Religionen gehören ebenfalls zur sozialen Kommunikation.

Die Zeit fließt
Zeit in Würde verbringen – Quelle: cocoparisienne, Pixabay

Diese Deutung des Mensch-Sein (als Ergebnis gesellschaftlicher Kommunikation) wird jedoch heftig von denjenigen kritisiert, die eine herausragende Stellung des Menschen in Schöpfungsgeschichte und Offenbarung erkennen. Gerade diese Denktradition ist nun aber auch dafür verantwortlich, dass es so etwas wie allgemeine Menschenrechte und Menschenwürde gibt. Das wird in der Diskussion oft übersehen. Auch deshalb, weil die Ableitung der Menschenrechte und Menschenwürde aus den Abrahamitischen Religionen nach dem Muster der sozialen Kommunikation erfolgt.

Nun ist es aber nicht einerlei, ob die Sonderstellung des Menschen aus der Offenbarung oder aus der Interpretation historischer Kommunikationsergebnisse abgeleitet wird: dieses ist Menschenwerk, jenes ist Erkenntnis des gläubigen Menschen. Ethische Diskussion muss also vorbehaltlos die Kompetenzen der beiden Denkrichtungen zum Schutze vor dem Ausverkauf der Menschenwürde benennen.

tmd.

Die Person in der Medizinethik

Der Begriff der Person ist in der Medizinethik der wichtigste und umstrittenste. Es geht hier um die Unterscheidung des substanzialistischen und qualitativ-aktualistischen Begriffs der Person.

Versuchsmaus
Sind wir im Gegensatz zu Tieren etwas Besonderes? – Quelle: tiburi, Pixabay

Der substanzialistische Begriff der Person geht davon aus, dass der Mensch als körperlich-geistiges (seelisches) Wesen immer eine Sonderstellung unter den Lebewesen einnimmt. Der Mensch hat also Rechte als Embryo und auch als dementer alter Mensch oder als Hirntoter. Ursprünglich wurde dieser Personenbegriff mit intellektuellen und moralischen Fähigkeiten verbunden. Das steht jedoch im Widerspruch dazu, dass der Mensch als Embryo und Hirntoter keine intellektuellen Fähigkeiten hat.
Substanzialisten müssen also immer zusätzliche Begründungen bemühen, um die Sonderstellung des Menschen nachzuweisen. Dabei wird meist so argumentiert (bzw. es wird ein Zusammenhang suggeriert), dass ein Hirntoter früher einmal intellektuelle Fähigkeiten hatte. Oder es wird unterstellt, dass ein Embryo einmal intellektuelle Fähigkeiten haben wird. Sie schließen damit Menschen, die von Geburt an geistig behindert sind, vom substanzialistischen Begriff der Person aus. Diese haben keine nachweisbaren intellektuellen Fähigkeiten. Übrig bleibt also nur die leibliche Existenz, der eine Sonderstellung gegenüber anderen Lebewesen eingeräumt wird.

Der qualitativ-aktualistische Begriff der Person kann diese Ungereimtheiten nutzen für seine Kritik am Substanzialismus. Nur derjenige, der intellektuelle und moralische Fähigkeiten vorweisen kann, kann auch die Sonderstellung Mensch für sich beanspruchen. Eine Kritik, die aber sehr schnell in sich zusammenfällt, wenn man die Entstehung des so definierten Personenbegriffs verfolgt. Intellektuelle Fähigkeit ist eine Sache der Zuschreibung. Ungeklärt ist dabei auch, welche intellektuellen Fähigkeiten jemand vorweisen muss, um als vollwertiger Mensch zu gelten. Kinder mit noch nicht vollständig entwickelter Identität und moralischer Urteilsfähigkeit (siehe die Studien von Lawrence Kohlberg) sind demnach nicht vollwertige Menschen. Rechtlich wird dem übrigens Rechnung getragen. Kinder haben in vielen Bereichen noch keine Urteilsfähigkeit und sind nicht fähig zur Einsicht. Beispiel: die Nutzung von Internet-Medien.

Beide Begriffe sind stark von religiösen bzw. nicht-religiösen Standpunkten und Interessen geleitet. Die Untersuchung der jeweiligen Interessen bei Diskussionen um Sterbehilfe, Organentnahme, Schwangerschaftsabbruch und embryonaler Stammzellen- und Genforschung kann also weiter führen und die von den Vertretern der jeweiligen Standpunkte meist gewollte Unübersichtlichkeit aufhellen und in manchen Fällen sogar beseitigen. Die Diskussionen um sinnlose lebensverlängernde Maßnahmen sind in diesem Blog schon mehrmals erwähnt worden.

Dennoch ist eine Diskussion, die sich grundsätzlich mit den beiden Begriffen der Person beschäftigt, nicht verzichtbar. Nur so werden Interessen und soziale Kommunikation zum Thema offengelegt. Nur so wird der Mensch mündig.

tmd.