Thomas Hobbes revisited

Der Selbsterhaltungstrieb bringt den Menschen dazu, Verträge mit anderen Menschen zu schließen, die Sicherheit garantieren.

Der kurze Text zu Thomas Hobbes „Sicherheit statt Freiheit“ in diesem Blog bedarf unbedingt einer Ergänzung, die über das Minimalwissen für eine Prüfung hinausgeht.

Hobbes ist der erste von den drei Theoretikern (die in der 10. Klasse an bayerischen Gymnasien behandelt werden), die sich Gedanken über einen Gesellschaftsvertrag gemacht haben. Bei einem Vergleich mit den anderen wird er immer wieder zu Unrecht in die Ecke gestellt. Insbesondere in die rechte. Einige Interpreten machen ihn zum Vordenker eines totalitären Staates. Andere versuchen seine Beschreibung des Naturzustandes in Frage zu stellen, indem sie nachweisen, dass die Argumente von Hobbes eigentlich nur Spekulation sind. Da braucht man nichts nachweisen. Es ist ein Gedankenexperiment.

So einfach will ich es mir nicht machen, Hobbes gerecht zu werden.
Außerdem wissen wir bereits, das die philosophische Erkenntnis, und natürlich auch die naturwissenschaftliche (nicht alle Naturwissenschaftler hören das gerne) abhängig ist vom Interesse.

Der Naturzustand bei Hobbes ist ein Gedankenexperiment! Man kann es nicht oft genug wiederholen. Den Naturzustand, den Hobbes beschreibt, konnte er – und können wir – historisch nicht nachweisen. Das ist aus seinen Texten nicht abzuleiten und man kann es auch nicht unterstellen, dass er so etwas wollte. Es ist richtig, dass Hobbes als Beispiel für vorstaatliche Gesellschaften die Indianer Amerikas nannte. Das waren zum Teil rassistische Spekulationen. Aber das macht das Gedankenexperiment insgesamt nicht hinfällig. Hobbes hat das Menschenbild des Staatsbürgers psychologisiert. Er hat gefragt, wie der Mensch in einem Staat in Sicherheit leben kann, wenn er so und nicht anders gestrickt ist, nämlich egoistisch. Das ist der eigentliche Fortschritt bei Schaffung eines Menschenbildes. Der Mensch ist nicht böse, weil es den Teufel gibt oder sonstige finstere Mächte, er ist egoistisch von Natur her.

Verstand gebrauchen
Den Verstand gebrauchen – Quelle: geralt, Pixabay

Hobbes ist ein Kind der Aufklärung. Er glaubt fest daran, dass der Mensch ein vernunftgesteuertes Wesen ist. Er bringt die Vernunft ins Spiel, lange bevor sie von Immanuel Kant besetzt wurde. Hobbes sagt, dass der egoistische Mensch erkennt, dass es bestimmte Naturgesetze gibt, die bei der Staatsbildung beachtet werden müssen. Naturgesetze sind bei Hobbes aber nicht physikalische Gesetze. Es sind von der Vernunft entdeckte Vorschriften für die Vergesellschaftung: Das ist z.B. das Streben nach Frieden, Einhaltung von Verträgen und vieles mehr. Hobbes macht im Leviathan etliche Vorschläge, die in ähnlicher Form später auch bei Kant in seiner Schrift zum ewigen Frieden auftauchen. Die Leistung der Vernunft leitet er aber nicht aus moralischen Vorschriften ab, sondern aus dem Selbsterhaltungstrieb des Menschen.

Ich will mich hier nicht mit der Widerlegung der oft unsachlichen Auseinandersetzung mit Hobbes aufhalten. Zwei Punkte erscheinen mir bemerkenswert und sollen hervorgehoben werden.

  • Hobbes war der erste Theoretiker, der die Staatsgründung und die Vergesellschaftung per Vertrag so ausdrücklich und zentral formulierte. Die Bürger stehen im Mittelpunkt, die Bürger handeln, die Bürger sind alle gleich!
  • Hobbes geht bei der Konstruktion seines Menschenbildes vernunftorientiert vor, also rational, nicht empirisch. Er ist eben ein Kind der Aufklärung. Wie ein Naturwissenschaftler fragt er, woraus der Staat besteht: aus Menschen. Also muss ich wissen, wie der Mensch funktioniert. Bei dieser Frage lässt er sich dann von seinen Erfahrungen aus dem englischen Bürgerkrieg leiten. Und Hobbes fragt weiter, wie muss der Gesellschaftsvertrag aussehen, wenn der Mensch so und nicht anders gestrickt ist, damit der Staat die Sicherheit der Bürger garantieren kann.

Die neuere Politikforschung hat Hobbes längst wieder entdeckt. Die Bürgerkriegssituation, die Hobbes in seiner Heimat England erlebt und gefürchtet hat, wird auf die Internationale Politik und ihre „neuen Kriege“, die asymmetrischen Kriege übertragen. Es hat schon einen gewissen Reiz, sich vorzustellen, dass ein „Leviathan“ auf unserem Planeten für Frieden sorgen könnte. Also kein IS-Terror, kein Syrien-Krieg usw.

tmd.

Tugenden – Die Seele des Staates

„Dear Prudence won’t you come out to play?“
(Lennon/McCartney)

Das Thema Seele und Platon geht weiter. Wieder war eine E-Mail der Anlass. Ich wurde gefragt, was die Tugenden mit der Seele zu tun haben.
In „Der Staat“ (politeia) entwickelt Platon die Seelenlehre weiter. Sein Interesse ist dabei Folgendes: Er will einen Zusammenhang herstellen zwischen dem einzelnen Bürger des Staatswesens und dem Staatswesen als einem funktionierenden Gemeinwesen. Er behauptet, dass der Staat dann gut ist, wenn jeder einzelne Bürger sich am „Gut-sein“ orientiert.
Um es gleich vorweg zu sagen. Der Platonische Staat in der politeia ist ein totalitärer Staat. Der Einzelne hat sich der Gemeinschaft unterzuordnen. Und der Entwurf ist eine reine Utopie, die ein wenig an marxistische Verhältnisse erinnert. Tommaso Campanella hat es in seiner Utopie „Sonnenstaat“ (1602) sehr viel bunter dargestellt, aber auch mit totalitären Zügen.

Jetzt aber zum Verhältnis von Seele und Staat.
Die Seele besteht in der politeia aus drei Teilen: Vernunft, Mut, Begierde. Die Vernunft ist von den Dreien der wichtige Teil. Die Vernunft muss den Mut und die Begierde führen. Damit die Vernunft diese schwere Aufgabe leisten kann, braucht sie Klugheit. Klugheit ist aber eine Tugend. Mit dieser Tugend der Klugheit kann die Vernunft aus dem Mut oder aus der Tollkühnheit die Tugend der Tapferkeit machen. Aus der reinen Begierde macht die Vernunft mit Hilfe der Klugheit die Tugend der Mäßigung.
Halten wir also fest: Es gibt eine Rangordnung der Tugenden. Zuerst die Klugheit, dann die Tapferkeit, und zuletzt die Mäßigung. Dafür gibt es auch ein schönes Bild, das des Wagenlenkers mit zwei Pferden. Die Vernunft als Träger der Klugheit ist der Wagenlenker und die beiden Pferde sind Mut und Begierde, die zu den Tugenden der Tapferkeit und Mäßigung geformt werden.

Platon führt an dieser Stelle eine weitere Tugend ein, die keine Entsprechung in einem Seelenteil findet: die Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit schwebt gleichsam über den andern Tugenden. Sie ist Orientierungspunkt und Wegweiser für die untergeordneten Tugenden.
Jetzt haben wir als endgültige Reihenfolge für die Tugenden:
Gerechtigkeit, Klugheit, Tapferkeit und Mäßigung. Die Tugenden der Klugheit, Tapferkeit und Mäßigung sollen sich an der Gerechtigkeit orientieren.

Utopie Blase
Platonischer Utopie-Staat – Quelle: geralt, Pixabay

Jetzt geht es weiter zum Staat.
Auch hier gibt es drei Teile, nämlich drei Klassen. Es erinnert ein wenig an das Kastensystem der Hindus, aber hier wird man nicht in eine Klasse hinein geboren, sondern „hinein-erzogen“ und gebildet. Aber das Thema hatte ich in einem früheren Beitrag schon behandelt.
Die unterste Klasse entspricht dem Seelenteil der Begierde. Das sind die Handwerker und Kaufleute. Darüber stehen die Soldaten. Sie entsprechen dem Seelenteil des Mutes. An oberster Stelle stehen die Philosophen oder die Herrscher mit Philosophen-Diplom. Das entspricht der Vernunft.
Die Philosophen haben nun die Aufgabe, die Soldaten zur Tapferkeit zu erziehen und die Handwerker und Kaufleute zur Mäßigung. Dabei setzen die Philosophen die Klugheit ein. Klug sind sie, weil sie ziemlich lang studiert haben und letztlich den Durchblick auf das Ideale und Gute haben. Bei ihren Führungsaufgaben orientieren sie sich an der Tugend der Gerechtigkeit.

Der Platonische Utopie-Staat funktioniert also nur, wenn die Philosophen an der Herrschaft sind und wenn sie alles richtig machen. Die Herrschaft war das eigentliche Ziel von Platon. Er wollte politisch an die Macht. Geschafft hat er das nicht, aber die Philosophen nach ihm hatten genug Stoff zum Nachdenken und konnten auf Platon aufbauend neue und eigene Ideen entwickeln.

tmd.

Diktatur der Philosophen

Die Beiträge zu Platon haben einen Aspekt nicht ausführlich behandelt. Dank einer E-Mail kann ich diesen wichtigen Punkt nachliefern. Es geht um die Frage, ob Bildung für alle möglich ist und ob der Platonische Staat demokratisch gedacht war.

Platons Staat ist eine Klassengesellschaft. Die Philosophen herrschen. Handwerker und Kaufleute sind dazu da, das Gemeinwesen ökonomisch am Leben zu halten. Krieger sollen den Staat militärisch nach außen schützen. Sie alle aber haben in Platons Staat keine demokratischen Mitspracherechte, denn nur die Philosophen oder Herrscher mit Philosophen-Diplom führen den Staat.

Wie ist die Verteilung auf die einzelnen Positionen der Gesellschaft organisiert? Gibt es eine Verteilungsgerechtigkeit? Nicht in dem Sinne, wie wir uns das vorstellen. Die Besetzung der Positionen ist abhängig von Bildung. Bildung ist bei Platon aber ein Ausleseprozess. Nur die wirklich Guten kommen an die Spitze.

Aber halt!, sagt der kundige Leser. Bei Platons Lehrer, dem alten Sokrates, da war das doch irgendwie anders. Genau! Der war der Meinung, dass jeder gebildet werden kann, wenn man ihm nur dabei durch geschicktes Fragen hilft. Platon passt das nun wirklich nicht in seine politische Philosophie. Er will die Herrschaft nicht demokratisch teilen. Er will die Diktatur der Wissenden.

Bücher - Wissen
Wissen ist Macht? – Quelle: Alexa, Pixabay

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch leicht die Frage beantworten, ob man sich unbedingt diesen mühsamen Bildungsprozess zumuten muss. Hat man nicht ein Recht auf „dumm bleiben“, wie manche Schüler das einwenden. Das Recht hat man nicht, man hat höchstens das Schicksal, „ganz unten“ zu bleiben.

Für Platon gibt es Menschen, die einfach nicht zum Philosophen taugen. Nicht jeder kann Häuptling sein. Es braucht auch Indianer. Und die Indianer können „dumm“ bleiben, wenn es um Herrschaft geht. Insofern ist das eine Art von Gerechtigkeit, die sich an den Fähigkeiten des Menschen orientiert. Wenn man es vorsichtig formuliert, dann hat Platon Bildung eng mit Elite verknüpft.

Soziologen sehen das heute sehr kritisch. Wir wissen, dass Bildung abhängig von der sozialen Schicht ist, aus der man kommt. Kinder von Elite-Eltern haben es einfach leichter, im Bildungssystem „nach oben“ zu kommen. Anders herum ist es aber auch so, dass dem Wunsch von Schülern, sich nicht mit Bildung auseinander zu setzen, in der Oberschicht nicht nachgegeben wird. Schon in der oberen Mittelschicht wissen die Eltern, dass soziale Teilhabe auch bildungsabhängig ist.

Geht es um politische Teilhabe, dann ist der Vorsprung der Bildungsgewinner noch größer. Im Deutschen Bundestag sind die Beamten und die Bildungsgewinner überrepräsentiert im Verhältnis zur Bevölkerung der Republik. Allerdings ist in unserer politischen Kultur der Weg an die Spitze nicht so unmöglich wie in Platons Staat für Bildungsverlierer. Auch ohne Abitur kann man beispielsweise in Deutschland Außenminister werden.

tmd.

Platon revisited – der Mensch als bildungsfähiges Wesen

Der Mensch erlangt Erkenntnis durch Bildung. Nicht die Erfahrung, sondern die Vernunft ist Motor der Erkenntnis.

Das Menschenbild bei Platon hat sokratische und vorsokratische Elemente in sich aufgehoben. Es ist ein komplexes Menschenbild. Einzelnen Elemente werde ich hier nochmal auflisten.

Jeder Mensch hat eine unsterbliche Seele. Die Seele existiert vor der Geburt und nach dem Tod. Bei der Geburt kommt die Seele also in einen Körper. In diesem Moment vergisst die Seele fast alles, was sie weiß.

Die unsterbliche Seele
Seele – Quelle: geralt, Pixabay

Was weiß die Seele? Sie hat umfassendes Wissen über die Ideenwelt. In dieser Ideenwelt sind alle moralischen Begriffe, aber auch alle Objekte der Welt, die wir als Menschen sehen, in ihrer Idealform vorhanden.
In der Ideenwelt gibt es also die Tugend der Gerechtigkeit, Tapferkeit usw. in Reinform. In der Ideenwelt gibt es aber auch die Originale zu den Objekten, die in der von uns wahrnehmbaren Welt vorhanden sind.

Die Seele muss sich an das umfassende Wissen, das sie hatte, erinnern. Erkenntnis ist also ein Prozess der Erinnerung. Dieses Erinnern kann durch geschickte Fragestellungen gefördert werden. Das Werkzeug der Erinnerung ist die Vernunft, nicht etwa die Erfahrung.
Die Vernunft hat bei entsprechender Schulung Zugang zu den Ideen in der Ideenwelt. Die Inhalte der Ideenwelt sind keine Konstrukte des Menschen. Sie sind objektiv vorhanden. In der Welt, in der wir leben, existieren die Abbilder dieser Objekte in der Ideenwelt als Schatten.

Der sinnlichen Wahrnehmung des Menschen traut Platon nichts zu. Die sinnliche Wahrnehmung kann leicht getäuscht werden und ist abhängig von der Situation, in der sich der Mensch befindet. Platon vermeidet es, die Vernunft nur für die Erkenntnis der Tugenden in der Ideenwelt heranzuziehen. Denn dann wäre sein Ansatz nicht systematisch. Er weitet die Erkenntnisfähigkeit der Vernunft auch auf die Objekte der Lebenswelt aus. Diese Systematik führt zu den Unklarheiten und Fragen wie: gibt es das Böse, das Ungerechte, die Krankheit usw. in der Ideenwelt.

Der Mensch muss sich durch Erinnerung die Sicht auf die Objekte in der Ideenwelt erschließen. Das geht nur durch Bildung. Bildung ist zunächst das Gespräch. Mathematik erschließt sich nach Platon durch das rechte Gespräch mit dem Schüler, der alles selbst erkennen bzw. eigentlich erinnern kann.
Das ist die Begründung dafür, das der Mensch fähig zur Bildung ist. Seine Erkenntniskraft ist auf Bildung durch Vernunft ausgelegt.

Der Mensch braucht also einen Lehrer, der den Prozess der Bildung am Laufen hält. Wer diesen Bildungsweg nicht durchläuft, der ist nicht nur ungebildet, er ist auch unfähig zur Führung eines Staatswesens.
Begründung: Der Staat soll ein guter Staat sein. Um den Staat so zu führen, dass er ein guter ist, muss man wissen, was das Gute ist. Das Gute kann man aber nicht empirisch (durch Erfahrung) ermitteln, sondern nur durch Erinnern der Idealform des Guten. Dazu braucht es die Vernunft.
Wenn also ein Staat ein guter sein will, muss er sich Herrscher suchen, die gebildet sind, wie Platon es will. Oder man nimmt als Herrscher der Einfachheit halber gleich einen Philosophen.

tmd.

Wer rettet Klara?

Beim Texten des Beitrags: Was ist eine Dilemma-Geschichte, habe ich das Dossier der ZEIT vom 17. September 2016 vor mir gehabt. Wer rettet Klara?
Dort heißt es: „Angenommen, ein Kind ist todkrank und Sie haben das Medikament, das es retten könnte. Geben Sie ihm das Medikament? Dumme Frage. Natürlich.

Kranker Teddybär
Gedankenexperiment mit Krankheit – Quelle: condesign, Pixabay

Angenommen, ein Kind ist todkrank und Sie haben das Medikament. Angenommen, Sie wissen: Wenn die Rettung schief geht, darf niemand anderes mehr das Medikament bekommen. Zehn, vielleicht hundert Kranke, denen das Medikament helfen könnte, werden nicht behandelt werden, weil Sie versucht haben, das eine kranke Kind zu retten.

Was machen Sie? Geben Sie ihm das Medikament, oder lassen Sie es sterben, damit die vielen anderen eine Chance haben? Das ist ja ein absurdes Gedankenexperiment, denken Sie. So eine grausame Entscheidung muss niemand fällen. Irrtum. Das Gedankenexperiment ist gar nicht so weit von der Realität entfernt.“

Später heißt es dann: „Es geht beim Thema compassionate use immer auch um ein ethisches Dilemma: Was, wenn die sofortige Rettung eines Patienten die spätere Rettung vieler Patienten verhindert?“

Kompetenz setzt Wissen voraus! Deshalb empfehle ich, dieses Dossier zu lesen. Es ersetzt spielend die blutarmen und konstruiert wirkenden Fiktionen der Ethik-Lehrbücher.

tmd.

Wenn es gut werden soll

Wenn Sokrates heute lebte, ginge er wohl nicht auf den Marktplatz, um dort Bürger anzusprechen. Sokrates ginge heute in einen Baumarkt. Nicht in irgendeinen, sondern in den Baumarkt, in den Bürger gehen, die es gut machen wollen.
Herauszufinden, was das Gute ist, das war Sokrates‘ zentrales Thema.
Doch das Personal im Baumarkt hätte Sokrates ebenso enttäuscht, wie ihn seine athenischen Mitbürger so oft enttäuscht haben.
Was das Gute ist, ist auch heutzutage eine sehr individuelle Sache. Sei es nun beim Renovieren oder Sanieren.
Wie reagierte Sokrates auf solchen Relativismus? Wie reagierte er darauf, dass alles letztlich eine individuelle „Maß“-Entscheidung ist, wie die Sophisten es behaupten? Die sagten, der Mensch sei das Maß aller Dinge.
Die Standardantwort von Sokrates war ungefähr folgende:
Wenn wir über das Gute reden, das Gute aber für jeden Menschen etwas anderes ist, wenn also das Gute etwas Beliebiges ist, dann brauche ich im Leben das Prädikat „ist gut“ eigentlich nicht mehr. Denn es sagt ja nichts mehr Verbindliches aus. Verbindlich wäre es, wenn man wüsste, dass alle Menschen etwas Bestimmtes als „das Gute“ bezeichnen.
Brauchen wir das Prädikat „ist gut“ nicht?
Im Alltag ist der Verlust des Prädikats „ist gut“ zu verschmerzen. In der Werbung ist ohnehin alles irgendwie gut, hipp, cool, angesagt, geil, trendig usw. Im Alltagsleben ist die Suche nach dem „Guten“ nicht notwendig, wenn es sich um Außer-moralisches handelt. Jeder soll schließlich nach seinem Geschmack glücklich werden.
Wenn es aber um Moral und die Tugenden geht, dann ist der Relativismus der Motor, das soziale und politische Zusammenleben zu zerstören.
tmd.

Gegenaufklärung mit Konstruktionsfehlern

In meinem Beitrag: „Gefangen im Kerker der Sinne“ habe ich mir die Frage gestellt, ob es so etwas wie eine Idee des Bösen gibt.

Gehofft hatte ich, dass es dazu einen Kommentar gibt – von Seiten der Schüler/-innen. Eine E-Mail hat mich nun veranlasst, das Thema erneut aufzugreifen, wenn auch nur in der gebotenen Kürze.

Grundsätzlich ist die Diskussion über das Böse (in welcher Form es das gibt) nicht auf Platon beschränkt. Hier zeigt es sich nur als logisches Problem in der Konstruktion von Platons Ideenlehre. (Ich rede übrigens nicht von Theorie, sondern von Lehre – die Ideenlehre ist m.E. keine Wissenschaft.) Wenn es die Idee des Guten gibt, dann muss es doch auch – weil es in der Welt das Böse gibt – die Idee des Bösen geben.
In Platons Dialogen finden sich dazu sehr widersprüchliche Aussagen, für die ich hier – keineswegs Wissenschaftlichkeit beanspruchend – eine Erklärung gebe.

In der Platonforschung ist man sich nicht einig, ob die Reihenfolge der Dialoge so ist, wie sie angenommen wird. Warum ist das so wichtig? Man sagt, dass sich die Lehre von Platon in seinen Dialogen mit der Zeit geändert hat. Anfangs scheint er sich nicht sicher gewesen zu sein, dann kommt eine starke Phase, wo die Ideenlehre ausgearbeitet wird, und schließlich sieht es so aus, als ob Platon davon wieder Abstand nimmt. Einige Wissenschaftler sagen aber, dass Platon nur zeigen wollte, wie er nicht verstanden werden will. Wenn aber die Reihenfolge der Bücher nicht stimmt, dann stimmt auch dieses Argument nicht.
Für mich ist ein anderer Punkt ausschlaggebend: der siebte Brief Platons.

Send me a letter – Quelle: jackmac34, Pixabay
Send me a letter – Quelle: jackmac34, Pixabay

Diesen Brief soll Platon nicht geschrieben haben, sagen die meisten Altphilologen. Das ändert jedoch nichts daran, dass der Inhalt zu der Entwicklung seiner (Platons) politischen Karriere (die keine war, denn er war nicht erfolgreich) passt. Derjenige, der den Brief verfasst hat, muss das gewusst haben. Ich meine, dass Platon mit seinen politischen Ansichten nicht erfolgreich war und das hat sich in seinen Schriften gespiegelt. Ich nehme an, dass Platon den Sokrates deshalb so unerreichbar moralisch gut dargestellt hat, um damit für seine (Platons) politische Lehre eine Gründerfigur zu haben, die zudem nicht direkt angreifbar war, weil es keine eigenen Schriften von Sokrates gibt.

Wie also soll man mit dem Gedanken von der Idee des Bösen umgehen? Der Vorschlag von Jostein Gaarder (Sophies Welt) ist mir zu simpel, aber er hat wenigstens den Vorteil einer Erklärung, die man jedoch nicht hinterfragen darf. Damit sind allerdings nicht die Widersprüche in den Dialogen beseitigt.

Ich meine, die Diskussion um die Idee des Bösen lenkt nur von einem dahinterstehenden Problem ab. Es geht hier nicht um die Konstruktion eines logisch in sich widerspruchsfreien Systems von Aussagen, sondern es geht um das Erreichen der politischen Deutungshoheit.

Ich komme deshalb in diesem Zusammenhang immer wieder auf meinen Vorschlag zurück, dass die Ideenlehre nur dazu dienen sollte, den Sophisten politisch die Kommunikation aus der Hand zu nehmen. Und zwar nicht durch einen ständigen Prozess der Diskussion (den hatte Sokrates vollkommen offen angelegt), sondern durch eine in sich geschlossene Ideologie, die bestimmten Bürgern die Herrschaft sichert. Denn Ideologien sind nicht dazu da, logisch einwandfrei konstruiert zu sein, sondern sind dazu da, Menschen zu überzeugen, die nicht selbst denken wollen.

Oder etwas pointierter: Platons Ideenlehre ist handfeste Gegenaufklärung, aber mit erheblichen Konstruktionsfehlern. Die Konstruktionsfehler sind Ergebnis des Versuchs, die Idee des moralisch Guten auf die Welt der Gegenstände zu übertragen, ihnen dadurch einen Platz im „Ideenhimmel“ zu sichern und damit den Relativismus der Sophisten auszuhebeln. Platon sicherte sich damit die Deutungshoheit.

Ich muss mir dabei natürlich den Vorwurf gefallen lassen, dass ich hier den Sokratischen Diskurs zu einem herrschaftsfreien Diskurs wie bei Jürgen Habermas umdeute und grundsätzlich materialistisch-historisch argumentiere. (siehe dazu: Erkenntnis und Interesse in: Technik und Wissenschaft als >Ideologie<) Aber damit kann ich leben.

tmd.

Gelassen in den Tod – Der moralische Sieg des Sokrates

Tod des Sokrates
Der Tod des Sokrates – Quelle: Wikipedia

Sokrates wird zum Tode verurteilt und zwar zu Unrecht. Was liegt näher bei einem Fehlurteil, als das Angebot zur Flucht anzunehmen. Alles war dafür vorbereitet. Sokrates aber beginnt zum Entsetzen seiner Freunde einen philosophischen Diskurs. Inhalt: ein Vergleich von „Unrecht erleiden“ und „Unrecht tun“. Was ist besser, was ist schändlicher, fragt Sokrates. Er kommt zum Ergebnis: Es ist besser Unrecht zu erleiden, als Unrecht zu tun. Was ist aber das „Unrecht tun“ in diesem speziellen Fall? Antwort: sich nicht an die Gesetze und an das Urteil des Gerichts halten.
Moment mal, sagt der kenntnisreiche Leser. Das Urteil war doch ein Fehlurteil. Warum dieses Urteil beachten.

Das ist aus unserer Sicht der Dinge durchaus angebracht. Nicht aber für Sokrates: Gesetze zu missachten, mache sie wertlos. Zudem haben die Gesetze ihm die Möglichkeit gegeben, in der Gerichtsverhandlung seine Gegner bloßzustellen. So wie es überliefert ist, hat Sokrates eigentlich alles dafür getan, dass er zum Tode verurteilt wird. Ihm ging es ums einwandfreie moralische Verhalten. Er wollte mit sich selbst im Einklang leben und sterben, so berichtet es Platon.

Das heißt: tugendhaft leben. Nur wer das Gute tut, der ist auch ein guter Mensch. Dazu muss man aber wissen, was das Gute ist. Genau das hat er in seinem letzten Diskurs klargestellt: Unrecht tun ist schändlich. Platon hat seinen Sokrates damit zum Superphilosophen gemacht, eigentlich moralisch nicht mehr zu übertreffen.
„Gelassen in den Tod – Der moralische Sieg des Sokrates“ weiterlesen

J.J. Rousseau: Ein Wille für alle

Jean-Jacques Rousseau (J.J.R.) schreibt im Gesellschaftsvertrag, 4. Buch, 1.Kapitel: „Solange sich mehrere Menschen vereint als eine einzige Körperschaft betrachten, haben sie nur einen einzigen Willen, der sich auf die gemeinsame Erhaltung und auf das allgemeine Wohlergehen bezieht.“ Ist das möglich, dass mehrere Menschen einen einzigen Willen haben? „J.J. Rousseau: Ein Wille für alle“ weiterlesen

Gefangen im Kerker der Sinne: Das Höhlengleichnis und Platons Ideenlehre

Raffael, Platon und Aristoteles
Platon und Aristoteles – Quelle: Wikipedia, Detailansicht aus Raffaels „Die Schule von Athen“

Gleichnisse werden verwendet, wenn man komplizierte Sachverhalte erklären will. Das Höhlengleichnis soll Platons Ideenlehre erklären. Liest man das Höhlengleichnis versteht man eher weniger als mehr. Warum? Weil man das Höhlengleichnis erst richtig versteht, wenn man die Ideenlehre verstanden hat. Einige Philosophielehrer beginnen deshalb damit, zuerst die Ideenlehre zu erklären und dann das Gleichnis. Friedo Ricken (er war mal Professor für Ethik in München), beschäftigt sich in PHILOSOPHIE DER ANTIKE nur mit den Ideen.

Was sind Ideen bei Platon? Ein Beispiel: Wenn ich nach einem Geschenk für einen guten Freund suche und plötzlich fällt mir eines ein, dann sage ich, ich habe da eine Idee, was ich ihm (meinem Freund) schenke. Das ist keine platonische Idee. Wenn ich mir vorstelle, wie ein sehr guter Unterricht in Ethik ablaufen soll, dann habe ich eine Idealvorstellung von gutem Unterricht. Das ist eine platonische Idee. Denn den idealen Unterricht, so wie ich ihn mir vorstelle, den gibt es so nicht. Sokrates gibt in einem seiner Gespräche mit einem gewissen Simmias (im Phaidon) ein gutes Beispiel. Er fragt zuerst, ob das wirklich Gute und wirklich Schöne etwas Wichtiges/Erstrebenswertes ist. Klar!, sagt Simmias, wobei wir leider nicht erfahren, woran er gerade dachte. Dann fragt Sokrates, ob Simmias das wirklich absolute Schöne denn schon mal mit eigenen Augen gesehen habe. Die Antwort ist: NEIN. „Gefangen im Kerker der Sinne: Das Höhlengleichnis und Platons Ideenlehre“ weiterlesen