Kommunikationstechnik ersetzt nicht Verantwortung

Dies ist ein längerer Beitrag, der sich mit Kommunikation und Moral beschäftigt. Es geht dabei um die Frage, ob es hinter unserer Alltagskommunikation (und Wissenschaftskommunikation) noch eine Ebene der eigentlichen, unhintergehbaren Kommunikation gibt: Eine Kommunikation, die auf ihre moralische Tragfähigkeit hin geprüft werden kann. Im Fall der sozialen Rolle ist diese Frage schon durch mehrere Beiträge in diesem Blog diskutiert worden. Es gibt nichts hinter den sozialen Rollen, die wir spielen. Im Fall der Kommunikation ist das ungleich schwieriger.

Junge, Faden aus dem Mund
Kontrollierte Kommunikation – Quelle: ElisaRiva, Pixabay

Das habe ich nicht so gemeint oder du hast mich falsch verstanden, das hört man oft, wenn eine Auseinandersetzung im Gange ist. Sind diese Erklärungsversuche glaubhaft?

Schnell ist man geneigt, die psychologische Erklärung mit den unterschiedlichen Kommunikationsebenen (Sache, Appell, Beziehung, Selbstkundgabe) als Erklärungsrahmen zu wählen. Das hilft Kommunikation zu steuern nach einem analytischen Konzept.
Psychologisches Wissen dieser Art ist in bestimmten Bereichen des Alltagslebens schon soweit eingedrungen, dass manche Menschen in stark von Kommunikation geprägten Arbeitsfeldern das „Reden“ in den vier Ebenen schon derart verinnerlicht (internalisiert) und perfektioniert haben, dass sie es sich nicht mehr anders vorstellen können. Doch diese analytische Trennung unserer Kommunikation in Sach-, Appell- und andere Ebenen ist nur dazu geschaffen, Kommunikation zu instrumentalisieren. Ich achte bei dieser gesteuerten Kommunikation darauf, im entsprechenden sozialen Kontext die jeweils erfolgversprechende Ebene zu nutzen.

Also: Im Gespräch mit dem Chef bleibe ich betont sachlich. Im Gespräch mit den Mitarbeitern lasse ich den Appell anklingen (wir schaffen das) und nutze auch ein wenig die Beziehungsebene (we are the champions). Und wenn das nicht hilft (wenn also die Mitarbeiter nicht ihr Letztes geben), dann instrumentalisiere ich die persönlichen Gefühle: „Ich arbeite gerne mit Ihnen/Euch zusammen“. Diese analytische Trennung in vier Ebenen hat sich soweit durchgesetzt, dass sie nicht mehr hinterfragt wird.

Das Alltagsleben, das von diesen analytischen Konstrukten der Psychologie so weit entfernt ist wie die Erde vom Sirius, funktioniert so nicht. Aber das ist kein Problem der Menschen des Alltags. Die moralische Bewertung der Ebenen-Kommunikation ist dagegen ein wirkliches Problem. Das, was hier abläuft, ist nicht zweckorientiert in Bezug auf den Menschen. Es geht nur um die Mittel, die eingesetzt werden, den Kommunikationspartner so zu „führen“, wie man das selbst will. Ein aufgeklärter Mensch lehnt so etwas ab. Merke: Kant und seine Maxime, dass der Mensch nie Mittel ist.

Das habe ich so nicht gemeint. Das stand am Anfang dieses Beitrags. Mit dem Modell der Kommunikationsebenen komme ich da nicht weiter, wenn ich danach frage, ob jemand moralisch redet oder nicht. Da kann ich nur feststellen, dass er bei der Wahl der Ebenen einen Fehler gemacht hat. Ich kann aber nicht feststellen, dass er sich unmoralisch gegenüber jemandem verhalten hat. Ich kann nur feststellen: Er hat schlicht und einfach sein Wissen aus dem Kommunikations-Schnellkurs nicht angewendet.

Reicht das? Nein! Es geht bei Moral immer auch um Verantwortung. Verantwortung ist aber nicht gleichzusetzen mit Kommunikationstechnik.
Es hilft manchmal, bei den Klassikern der Sozialpsychologie Rat zu suchen. In Mind Self and Society (1934 veröffentlicht, deutsche Übersetzung: Geist, Identität und Gesellschaft) von George Herbert Mead, findet man einen interessanten Hinweis in Teil III auf S. 187.

Ein Merkmal von Identität ist, dass der Sprecher eine Botschaft nicht nur an den richtet, mit dem er redet. Er richtet sie, die Botschaft, auch an sich selbst. Würde ein Sprecher das nicht machen, dann wüsste er nicht, dass er eine Botschaft gesendet hat. Und noch ein zweiter Aspekt ist wichtig. Der Sprecher sendet eine Information, von der er weiß, dass sie verstanden werden kann und vor allem, wie sie verstanden werden kann.

Sind unter diesen Bedingungen Missverständnisse denkbar? Grundsätzlich: Nein! Denkbar ist nur, dass zwei Personen, die miteinander reden, sich nicht auf dem gleichen Kontextniveau befinden. Aber das kann man wissen als aufgeklärter Sprecher. Hier ist er moralisch bei sich und übernimmt Verantwortung. Der aufgeklärte Mensch reflektiert sein Sprechen und Handeln. Sätze wie: Das habe ich so nicht gemeint oder dergleichen, sollten wir also aus der Kommunikation herausnehmen und durch Erklärungen ersetzen, was wir meinen, gemeint haben. Damit befinden wir uns aber auf einer Meta-Ebene der Kommunikation. Wir reden über das, was wir sagen. Nochmals: Das ersetzt nicht, für das Gesagte die Verantwortung zu übernehmen.

tmd.

Ethik als Pflicht: der freie Wille und die Vernunft

Kant und der freie Wille sind ein Hauptthema in diesem Blog. Denn nur ein freier Wille kann auch ein guter Wille sein. Kant unterscheidet grundsätzlich Freiheit von etwas und Freiheit zu etwas. Freiheit von etwas nennt er negative Freiheit. Negativ heißt hier nicht schlecht. Gemeint ist, dass Handlungen der freien Bürger grundsätzlich (es gibt also Ausnahmen)  nicht fremdbestimmt sein dürfen. Das muss genauer untersucht werden, was hier Kant vorschlägt.

Schließlich ist der Mensch abhängig davon, dass er Essen und Trinken und Erholungsphasen braucht. Ist das dann schon Abhängigkeit? Diese physischen Ursachen meint Kant nicht. Er meint in erster Linie, dass der Wille nicht fremdgesteuert sein darf. Er denkt hier an biologische und psychologische Gesetze. Kant nennt solche Abhängigkeiten heteronom (fremdgesetzlich). Kant meint aber auch, dass es die gesellschaftlichen Verhältnisse ermöglichen sollen, in der Öffentlichkeit Kritik zu üben. Hier darf es keine Einschränkungen geben. Wo ist dann der Unterschied zur positiven Freiheit, zur Freiheit zu etwas?

Ballonfahren
Freiheit der Lüfte – Quelle: Cleverpix, Pixabay

Die Freiheit, tun und lassen zu können, was man will, ist nur denkbar, wenn es auf Seiten der negativen Freiheit keine Beeinflussung gibt. Erst dann kann der Wille sich als freier gebärden. Wie wird aber die negative Freiheit – z.B. öffentlich Kritik üben zu dürfen -, welche die Grundlage der positiven ist, hergestellt? Durch Gesetze, die der freie, weil gute Wille macht. Stopp! Das ist aber genau betrachtet ein Zirkelschluss. Aber auch nur auf den ersten Blick.

Der freie Wille ist durch den kategorischen Imperativ dynamisch konstruiert. Je weiter es mit der Aufklärung vorangeht, desto mehr wird dafür gesorgt, dass der freie Wille nicht behindert wird durch Gesetze, die nicht der Aufklärung dienen.

Jetzt muss aber noch dafür gesorgt werden, dass der freie Wille nicht in Willkür abgleitet. Das geht nur durch die Pflicht, die beiden Kantischen Maxime zu beachten: (1) Der Mensch ist immer Zweck. (2) Die Gesetze müssen dem Gedankenexperiment des Kategorischen Imperativs genügen. Das verleiht dem freien Willen das Merkmal „gut“. Die Konstruktion aus negativer und positiver Freiheit, angereichert mit den beiden Maximen, verhilft der Vernunft zu der zentralen Rolle in Kants Philosophie.
Aber: Dieser Mechanismus läuft nicht automatisch ab! Dahinter steht immer die Pflicht!

Vernünftig (mit Vernunft) Gesetze zu machen, erfordert die Pflicht, die Maxime auch zu beachten. Deshalb nennt man die Ethik von Kant eine Pflichtethik.

tmd.

Radikale Demokratie in den USA?

Freiheitsstatue, Amerika
Freiheit? – Quelle: Ronile, Pixabay

In der Antrittsrede des neuen Präsidenten der USA finden wir diese Sätze:

„Denn heute übergeben wir die Macht nicht nur von einer Regierung an die andere oder von einer Partei an die andere, sondern wir nehmen die Macht von Washington D.C. und geben sie an euch, das Volk, zurück.

Denn dieser Augenblick ist euer Augenblick. Er gehört euch. Er gehört allen, die heute hier versammelt sind, und allen, die in ganz Amerika zuschauen. Dies ist euer Tag, dies ist eure Feier, und dies, die Vereinigten Staaten von Amerika, ist euer Land.

Worauf es wirklich ankommt, ist nicht, welche Partei unsere Regierung führt, sondern ob unsere Regierung vom Volk geführt wird. Der 20. Januar 2017 wird als der Tag in der Erinnerung bleiben, an dem das Volk wieder zu den Herrschern dieser Nation wurde.“

Das ist radikale Demokratie. J.J.R. wäre begeistert.
Werden die USA zum Vorbild?

tmd.

Kant: die selbst lernende Gesellschaft

Kant unterscheidet öffentlichen und privaten Gebrauch der Vernunft. Mit öffentlichem Gebrauch der Vernunft meint Kant das Räsonieren (Kritisieren) als freier Bürger vor und in der Öffentlichkeit. Er nennt hier den Gelehrten, der seine Kritik der „Leserwelt“ bekannt macht. Hier muss Kritik durch Einsatz von Vernunft uneingeschränkt erlaubt sein.
Nicht so ist es im privaten Bereich. Hier muss sich auch der aufgeklärte Bürger an die Regeln halten, die sein Arbeitgeber von ihm verlangt. Ein Offizier muss also die Befehle seiner Vorgesetzten ausführen und darf nicht „laut vernünfteln“. Es ist ihm jedoch erlaubt, außerhalb seiner Tätigkeit als Berufssoldat zu räsonieren und zwar als freier Bürger, wieder nennt Kant hier den Gelehrten als Beispiel für den freien Bürger. In einem anderen Beispiel schreibt er, dass der Bürger als Bürger in einer freien Gesellschaft zunächst verpflichtet ist, seine Steuern zu zahlen. Dann aber ist er als Privatmensch durchaus berechtigt, die Steuergesetze zu kritisieren.

Ist dieses Modell von Kritik an und in der Gesellschaft praktikabel und eventuell auch heute noch anwendbar?

Die politische Tätigkeit eines jeden Bürgers ist heutzutage gewährleistet durch Grundgesetz und Arbeitsrecht. Sie geht sogar noch weiter, als Kant es sich vorstellte. Man muss also nicht Gelehrter sein, um zu räsonieren. Systeme, also Verwaltung, Wirtschaft und dergleichen, sollen heute „selbst lernend“ sein. Damit meinen Systemtheoretiker, das beispielsweise eine Verwaltung ihre Zielgruppe im Blick haben sollte und die eigene Arbeitsabläufe ständig beobachten sollte. (Anmerkung: Systemtheoretiker fassen alle denkbar möglichen Teile der Gesellschaft irgendwie zusammen und bezeichnen sie als System: also Schule, Krankenhaus, Stadtverwaltung, Fabriken usw.)

Systeme & Strukturen – Quelle: geralt, Pixabay

Auch damit wäre Kant einverstanden gewesen, solange nicht in der Öffentlichkeit über Veränderungen der Systemstrukturen diskutiert würde, was heutzutage aber möglich ist und auch gemacht wird. Die Gesellschaft als „selbst lernendes System“ würde Kant grundsätzlich gefallen. Er glaubte an die kollektive Aufklärung. Er meinte, dass es nur Wenigen allein gelingt, sich aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien.

Was uns hier interessiert ist das Menschenbild bei Kant und der Interrollenkonflikt des freien Bürgers, der im Job funktionieren muss/soll, aber als freier Bürger Kritik üben kann/soll. Kant hat diesen Interessenkonflikt nicht zu Ende gedacht. Im Zentrum seiner Überlegungen stand der freie, absolut autonome Bürger mit freiem (und gutem) Willen. Er sah sich am Beginn des Prozesses der Aufklärung. Interessenkonflikte sind bei Kant das nachrangige Problem, wenn es darum geht, den Bürger zum autonomen Bürger zu machen.
Wie werden heute die Interessenkonflikte gelöst? Hier hilft die arbeitsteilige Gesellschaft und die Versachlichung gesellschaftlicher Probleme. Wer sich beispielsweise als Pazifist sieht, der arbeitet nicht bei der Bundeswehr. Wer Kritik üben will, der darf es auf mehreren Ebenen: Parteien, Interessenverbände usw.

Wir sehen: Eine pluralistische, demokratische Gesellschaft mit sozialer Marktwirtschaft und entsprechendem Arbeitsrecht ist eine Basis für den aufgeklärten Bürger, da sie viel elastischer und flexibler ist im Umgang mit Kritik. Und: Der aufgeklärte Bürger braucht eine politische Kultur mit Kompromissdemokratie und mehreren Parteien, keine populistischen Mehrheitsentscheidungen. Die Tür zur „selbst lernenden“ Gesellschaft, die hat uns Kant geöffnet.

tmd.

Stichwort: Naturalistischer Fehlschluss

Fragezeichen
Was ist Wahrheit? – Quelle: qimono, Pixabay

Der naturalistische Fehlschluss bezeichnet einen logischen Fehler. Es ist nicht möglich vom SEIN (empirische Aussagen) auf das SOLLEN (normative Aussagen) zu schließen.

Der naturalistische Fehlschluss steht in Beziehung zur Evidenztheorie. Die Evidenzthorie gehört zu den epistemischen Wahrheitstheorien. (siehe hier im Blog: Was ist Wahrheit?) Beispiel: die Teile einer Sache sind kleiner als das Ganze. Das leuchtet unmittelbar ein. Dieses unmittelbar „evident-sein“ ist jedoch eine Aussage, die nicht zuerst durch die Empirie (Erfahrung) hervorgebracht wird, sondern durch Vernunft und Verstand. (Anm.: Natürlich kann man anschließend die evidente Aussage empirisch prüfen und beweisen. Aber darum geht es hier nicht.)

In moralischen Diskursen wird oft eine Sache empirisch beschrieben. (Medizinethik: z.B. Sterbehilfe) Ohne Ankündigung wird daraus eine Norm oder eine moralische Forderung abgeleitet und in Beziehung zu den empirischen Tatsachen gesetzt.

In diesem Zusammenhang wird nicht berücksichtigt, dass moralisches Handeln auch etwas mit Freundschaft, Wohlwollen, Mitleid und Liebe zu tun haben kann. Diese Dimensionen können nicht durch die Wahrheitstheorien bewiesen oder widerlegt werden.

tmd.

Über das Böse

Gibt es das Böse an sich oder ist es eine Erfindung der Religionen? Und: Kann man das Böse im Menschen abschalten und Mitgefühl und Empathie einschalten?

Wieder einmal ist eine E-Mail der Anlass, dass ich mich erneut mit Empathie und Mitgefühl beschäftige. Es geht um das Böse in der Welt. Die Ereignisse um Aleppo und den Berliner Weihnachtsmarkt sind zeitlich nahe Beispiele für das Thema.

Bei Wikipedia finden wir folgende Definition: „Empathie bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen.“ Des weiteren wird eine Unterscheidung von Empathie und Mitgefühl gemacht. Der Beitrag dort eignet sich als Einstieg zum Thema.

Für den Moralunterricht ist zusätzlich noch das Wissen um die Theodizee nötig. Hier geht es um folgende Überlegung, die von Lactanz überliefert wurde. Gott ist allmächtig. Wenn Gott allmächtig ist, warum gibt es dann das Böse? Liegt es an der fehlenden Allmacht? Dann ist Gott schwach, also nicht Gott. Will Gott aber das Böse, dann ist er missgünstig, also nicht all-gütig, also ist er nicht Gott. Wenn aber Gott das Böse verhindern will und es auch kann, warum gibt es dann das Böse in der Welt?

Gut und böse
Gut & Böse – Quelle: johnhain, Pixabay

Darüber hinaus gibt es noch die Überlegung, dass Gott allwissend ist. Wenn aber Gott das Böse kennt und zulässt, dann sind Menschen, die das Böse in die Welt setzen, dazu verdammt, es ist ihr Schicksal. Sie können nichts anderes tun, als Unheil und Verderben in die Welt zu bringen. Zuletzt müssen wir noch eine weitere Unterscheidung machen. Existiert das Böse „an sich“, also objektiv und ohne unser Zutun? Oder ist das Böse ein Produkt unserer Welt „für sich“, ist das Böse ein Produkt unserer Kultur, ist es also eine Zuschreibung (eine Erfindung der Religionen).

Im Moralunterricht in der 10. Klasse an Bayerischen Gymnasien kann man durchaus dieses Basiswissen als Einstieg in eine Diskussion ansetzen, um anschließend Fragen kompetent zu bearbeiten.

Beginnen wir mit Empathie und Mitgefühl. Beides soll im Ethikunterricht erlernt, wachgerufen oder irgendwie hergestellt werden. Meist durch Rollenspiele. Empathie kann aber vorgetäuscht werden. Menschen sind nun mal begabte Rollenspieler und wenn es um Noten geht, dann erst recht. Als Katalysator und Indikator fürs „Empathie-Lernen“ sind Rollenspiele also wenig aussagekräftig. Psychologen sagen, dass man automatisch „mitfühlt“, wenn man sieht, dass jemand leidet und zwar so, als ob man selbst leidet. Wenn etwas automatisch funktioniert, dann brauche ich es aber nicht lernen.

Nun zum Mitgefühl. Hier geht es nicht nur ums Verstehen, ums Nachempfinden. Hier geht es ums Helfen, z.B. jemanden trösten. Auch das kann man lernen, aber auch vorspielen. Wenn die Methode des Rollenspiels erfolgreich wäre, dann dürfte es in keiner Klasse an Bayerischen Gymnasien gruppendynamische Probleme geben. Dann müssten alle Kriminellen geläutert die Haft verlassen: voll resozialisiert. Dem ist aber nicht so.

Nun zum zweiten Punkt der Überlegungen: Gibt es das „Böse“ als unveränderliche Erscheinung in Person von Menschen, die schlicht und einfach nur das Böse wollen? Für Christen gibt es das „Böse“, aber auch die Rettung durch den Glauben und insbesondere durch Jesus. Das erklärt zwar nicht unsere Probleme, aber es schafft Hoffnung durch Liebe. In aussichtslosen Situationen ist das sehr viel, eigentlich unverzichtbar.
Atheisten können das „Böse“ als kulturelle Zuschreibung erklären. Dann gibt es aber Probleme mit der Verantwortung für das Handeln des bösen Menschen. Michael Schmidt-Salomon hat in „Jenseits von Gut und Böse“ den Versuch gemacht, das Böse als Erfindung der Religionen zu erklären und die Täter zur Verantwortung zu ziehen. Seiner Argumentation kann ich nur schwer folgen.

Dies ist der zweite Beitrag im Blog, den ich nicht mit einer moralischen Einsicht abschließe. Die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse sind reichhaltig, aber auch widersprüchlich. Kinder haben es bei diesem Thema vielleicht noch etwas leichter mit einer Antwort. Wenn man noch sehr jung ist, kann man Harry Potter zitieren. Dort gab es das Böse. Und es wurde besiegt.

tmd.

Stichwort: Kategorischer Imperativ

Gedankliche Experimente
Gedankenexperiment – Quelle: Comfreak, Pixabay

Der kategorische Imperativ ist ein Gedankenexperiment von Kant. Damit kann man Regeln testen, ob sie gesamtgesellschaftlich akzeptabel sind. Beispiel: Darf man sich Geld leihen, um damit anderen zu helfen, aber in der Absicht, das Geld nicht zurückzuzahlen. Nein! Die Regel ist in sich widersprüchlich. Keiner würde bei dieser Regel Geld verleihen.

Mehr dazu im Blog unter:
Was ist ein Gedankenexperiment
Pflichtgemäßes Handeln und Handeln aus Pflicht
Kategorisch und hypothetisch
Kann man die Freiheit des Willens beweisen
Kant: Der freie Wille
Kant: Der Begriff der Freiheit ist der Schlüssel zur Erklärung der Autonomie des Willens
Was Kant unter Aufklärung versteht

tmd.

Zwischen Freiheit und Diktatur – Zur Rettung der politischen Philosophie von J.J.R.

Jean Jacques Rousseau gehört zu den politischen Philosophen, die leider immer wieder – besonders in Prüfungsvorbereitungen – auf einige Schlagworte reduziert werden. Bei J.J.R. ist das der Naturzustand, der Gesamt- und der Gemeinwille. Meist soll dann noch ein Vergleich zu Hobbes hergestellt werden, und das war es dann. Was dabei raus kommt, ist Äpfel mit Birnen vergleichen. Da könnte man auch die „Adler“, Deutschlands erste Dampflokomotive, mit einem Intercity vergleichen.
Es wird so getan, als ob unsere SuS nicht selbst denken können.
Das schematische Vergleichen, um damit irgendwelche abstrusen Prüfungsfragen zu entwickeln oder Folien mit Tabellen zu produzieren, führt dazu, das J.J.R. – genauso wie Hobbes – zur Lachnummer der politischen Philosophie verkommen.

Das ist alles nur noch bedauerlich und peinlich zugleich. Das Erkenntnisinteresse von J.J.R. rückt dadurch vollkommen in den Hintergrund.

Und: Das hat J.J.R. nicht verdient. Er hat mit Thomas Hobbes und David Hume, (der aus unerfindlichen Gründen, im Lehrplan nur eine Nebenrolle spielt, aber doch so wichtig wäre), dafür gesorgt, dass Kant – unser deutscher Großmeister – weiter machen und denken konnte.
Bei J.J.R. stehen also das Gedankenexperiment zum Naturzustand des Menschen, sein Menschenbild und das Suchen und Finden des Gemeinwillens im Vordergrund. Daran kann man sich dann abarbeiten und viel Ungereimtes finden, Sonderbares und Widersprüchliches. Letztlich hat man den Eindruck, dass da vieles noch nicht richtig durchdacht war.

Das stimmt einerseits, weil J.J.R. sich über Umsetzung des Gemeinwillens nicht die wirklich letzten Gedanken gemacht hat. Andererseits hat er in seinen Schriften vermerkt, dass manches wohl nicht so funktionieren wird, wie erdacht.

Was also tun? Klarheit schaffen!

Ich will also genau das versuchen. Als Grundlage dienen meine früheren Beitrage zu J.J.R. in diesem Blog. Es gibt einen Absatz aus seiner Schrift „Der Gesellschaftsvertrag“, der wohl in den meisten Ethikbüchern abgedruckt ist. Den sollte man aber auch aufmerksam lesen!

„Der Mensch wird frei geboren, und überall ist er in Banden. Mancher hält sich für den Herrn seiner Mitmenschen und ist trotzdem mehr Sklave als sie. Wie hat sich diese Umwandlung zugetragen? Ich weiß es nicht. Was kann ihr Rechtmäßigkeit verleihen? Diese Frage glaube ich beantworten zu können.“

Der Leitgedanke von J.J.R. ist: die Legitimation von Herrschaft.
Er schreibt: „Was kann ihr Rechtmäßigkeit verleihen.“ Mit „ihr“ meint er die Herrschaft! Es geht nicht um Naturzustand, nicht um irgend ein Gedankenexperiment, es geht um Herrschaft, wer sie ausübt und wie der Mensch dabei seine Freiheit behält.

Herrschaft und die Kunst, frei zu bleiben – Quelle: geralt, Pixabay

Merke: Nur in diesem Punkt gibt es Vergleichsmöglichkeiten mit Hobbes und Kant. Der Vergleich ist aber beinahe trivial! Es gibt keine Unterschiede! Der freie und gleiche Bürger soll Herrschaft ausüben. Punkt! Nichts anderes! Und jetzt kommen die unterschiedlichen Begründungen, die natürlich historisch bedingt sind. Menschen versuchen das Gleiche mit unterschiedlichen Begründungen zu rechtfertigen. Mehr nicht!
Und darüber sollen dann Prüfungen geschrieben werden. Über eine Nebensache, die nur Wissenschaftshistoriker interessieren. Dort haben sie natürlich eine immense Bedeutung. Aber nicht beim Thema Moral im Ethikunterricht.

Hier geht es bei den drei Philosophen-Titanen um den Versuch, den Menschen in seine Rechte zu setzen. Nicht mehr Herrschaft von Gottes Gnaden oder durch vermeintliche Naturnotwendigkeit. Der Mensch ist frei und gleich! Was bei uns heute – leider – in Vergessenheit gerät, war für die drei Vor-Denker das Erkenntnisinteresse und ihr eigentliches Anliegen: Kann man Freiheit und Gleichheit im Paket retten? Gedankenexperimente über den Naturzustand dienen nur der Erklärung ihrer Lösungsvorschläge.

Freiheit oder Diktatur
Interessant für politische Philosophen ist das Spannungsverhältnis, das entsteht zwischen der Forderung nach Freiheit und Gleichheit der Menschen einerseits und der politischen Willensbildung in einem Gemeinwesen, dem Gesellschaftsvertrag, andererseits. Ein Vertrag mindert in jedem Fall die Freiheit und Gleichheit der Menschen. Ein Leben ohne Vertrag ist nur möglich in Einsamkeit und Lebensgefahr. Dann aber ist die Sicherheit des Menschen nicht gewährleistet. Das Spannungsverhältnis ist heute in unserer Demokratie aufgehoben (gerettet) in der Kompromissdemokratie. Es ist die Vermittlung von Einzelwille und Gemeinwille/Gemeinwohl. Der Gemeinwille ist dabei nie statisch, er ist ein dynamischer Prozess der Willensbildung. Dieses politische Spannungsverhältnis müssen wir ertragen. Wir sind nicht unumschränkt frei. Meine Freiheit endet am Grenzzaun der Rechte des Mitbürgers. Und wir sind nur rechtlich gleich, aber ansonsten sehr verschiedene Menschen. Der Vorschlag zur Vergesellschaftung von J.J.R. ist dabei ein Extremvorschlag. Er will Freiheit und Gleichheit ohne Verluste. Dadurch wird das Spannungsverhältnis aufgehoben und die Freiheit wird der Gleichheit geopfert. Das Ergebnis ist eine Diktatur.

tmd.

Thomas Hobbes revisited

Der Selbsterhaltungstrieb bringt den Menschen dazu, Verträge mit anderen Menschen zu schließen, die Sicherheit garantieren.

Der kurze Text zu Thomas Hobbes „Sicherheit statt Freiheit“ in diesem Blog bedarf unbedingt einer Ergänzung, die über das Minimalwissen für eine Prüfung hinausgeht.

Hobbes ist der erste von den drei Theoretikern (die in der 10. Klasse an bayerischen Gymnasien behandelt werden), die sich Gedanken über einen Gesellschaftsvertrag gemacht haben. Bei einem Vergleich mit den anderen wird er immer wieder zu Unrecht in die Ecke gestellt. Insbesondere in die rechte. Einige Interpreten machen ihn zum Vordenker eines totalitären Staates. Andere versuchen seine Beschreibung des Naturzustandes in Frage zu stellen, indem sie nachweisen, dass die Argumente von Hobbes eigentlich nur Spekulation sind. Da braucht man nichts nachweisen. Es ist ein Gedankenexperiment.

So einfach will ich es mir nicht machen, Hobbes gerecht zu werden.
Außerdem wissen wir bereits, das die philosophische Erkenntnis, und natürlich auch die naturwissenschaftliche (nicht alle Naturwissenschaftler hören das gerne) abhängig ist vom Interesse.

Der Naturzustand bei Hobbes ist ein Gedankenexperiment! Man kann es nicht oft genug wiederholen. Den Naturzustand, den Hobbes beschreibt, konnte er – und können wir – historisch nicht nachweisen. Das ist aus seinen Texten nicht abzuleiten und man kann es auch nicht unterstellen, dass er so etwas wollte. Es ist richtig, dass Hobbes als Beispiel für vorstaatliche Gesellschaften die Indianer Amerikas nannte. Das waren zum Teil rassistische Spekulationen. Aber das macht das Gedankenexperiment insgesamt nicht hinfällig. Hobbes hat das Menschenbild des Staatsbürgers psychologisiert. Er hat gefragt, wie der Mensch in einem Staat in Sicherheit leben kann, wenn er so und nicht anders gestrickt ist, nämlich egoistisch. Das ist der eigentliche Fortschritt bei Schaffung eines Menschenbildes. Der Mensch ist nicht böse, weil es den Teufel gibt oder sonstige finstere Mächte, er ist egoistisch von Natur her.

Verstand gebrauchen
Den Verstand gebrauchen – Quelle: geralt, Pixabay

Hobbes ist ein Kind der Aufklärung. Er glaubt fest daran, dass der Mensch ein vernunftgesteuertes Wesen ist. Er bringt die Vernunft ins Spiel, lange bevor sie von Immanuel Kant besetzt wurde. Hobbes sagt, dass der egoistische Mensch erkennt, dass es bestimmte Naturgesetze gibt, die bei der Staatsbildung beachtet werden müssen. Naturgesetze sind bei Hobbes aber nicht physikalische Gesetze. Es sind von der Vernunft entdeckte Vorschriften für die Vergesellschaftung: Das ist z.B. das Streben nach Frieden, Einhaltung von Verträgen und vieles mehr. Hobbes macht im Leviathan etliche Vorschläge, die in ähnlicher Form später auch bei Kant in seiner Schrift zum ewigen Frieden auftauchen. Die Leistung der Vernunft leitet er aber nicht aus moralischen Vorschriften ab, sondern aus dem Selbsterhaltungstrieb des Menschen.

Ich will mich hier nicht mit der Widerlegung der oft unsachlichen Auseinandersetzung mit Hobbes aufhalten. Zwei Punkte erscheinen mir bemerkenswert und sollen hervorgehoben werden.

  • Hobbes war der erste Theoretiker, der die Staatsgründung und die Vergesellschaftung per Vertrag so ausdrücklich und zentral formulierte. Die Bürger stehen im Mittelpunkt, die Bürger handeln, die Bürger sind alle gleich!
  • Hobbes geht bei der Konstruktion seines Menschenbildes vernunftorientiert vor, also rational, nicht empirisch. Er ist eben ein Kind der Aufklärung. Wie ein Naturwissenschaftler fragt er, woraus der Staat besteht: aus Menschen. Also muss ich wissen, wie der Mensch funktioniert. Bei dieser Frage lässt er sich dann von seinen Erfahrungen aus dem englischen Bürgerkrieg leiten. Und Hobbes fragt weiter, wie muss der Gesellschaftsvertrag aussehen, wenn der Mensch so und nicht anders gestrickt ist, damit der Staat die Sicherheit der Bürger garantieren kann.

Die neuere Politikforschung hat Hobbes längst wieder entdeckt. Die Bürgerkriegssituation, die Hobbes in seiner Heimat England erlebt und gefürchtet hat, wird auf die Internationale Politik und ihre „neuen Kriege“, die asymmetrischen Kriege übertragen. Es hat schon einen gewissen Reiz, sich vorzustellen, dass ein „Leviathan“ auf unserem Planeten für Frieden sorgen könnte. Also kein IS-Terror, kein Syrien-Krieg usw.

tmd.

Tugenden – Die Seele des Staates

„Dear Prudence won’t you come out to play?“
(Lennon/McCartney)

Das Thema Seele und Platon geht weiter. Wieder war eine E-Mail der Anlass. Ich wurde gefragt, was die Tugenden mit der Seele zu tun haben.
In „Der Staat“ (politeia) entwickelt Platon die Seelenlehre weiter. Sein Interesse ist dabei Folgendes: Er will einen Zusammenhang herstellen zwischen dem einzelnen Bürger des Staatswesens und dem Staatswesen als einem funktionierenden Gemeinwesen. Er behauptet, dass der Staat dann gut ist, wenn jeder einzelne Bürger sich am „Gut-sein“ orientiert.
Um es gleich vorweg zu sagen. Der Platonische Staat in der politeia ist ein totalitärer Staat. Der Einzelne hat sich der Gemeinschaft unterzuordnen. Und der Entwurf ist eine reine Utopie, die ein wenig an marxistische Verhältnisse erinnert. Tommaso Campanella hat es in seiner Utopie „Sonnenstaat“ (1602) sehr viel bunter dargestellt, aber auch mit totalitären Zügen.

Jetzt aber zum Verhältnis von Seele und Staat.
Die Seele besteht in der politeia aus drei Teilen: Vernunft, Mut, Begierde. Die Vernunft ist von den Dreien der wichtige Teil. Die Vernunft muss den Mut und die Begierde führen. Damit die Vernunft diese schwere Aufgabe leisten kann, braucht sie Klugheit. Klugheit ist aber eine Tugend. Mit dieser Tugend der Klugheit kann die Vernunft aus dem Mut oder aus der Tollkühnheit die Tugend der Tapferkeit machen. Aus der reinen Begierde macht die Vernunft mit Hilfe der Klugheit die Tugend der Mäßigung.
Halten wir also fest: Es gibt eine Rangordnung der Tugenden. Zuerst die Klugheit, dann die Tapferkeit, und zuletzt die Mäßigung. Dafür gibt es auch ein schönes Bild, das des Wagenlenkers mit zwei Pferden. Die Vernunft als Träger der Klugheit ist der Wagenlenker und die beiden Pferde sind Mut und Begierde, die zu den Tugenden der Tapferkeit und Mäßigung geformt werden.

Platon führt an dieser Stelle eine weitere Tugend ein, die keine Entsprechung in einem Seelenteil findet: die Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit schwebt gleichsam über den andern Tugenden. Sie ist Orientierungspunkt und Wegweiser für die untergeordneten Tugenden.
Jetzt haben wir als endgültige Reihenfolge für die Tugenden:
Gerechtigkeit, Klugheit, Tapferkeit und Mäßigung. Die Tugenden der Klugheit, Tapferkeit und Mäßigung sollen sich an der Gerechtigkeit orientieren.

Utopie Blase
Platonischer Utopie-Staat – Quelle: geralt, Pixabay

Jetzt geht es weiter zum Staat.
Auch hier gibt es drei Teile, nämlich drei Klassen. Es erinnert ein wenig an das Kastensystem der Hindus, aber hier wird man nicht in eine Klasse hinein geboren, sondern „hinein-erzogen“ und gebildet. Aber das Thema hatte ich in einem früheren Beitrag schon behandelt.
Die unterste Klasse entspricht dem Seelenteil der Begierde. Das sind die Handwerker und Kaufleute. Darüber stehen die Soldaten. Sie entsprechen dem Seelenteil des Mutes. An oberster Stelle stehen die Philosophen oder die Herrscher mit Philosophen-Diplom. Das entspricht der Vernunft.
Die Philosophen haben nun die Aufgabe, die Soldaten zur Tapferkeit zu erziehen und die Handwerker und Kaufleute zur Mäßigung. Dabei setzen die Philosophen die Klugheit ein. Klug sind sie, weil sie ziemlich lang studiert haben und letztlich den Durchblick auf das Ideale und Gute haben. Bei ihren Führungsaufgaben orientieren sie sich an der Tugend der Gerechtigkeit.

Der Platonische Utopie-Staat funktioniert also nur, wenn die Philosophen an der Herrschaft sind und wenn sie alles richtig machen. Die Herrschaft war das eigentliche Ziel von Platon. Er wollte politisch an die Macht. Geschafft hat er das nicht, aber die Philosophen nach ihm hatten genug Stoff zum Nachdenken und konnten auf Platon aufbauend neue und eigene Ideen entwickeln.

tmd.