Moralisch handeln, das macht glücklich

Warum soll man eigentlich moralisch handeln? Diese Frage taucht in der Unterstufe im Ethikunterricht selten auf. Obwohl sie eigentlich gerade dort ihre Berechtigung hat. Ist Moral nur Zwang? Sind Normen und Werte nur dazu da, uns Vorschriften zu machen? Da der Zuwachs an Pflichten und Zwänge für die SuS in diesem Alter noch parallel läuft mit einer Zunahme an Rechten (endlich kann ich …) ist das Ausbleiben der eingangs gestellten Frage verständlich.

In der Mittelstufe taucht die Frage aus ganz anderen Gründen nicht mehr auf. Erstens werden solche Fragen – auch in anderen Fächern – mit dem Hinweis gekontert: „Das gehört zum Lehrplan.“ Zweitens ist Ethik ein Fach, das die SuS nutzen, um entspannten Unterricht zu genießen, so die Aussage einer Schülerin. Sobald man Kant zu Beginn der Oberstufe kennengelernt hat, ist die Frage endgültig erledigt. Es geht um das konfliktfreie Zusammenleben der Menschen. Das ist das Ziel von Moral. Kinder geben sich mit dieser Antwort nicht zufrieden. Da ist Moral doch wieder nur Zwang, sagen sie.

Glückliche Jungs
Glücklichsein – Quelle: White77, Pixabay

Also nochmals zurück zur Eingangsfrage. In solchen Fällen ist es angeraten, mal bei einem bodenständigen Philosophen nachzufragen – gemeint ist Aristoteles. Und anders als erwartet, ist der genau der Richtige, um Kindern Moral näherzubringen.

Handeln hat bei Aristoteles immer ein Ziel. Man übt Mathematik, weil man gut in Mathe sein will. Man baut einen Papierflieger, weil man den optimalen Flieger haben will. Man macht beides, um etwas zu erreichen/herzustellen oder auch nur deshalb, weil das Tätig-sein das Ziel ist. Aristoteles nennt das übrigens Praxis. Das wäre, nebenbei bemerkt, ein passendes Wort, um das Wort Kompetenz abzulösen.

Auch wenn es um das Zusammenleben der Menschen geht, handelt der antike Mensch nach dem Prinzip, eine Sache gut zu machen. Kein Grieche zu Zeiten des Aristoteles käme auf die Idee, etwas absichtlich schlecht zu machen. Das wäre undenkbar. Und wie bewerkstelligt der Mensch das – das Gute zu tun? Er orientiert sich an den Tugenden. Sei maßvoll, tapfer, klug und gerecht. Ist das dann auch wieder ein Zwang, fragen die SuS in der Unterstufe? Nein! Der antike Mensch wollte unbedingt das Gute verwirklichen, weil nur so war er so richtig glücklich.

Moralisch handeln, das macht glücklich.

Ein Tipp: Aristoteles hat ein Buch geschrieben, das heißt Nikomachische Ethik. Angeblich hat er es seinem Sohn gewidmet, aber das weiß man nicht genau. Das Buch muss nicht in einem Stück gelesen werden. Anfangs reicht es, das Inhaltsverzeichnis durchzublättern und Kapitel lesen, die neugierig machen. Im achten und neunten Buch schreibt er viel über Freundschaft, was auch heute noch wissenswert ist.

tmd.

Kinder und Moral

Französische Revolution
Vorbilder – Quelle: WikiImages, Pixabay

Kinder und bisweilen auch Jugendliche sind in ihrem moralischen Urteilen ziemlich sicher und prinzipientreu. Sie wissen meist genau, was gut und böse ist. Kinder sind in ihrem moralischen Urteil manchmal so streng wie die Jakobiner in der Französischen Revolution. Ihr moralisches Urteil begründen sie zwar nicht mit den universellen Werten wie die Erwachsenen, aber letztlich zählt doch nur das Ergebnis.

Halten sich die jugendlichen Moraliker an ihre Regeln? Nicht immer!

No risk no fun!

Die moralischen Grundüberzeugungen ins Jugendalter und dann auch noch ins Erwachsenenalter hinüberzuretten, daran sind auch die Vorbilder, die in jedem Ethikbuch beschworen werden, beteiligt. Gut für die Vorbilder, wenn sie nicht mehr direkt von den Kindern herausgefordert werden, weil sie ihre moralische Überlegenheit nicht mehr beweisen müssen.

Unangenehm, wenn die Vorbilder auch Erzieher sind und Moral konsequent durchsetzen müssen. Dann aber berufen sich die Kinder nicht selten auf die zweite Chance. Wenn das nicht geht, dann sind die Vorbilder, die sehr realen, die sich nicht im Ethikbuch verstecken können, plötzlich keine Vorbilder mehr.

tmd.

Nicht mehr kindisch sein

Mit dem Übergang von der Kindheit ins Jugendalter wird Moral erst so richtig wichtig. Moralisches Handeln war vorher antrainiertes Verhalten. Mit dem Erwachsenwerden ist Moral endgültig eigenverantwortliches Handeln. Jetzt kann man nicht mehr „kindisch sein“. Man muss zwischen unterschiedlichen Regeln (Vorzugsregeln) unterscheiden und die passenden Regeln für die entsprechende Situation wählen. Nicht ganz einfach, weil alle Regeln, Normen und Werte zunächst gleiche Wertigkeit für sich beanspruchen.

Kein Kind mehr sein
Kein Kind mehr sein – Quelle: cgordon8527, Pixabay

Wie lernt man in dieser „neuen Unübersichtlichkeit“ die richtigen Entscheidungen zu treffen? Normalerweise durch Orientierung an denen, die es schon geschafft haben, erwachsen geworden zu sein, also an den Vorbildern. Aber welches sind die richtigen Vorbilder?

Lebensgeschichten – fiktive oder auch reale – können diese Frage beantworten. Sind es Geschichten, die leicht verfremdet eigene Erfahrungen des Geschichtenerzählers wiedergeben, umso besser.
Henning Mankell hat 1992 mit seinem kurzen Roman „Der Hund, der unterwegs zu einem Stern war“ eine autobiographische Geschichte des Übergangs von der Kindheit zum Jugendalter vorgelegt, das die damit verbundenen Probleme aufgreift: Mobbing, falsche Vorbilder und Identitätsfindung.

Die Hauptperson, der elfjährige Joel, löst sich aus der vom Vater bestimmten Vater-Sohn-Beziehung. Viele Eltern fürchten diese Prozesse. Sie werden als Entfremdung wahrgenommen. Für Joel und auch den Vater ist das aber kein Verlust. In Mankells Jugendbuch ist es eine Win-win-Situation. Der Roman ersetzt spielend vier Lehrbuchseiten mit Textschnipseln und Wimmelbildern zum Thema erwachsen werden.

tmd.

Vertrauen ist ein Geschenk – man soll es nicht als Werkzeug einsetzen

Ältere Berufsleser werden mal wieder erstaunt sein, dass in diesem Blog ein Buch wie „SMS für dich“ von Sofie Cramer als Anlass genommen wird, um über VERTRAUEN zu schreiben. Aber die SuS – mittlerweile auch die aus der Unterstufe – lesen das, bzw. wünschen sich das Buch als Lektüre. Also liest der Blog-Autor das Buch auch „pflichtgemäß“ (Immanuel Kant) und ab Seite 20 sogar mit Spannung.

In dieser überaus romantischen Geschichte geht es – natürlich – um Liebe, aber auch um Vertrauen. Das Ungewöhnliche an der Geschichte ist aber, dass hier jemand zum „Vertrauten“ gemacht wird, zu einer Person, der etwas anvertraut wird, die das nicht will und auch – anfangs zumindest – grundsätzlich ablehnt. Und: Hier schenkt jemand Vertrauen, der eigentlich nicht weiß, wem er hier vertraut.

Vertrauen
Vertrauen – Quelle: neoloky, Pixabay

Wer das Buch kennt, weiß, worum es geht. Wer es nicht kennt, dem sollen hier nicht Freude und Spannung am Lesen verdorben werden. Wer das Buch unter moralischen Gesichtspunkten liest, der bleibt in der Tat etwas ratlos – am Ende der Geschichte.

Darf ich das Vertrauen eines Menschen ausnutzen in dem Sinne, dass ich seine Absichten, Gefühle und Pläne kenne, er aber nichts davon weiß, dass ich sie kenne? Darf ich mit diesem Menschen Kontakt haben und mein Wissen nutzen, ohne dass er weiß, was ich über ihn weiß?

Eigentlich ist das in höchstem Maße unfair. Moralisch ist das nicht hinnehmbar.

Vertrauen ist ein Wert, der nicht als Werkzeug genutzt werden soll, um Erfolg zu haben.

Aber wie ist die Wirklichkeit? Der Roman von Sofie Cramer ist hier nahe dran an der Wirklichkeit. Und das ist nicht nur so, weil sonst die Geschichte schon nach Seite 20 (hier beginnt der Spannungsbogen) zu Ende gewesen wäre. Wenn es um Liebe geht, dann kommt moralisches Handeln schnell an die Grenzen der Schulweisheit.

Dennoch: Die Leser von Blog und Buch (SMS für dich) sollten darüber nachdenken, ob Sven – das ist der, dem Vertrauen geschenkt wird – wirklich alles richtig gemacht hat. Und die Leserinnen von Blog und Buch sollten sich fragen, ob sie sich genauso wie Clara (das ist die, die Vertrauen schenkt) verhalten hätten.

tmd.

Du sollst der werden, der du bist

„Wenn man sich selbst verändert, merkt man das erst, wenn man verändert ist.“ Anne Frank hat das geschrieben, in ihrem Tagebuch (25.3.44), das zum literarischen Bestseller wurde. Sie hat nicht nur genau ihre Umgebung beobachtet, sondern auch sich selbst beim Beobachten zugeschaut. Und genau das ist der Weg, eine eigene Identität zu entwickeln und das auch selbst zu erkennen. Reflexion nennt man das: Nachdenken über sich selbst.

Wer bin ich?
Wer bin ich? – Quelle: geralt, Pixabay

Aber gerade das „Nachdenken über sich selbst“ macht das Thema „Identitätsfindung“ so sperrig. Es geht nämlich nicht ohne Voraussetzungen. Vorausgesetzt wird eben, dass man zu sich selbst auf Distanz gehen kann, Abstand zu sich und seinem Handeln nehmen kann. Das geht zwar über Übungen zur Selbst- und Fremdwahrnehmung. Das geht über das Schreiben eines Tagebuchs. Erfolgsreich sind diese Wege aber nur, wenn man ehrlich gegenüber sich selbst ist, wenn man sich in Bezug auf sein Selbstbild nicht anlügt.

Friedrich Nietzsche, Philosoph und ebenfalls unerbittlicher Selbstbeobachter, hat es so genannt: „Du sollst der werden, der du bist.“ (Fröhliche Wissenschaft: II, 159) Wer man „ist“, muss man jedoch erst erkennen. Selbsterkenntnis ist also ein Merkmal der Identitätsfindung. Identität ist jedoch nicht statisch. Identität verändert sich. Wenn das nicht so wäre, könnten wir nicht auf die Umwelt, die sich ändert, angemessen reagieren. Und wir könnten auch nicht auf Veränderungen reagieren, die uns selbst betreffen.

„Wenn man sich selbst verändert, merkt man das erst, wenn man verändert ist.“

Das Thema eignet sich also nur bedingt für eine Rechenschaftsablage im Ethikunterricht. Die Kompetenzen, die hier abgefragt werden, beziehen sich nur auf die Methoden der Identitätsbildung und die Definitionen der Begriffe. Also: „Wie kann ich Identität beschreiben und wie kann ich Identität bilden?“ Die eigene Entwicklung, die persönliche Identitätsreife wird dadurch nicht gefördert oder abgefragt. Das ist auch gut so, denn das ist die sehr private Sache eines jeden Menschen. Offenlegen sollte man diese sehr private Angelegenheit erst dann, wenn man eben Identität hat und verantwortungsvoll über seine eigene Biographie entscheiden kann.

tmd.

Grundwissen: Wahrnehmung

Das Grundwissen zum Thema: Wahrnehmung und Erkenntnis, wird schon in der fünften Klasse erarbeitet. Für Quereinsteiger in den Ethikunterricht der Mittelstufe gibt es hier eine kurze Zusammenfassung zum Thema Wahrnehmung.

Die menschliche Wahrnehmung ist zunächst auf die Sinne angewiesen. Die Sinne sind das Sehen, das Hören, das Riechen, das Schmecken und das Tasten (Fühlen). Diese Sinne können einzeln oder auch insgesamt getäuscht werden. Die Graphiken von M.C. Escher (Maurits Cornelis Escher, 1898-1972) sind gute Beispiele für die Täuschung des Sehsinnes. An diesen Bildern kann jedoch auch das Sehen trainiert werden, um die Täuschung zu erkennen. Aus diesem Beispiel kann aber auch abgeleitet werden, dass Menschen in Bezug auf ihre Sinne grundsätzlich manipulierbar sind. Die Möglichkeit der Täuschung wird dabei von anderen Menschen ausgenützt. Denkbar ist natürlich auch, dass Menschen aufgrund von Krankheit ihre Sinne nicht voll einsetzen können.

Maßstab
Sind Werte messbar? – Quelle: arielrobin, Pixabay

Aus dieser Erkenntnis, dass Menschen grundsätzlich in ihrer Wahrnehmung getäuscht werden können, wird der Wunsch abgeleitet, unsere Wahrnehmung zu kontrollieren und zu prüfen. Menschen suchen nach Methoden (Wege), die Täuschungen zu erkennen und zu vermeiden.

Da es in Ethik um Moral, Normen (Regeln und Gesetze) und Werte geht, werden also mögliche Täuschungen im Wertesystem und in Moralvorstellungen unter die Lupe genommen. Ich brauche also einen Bewertungsmaßstab dafür, zu entscheiden, ob eine Moral brauchbar ist oder nicht.

Vorausgesetzt wird dabei im Weiteren ein moralisches System, das sich an den Menschenrechten und der Menschenwürde orientiert. Und: Moral und Werte müssen universell sein. Jeder muss sie anwenden können wollen. Hier wird Immamuel Kant (10. Klasse) bereits kennengelernt. Das Moral- und Wertesystem wird also nicht von der Basis her aufgebaut, sondern Alltagssituationen werden vor dem Hintergrund der herrschenden Moralvorstellungen gespiegelt. Gerade das bereitet die größten Schwierigkeiten, weil man nicht voraussetzungslos eine Moral aufbauen kann.

Beispiel: Einen Menschen allgemein und individuell wahrzunehmen, setzt voraus, dass ich bei der allgemeinen Wahrnehmung die Menschenrechte und -würde als Maßstab nehme: Alle Menschen sind gleich! Die reine Beobachtung ergibt jedoch das Gegenteil: Wir sind alle sehr individuell!
Ich muss also auch den Maßstab meiner Wertungen ständig reflektieren. Das erfolgt in meinen Erfahrungen und Erlebnissen. Das ist meine gleichsam innere, geistige Wahrnehmung. An dieser Stelle wird Verstand und Vernunft eingesetzt. Das wird aber in dieser ausdrücklichen Weise erst in der 10. Klasse thematisiert. In der Unterstufe werden Erkenntnisse aus Soziologie und Psychologie eingesetzt, um Allgemeines und Individuelles zu erklären. Beispiele sind Selbst- und Fremdwahrnehmung und die soziale Rolle.

Auf diese Weise kann man auch Regeln, Bedürfnisse und Glücksvorstellungen untersuchen und allgemeine und individuelle Maßstäbe aufstellen für Freiheit, soziales Handeln und Entscheiden.
An dieser Stelle wird zur Wahrnehmung von Regeln, Normen und so weiter immer ein vorwissenschaftliches Alltagswissen über Moral verwendet, also das, was wir über Moral schon erfahren haben (geistige Wahrnehmung). Beispiel: In sogenannten Dilemmageschichten lernt man, dass sich in Handlungssituationen Regeln widersprechen können. Bestenfalls kann man dann die eine Regel der anderen vorziehen (Vorzugsregeln). Meist ist jedoch der Konflikt zwischen sich widersprechenden Regeln nicht aufzuheben. Die eine Regel besagt: Du sollst nicht lügen. Was tun, wenn ich damit (mit Lügen) Menschenleben rette?

In der Mittelstufe wird dieses Problem dann nochmals aufgegriffen und präzisiert. Moral wird als ein System von wahren Aussagen behandelt. Aufgabe ist es nun, festzustellen, was Wahrheit ist. Hier gibt es zwei Möglichkeiten: empirisch und epistemisch. Die epistemische Feststellung von Wahrheit ist vernunftorientiert. Entweder ist wahr, was in sich widerspruchsfrei ist, was von allen so gesehen wird oder was einfach offensichtlich ist. Hierzu gibt es mehrere Beiträge im Blog, ebenso zur empirischen Feststellung von Wahrheit. Hier geht es um die Übereinstimmung von Wahrnehmung und Wirklichkeit.

In jedem Fall ist der moralische Maßstab, der angewendet wird, Menschenwerk und auch die Ergebnisse moralischer Betrachtungen sind es. Offenbarung und Erleuchtung müssen sich ebenfalls einer kritischen Untersuchung unterwerfen und sind nicht von sich aus wahr.

tmd.

Stichwort: Kohlberg-Schema

Alt oder jung
Moralisch handeln, ob alt oder jung – Quelle: klimkin, Pixabay

Lawrence Kohlberg war ein US-amerikanischer Psychologe. Er hat versucht nachzuweisen, dass Menschen in moralischen Konfliktsituationen sehr ähnlich oder gleich entscheiden, Unterschiede bestehen aber in der Begründung ihrer Entscheidungen. Kohlberg wollte damit beweisen, dass sich moralisches Urteilen im Laufe des Lebens qualitativ ändert. Die Begründungen des eigenen moralischen Handelns sind demnach im Alter höherwertiger.

Hier das bekannteste Beispiel: Soll man das Leben mehrerer Menschen retten und dabei den Tod eines einzelnen Menschen in Kauf nehmen? Anzahl und Kombination von Betroffenen ist dabei austauschbar und freigestellt.

Fragen dieser Art sind nicht zufriedenstellend beantwortbar. Man verletzt immer eine Regel. Im Ethik-Unterricht wird nun gelernt, dass Kinder ihre Entscheidungen sehr einfach begründen. Z.B. mit Hinweis auf die Gebote und Verbote der Eltern oder Lehrer. Bereits Jugendliche führen als Begründung Gerechtigkeit usw. ins Feld. Erwachsene bemühen Moralphilosophie.

tmd.

Gewaltfreie Kommunikation im Alltag

Sprache, das sind nicht nur Aussagesätze. Aussagesätze, die auf ihre logische Korrektheit untersucht werden können. Aussagesätze, die kohärent sein sollen, damit sie Wahrheit belegen. Sprache ist auch Kommunikation ohne ständige Reflexion des Gesagten. Freundschaft und Liebe funktioniert so. Professionellen Kommunikationstheoretikern gefällt das natürlich nicht. Bei ihnen soll Kommunikation immer so ablaufen, dass sich der Sprecher der vier Ebenen bewusst ist, auf denen er kommuniziert. Das ist die Sachebene, die Apellebene, die Beziehungsebene und die Selbstkundgabeebene. Wer diesen Blog kennt, der weiß, dass der Autor diese Art von Kommunikation kritisch sieht.

Kommunikation, gewaltfrei
Gewaltfreie Kommunikation – Quelle: cherylholt, Pixabay

Umso erstaunter wird der Leser sein, dass hier auf eine kleine Anleitung zu einer einfühlsamen Kommunikation hingewiesen wird: „Wenn die Giraffe mit dem Wolf tanzt“ von Serena Rust. Es ist in dem typischen Stil geschrieben, wie diese Ratgeber geschrieben sind. Darüber muss man hinwegsehen. Aber es hat eine Botschaft, die interessiert: gewaltfreie Kommunikation im Alltag. Ohne ein Schema kommt auch diese Anleitung nicht aus. Es handelt sich hier um:

  • Beobachten statt bewerten
  • Fühlen statt Interpretation (Deutung)
  • Bedürfnisse (was brauche ich) statt Strategien (wie setze ich die Bedürfnisse durch)
  • Bitten statt fordern

Die Beispiele sind zum Teil amüsant und wirken befremdlich, ein wenig wie die Anleitungen zur aggressionsfreien Kommunikation vor 40 Jahren. Aber die SuS von heute stören sich nicht daran. Und von denen kam auch der Hinweis, dieses kleine Buch zu lesen. Im Vergleich zu der professionellen „vier-Ebenen-Kommunikation“ setzt dieses Modell allerdings ein erhebliches Maß an Selbstbewusstsein und Courage voraus. Kurz gesagt: Mut.

  • Jemanden um etwas bitten statt zu fordern, das heißt: die Zurückweisung einkalkulieren.
  • Bedürfnisse zu äußern heißt: Enttäuschungen hinzunehmen.
  • Fühlen statt bewerten heißt: auf sich selbst zurückgeworfen werden. Hier sind Ausreden nicht mehr möglich.

Wenn also SuS mit diesem Büchlein gewaltfreie Kommunikation im Alltag kennenlernen und einüben können, dann ist eigentlich nichts falsch gemacht. Sie lernen Sozialkompetenz.

tmd.

Ohne Vorurteile funktioniert das Alltagsleben nicht

Jelly Beans
Bunte Vielfalt geht nur mit Toleranz – Quelle: aitoff, Pixabay

„Was tun Sie“, wurde Herr K. gefragt, „wenn Sie einen Menschen lieben?“ „Ich mache einen Entwurf von ihm“, sagte Herr K., „und sorge, dass er ihm ähnlich wird.“ „Wer? Der Entwurf?“ „Nein“, sagte Herr K., „der Mensch.“ (Bertholt Brecht)

Vorurteile und Stereotype sind eigentlich negativ besetzt. Vorurteile sind schlecht, insbesondere gegenüber sozialen Randgruppen. Bei Stereotypen ist das etwas anders. Da kann man sich sogar darüber amüsieren, wenn man betroffen ist. Schotten sind geizig. Ja, wir wissen, dass das nicht stimmt. Deutsche sind fleißig. Ja bitte, das ist schmeichelhaft. Noch mal Glück gehabt, dass uns der Rest der Welt so sieht.

Ohne Vorurteile und Stereotype kommen wir aber nicht zurecht im Alltagsleben. Psychologen sagen, dass wir innerhalb kürzester Zeit einen fremden Menschen einschätzen und beurteilen können und müssen. Soziales Handeln und Kommunikation wären sehr kompliziert, wenn wir nicht bereits vorgefertigte Meinungen abrufen könnten, sobald wir einen uns unbekannten Menschen treffen. Was soll daran schlecht sein?
Im sozialen Zusammenleben greifen wir nicht nur auf Vorurteile zurück, sondern auch auf Rollen. Soziale Rollen sind der Schmierstoff der Gesellschaft. Ohne sie geht nichts. Wir können und müssen ihnen zunächst einmal blind vertrauen. Erst wenn wir enttäuscht werden, wenn beispielsweise unsere Erwartungen an eine andere Person von dieser nicht mit Leistungen bedient werden, merken wir auf: Der andere ist aus der Rolle gefallen, sagen wir.

Was hat das mit Vorurteilen zu tun? Vorurteile und Stereotype sind sehr simple und mit wenigen Leistungs- und Erwartungsbündeln ausgestattete Rollen. (siehe hierzu auch die Serie in diesem Blog: Wir alle spielen Theater Teil 1 bis 5.). Wenn wir über eine Personengruppe nicht viel wissen, dann nehmen wir das an Informationen, was wir bekommen können, auch wenn das grundfalsch ist.

Und: Diese mit wenig Information ausgestatteten Rollen (Vorurteile) basteln wir selbst. Nicht die fremde Person ist es, wir basteln uns ein Bild vom anderen, wie wir es gerne hätten. Das funktioniert aber schon in der Liebe nicht, wie der eingangs zitierte Dialog von Brecht wiedergibt. Wenn man Brecht ernst nimmt, dann müsste man auch Toleranz anders sehen. Wir basteln uns heute von sozialen Randgruppen manchmal Vorurteile, um – politisch korrekt – mit ihnen zurecht zu kommen. Sinnvoller wäre es, mehr über diese Menschen zu erfahren. Das Selbstbild sozialer Randgruppen sollte nicht von unserem Fremdbild überwuchert werden.

tmd.

Leiden an Lebenslügen

Prinzip Eisberg – Quelle MartinFuchs, Pixabay

Das Eisbergmodell in der Psychologie ist ein leicht verständliches Modell für die Erklärung von menschlichem Handeln. Dabei werden Handlungen nicht durch Gründe erklärt, die wie die Handlungen selbst sichtbar sind. Die Gründe für die Handlungen sind – wie der größte Teil eines Eisbergs – nicht sichtbar, weil unter Wasser.

Bereits in der 7. Klasse Gymnasium ist das Eisbergmodell Thema in Ethik. Eine robuste Erklärung für Konflikte soll das Modell darstellen. Die Textschnipsel in Ethikbüchern sollen dazu dienen, das Modell mit Leben zu füllen. Aber es sind eben nur Schnipsel. Sie reichen nicht aus, um den nicht sichtbaren Teil des Eisbergs zu füllen. Von den bekannten Fakten zum Konflikt werden Gründe erdacht, die logisch passend sind oder von denen die SuS schon mal gehört haben: Mobber sind irgendwann einmal selbst gemobbt wurden. Das ist oft der Fall, aber eben nicht immer. Die Erklärung für Konflikte ist meist viel komplexer (vielschichtiger).

Lauren Oliver hat 2010 mit Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie das Gegenstück zu psychologischen Textschnipseln vorgelegt. Eine kompakte Entstehungsgeschichte von Mobbing, Selbstverleugnung und Selbsttäuschung. Auf 445 Seiten werden die Lebenslügen, der verzweifelte Kampf um Anerkennung, Liebe und Zuneigung der Hauptpersonen vorgeführt und demontiert. Seite um Seite erfährt der Leser, wie das morsche Gebäude von Inszenierungen in sich zusammenbricht. Das Gebäude, das eigentlich von den sensiblen und empfindlichen Kinderseelen errichtet wurde, um die Ängste niederzukämpfen. Die Ängste vor Einsamkeit und Ausgeschlossensein. NICHT.DAZU.GEHÖREN. Die Inszenierungen sind brutal komisch. Und sie sind realistisch. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Lauren Oliver die Geschichte aus der Perspektive einer – ja genau! – einer Toten erzählt.
Samantha, so heißt die Hauptperson, geht durch die Hölle einer unkontrollierten Psychotherapie. Dabei befreit sie sich aus den Zwängen ihrer Mädchen-Clique, demaskiert ihren Freund als einfältigen Angeber, der, wie die meisten Männer in dem Buch, nur Sex Drugs and Rock n Roll im Kopf hat, rettet einem Mädchen das Leben und findet sogar die große Liebe ihres Lebens.

Wenn du stirbst ist wieder ein Beispiel dafür, dass der Einsatz einer kompakten Lektüre zum Thema Konflikte und Mobbing auch im Ethikunterricht mehr leistet als ein Dutzend Textschnipsel in farbigen Kästchen mit bunten Bildern. Und: Mobbing-Täter können sich nur selbst heilen. Sie müssen erkennen, dass sie Verantwortung gegenüber ihren Mitmenschen haben. Ohne diesen Erkenntniszuwachs bleibt Sozialkompetenz ein antrainiertes Rollenspiel.

tmd.