Moral, Identität und die Dilemma-Geschichten

Anna, ein Mädchen
Hallo, ich bin Anna

Anna im Dialog mit ihrer Oma Maria

Kann ich lernen, moralisch zu handeln?
Du musst es sogar lernen, es geht nicht automatisch. Das sagen zumindest die Psychologen.

Und wie geht das? Was muss ich da lernen?
Du machst das, was deine Eltern und die Lehrer in der Schule dir sagen, was das Richtige ist. Also: nicht lügen, nicht stehlen, andere nicht beleidigen usw. Aber das habt ihr doch alles schon in der Grundschule gelernt.

Weiß ich doch, aber jetzt ist es im Ethik-Unterricht plötzlich komplizierter.
Was heißt hier komplizierter?

Na ja, unverständlicher!
Was ist daran unverständlich?

Unsere Lehrerin hat gesagt, dass wir eine Identität entwickeln, wenn wir moralisch handeln. Aber das geht nur, wenn wir Individualität besitzen und uns identifizieren. Also, was soll ich jetzt zuerst machen, damit ich moralisch handle?
Halt! Das geht mir zu schnell. Ich weiß zwar, was die Begriffe bedeuten, aber weißt du das auch?

Schau her, Oma, hier steht im Hefteintrag: Wer über sein eigenes Handeln nachdenkt, es beurteilt und sich als Person mit seinen Eigenschaften sozusagen wie „von außen“ beschreiben kann, der entwickelt eine Identität. Sie oder er kann sagen: „Das bin ich“. Die philosophische Variante ist: Erkenne dich selbst.
Verstehst du das?

Klar, das haben wir schon in der letzten Klasse gemacht. Da haben wir Selbstbild und Fremdbild gelernt.
Und was ist mit den anderen Fremdwörtern?

Dazu habe ich aufgeschrieben: Individualität ist die einzigartige, unverwechselbare Persönlichkeit, und Identifikation ist, wenn man sich mit einem anderen emotional vergleichen kann. Bin ich nun unverwechselbar oder anderen ähnlich? Und was hat das mit moralischem Handeln zu tun?
Eine Frage noch, habt ihr den Namen Kohlberg im Unterricht gehört?

Ja. Ist der wichtig?
Er ist es! Aber fangen wir nochmal mit der ersten Frage an. Als Kind hast du das gemacht, was deine Eltern gesagt haben. Und wenn du es nicht gemacht hast, was war dann? Genau! Es gab Ärger. Kleine Kinder handeln also moralisch, weil sie die Strafe der Eltern fürchten. Das hast du verstanden!?

Ja, aber wenn ich nicht die Wahrheit sage, dann können das meine Eltern nicht wissen. Ich habe letztes Jahr gelernt, dass Kinder schon mit 4 Jahren lernen, dass sie lügen können, weil die anderen Menschen nicht Gedanken lesen können.
Das stimmt, aber wenn du früher gemogelt hast, dann hab ich das trotzdem gemerkt, weil du dich dann so komisch verhalten hast.

Anna und Oma Maria
Anna ist verdutzt und ihre Oma lacht

Was heißt hier komisch?
Lenk nicht ab, wir wollten über Moral reden. Also weiter: Wenn man älter wird, dann hält man sich an die Regeln und Verbote, aber nicht mehr aus Furcht vor den Eltern, sondern weil man die Regeln und Gesetze für richtig hält. Später hält man sich an die Gesetze, weil man einsieht, dass die Gesellschaft nur so, ohne Konflikte funktioniert.

Man hält sich also immer an die Gesetze, der Unterschied ist nur, dass ich mein Handeln anders begründe.
Genau, und das hat der Psychologe Lawrence Kohlberg herausgefunden.

Und was hat das mit Identität zu tun?
Das, was der Psychologe Kohlberg herausgefunden hat, das läuft nicht automatisch ab. Es ist deine Eigenleistung. Du musst dich selbst verändern. Ältere Menschen sagen dazu: „Sich neu erfinden“. Wer diese Eigenleistung aufbringt, der entwickelt Identität. Wenn man merkt, dass man sich verändert hat, dann kann man auf solche Eigenleistungen zurückblicken.

Wie hat das der Kohlberg herausgefunden?
Gute Frage! Er hat Experimente gemacht. Seine Versuchspersonen sollten Probleme lösen, die eigentlich nicht lösbar sind. Egal, wie man sich entscheidet, immer hat man gegen irgendeine Regel verstoßen. Dennoch mussten sich die Versuchspersonen entscheiden und ihre Entscheidung begründen. Die Begründungen unterschieden sich je nach Alter der Personen. Das habt ihr bestimmt im Unterricht ausprobiert mit Dilemma-Geschichten.

Ja, aber das war langweilig. Wir haben ewig diskutiert, wie man die Geschichten doch lösen kann. Und was ist mit der Identifikation und dem andern „I“.
Merke es dir so: Individualität heißt, dass du unverwechselbar bist, also einmalig und dass du das auch weißt. Du bist keine Kopie von einem anderen. Identifikation meint das Gegenteil, du entdeckst bei anderen Personen Eigenschaften, die deinen ähnlich sind oder Eigenschaften, die du auch gerne hättest. Beides ist für Freundschaften besonders wichtig. Und es ist der Grund, warum man sich Vorbilder sucht. Beides ist wichtig für eine starke Identität.

Anna, die Enkelin und Maria, die Oma Oma
Anna & Oma sind wieder fröhlich

Cool, Oma, wie du das so einfach erklärst.

tmd.

Kann man Moral durch Rollenspiele lernen? Szenen aus dem Unterricht

Dies ist eine fiktive Geschichte. Etwaige Übereinstimmungen mit der Wirklichkeit sind rein zufällig und waren nicht beabsichtigt.

Thema Mobbing in der 7. Klasse. Das Thema soll, nachdem es theoretisch erarbeitet worden war (Kommentar der Kinder: gähn, das wissen wir doch schon alles, ich hab da einen Film gesehen, können wir den Film anschauen), kompetent umgesetzt werden und Empathie soll eingeübt werden.

Trauriger Junge in der Schule
Mobbing in der Schule – Quelle: Patrice_Audet, Pixabay

Teil eins: Gruppen bilden und Rollenkarten schreiben. In der Klasse (24 Kinder) sind nur 4 Jungs. Die vier wollen nicht auf die Mädchengruppen verteilt werden. Der Lehrer macht ein Angebot. Er hilft beim Texten der Rollenkarten. Funktioniert immer.

Teil zwei: Rollen verteilen. Die Mädels: „Wir wollen Opfer spielen.“ Es gibt aber je Gruppe nur ein Opfer. Streiterei. Da hilft nur eine Entscheidung von oben herab. Die Jungs (hä?!?) müssen Opfer spielen, wenn sich die Mädels nicht einigen. Konflikt beseitigt. Die Jungs als Opfer, das wollen die Mädels nicht. Weiter geht es.

Teil drei: Rollenkarten schreiben. Harry: „Was soll ich schreiben?“ Antwort: Deinen Text und deine Rolle, du bist Täter! „Was macht ein Täter?“ Antwort: Frag die Svenja, die hat im Unterricht aufgepasst. Ronald: „Können wir das Rollenspiel filmen und ins Netz stellen? Ich hab ’ne Lumina. Hat ’ne starke Auflösung.“ Antwort: Ist verboten, das weißt du doch! Crissy: „Können wir nicht was anderes machen?“ Ronald: „Das sagst du nur, weil du nicht das Opfer sein darfst.“

Teil vier: Rollenspiel. Harry: „Kann ich den Text von der Karte ablesen? Ich kann mir das nicht merken, was die Svenja da aufgeschrieben hat.“ Crissy: „Stell dich als unbeteiligter Täter, der nicht hilft, an die Seite. Dann musst du gar nichts sagen.“ Ronald: „Das war mein Text! Das wollte ich sagen! Die hat meinen Text geklaut!“ Crissy: „Können wir nicht was anderes machen?“ Svenja: „Ich kann die Rollen von Täter und Opfer auch alleine spielen, wenn ihr ständig stört!“ Paula: „Nein! das Opfer bin ich, ich lasse mir die Rolle nicht wegnehmen.“

Teil fünf: Perspektivwechsel abfragen. Wie fühlt man sich als Opfer und Täter? Crissy: „Das nächste Mal will ich das Opfer sein.“ Antwort: Es gibt kein nächstes Mal. Wir haben das Thema abgeschlossen. Ronald: „Können wir einen Film anschauen …“ Svenja: „Du weißt doch, dass er keinen Film zeigen will.“ Crissy: „Können wir nicht was anderes machen?“

Teil sechs: Unterricht ist zu Ende. Kinder aus dem Religions-Unterricht kommen ins Klassenzimmer. Paula: „Wir haben heute Rollenspiel gemacht. Mobbing. Ich war das Opfer.“

tmd.

Was ist ein Gedankenexperiment?

Experimente kennen wir aus Natur und Technik. Beispiel: Wir bauen einen Papierflieger und sehen, dass er je nach Bauart (Falttechnik) besser oder schlechter fliegt. Wir perfektionieren die Falttechnik (oder schauen im Internet nach der besten Faltanleitung). Das Ergebnis unserer Experimente ist ein tauglicher Papierflieger. Das Experiment ist also immer vor uns. Wir können es sehen und anfassen.
Beim Gedankenexperiment ist das anders. Hier denken wir uns etwas aus und untersuchen, ob das Ausgedachte funktioniert oder nicht.
Ein Beispiel, das die meisten (aus dem Ethikunterricht, wenn sie denn dort waren) kennen. Die Bewohner einer Kleinstadt beschließen, dass eine Woche lang jeder lügen darf. Was wären die Folgen, fragt man dann im Gedankenexperiment.

Einfache Methode der Philosophie
Gedankenexperiment – Quelle: geralt, Pixabay

Was muss man bei einem Gedankenexperiment noch beachten? Meistens sind Bedingungen vorgegeben, die man beachten muss – also wie Spielregeln.
Meist sind es diese Rahmen-Bedingungen, die ein Gedankenexperiment ganz schön kompliziert machen. Um bei dem Beispiel zu bleiben: Die Bürger der Kleinstadt können, aber müssen nicht lügen. Das macht es beinahe unmöglich, festzustellen, ob jemand lügt oder nicht.
Das Gedankenexperiment ist eine einfache, aber starke Methode in der Philosophie. Man kann die möglichen Folgen des Handelns feststellen und anschließend verantwortungsvoll handeln. Warum? Weil man weiß, welche Folgen das eigene Handeln hat. Muss man aber verantwortungsvoll handeln? Nein. Wir Menschen haben einen freien Willen und können uns auch entschließen, das Böse, das Unmoralische zu tun.
tmd.

Moralische Kompetenz setzt Wissen voraus

Wer moralische Probleme nicht sieht, der sucht natürlich auch nicht nach Lösungen. Es ist also manchmal hilfreich, zuerst das Problem genauer zu beleuchten und dann erst die Lösung zu präsentieren.

Bücher, die Wissen enthalten
Moralisches Handeln setzt Wissen voraus – Quelle: ElasticComputeFarm, Pixabay

Wenig hilfreich ist es, Kinder und Jugendliche ohne Anleitung nach Lösungen suchen zu lassen.

Meist ist das Ergebnis eher trivial. Außerdem macht sich schnell ein Relativismus breit, der aus dem freien Suchen nach Lösungen entspringt.

Oder, wie mir mal eine Schülerin sagte: Jeder hat eine andere Meinung. Warum dann aber noch Zeit vergeuden, um diese unterschiedlichen Meinungen auszutauschen.

tmd.