Rollenzwang: den Erwartungen dienen

Leistungen und Erwartungen sind es, die unser soziales Leben herstellen und zusammenhalten. Im Begriff der sozialen Rolle erkennen wir diese Leistungen und Erwartungen, fassen sie zu Leistungs- und Erwartungsbündeln zusammen und richten uns nach diesen Rollen. Ohne Rollen funktioniert es nicht – das soziale Leben. Wir leiden oft darunter, diese Rollen spielen zu müssen. Wir ändern aber allein durch die Erkenntnis nichts an diesem Leiden. Die Erkenntnis hilft nicht weiter, sie kann uns sogar in noch größere Verzweiflung stürzen, wenn wir sehen, dass wir gefangen sind in unseren Rollen.

Literarisch in bester Form hat das Theodor Fontane in seinem Roman Effi Briest herausgearbeitet im Dialog zwischen Geert von Instetten und Geheimrat Wüllersdorf.

Rolle, spielen, Zwang
Welche Rolle spielst du? – Quelle: gmello, Pixabay

Für diejenigen, die Effi Briest nicht gelesen haben, hier eine sehr kurze Zusammenfassung der Handlung. Instetten heiratet die Tochter seiner früheren Geliebten. Effi ist von der Ehe mit dem sehr viel älteren Mann überfordert und beginnt ein Verhältnis mit einem Freund von Instetten, Major Crampas. Nach Jahren erfährt Instetten von dem Verhältnis und sieht sich gezwungen zum Duell mit Crampas. Er berät sich deswegen mit seinem Kollegen und Vorgesetzten Wüllersdorf.

In diesem Gespräch geht es in der Hauptsache um die Frage, warum dieses Duell überhaupt noch nötig ist. Wüllersdorf argumentiert, dass die Angelegenheit doch schon so lange her sei und Instetten seine Frau liebe und keinerlei Hass gegen Crampas im Sinn führe. „…Instetten, so frage ich, wozu die ganze Geschichte.“

Instetten spricht die gesellschaftlichen Zwänge an, wenn er sagt: „Aber im Zusammenleben mit den Menschen hat sich ein Etwas gebildet, das nun mal da ist und nach dessen Paragraphen wir uns gewöhnt haben, alles zu beurteilen, die anderen und uns selbst. Und dagegen zu verstoßen, geht nicht; die Gesellschaft verachtet uns, und zuletzt tun wir es selbst und können es nicht aushalten und jagen uns die Kugel durch den Kopf.“

Und Wüllersdorf weiß genau, was Instetten mit dem „Etwas“ meint und antwortet ihm: „Ich finde es furchtbar, dass Sie Recht haben, aber Sie haben Recht. Ich quäle Sie nicht länger mit meinem ‚muss es sein‘. Die Welt ist einmal wie sie ist, und die Dinge verlaufen nicht, wie wir wollen, sondern wie die anderen wollen. Das mit dem Gottesgericht, wie manche hochtrabend versichern, ist freilich ein Unsinn, nichts davon, umgekehrt, unser Ehrenkultus ist ein Götzendienst, aber wir müssen uns ihm unterwerfen, solange der Götze gilt.“

Fontane kritisiert hier die festgezurrten Leistungs- und Erwartungsbündel preußischer Offiziere.

Ein Role-Making, ein Role-Changing erscheint uns heute als überfällig, blickt man auf die historische Situation in Fontanes Roman. Uns fällt das zwanghafte Festhalten der Personen an Rollenvorstellungen, die sich eigentlich schon überlebt haben, sofort auf. Aber das auch nur, weil wir Distanz haben.

Im Hier und Heute müssen wir diese Distanz erst mühevoll erarbeiten.

tmd.

Auf der Suche nach Wahrheit

Himmel mit WOlken
Der platonische Ideenhimmel – qimono, Quelle Pixabay

Der Unterschied zwischen empirischen und epistemischen Wahrheitstheorien ist nicht so einfach zu verstehen. Das liegt daran, dass wir im Alltagsleben die Welt, so wie sie ist, niemals in Zweifel ziehen. Die Welt mit all ihren Objekten gibt es und muss es geben, sonst könnten wir uns nicht in ihr zurecht finden. Wir können eben nicht jedes mal darüber nachdenken, ob es den Baum, den wir sehen, auch wirklich gibt.

Das Problem ist nicht allein die Frage nach der Existenz der Welt. Es geht um die Frage, was ist Wahrheit und welche Moral ist wahr. Verantwortlich für das Problem ist natürlich Platon, der die sinnliche Wahrnehmung zum geistigen Kerker machte (siehe dazu die Blogbeiträge zum Höhlengleichnis und der Ideenlehre). Allein die Vernunft sei in der Lage, so Platon, uns wahre Erkenntnis zu liefern. Aber schon Aristoteles rückte von dieser Vorstellung ab und meinte, man könne die Objekte der Welt zunächst allgemein erfühlen. Im Ethikunterricht wird das bereits in der Unterstufe thematisiert, wenn es um das Allgemeine und das Besondere geht. Allgemein sind alle Menschen gleich – gemeint ist, sie haben die gleichen Menschenrechte – aber im Besonderen sind sie doch sehr verschieden.

Thomas von Aqiun hat diese Sicht weiter ausgebaut. Man vergleicht das, was man sieht mit dem, was die Vernunft einem sagt. Deshalb wird in der Mittelstufe gelernt: veritas est adaequatio intellectus et rei. Wahrheit ist die Übereinstimmung des urteilenden Denkens mit der Sache. Und damit war sie geboren, die (empirische) Korrespondenztheorie der Wahrheit. Wenn die Wirklichkeit, die ich sehe, mit meinem Urteil (aus der Vernunft) übereinstimmt, dann ist der Vergleich wahr. So einfach kann das sein.

Als die Philosophen jedoch feststellten, dass die Übereinstimmung nur eine Aussage ist, die ich nicht an der Wirklichkeit nachweisen kann, weil dieser Nachweis wieder nur eine Aussage ist, und so weiter, war es um die Leistungsfähigkeit der Korrespondenztheorie geschehen.

Seither hat die (epistemische) Kohärenztheorie die Aufgabe, Wahrheit zu beweisen. Aussagen sind nur dann wahr, wenn sie in sich nicht widersprüchlich sind und nicht im Widerspruch zu anderen wahren Aussagen stehen. Die Konsenstheorie und die Evidenztheorie (beides epistemische Theorien) gibt es zwar auch noch, aber bei den beiden Theorien weiß man, dass sie nicht sehr robust sind. Die Mehrheit (Konsens) muss nicht immer Recht haben und nicht jede Idee ist wahr, auch wenn sie uns gefällt.

Die Kohärenztheorie ist auch deshalb so erfolgreich in moralischen Dingen, weil es hier um Aussagen über Werte und Normen geht. Moralische Aussagen müssen der Verallgemeinerungsfähigkeit dienen, damit jeder Mensch Anteil an ihnen hat.

Wer jedoch in einem platonischen Ideenhimmel eine Entsprechung zu diesen wahren Aussagen sucht, der muss enttäuscht werden. Unsere moralischen Aussagen sind von Menschen gemacht und müssen sich auch nur vor Menschen als wahr rechtfertigen.

tmd.

SENZA FINE

Grenzsituationen sind endgültig. Sie sperren sich gegen Gedankenexperimente und dergleichen Überlegungen, die Grenzsituationen zur reinen Spekulation werden lassen über Zustände, Gefühle oder Gedanken. Dennoch sind Grenzsituationen das Thema für Menschen, das herausfordert. Insbesondere, wenn es ums Sterben geht. Es ist nicht so sehr die Neugierde, wissen zu wollen, was danach kommt – nach dem Tod. Es ist das Interesse daran, wie dieser Prozess vom Betroffenen erlebt wird und wie die soziale Umwelt mit dieser Situation umgeht.

Leben – Tod
Grenzerfahrungen – 733215, Pixabay

Leben wird ganz plötzlich zu einer einzigen großen Planung. Die Literatur ist reich an Beispielen von Menschen, die noch einmal dies oder jenes tun wollen oder ihr Leben ordnen wollen. Dabei kommt es dann zu grotesken Überschneidungen und Konflikten zwischen den Planungen des Menschen, der den Tod vor sich hat und den Planungen seiner sozialen Umwelt, die über den Tag hinaus planen kann. Vielleicht ist die Geschichte einer jungen Frau, sie heißt Ann, die von Isabel Coixet in einem Film (Mein Leben ohne mich, 2003) erzählt wird, gerade deshalb so erschütternd, weil von ihrem nahen Tod ihr soziales Umfeld so gut wie nichts erfährt. Nur der Zuschauer ist über alles informiert. Im Film ist nur der behandelnde Arzt Zeuge der eigentlichen Handlung. Die weiteren Protagonisten leben ihr Leben, haben ihre Probleme und planen weiter.

Life is what happens to you while you’re busy making other plans (John Lennon)

Ann hat auch eine Liste gemacht von Dingen, die sie vor ihrem Tod noch erledigen will. Da werden die Wünsche und Hoffnungen offengelegt, wenn solche Listen gemacht werden. Aber in diesem Fall ist die Liste doch ungewöhnlich. Ann will das Leben nach ihrem Tod planen. Das Leben derer, die weiterleben. Sie erstellt Tondokumente für ihre beiden kleinen Töchter. Jeweils zum Geburtstag soll ihr Arzt den Kindern die Audio-Botschaften schicken. Und sie sucht nach einer Stiefmutter für ihre Kinder, sie sucht nach einer Frau für ihren Mann.

Der Film enthält sich einer Wertung. Ist es moralisch zu rechtfertigen, das Handeln von Ann? Ist Sterben ein Prozess, in den das soziale Umfeld eingebunden sein soll? Der Film endet, wie eine der Filmmelodien, senza fine. Ann ist nicht mehr zu sehen, man hört nur ihre Stimme.

tmd.

Moralische Wahrscheinlichkeit

Grüß Gott
Gibt es einen Gott? – Quelle: Didgeman, Pixabay

Unter den vielen Gottesbeweisen ist der von Blaise Pascal (1623-1662) derjenige, der am besten in unsere Zeit passt. Er ist schlicht und einfach und verzichtet auf komplizierte Argumentationsketten. Er passt zum modernen Menschen, der ergebnisorientiert an die Probleme herangeht. In unserer schnelllebigen Zeit sind Lösungen wie diese unverzichtbar.

Der Mathematiker und Philosoph Pascal argumentiert wie folgt. Zunächst geht es um eine grundsätzliche Entscheidung: Es gibt Gott oder nicht. Das ist eine 50/50-Wahrscheinlichkeit. Dann gibt es jeweils die Entscheidung, moralisch oder unmoralisch zu leben. Diese Möglichkeiten haben jeweils eine 25-prozentige Wahrscheinlichkeit.

Nun können wir vergleichen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es Gott gibt und ich für mein moralisches Verhalten im Jenseits belohnt werde, beträgt nur 25 Prozent. Obwohl nun diese Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, meint Pascal dennoch, dass es sich in jedem Fall lohnt, moralisch zu leben und an die Existenz Gottes zu glauben. Denn die Alternative, unmoralisch zu leben und dafür nach dem Tod Rechenschaft abzulegen vor Gott, hat ebenfalls nur eine Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent. Angesichts dieser Patt-Situation ist es angeraten, moralisch zu leben und auf das Seelenheil im Jenseits zu setzen, wie auf einen möglichen Lottogewinn.

tmd.

Vertrauen ist ein Geschenk – man soll es nicht als Werkzeug einsetzen

Ältere Berufsleser werden mal wieder erstaunt sein, dass in diesem Blog ein Buch wie „SMS für dich“ von Sofie Cramer als Anlass genommen wird, um über VERTRAUEN zu schreiben. Aber die SuS – mittlerweile auch die aus der Unterstufe – lesen das, bzw. wünschen sich das Buch als Lektüre. Also liest der Blog-Autor das Buch auch „pflichtgemäß“ (Immanuel Kant) und ab Seite 20 sogar mit Spannung.

In dieser überaus romantischen Geschichte geht es – natürlich – um Liebe, aber auch um Vertrauen. Das Ungewöhnliche an der Geschichte ist aber, dass hier jemand zum „Vertrauten“ gemacht wird, zu einer Person, der etwas anvertraut wird, die das nicht will und auch – anfangs zumindest – grundsätzlich ablehnt. Und: Hier schenkt jemand Vertrauen, der eigentlich nicht weiß, wem er hier vertraut.

Vertrauen
Vertrauen – Quelle: neoloky, Pixabay

Wer das Buch kennt, weiß, worum es geht. Wer es nicht kennt, dem sollen hier nicht Freude und Spannung am Lesen verdorben werden. Wer das Buch unter moralischen Gesichtspunkten liest, der bleibt in der Tat etwas ratlos – am Ende der Geschichte.

Darf ich das Vertrauen eines Menschen ausnutzen in dem Sinne, dass ich seine Absichten, Gefühle und Pläne kenne, er aber nichts davon weiß, dass ich sie kenne? Darf ich mit diesem Menschen Kontakt haben und mein Wissen nutzen, ohne dass er weiß, was ich über ihn weiß?

Eigentlich ist das in höchstem Maße unfair. Moralisch ist das nicht hinnehmbar.

Vertrauen ist ein Wert, der nicht als Werkzeug genutzt werden soll, um Erfolg zu haben.

Aber wie ist die Wirklichkeit? Der Roman von Sofie Cramer ist hier nahe dran an der Wirklichkeit. Und das ist nicht nur so, weil sonst die Geschichte schon nach Seite 20 (hier beginnt der Spannungsbogen) zu Ende gewesen wäre. Wenn es um Liebe geht, dann kommt moralisches Handeln schnell an die Grenzen der Schulweisheit.

Dennoch: Die Leser von Blog und Buch (SMS für dich) sollten darüber nachdenken, ob Sven – das ist der, dem Vertrauen geschenkt wird – wirklich alles richtig gemacht hat. Und die Leserinnen von Blog und Buch sollten sich fragen, ob sie sich genauso wie Clara (das ist die, die Vertrauen schenkt) verhalten hätten.

tmd.

Du sollst der werden, der du bist

„Wenn man sich selbst verändert, merkt man das erst, wenn man verändert ist.“ Anne Frank hat das geschrieben, in ihrem Tagebuch (25.3.44), das zum literarischen Bestseller wurde. Sie hat nicht nur genau ihre Umgebung beobachtet, sondern auch sich selbst beim Beobachten zugeschaut. Und genau das ist der Weg, eine eigene Identität zu entwickeln und das auch selbst zu erkennen. Reflexion nennt man das: Nachdenken über sich selbst.

Wer bin ich?
Wer bin ich? – Quelle: geralt, Pixabay

Aber gerade das „Nachdenken über sich selbst“ macht das Thema „Identitätsfindung“ so sperrig. Es geht nämlich nicht ohne Voraussetzungen. Vorausgesetzt wird eben, dass man zu sich selbst auf Distanz gehen kann, Abstand zu sich und seinem Handeln nehmen kann. Das geht zwar über Übungen zur Selbst- und Fremdwahrnehmung. Das geht über das Schreiben eines Tagebuchs. Erfolgsreich sind diese Wege aber nur, wenn man ehrlich gegenüber sich selbst ist, wenn man sich in Bezug auf sein Selbstbild nicht anlügt.

Friedrich Nietzsche, Philosoph und ebenfalls unerbittlicher Selbstbeobachter, hat es so genannt: „Du sollst der werden, der du bist.“ (Fröhliche Wissenschaft: II, 159) Wer man „ist“, muss man jedoch erst erkennen. Selbsterkenntnis ist also ein Merkmal der Identitätsfindung. Identität ist jedoch nicht statisch. Identität verändert sich. Wenn das nicht so wäre, könnten wir nicht auf die Umwelt, die sich ändert, angemessen reagieren. Und wir könnten auch nicht auf Veränderungen reagieren, die uns selbst betreffen.

„Wenn man sich selbst verändert, merkt man das erst, wenn man verändert ist.“

Das Thema eignet sich also nur bedingt für eine Rechenschaftsablage im Ethikunterricht. Die Kompetenzen, die hier abgefragt werden, beziehen sich nur auf die Methoden der Identitätsbildung und die Definitionen der Begriffe. Also: „Wie kann ich Identität beschreiben und wie kann ich Identität bilden?“ Die eigene Entwicklung, die persönliche Identitätsreife wird dadurch nicht gefördert oder abgefragt. Das ist auch gut so, denn das ist die sehr private Sache eines jeden Menschen. Offenlegen sollte man diese sehr private Angelegenheit erst dann, wenn man eben Identität hat und verantwortungsvoll über seine eigene Biographie entscheiden kann.

tmd.

Populismus ist der Feind kritisch rationaler Wahrheitsfindung

Populismus
Populismus – Quelle: geralt, Pixabay

Kürzlich bin ich zu einer Fortbildung eingeladen worden. Thema: Populismus. Wer sich mit Moral beschäftigt, der wird aufmerken. Der Unterschied von Gut und Böse werde durch Populismus unkenntlich gemacht, heißt es im Texttrailer.

Der sokratisch-platonische Gedanke des universell Guten ist also immer noch aktuell. Das macht Hoffnung in einer Zeit, in der das moralisch richtige Handeln von Beliebigkeit okkupiert wird. Schuld daran seien unter anderem evidente Erzählungen. Evidenz ist aber eine der Wahrheitskriterien, die dem epistemischen Ansatz zur Verfügung stehen, um Wahrheit zu benennen.

Konsens, ein weiteres epistemisches Wahrheitskriterium, sei vom Populismus ebenso betroffen. Denn die Mehrheit, die unaufgeklärte, sei ebenfalls vom Populismus ins Visier genommen worden. Letzterer wüte dort und lasse das politische Kompetenzniveau auf Null sinken. Bleibt also nur die letzte Bastion kritisch rationaler Wahrheitsfindung: die Kohärenz, das schlüssige widerspruchsfreie Argumentieren. Die Waffe der wissenschaftlichen Aufklärung muss allerdings bedient werden. Das geht nur durch Übung. Also: Lesen, schreiben, reden.

tmd.

Grundwissen: Wahrnehmung

Das Grundwissen zum Thema: Wahrnehmung und Erkenntnis, wird schon in der fünften Klasse erarbeitet. Für Quereinsteiger in den Ethikunterricht der Mittelstufe gibt es hier eine kurze Zusammenfassung zum Thema Wahrnehmung.

Die menschliche Wahrnehmung ist zunächst auf die Sinne angewiesen. Die Sinne sind das Sehen, das Hören, das Riechen, das Schmecken und das Tasten (Fühlen). Diese Sinne können einzeln oder auch insgesamt getäuscht werden. Die Graphiken von M.C. Escher (Maurits Cornelis Escher, 1898-1972) sind gute Beispiele für die Täuschung des Sehsinnes. An diesen Bildern kann jedoch auch das Sehen trainiert werden, um die Täuschung zu erkennen. Aus diesem Beispiel kann aber auch abgeleitet werden, dass Menschen in Bezug auf ihre Sinne grundsätzlich manipulierbar sind. Die Möglichkeit der Täuschung wird dabei von anderen Menschen ausgenützt. Denkbar ist natürlich auch, dass Menschen aufgrund von Krankheit ihre Sinne nicht voll einsetzen können.

Maßstab
Sind Werte messbar? – Quelle: arielrobin, Pixabay

Aus dieser Erkenntnis, dass Menschen grundsätzlich in ihrer Wahrnehmung getäuscht werden können, wird der Wunsch abgeleitet, unsere Wahrnehmung zu kontrollieren und zu prüfen. Menschen suchen nach Methoden (Wege), die Täuschungen zu erkennen und zu vermeiden.

Da es in Ethik um Moral, Normen (Regeln und Gesetze) und Werte geht, werden also mögliche Täuschungen im Wertesystem und in Moralvorstellungen unter die Lupe genommen. Ich brauche also einen Bewertungsmaßstab dafür, zu entscheiden, ob eine Moral brauchbar ist oder nicht.

Vorausgesetzt wird dabei im Weiteren ein moralisches System, das sich an den Menschenrechten und der Menschenwürde orientiert. Und: Moral und Werte müssen universell sein. Jeder muss sie anwenden können wollen. Hier wird Immamuel Kant (10. Klasse) bereits kennengelernt. Das Moral- und Wertesystem wird also nicht von der Basis her aufgebaut, sondern Alltagssituationen werden vor dem Hintergrund der herrschenden Moralvorstellungen gespiegelt. Gerade das bereitet die größten Schwierigkeiten, weil man nicht voraussetzungslos eine Moral aufbauen kann.

Beispiel: Einen Menschen allgemein und individuell wahrzunehmen, setzt voraus, dass ich bei der allgemeinen Wahrnehmung die Menschenrechte und -würde als Maßstab nehme: Alle Menschen sind gleich! Die reine Beobachtung ergibt jedoch das Gegenteil: Wir sind alle sehr individuell!
Ich muss also auch den Maßstab meiner Wertungen ständig reflektieren. Das erfolgt in meinen Erfahrungen und Erlebnissen. Das ist meine gleichsam innere, geistige Wahrnehmung. An dieser Stelle wird Verstand und Vernunft eingesetzt. Das wird aber in dieser ausdrücklichen Weise erst in der 10. Klasse thematisiert. In der Unterstufe werden Erkenntnisse aus Soziologie und Psychologie eingesetzt, um Allgemeines und Individuelles zu erklären. Beispiele sind Selbst- und Fremdwahrnehmung und die soziale Rolle.

Auf diese Weise kann man auch Regeln, Bedürfnisse und Glücksvorstellungen untersuchen und allgemeine und individuelle Maßstäbe aufstellen für Freiheit, soziales Handeln und Entscheiden.
An dieser Stelle wird zur Wahrnehmung von Regeln, Normen und so weiter immer ein vorwissenschaftliches Alltagswissen über Moral verwendet, also das, was wir über Moral schon erfahren haben (geistige Wahrnehmung). Beispiel: In sogenannten Dilemmageschichten lernt man, dass sich in Handlungssituationen Regeln widersprechen können. Bestenfalls kann man dann die eine Regel der anderen vorziehen (Vorzugsregeln). Meist ist jedoch der Konflikt zwischen sich widersprechenden Regeln nicht aufzuheben. Die eine Regel besagt: Du sollst nicht lügen. Was tun, wenn ich damit (mit Lügen) Menschenleben rette?

In der Mittelstufe wird dieses Problem dann nochmals aufgegriffen und präzisiert. Moral wird als ein System von wahren Aussagen behandelt. Aufgabe ist es nun, festzustellen, was Wahrheit ist. Hier gibt es zwei Möglichkeiten: empirisch und epistemisch. Die epistemische Feststellung von Wahrheit ist vernunftorientiert. Entweder ist wahr, was in sich widerspruchsfrei ist, was von allen so gesehen wird oder was einfach offensichtlich ist. Hierzu gibt es mehrere Beiträge im Blog, ebenso zur empirischen Feststellung von Wahrheit. Hier geht es um die Übereinstimmung von Wahrnehmung und Wirklichkeit.

In jedem Fall ist der moralische Maßstab, der angewendet wird, Menschenwerk und auch die Ergebnisse moralischer Betrachtungen sind es. Offenbarung und Erleuchtung müssen sich ebenfalls einer kritischen Untersuchung unterwerfen und sind nicht von sich aus wahr.

tmd.

Merkzettel: Soziale Rolle

Herde Schafe
Soziales Verhalten – Quelle: marybettiniblank, Pixabay

Eine soziale Rolle bündelt Leistungen und Erwartungen. Leistungen, die der Inhaber einer Rolle gegenüber anderen Menschen zu erbringen hat und Erwartungen, die von anderen Menschen an ihn gestellt werden.
Leistungen und Erwartungen sind also wechselseitig: Das, was von mir erwartet wird, das leiste ich. Das, was ich von anderen Menschen erwarte, das leisten sie mir gegenüber. Die Summe aller Leistungen, die ich erbringe, und die Summe aller Erwartungen, die ich stelle, das nennt man Leistungs- und Erwartungsbündel.

Merksatz: Eine soziale Rolle, das ist ein Bündel von Leistungen und Erwartungen.

Erwartungen, die an mich gestellt werden, erbringe ich, weil ich Sanktionen (Bestrafungen) fürchte. Gratifikationen (Belohnungen) erwarten mich, wenn ich die Erwartungen mit Leistungen bediene. Die Gratifikationen sind oft minimal, die Sanktionen erheblich. Leistungen, die ich erbringen muss, erbringe ich, weil ich Gratifikationen erwarte.

Merksatz: Gratifikationen und Sanktionen stabilisieren soziale Rollen.

Primäre und sekundäre Sozialisation (Erziehung) sorgen dafür, dass die Rollen unverändert bleiben. Dennoch verändern sich Rollen. Wer Sanktionen ertragen kann oder auf Gratifikationen verzichten kann, der kann soziale Rollen verändern. Man nennt das abweichendes Verhalten. Das abweichende Verhalten setzt voraus, das trotzt Verletzung der Erwartungen, der Handelnde von einigen Menschen keine Sanktionen oder sogar Gratifikationen zu erwarten hat.

Merksatz: Nicht angepasstes Verhalten kann soziale Rollen verändern.

Wer mit seiner Rolle in der Gesellschaft nicht zurecht kommt, der leidet an der Gesellschaft. Das wird nur verhindert, wenn man verantwortlich Distanz zu seiner Rolle herstellen kann. Distanz heißt: Erkennen, dass Rollen zwar übernommen werden (role taking) aber auch gemacht werden (role making). Role making sorgt für den Wandel sozialer Rollen.

Merksatz: Moralisch Handeln heißt auch: Soziale Rollen verändern, wenn Menschen unter der Rollenzuschreibung leiden. Diese Veränderung setzt allerdings auch Eigenverantwortung voraus.

Das Leiden an der Gesellschaft, das sind die Symptome gesellschaftlichen Leidens. Moralisch Handeln heißt, dieses Leiden beenden.

tmd.

Seinen Weg finden

Herakles
Götter als Vorbild? – Quelle: travelspot, Pixabay

Über den griechischen Helden Achilles wird erzählt: Vor die Schicksalswahl gestellt, zog er ein kurzes, aber ruhmreiches Leben einem langen, aber glanzlosen Leben vor. Nicht weniger spektakulär die Entscheidung, die dem Herakles – ebenfalls ein Vertreter der griechischen Mythologie – abverlangt wurde: Entweder ein tugendhaftes, aber anstrengendes Leben führen oder ein leichtes und unbeschwertes, aber wenig tugendhaftes.

Wie die beiden von den Göttern sowieso schon bevorzugten Personen entschieden haben, ist bekannt. Inwieweit sie uns als Vorbild dienen können, ist Thema im Moralunterricht bereits in der Unterstufe. Dabei geht es dann um Handlungsumstände: In welchen Verhältnissen lebe ich. Und es geht um die Konsequenzen: Welche Folgen haben meine Entscheidungen.

Was man aus solchen Geschichten lernt, ist, dass die Biographieplanung eine individuelle und sehr persönliche ist. Der Philosoph Konstantin Kolenda prägte dafür den Spruch: seinen Weg finden. Dabei ist in dem Spruch das Aktive (finden), das Individuelle (seinen) und die Kontinuität (Weg) enthalten.

Sinnfindung ist Eigenleistung.

Das klingt sehr nach Mühe und Anstrengung, von Ruhm und Tugend ist da nicht die Rede. Das ist auch gut so. Das Tätigsein soll im Vordergrund stehen.

tmd.