Der Kompetenzzuwachs nähert sich dem Erdmittelpunkt

Rollenspiel als Methode im Ethikunterricht ist grundsätzlich ungeeignet.

War das Thema Sinnsuche schon sperrig und privat, so ist das Thema „verfehlte“ Sinnfindung um so sperriger wie privater es ist. Ich habe in einem Ethikbuch den Vorschlag gefunden, dass die SuS gemeinsam Beispiele zusammentragen sollen für verfehlte Sinnfindung. Anschließend sollen dann in Rollenspielen die Probleme exemplarisch gelöst werden.

Zwei Dinge muss man vorab klarstellen.

Erstens: Die Merkmalsausprägungen von verfehlter Sinnfindung lassen sich nur schwer in wenige Gruppen ordnen. Es gibt Depression, Sucht in allen nur denkbaren Formen, Neurosen, psychosomatische Erscheinungen (Körper reagiert mit Krankheit auf seelische Schmerzen), soziale Vereinsamung bis zu sozialem Absturz. Die Kategorien lassen sich leicht erweitern und differenzieren. Erschwerend kommt hier noch hinzu, dass beispielsweise das Merkmal Depression eine Folge von verfehlter Sinnfindung, aber auch die medizinische Ursache dafür sein kann.

Zweitens: Ursache der verfehlten Sinnfindung sind Störungen im Prozess des Erwachsenwerdens (Identitätsbildung). Natürlich gibt es diese Identitätsprobleme auch bei älteren Menschen, aber das ist hier nicht unser Thema. Kinder und Jugendliche reagieren besonders empfindlich auf Themen dieser Art. Deshalb nenne ich sie sperrig und privat. Im Klartext: Das geht niemanden was an! Zu Recht sind die Gespräche von Psychologen (auch an Schulen) mit ihren Klienten (hier Kinder und Jugendliche) top secret.

Heft mit Geheimnissen
Top Secret – Quelle: PeteLindforth, Pixabay

Vor diesem Hintergrund soll also dieses sehr spezielle Thema abgehandelt und erklärt werden. Vor diesem Hintergrund sollen also Kinder ein Rollenspiel planen und aufführen, in dem es um sehr private Dinge geht.

Und wozu das ganze? Um Empathie (Mitgefühl) und Perspektivwechsel einzuüben. Auch hier wieder Klartext: „Wie geht es mir, wenn ich süchtig bin“, soll erlebt und nachempfunden  werden. Natürlich nur im Spiel.
Die Ernsthaftigkeit dieses Unternehmens seitens der Kinder geht gegen Null. Der Kompetenzzuwachs nähert sich dem Erdmittelpunkt.

Was wäre die Alternative? Bücher lesen! Die Literatur ist voll von Beispielen der verfehlten Sinnfindung. Deutschlehrer/innen können aus dem Stegreif ein Dutzend Bücher nennen mit passenden Themen.
Statt dessen sollen Kinder ohne viel Input zum Thema einen Output produzieren in Form eines Rollenspiels.

tmd.

Das Leben ist kein Spiel

Roulette – nichts geht mehr
Rien ne va plus – Quelle: stux, Pixabay

NICHTS GEHT MEHR!
oh, schade, das Spiel ist aus?
NEIN! DAS WAR KEIN SPIEL. ES IST AUS. ENDE!

Grenzsituationen beschreiben, das ist nur möglich mit Vergleichen. Mit Vergleichen jedoch, die nie an die Wirklichkeit heran reichen. Grenzsituationen sind letztlich Todeserfahrungen, Erfahrungen absoluter Schuld, unabwendbaren Leides. Aber ihnen – diesen Erfahrungen – folgt nicht die Rettung. Es folgt der Tod, das Leiden, die immer währende Schuld.

Paolo Giordano hat das Problem in „Die Einsamkeit der Primzahlen“ literarisch umgesetzt. In seinem Buch gibt es nicht einmal die Andeutung eines happy end. Der Film dazu – überwiegend eindrucksvoll beklemmend – will einen aber nicht ohne einen Funken Hoffnung entlassen. Das ist aber nicht die Realität.

Viele verwechseln Grenzsituationen auch mit Grenzerfahrungen. Das sind beispielsweise die Erfahrungen, die ein Marathonläufer macht. Er geht an seine Grenzen. Er spürt die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit. Aber er ist nicht am Ende.

Grenzsituationen, das sind Leid, Tod, Schuld. Karl Jaspers nennt sie die „tragische Trias“. In diesen Grenzsituationen fühlt sich der Mensch ohnmächtig. Ohnmächtig, das meint „ohne Macht“. NICHTS GEHT MEHR.

Was tun in solchen Situationen? Victor Frankl, Fachmann für solche Fragen, verweist auf die Pflicht jedes Menschen in solchen Situationen nicht zu verdrängen, aufzugeben. Jaspers sagt, man dürfe nicht die Situation verschleiern oder ihr ausweichen. Frankl zitiert in diesem Zusammenhang einen Aphorismus von Hölderlin: Wer auf sein Leid tritt, tritt höher. Aus der Erkenntnis von Schuld folgt Verantwortung.
Doch das setzt absolute moralische Haltung voraus. Die wird gerade in unseren Zeiten nicht hochgehalten. Bob Dylan – er hat in diesem Jahr den Literaturnobelpreis erhalten – verdichtete den Gedanken der Verantwortung – auch gegen den Widerstand der Mehrheit – in „All Along The Watchtower“.

„No reason to get excited, “ the thief, he kindly spoke, „There are many here among us, who feel that life is but a joke. But you and I, we’ve been through that, and this is not our fate, So let us not talk falsely now, the hour is getting late.“ (Bob Dylan, 1967)
(Hervorhebungen von mir)

Dem Leben einen Sinn geben, das ist in Grenzsituationen hoch problematisch. Wir neigen dazu, den Sinn zu „konstruieren“. Das birgt aber gerade die Gefahr in sich, dass wir die Situation irgendwie verschleiern. Frankl tut sich dabei in der Lösungssuche einfach. Er sagt, dass „Sinn“ gefunden werden muss. Das lässt an Offenbarung oder Erleuchtung denken. Das widerspricht aber dem rational denkenden, aufgeklärten Menschen.

Manchmal muss es einfach ausreichen, Gedankengänge nachzuvollziehen und Lösungswege kennenzulernen ohne sofort eine praktische Handlungsanweisung daraus abzuleiten.

tmd.

Der Weg zur Selbstverwirklichung: Tugenden üben!

Selbstverwirklichung heißt: Die Tugenden der Gerechtigkeit, Klugheit, Tapferkeit, Mäßigung einüben. Das Ziel: Ein glücklicher Mensch werden.

Selbstverwirklichung ist ein Thema, das nicht sofort und unmittelbar den Bezug zur Moral offenlegt. Oder einfach gesagt: Was hat denn das mit Ethik zu tun?

Ehrlicherweise müsste man dann sagen: Mit unseren heutigen Vorstellungen von Moral hat es in der Tat nicht viel zu schaffen. Aber ein antiker Mensch zur Zeit von Aristoteles, der wäre umgekehrt erstaunt darüber, dass wir die Selbstverwirklichung nicht zur Ethik rechnen.
Wenn wir Selbstverwirklichung als Grund für ein glückliches Leben sehen, dann sind wir der Sache schon näher gekommen. Denn der antike Mensch wollte glücklich sein und nahm an, dass es durch tugendhaftes Leben auch zu erreichen ist.

Gotische Malerei
Die Tugenden, gotische Malerei – Quelle: makamuki0, Pixabay

Und wie ist es heute? Von den Tugenden der Mäßigung, Tapferkeit, Klugheit und Gerechtigkeit bleibt nicht viel übrig. Gerechtigkeit wird als Wert wahrgenommen, und zwar in einer Weise, die nichts mehr mit „Aneignung“ zu tun hat. Es wird nicht darüber geredet, wie das gerecht „sein“ sich vollzieht. Es ist eine Handlung! Nicht ein Gegenstand, den man hat oder nicht. Gerechtigkeit muss eingeübt werden! Es reicht eben nicht, das Wort auf ein Poster zu malen und an die Wand zu hängen.
Die anderen Tugenden? Passen überhaupt nicht in das moderne Projekt der Selbstverwirklichung. Klugheit wird von Quiz-Wissen ersetzt. Tapferkeit ist durch unsere Vergangenheit schwer beschädigt aus dem Verkehr gezogen worden. Mäßigung ist von der Gesundheitslobby instrumentalisiert auf reines Ernährungsverhalten reduziert worden.
„Jeder Mensch soll sich ein Ziel stecken und es verwirklichen. Das ist der Sinn des Lebens.“ Auf diesen Kernsatz reduziert ist vom Projekt der Antike – über das Einüben von Tugenden ein guter und glücklicher Mensch zu werden – nicht mehr viel übrig geblieben.

Wo kann man die Tugenden einüben? Im Alltag! Überall!
Warum wird es nicht gemacht? Weil man sehr schnell an seine Grenzen stößt. Es ist eben einfacher, dumm, feige und maßlos zu sein. Und die Gerechtigkeit haben wir ja schon als Poster an die Wand gehängt. Dann schreiben wir noch schnell die anderen drei außer Mode gekommenen Tugenden hinzu und fertig ist das Thema.

Halt: Wir können doch ein Rollenspiel skizzieren und ansatzweise vorführen. Gut sind wir!

tmd.

Strategie der Sekten – Herstellung einer neuen Identität

Das Ziel jeder Sekte ist es, den Willen der Mitglieder zu brechen. Die Strategie: Das Opfer langsam und unauffällig aus ihrem früheren Umfeld ziehen.

„Habt ihr denn gar nichts gemerkt? Ist euch nichts aufgefallen? Er (sie) muss sich doch verändert haben?“ Diese Fragen hören Eltern, deren Kinder in eine Sekte eingetreten sind und plötzlich verschwunden sind.
Nein! Sie haben nichts gemerkt. Sie konnten nichts merken. Seitdem in Deutschland Jugendliche von Salafisten dazu verführt wurden, ihr Leben für den IS in Syrien zu opfern, ist die Strategie von Sekten und Fundamentalisten näher ausgeleuchtet worden.

Zur Strategie gehört es, dass die Neuen in der Gruppe zunächst ein Doppelleben führen müssen. Das heißt, sie müssen in ihrem bisherigen Leben weiterhin die Rolle spielen, die ihr Umfeld von ihnen erwartet. Gleichzeitig sollen sie nach und nach in die Sekte durch Manipulation eingebunden werden. Das hat einen Sinn. Der Neue muss davor geschützt werden, dass sein bisheriges Umfeld ihn auf die Sinnlosigkeit seines Tuns hinweist. Solange das Opfer noch nicht vollständig in die Gruppe eingebunden ist, besteht die Gefahr, dass Eltern und Freunde mit ihr/ihm über die Inhalte der Sekte diskutieren. Sehr schnell würde in solchen Diskussionen die Botschaft der Sekte also Ideologie enttarnt werden. Das muss die Sekte verhindern.

In den Fällen, in denen Jugendliche in die Fänge der Salafisten geraten waren, haben die Opfer erst sehr spät bzw. gar nicht offengelegt, dass sie zu den Fundamentalisten gewechselt waren.

Gottesanbeterin
Lass dich nicht fressen – Quelle: bella67, Pixabay

Ist ein junger Mensch erst einmal in der Sekte fest verankert, dann wird er aus seinem bisherigen Umfeld abgezogen. Er wird von der Sekte hermetisch abgeschirmt und kontrolliert. Kein Kontakt zu seinem früheren Leben soll mehr möglich sein. Auch das hat seinen Sinn.
Ideologien sind von der Struktur und Systematik her angreifbar. Ein letzter Zweifel an der Ideologie der Sekte bleibt immer. Hier müssen also Vorkehrungen getroffen werden, dass dieser Zweifel nicht zum Nachdenken anregt.

In ihrem Buch „Mein geheimes Leben bei Scientology und meine dramatische Flucht“ beschreibt Jenna Miscavige Hill diesen Punkt in ihrem Leben, an dem sich Zweifel an der Ideologie von Scientology bei ihr regten. Plötzlich waren ihr die Freunde wichtiger als die Gruppe. Jenna Miscavige ist die Nichte des Nachfolgers von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard, David Miscavige.

Solche Zweifel haben tief verwurzelte moralische Standards. Es gibt Psychologen, die behaupten, dass Mitgefühl und Mitleid angeboren sind.
Genau das müssen die Sekten verhindern, dass nämlich diese Zweifel aufkommen.

Es wird zum Beispiel viel Mühe darauf verwendet, den Sektenmitgliedern Handreichungen zu bieten im Umgang mit der Kritik der Umwelt. Einem frischen Salafisten muss immer wieder „eingetrichtert“ werden, dass es erlaubt ist, Nicht-Gläubige (und das sind alle Nicht-Moslems) zu töten.
Erstaunlich ist aber auch, dass viele Rückkehrer aus dem IS-Kalifat desillusioniert sind. Die Indoktrination hat anscheinend nicht der Realität des grausamen Krieges standgehalten.

Was die Rückkehrer jedoch erzählen und was davon in den Medien berichtet wird, das kommt bei den frisch Angeworbenen nicht an. Denn die sind schließlich auf der Suche nach einem Weltbild, das ihnen weismacht, sie würden bei Befolgung dieser irren Lehrinhalte zu besseren Menschen – und wenn nicht zu besseren Menschen, dann wenigstens zu besseren Toten mit Freifahrt ins Paradies – und den dort auf sie wartenden Jungfrauen.

tmd.

Die Methoden der Sekten – und bei wem sie nicht wirken

Wer mit Identitätsdefiziten zu kämpfen hat, wer keine Freunde hat, wer in der Schule versagt, wer also ein Verlierer ist, der wird schnell zum Opfer von Sekten, neu-religiösen Bewegungen, Psychogruppen und fundamentalistischen Religionsfanatikern.

Sekten werben Mitglieder
Mitgliederwerbung – Quelle: Pavlofox, Pixabay

Aufklärung über Sekten und andere ideologielastige Gruppen ist am besten machbar durch das Nacherzählen von Geschichten über Menschen, die in die Fänge von Sekten geraten sind. Bücher über Aussteiger, z. B. aus Scientology, gibt es etliche. Eine andere Möglichkeit ist, die Methoden offenzulegen, nach denen Sekten neue Mitglieder werben.

Mitgliederrekrutierung ist eine Inszenierung.

  • Dabei spielt die Sekte die WIR-Rolle: Wir sind die Starken. Wir halten zusammen. Wir kennen die Wahrheit. Wir wissen, warum es den anderen so schlecht geht. Und wir sagen es auch! Fundamentalisten gehen meist diesen direkten Weg.
  • Eine andere Inszenierung ist die HELFER-Rolle: Hast du Probleme, dann komm doch mal bei uns vorbei. Ganz unverbindlich natürlich. Kostet nichts! Und wenn du länger bleiben willst … eine Schlafstelle haben wir auch für dich.
  • Besonders heimtückisch ist die entwaffnend ehrliche BESSERWISSER-Rolle. Die geht so: Also weißt du, so kannst du nicht weitermachen. Du musst etwas für deine Gesundheit tun. Und du musst endlich sehen, dass du ein Workaholic bist. Also du musst unbedingt mental „aufräumen“. Komm doch in meine Gruppe! Sieh mich an, mir geht es fantastisch, seitdem ich bei meiner Gruppe bin.

Diese Inszenierungen haben nicht bei jedem Erfolg. Nur wer Probleme hat, wer in Schule oder Ausbildung nicht zurecht kommt, wer keine gefestigte Identität hat, der wird zum Opfer. Wer es nicht gelernt hat, mit Enttäuschungen, Verlusten und Misserfolgen zurecht zu kommen, der wird die Inszenierungen dankbar annehmen.

Aufklärung macht immun gegen das Sekten-Virus.
Kritische junge Menschen, die „selbst denken“ wollen, sind dagegen immun gegen Sekten. Sie sind sogar eine Gefahr für jede Sekte. Wer bei Diskussionen mit Fundamentalisten sein moralisches Basis-Handwerkszeug, das „ethische Argumentieren“ auspackt, der wird schnell verabschiedet. Denn mit jungen Menschen, die logisch argumentieren, wollen Fundamentalisten und Sektierer nichts zu tun haben.

tmd.

10 Fragen an dich

Diskussion
Diskussion – Quelle: Unsplash, Pixabay
  1. Lebst du gerne in einer Gruppe mit starren Regeln?
  2. Bist du zudem bereit, dich unterzuordnen, viel zu leisten und keine Ansprüche zu stellen?
  3. Würdest du für diese Gruppe auch die Regeln und Normen der anderen, die nicht in der Gruppe sind, missachten, weil es der Gruppe hilft?
  4. Möchtest du in einer Gruppe leben, die von einem Menschen geführt wird, der von sich sagt, dass er den vollen Durchblick hat, der eigentlich eine unangreifbare Autorität ist, der eigentlich auf alle Fragen eine Antwort weiß, einfach ein toller Typ, dem du unbedingt folgen willst?
  5. Willst du endlich ganz klar sagen können, dass du den Unterschied von Gut und Böse kennst? Denn du kennst die Weltformel, die Wahrheit. Du willst zwar die andern Menschen, deine Familie und Freunde retten, aber wenn die nicht wollen, dann sollen die doch untergehen.
  6. Kannst du dir vorstellen, jegliches Privatleben für die Gruppe aufzugeben und keinen eigenen Besitz zu haben?
  7. Würdest du strenge Übungen, wie tagelanges Fasten, akzeptieren, wenn es die Gruppe von dir verlangt?
  8. Würdest du den Kontakt zu deiner Familie und zu Freunden abbrechen, weil die nicht in die Gruppe eintreten?
  9. Ist es für dich erstrebenswert in einer Gruppe zu leben, die zur Elite der Menschheit gehört?
  10. Glaubst du, dass nur du und deine Gruppe überleben werden, wenn die Erde untergehen wird?
  • Das hört sich doch alles ganz gut an, sagst du.
  • Dann hast du ein heftiges Problem, antworte ich dir.
  • Welches?, fragst du.
  • Du bist in höchstem Maße gefährdet, in die Fänge einer Sekte zu geraten und du merkst es nicht einmal. Vielleicht bist du schon in einer Sekte.

tmd.

Den Sinn des Lebens gibt es nicht auf Rezept

Aussagen über den Sinn des Lebens sind unterschiedlich. Sie sind unterschiedlich innerhalb einer Altersgruppe (Fachwort: Alterskohorte), aber auch unterschiedlich zwischen den Generationen (Eltern, Großelten usw.).

Diese Unterschiede in Aussagen über die Sinnfrage führen dazu, nach Gründen zu suchen für die Unterschiede. Wir finden als Antworten Merkmale wie Alter, Geschlecht, Beruf, Lebensumwelt. Die Liste lässt sich verlängern. Was man aus dieser einfachen Übung lernt, ist, dass sich diese Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens zwar in Gruppen ordnen lassen (konventionelle und philosophisch-wissenschaftliche Antworten), aber sich schwer in ein Ranking bringen lassen. Der Einfluss der unterschiedlichen Faktoren wird zwar anhand der Maslow-Pyramide erklärt. Es gibt aber keinen besseren oder schlechteren Lebenssinn, den wir uns wie beim Discounter aussuchen können.

Es gibt aber Beispiele, wie die „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ von Heinrich Böll, die eine klare Bewertung vemitteln wollen. Eine kurze Inaltsangabe und Bewertung findet sich unter: Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral. Der Fischer in der Geschichte macht alles richtig, hat den rechten Sinn im Leben gefunden und der Tourist ist der Dumme, einer, dem der Kapitalismus zu Kopf gestiegen ist. Das ist voreilig geurteilt. Der Fischer arbeitet, um zu (über-)leben. Mehr will er nicht. Das gab es immer, und ist für die meisten Menschen Realität. Freiwillig nicht zu arbeiten  und dennoch zu überleben, das ist Bürgern in reichen Sozialstaaten (BRD) vorbehalten oder Multimillionären.

Aber was ist das Gegenteil? Leben, um zu arbeiten, oder anders ausgedrückt, leben, um sich selbst zu verwirklichen? Das kann nicht jeder. Man muss entweder sehr reich sein oder ein Lebenskünstler. Arbeiten, um zu überleben und leben, um tätig zu sein/sich selbst zu verwirklichen, sind Gegensätze, was die Arbeitsmoral betrifft. Es sind zwei vollkommen unterschiedliche Ausprägungen von Arbeitsethik.

Die Arbeitsmoral, die wir wählen oder wählen müssen (weil wir eben nicht reich oder romantisch sind), prägt unseren Lebenssinn.

Schaut man sich die Lebensläufe bekannter Personen an, dann findet man immer wieder den Aspekt des „Tätig-sein-Wollens“. Jemand will etwas erreichen. Der Film „Das Streben nach Glück“ mit Will Smith zeigt diesen unbändigen Willen. Der Sinn des Lebens wird hier als Eigenleistung dargestellt.

Konstantin Kolenda (Philosoph) erklärt die Eigenleistung folgendermaßen:
„Seinen Weg finden“.
„seinen“ deutet auf Individualität hin,
„finden“ meint Aktivität und
„Weg“ bedeutet Kontinuität.
Alles das sind Eigenleistungen.

Wir merken uns: Sinnfindung ist Eigenleistung, die uns niemand abnehmen kann. Ein Faktor der Sinnfindung ist Arbeit. Wir können uns aber unterschiedliche Lebenswege anschauen und nach „Glück streben“. Was dieses Glück ist, das entscheiden wir selbst. Die Verantwortung tragen wir dabei ebenfalls selbst.

Den Sinn des Lebens gibt es nicht auf Rezept!

tmd.

Quelle: CamMW, Youtube

Sinnsuche und Moral – methodische Überlegungen

Warum und wozu leben wir? ist eine einfache Frage. Die Antworten sind viele und oft auch kompliziert. Sie sind der Sinn, den wir dem Leben geben. Man kann die Antworten ordnen, zusammenfassen und gelangt so zu den beiden Hauptgruppen, die im Ethikunterricht erarbeitet werden.

  • Konventionelle Antworten
    (mein Haus, meine Familie, meine Karriere usw.)
  • Philosophische Überlegungen
    (Gutes tun, die Welt retten, …)

Darüber kann man dann diskutieren, kann feststellen, dass nicht jeder denselben Sinn im Leben erkennt. Das Ergebnis der Veranstaltung ist: Soll doch jeder machen, was er will, solange es erlaubt ist. Und außerdem: Was hat das alles mit Moral zu tun?

An diesem Punkt könnte man also das Thema als erledigt betrachten und sich wichtigeren Dingen zuwenden.

Ein Philosoph wie Aristoteles wäre erstaunt, dass wir uns nicht darum kümmern, unserem Leben einen Sinn zu geben, um glücklich zu werden. Ein „anything goes“ gibt es bei Aristoteles nicht. Glücklich ist der Mensch nämlich nur, wenn er sein Leben auf eine bestimmte Art und Weise führt. Gemeint ist ein tugendhaftes Leben. Die Tugenden des Aristoteles (gerecht, klug, maßvoll, tapfer) stoßen heutzutage nicht mehr auf ungeteilte Begeisterung. Statt über Tugenden wird heute über Werte geredet. Werte werden dann so behandelt, als ob man sie ohne Übung besitzen kann.

Tugenden einüben im Unterricht und für Noten? Das ist ein grundsätzliches Problem. Moralisches Handeln lässt sich zwar bewerten aber nicht benoten. Deshalb ist das Thema Sinnsuche auch so sperrig. Es ist zwar wichtig, aber auch privat.

Es ist aber nicht mehr nur privat, wenn junge Menschen Salafisten in den Krieg folgen, weil sie deren Propaganda nicht durchschauen. Sinnsuche und -findung ist also einerseits das private „Erkenne dich selbst“, andererseits ist es Aufklärung (= selbst denken) durch Wissenszuwachs.

Um diese Wissensvermehrung geht es im Thema Sinnfindung und Probleme und Risiken bei der Sinnsuche.

Mädchen blickt in RIchtung Sonnenuntergang
Suche nach dem Sinn des Lebens – Quelle: Skitterphoto, Pixabay

Soziologie und Psychologie sind die Wissenschaften, die Handreichungen bieten, mit der Sinnfindung zurechtzukommen. Das einfache Schema von Maslow beispielsweise, das meist verwendet wird, kann dabei helfen, die eigene Sicht der Dinge zu reflektieren (darüber nachzudenken).
Gleiches gilt für die soziologischen Untersuchungen zu den jugendlichen Gegenwelten. Das Kommen und Gehen von Altersgruppen (in der Soziologie Kohorten genannt) erkennen, hilft die eigene Rolle in einer solchen „Gegenwelt“ besser zu verstehen („verorten“ ist das Fachwort) und auch selbstverantwortlich verändern.

Immer wieder ist es interessant gewesen, die verschiedenen Modezyklen zu untersuchen. Jede Generation versucht sich so von der Elterngeneration abzugrenzen, was heutzutage allerdings sehr viel schwerer ist, weil die Modetrends die Altersgrenzen überwunden haben.

tmd.

Was ist Wahrheit?

Wie kann ich feststellen, ob etwas wahr ist, ob jemand die Wahrheit sagt? Wir haben nur vier Möglichkeiten, zu bestimmen, was wahr ist. (Folter, Lügendetektor, Gedankenlesen und dergleichen schließe ich als unwissenschaftlich aus)

Kirchenfenster, Alfa & Omega, Wahrheit
Kirchenfenster in Esslingen – Quelle: 7854, Pixabay

Hier die Möglichkeiten, jeweils mit einem  Beispiel.

  • Ich teile ein Stück Kuchen. Es ist unmittelbar einsehbar, dass die Teile kleiner sind als das ursprüngliche Stück Kuchen. Man nennt das Evidenz. Das ist eine einleuchtende Erkenntnis. Evidente Erkenntnisse kann man als wahr bezeichnen.
  • Die Erde, auf der wir leben, ist ein Planet (Himmelskörper) im Universum. Das sagen die meisten Menschen. Sie halten es für wahr. Wenn sehr viele Menschen eine Sache für wahr halten, dann nennt man das Konsens. Konsens kommt vom Lateinischen consentire und heißt übereinstimmen. Einige Naturvölker in Afrika oder Südamerika werden unserer Weltanschauung nicht zustimmen. Das ändert aber nichts daran, dass die Mehrheit der Menschen die Erde für einen Planeten hält. Wenn Konsens über eine Aussage besteht, dann ist die Aussage wahr – aber nur für diejenigen, die dieser Aussage auch zustimmen.
  • Menschen, die sich in großer Not befinden, vielleicht in Gefahr sind zu sterben, denen sollte geholfen werden. Nach einer Flutkatastrophe sind Tausende von Menschen in Not. Also sollten wir denen helfen, die von der Flut betroffen sind. Das ist eine typische ethische Argumentation. Man nennt das einen praktischen Syllogismus, im Unterschied zum logischen Syllogismus. Das Beispiel für einen logischen Syllogismus ist bekannter: (1) Alle Menschen sind sterblich. (2) Sokrates ist ein Mensch. (3) Sokrates ist sterblich. Mit logischen und praktischen Syllogismen können wir rational (mit dem Verstand) argumentieren. Man nennt das schlüssiges und widerspruchsfreies Argumentieren. Eine Aussage ist also wahr, wenn sie nichts Widersprüchliches enthält. Auch hier gibt es einen Fachbegriff: Kohärenz. Gemeint ist damit, dass Aussagen zusammenhängen (cohaerere, lateinisch für zusammenhängen). Widerspruchsfreie Aussagen sind also auch wahr. Doch Vorsicht: Man kann Aussagen auch so konstruieren, dass sie immun gegen Kritik werden. (Dazu werde ich noch einen gesonderten Beitrag schreiben.)

Diese drei Möglichkeiten, die Wahrheit festzustellen, setzen Verstand (ratio) voraus. Man nennt diese drei Wahrheitstheorien auch epistemische (Erkenntnis) Theorien.

  • Dann gibt es noch die vierte Wahrheitstheorie: die Korrespondenztheorie. Hier vergleiche ich die Welt und Wirklichkeit mit meinem Wissen. Ich mache Erfahrungen. Deshalb nennt man diese Theorie empirische Theorie (Empirie ist altgriechisch und heißt Erfahrung). Diese Theorie ist nicht einfach anzuwenden. Ich will mein Wissen von der Welt mit meiner Wahrnehmung der Welt (wie sie ist) vergleichen. Da kann ich mich sehr schnell täuschen. Beispiel: alle bekannten optischen Täuschungen. Dennoch sollten wir uns den Satz von Thomas von Aquin (lebte im Mittelalter) merken: veritas est adaequatio intellectus et rei = Wahrheit ist die Übereinstimmung des urteilenden Denkens mit der Sache.

tmd.

Moralische Kompetenz setzt Wissen voraus

Wer moralische Probleme nicht sieht, der sucht natürlich auch nicht nach Lösungen. Es ist also manchmal hilfreich, zuerst das Problem genauer zu beleuchten und dann erst die Lösung zu präsentieren.

Bücher, die Wissen enthalten
Moralisches Handeln setzt Wissen voraus – Quelle: ElasticComputeFarm, Pixabay

Wenig hilfreich ist es, Kinder und Jugendliche ohne Anleitung nach Lösungen suchen zu lassen.

Meist ist das Ergebnis eher trivial. Außerdem macht sich schnell ein Relativismus breit, der aus dem freien Suchen nach Lösungen entspringt.

Oder, wie mir mal eine Schülerin sagte: Jeder hat eine andere Meinung. Warum dann aber noch Zeit vergeuden, um diese unterschiedlichen Meinungen auszutauschen.

tmd.