Sinnsuche und Moral – methodische Überlegungen

Warum und wozu leben wir? ist eine einfache Frage. Die Antworten sind viele und oft auch kompliziert. Sie sind der Sinn, den wir dem Leben geben. Man kann die Antworten ordnen, zusammenfassen und gelangt so zu den beiden Hauptgruppen, die im Ethikunterricht erarbeitet werden.

  • Konventionelle Antworten
    (mein Haus, meine Familie, meine Karriere usw.)
  • Philosophische Überlegungen
    (Gutes tun, die Welt retten, …)

Darüber kann man dann diskutieren, kann feststellen, dass nicht jeder denselben Sinn im Leben erkennt. Das Ergebnis der Veranstaltung ist: Soll doch jeder machen, was er will, solange es erlaubt ist. Und außerdem: Was hat das alles mit Moral zu tun?

An diesem Punkt könnte man also das Thema als erledigt betrachten und sich wichtigeren Dingen zuwenden.

Ein Philosoph wie Aristoteles wäre erstaunt, dass wir uns nicht darum kümmern, unserem Leben einen Sinn zu geben, um glücklich zu werden. Ein „anything goes“ gibt es bei Aristoteles nicht. Glücklich ist der Mensch nämlich nur, wenn er sein Leben auf eine bestimmte Art und Weise führt. Gemeint ist ein tugendhaftes Leben. Die Tugenden des Aristoteles (gerecht, klug, maßvoll, tapfer) stoßen heutzutage nicht mehr auf ungeteilte Begeisterung. Statt über Tugenden wird heute über Werte geredet. Werte werden dann so behandelt, als ob man sie ohne Übung besitzen kann.

Tugenden einüben im Unterricht und für Noten? Das ist ein grundsätzliches Problem. Moralisches Handeln lässt sich zwar bewerten aber nicht benoten. Deshalb ist das Thema Sinnsuche auch so sperrig. Es ist zwar wichtig, aber auch privat.

Es ist aber nicht mehr nur privat, wenn junge Menschen Salafisten in den Krieg folgen, weil sie deren Propaganda nicht durchschauen. Sinnsuche und -findung ist also einerseits das private „Erkenne dich selbst“, andererseits ist es Aufklärung (= selbst denken) durch Wissenszuwachs.

Um diese Wissensvermehrung geht es im Thema Sinnfindung und Probleme und Risiken bei der Sinnsuche.

Mädchen blickt in RIchtung Sonnenuntergang
Suche nach dem Sinn des Lebens – Quelle: Skitterphoto, Pixabay

Soziologie und Psychologie sind die Wissenschaften, die Handreichungen bieten, mit der Sinnfindung zurechtzukommen. Das einfache Schema von Maslow beispielsweise, das meist verwendet wird, kann dabei helfen, die eigene Sicht der Dinge zu reflektieren (darüber nachzudenken).
Gleiches gilt für die soziologischen Untersuchungen zu den jugendlichen Gegenwelten. Das Kommen und Gehen von Altersgruppen (in der Soziologie Kohorten genannt) erkennen, hilft die eigene Rolle in einer solchen „Gegenwelt“ besser zu verstehen („verorten“ ist das Fachwort) und auch selbstverantwortlich verändern.

Immer wieder ist es interessant gewesen, die verschiedenen Modezyklen zu untersuchen. Jede Generation versucht sich so von der Elterngeneration abzugrenzen, was heutzutage allerdings sehr viel schwerer ist, weil die Modetrends die Altersgrenzen überwunden haben.

tmd.

Was ist Wahrheit?

Wie kann ich feststellen, ob etwas wahr ist, ob jemand die Wahrheit sagt? Wir haben nur vier Möglichkeiten, zu bestimmen, was wahr ist. (Folter, Lügendetektor, Gedankenlesen und dergleichen schließe ich als unwissenschaftlich aus)

Kirchenfenster, Alfa & Omega, Wahrheit
Kirchenfenster in Esslingen – Quelle: 7854, Pixabay

Hier die Möglichkeiten, jeweils mit einem  Beispiel.

  • Ich teile ein Stück Kuchen. Es ist unmittelbar einsehbar, dass die Teile kleiner sind als das ursprüngliche Stück Kuchen. Man nennt das Evidenz. Das ist eine einleuchtende Erkenntnis. Evidente Erkenntnisse kann man als wahr bezeichnen.
  • Die Erde, auf der wir leben, ist ein Planet (Himmelskörper) im Universum. Das sagen die meisten Menschen. Sie halten es für wahr. Wenn sehr viele Menschen eine Sache für wahr halten, dann nennt man das Konsens. Konsens kommt vom Lateinischen consentire und heißt übereinstimmen. Einige Naturvölker in Afrika oder Südamerika werden unserer Weltanschauung nicht zustimmen. Das ändert aber nichts daran, dass die Mehrheit der Menschen die Erde für einen Planeten hält. Wenn Konsens über eine Aussage besteht, dann ist die Aussage wahr – aber nur für diejenigen, die dieser Aussage auch zustimmen.
  • Menschen, die sich in großer Not befinden, vielleicht in Gefahr sind zu sterben, denen sollte geholfen werden. Nach einer Flutkatastrophe sind Tausende von Menschen in Not. Also sollten wir denen helfen, die von der Flut betroffen sind. Das ist eine typische ethische Argumentation. Man nennt das einen praktischen Syllogismus, im Unterschied zum logischen Syllogismus. Das Beispiel für einen logischen Syllogismus ist bekannter: (1) Alle Menschen sind sterblich. (2) Sokrates ist ein Mensch. (3) Sokrates ist sterblich. Mit logischen und praktischen Syllogismen können wir rational (mit dem Verstand) argumentieren. Man nennt das schlüssiges und widerspruchsfreies Argumentieren. Eine Aussage ist also wahr, wenn sie nichts Widersprüchliches enthält. Auch hier gibt es einen Fachbegriff: Kohärenz. Gemeint ist damit, dass Aussagen zusammenhängen (cohaerere, lateinisch für zusammenhängen). Widerspruchsfreie Aussagen sind also auch wahr. Doch Vorsicht: Man kann Aussagen auch so konstruieren, dass sie immun gegen Kritik werden. (Dazu werde ich noch einen gesonderten Beitrag schreiben.)

Diese drei Möglichkeiten, die Wahrheit festzustellen, setzen Verstand (ratio) voraus. Man nennt diese drei Wahrheitstheorien auch epistemische (Erkenntnis) Theorien.

  • Dann gibt es noch die vierte Wahrheitstheorie: die Korrespondenztheorie. Hier vergleiche ich die Welt und Wirklichkeit mit meinem Wissen. Ich mache Erfahrungen. Deshalb nennt man diese Theorie empirische Theorie (Empirie ist altgriechisch und heißt Erfahrung). Diese Theorie ist nicht einfach anzuwenden. Ich will mein Wissen von der Welt mit meiner Wahrnehmung der Welt (wie sie ist) vergleichen. Da kann ich mich sehr schnell täuschen. Beispiel: alle bekannten optischen Täuschungen. Dennoch sollten wir uns den Satz von Thomas von Aquin (lebte im Mittelalter) merken: veritas est adaequatio intellectus et rei = Wahrheit ist die Übereinstimmung des urteilenden Denkens mit der Sache.

tmd.

Moralische Kompetenz setzt Wissen voraus

Wer moralische Probleme nicht sieht, der sucht natürlich auch nicht nach Lösungen. Es ist also manchmal hilfreich, zuerst das Problem genauer zu beleuchten und dann erst die Lösung zu präsentieren.

Bücher, die Wissen enthalten
Moralisches Handeln setzt Wissen voraus – Quelle: ElasticComputeFarm, Pixabay

Wenig hilfreich ist es, Kinder und Jugendliche ohne Anleitung nach Lösungen suchen zu lassen.

Meist ist das Ergebnis eher trivial. Außerdem macht sich schnell ein Relativismus breit, der aus dem freien Suchen nach Lösungen entspringt.

Oder, wie mir mal eine Schülerin sagte: Jeder hat eine andere Meinung. Warum dann aber noch Zeit vergeuden, um diese unterschiedlichen Meinungen auszutauschen.

tmd.