Wir alle spielen Theater – Teil 4

Erving Goffman hat in seinem Klassiker der Soziologie „The Presentation of Self in Everyday Life“ den Vergleich mit dem Theater aufgemacht. Verwendet man diese Perspektive, dann gibt es einen „Nicht-Spieler“ eigentlich nicht. Denn Menschen müssen Rollen annehmen und verwenden, weil es außerhalb von Rollenübernahme kein soziales Zusammensein gibt. Erwartungen, die wir an andere stellen, Leistungen, die wir für andere erbringen, das ist der „Kitt der Gesellschaft“.
Aber Goffman kannte die philosophische Diskussion um die Frage, ob es hinter den Rollenmasken einen „eigentlichen“ Menschen gibt. Einen, der echt und unverstellt ist.

Goffman löst das Problem damit, dass er das „Aussteigen“ aus einer Rolle nicht als die Ausnahme, sondern als die Normalität beschreibt.
Wir alle wechseln ständig die Rollen. Wir sind Arbeitnehmer, Eltern, Freunde, Kameraden usw. Das Besondere daran ist, wir können schwerlich zwei Rollen parallel spielen. Ich will das an einem einfachen Beispiel erklären.

Der Kabarettist Matthias Riechling spielte in seinen Sketchen häufig zwei verschiedene Personen, die miteinander im Gespräch waren. Dabei schlüpfte er jeweils in die eine oder andere Rolle der beiden Gesprächspartner und zeigte den Wechsel seinem Publikum an, indem er Gestik, Sprache und Mimik auffällig veränderte. Er hat seinen Rollenwechsel also angezeigt, signalisiert. Und: Sein Publikum machte mit, es spielte die Rolle des Publikums. Genau das wird von ihm erwartet.
Das lässt sich auf das Alltagsleben übertragen. Wir spielen eine bestimmte Rolle vor einem bestimmten Publikum. Spielen wir die falsche Rolle (eine, die zu einem anderen Publikum passt), dann reagiert das Publikum mit Sanktionen.

Wie verhält es sich nun mit dem „Nicht-Spieler“. Hierbei gibt es zwei Möglichkeiten.

  • Der Nichtspieler fällt buchstäblich „aus der Rolle“. Das heißt, wir haben bestimmte Leistungen von ihm erwartet, die er nicht erbringt. Er hat die Spielregeln verletzt. Sanktionen sind die Folge, wenn er nicht in seine Rolle zurückkehrt oder eine andere, vom Publikum akzeptierte, Rolle einnimmt.
  • Der Nichtspieler signalisiert seinem Publikum, dass er die von ihm erwartete Rolle verlassen wird. Seine Ankündigung ist: „Ich spiele jetzt eine andere Rolle.“ Beispiele sind: der Schauspieler, der Provokateur, der „ich bin dann mal weg“-Typ.

Was sehen wir? Auch der Nichtspieler übernimmt wieder eine Rolle, im für ihn günstigen Fall eine neue Rolle oder eine Rolle, die eine andere Rolle stark verändert, wobei das Publikum mitspielt. Im Falle des „ich bin dann mal weg“-Typ wurde aus der Rolle des „Nicht-Mitspielers“ eine vom Publikum voll akzeptierte neue Rolle. Das ist ein Fall von erfolgreicher Rollengestaltung.

tmd.

Wir alle spielen Theater – Teil 3

In Freizeit, Schule und später im Beruf stellen meine Mitmenschen unterschiedliche Anforderungen an mich, denen ich nachkommen muss. Ich erbringe Leistungen entsprechend der Erwartungen, die an mich gestellt werden. Aber ich erwarte gleiches von meiner sozialen Umwelt.

Ich erwarte, dass mich der Taxifahrer dorthin bringt, wo ich hin will. Ich erwarte sogar, ohne vorher gefragt zu haben, dass der Taxifahrer einen Führerschein und eine Berechtigung zum Taxifahren hat. Das Bild, das ich mir vom Taxifahrer mache, ist also viel umfangreicher, als aus dem kurzen Gespräch mit ihm (Fahren sie mich zum Flughafen!) deutlich wird.
Alles das, was ich von jemandem erwarte, dass er es leistet, das nennt man eine soziale Rolle. Leistungen und Erwartungen entsprechen sich also.

Was ist aber, wenn jemand unsere Erwartungen nicht erfüllt, wenn er die Leistung, die er in seiner Rolle zu erbringen hat, eben nicht erbringt? Dann reagieren wir grundsätzlich mit Kritik, wir weisen den anderen zurecht, oder wir sind erstaunt, dass jemand sich nicht an die „Spielregeln“ hält. In manchen Fällen versuchen wir die Verletzung der Spielregeln zu übersehen. Wir tun so, als ob wir die Regelverletzung nicht bemerkt haben. Soziologen nennen das „healing“. Damit ist gemeint, dass wir die Rolle des andern, der gerade „aus der Rolle gefallen“ ist, stabilisieren wollen. Erst wenn der andere keine Anstalten macht, die Verletzung meiner Erwartungen durch Leistungen wieder gut zu machen, dann drohe ich mit Bestrafung, fachsprachlich „Sanktionen“. Werde ich aber auch belohnt, wenn ich alles richtig mache? Eigentlich nicht. Denn das „alles richtig machen“ gehört schließlich zu meiner Rolle. Das wird von mir erwartet. Soziologen haben aber auch das richtige „Rollenverhalten“ mit einem Fachwort belegt: Gratifikation (=Belohnung). Warum spiele ich brav meine Rolle, wenn ich nicht dafür belohnt werde? Weil ich am allgemeinen „Rollenspiel“ mitmachen will, das heißt, ich darf am sozialen Leben teilnehmen, ich werde nicht ausgeschlossen. Das Teilnehmen an der Gesellschaft ist für uns fast aus dem Blickfeld geraten. Wir sind es einfach gewohnt „mitzumachen“. Wir „wertschätzen“ kaum, was antike Philosophen als unverzichtbar bezeichnet haben. Der Mensch ist ein „politisches Wesen“.

Eine Rolle spielen
Rollenspiel – Quelle: Unsplash, Pixabay

Zurück zur sozialen Rolle. Es gibt Rollen, an die werden sehr viele verschiedene Erwartungen gestellt. Ein Lehrer muss fordern und fördern, heißt es. Er muss Autorität aber auch Vorbild sein. Er darf nicht Kumpel sein, aber auch nicht Oberlehrer. Zusammengenommen bilden diese verschiedenen Erwartungen ein „Rollenbündel“. In diesem Rollenbündel dürfen sich die Erwartungen nicht widersprechen.

Man hat jedoch nicht nur eine Rolle. Ein Lehrer ist auch Privatmensch, Vater/Mutter, Freund/Freundin usw. Diese Rollen können sich allerdings widersprechen. Bekanntestes Beispiel sind die Rollen, die man im Beruf spielt und die als Elternteil. Diese beiden Rollen zu vereinen, ist nicht so einfach. Auch heute, in Zeiten der Gleichberechtigung, sagen viele Frauen, dass sie sich einen Beruf ausgesucht haben, in dem sie Zeit für die Familie haben. Neuerdings ergeben Meinungsumfragen, dass auch Männer die Familie als wichtiger erachten als den Beruf.

Lange wurde in der Philosophie und Soziologie darüber diskutiert, ob es so etwas wie den „eigentlichen“ Menschen hinter den Rollen gibt. Eine Rolle „spielen“ legt schließlich nahe, dass es nur Spiel ist, dass man es auch sein lassen kann und nicht mehr spielt. Aber was ist dann?
Es gibt hinter den Rollenmasken, die wir ständig tragen und auch je nach Situation wechseln, nichts. Wir sind auf die Rollenmasken angewiesen. Keine Rolle spielen und sich „echt“ verhalten, ist die Rolle des „Nichtspielers“. Auch an sie stelle ich Erwartungen und hoffe auf Leistungen.

Kleine Aufgabe zum Nachdenken: Beschreibe die Rolle des „Nichtspielers“.

tmd.

Wir alle spielen Theater – Teil 2

Me - you - we
Die anderen und ich – Quelle: geralt, Pixabay

Soziale Interaktion: Ich und die anderen.
Leistungen und Erwartungen sind also wechselseitig und sind gebündelt, solange sie sich nicht widersprechen. Es lässt sich jedoch nicht vermeiden, dass ich unterschiedliche Rollen übernehme oder übernehmen muss, die sich sehr wohl widersprechen können. Daraus entstehen dann die sogenannten Spannungsfelder von Rollen. Das sind die „intrapersonalen“ Konflikte. Sie äußern sich letztlich in Dilemma-Situationen und einem schlechten Gewissen, was wiederum zu Normenkollisionen führt und letztlich im Gewissensmissbrauch enden kann.

Soll ich, kann ich, darf ich einem Menschen helfen, mit dem ich befreundet bin, der aber straffällig geworden ist und ich auf der Seite der Strafverfolgung arbeite?

Soziale Interaktion: Ich mit mir selbst.
Erwartungen, die ich an mich selbst richte, muss ich auch selbst mit Leistung bedienen. Dass es sich hier um Erwartungen handelt, die mir anerzogen wurden, weiß ich zwar, aber (siehe Freud und das Gewissen) ich habe die Erwartungen internalisiert (in mich eingepflanzt).
Mittels dieser internalisierten Erwartungen baue ich mir eine eigene Identität. Ich bin das, wozu andere mich gemacht haben, aber auch das, wozu ich mich selbst erfunden habe.

Überwiegt bei diesem Identität bildenden Prozess meine eigene Aktivität, dann habe ich unter Umständen eine stabile Persönlichkeit. Überwiegt dagegen die passive Anpassung, dann leide ich unter meiner anerzogenen Identität.

Die Folgen eines anerzogenen Rollensets sind fehlende soziale Kompetenz und schwere psychische Schäden. Bekanntestes Beispiel ist die leere Persönlichkeit, der Narzist. Narzissmus ist hier nicht die mythologische Selbstliebe, sondern das krankhafte Festhalten an antrainierten Rollenmustern. Diese antrainierten Rollenmuster sind (bildlich) die Hülle für eine ansonsten leere Identität. Eine Veränderung der Rollenmuster stellt für einen Narzisten eine Katastrophe dar, weil er seine Ich-Identität in Gefahr sieht. Er löst sich buchstäblich auf. Er kann aus sich heraus keine neuen Rollen aufbauen.

Wer dagegen seine Ich-Identität aktiv selbst gestaltet hat, kann auch Veränderungen vornehmen. Identitätsbildung ist also aktives Rollenmanagement und Rollen-building.

tmd.

Wir alle spielen Theater – Teil 1

(Anm.: Die Überschrift dieses Beitrags bezieht sich auf den Titel der deutschen Übersetzung des Soziologie-Klassikers von Erving Goffman, The Presentation of Self in Everyday Life, 1959)

Im Folgenden ist das Basiswissen zum Thema soziale Rolle zusammengefasst. Dabei ist der Bezug zum moralischen Handeln ausgeblendet. Das wird in einem anderen Beitrag erfolgen. Hier geht es nur darum, zu verstehen, dass soziale Rollen nicht angeboren sind, sondern Eigenleistungen von Menschen sind.

Theater, Rolle spielen
Spiel deine Rolle – Quelle: Unsplash, Pixabay

Seine Rollen muss man spielen, wie ein Schauspieler.

Unsere Erwartungen an die Handlungen anderer Menschen entsprechen den Leistungen, die diese anderen Menschen für uns erbringen sollen. Unsere Leistungen anderen Menschen gegenüber entsprechen folglich den Erwartungen, die von anderen Menschen an uns gerichtet werden. Leistungen und Erwartungen sind also wechselseitig aufeinander bezogen.

Man kann Erwartungen, die sich nicht widersprechen (also nichts Widersprüchliches verlangen) zu sogenannten Erwartungsbündeln zusammenfassen. Diese Erwartungsbündel sind soziale Rollen. Sozial sind diese Rollen deswegen, weil sie uns nicht von Natur gegeben sind, sondern von Menschen gemacht wurden und werden. (Achtung! Rollen ändern sich auch.)

Soziale Rollen – also die gebündelten Erwartungen/Leistungen – können von Menschen übernommen werden oder auch nicht. Wenn ich sie aber übernehme, dann wird von mir erwartet, dass ich die Leistungen, die zu den Erwartungen gehören, auch erbringe.

Beispiel: Schüler/in am Gymnasium. Wer hier mitmachen will, der muss sich an die Regeln halten. Ansonsten wird er für die enttäuschten Erwartungen (keine Leistungen erbringen) bestraft (fachsprachlich: sanktioniert). Im Klartext: Er muss die Schule wegen fehlender Leistungen verlassen. Leistungen sind hier Noten, aber auch angemessenes Verhalten.
Beispiel Berufsleben: Wer sein Geld mit Arbeit in einer frei gewählten Tätigkeit verdienen will, der muss die verlangten Leistungen erbringen, ansonsten wird ihm gekündigt, weil er die Erwartungen enttäuscht hat.

Werden die Leistungen nicht erbracht, dann kommt es also zu Sanktionen (Bestrafungen). Werden die Leistungen erbracht, dann folgen Gratifikationen (Belohnungen). Sanktionen und Gratifikationen stabilisieren das soziale Rollenverhalten. Die Menschen können sich also zunächst darauf verlassen, dass sich alle wechselseitig an die vereinbarten Erwartungen und Leistungen halten.

Jeder Mensch steht aber auch im Zentrum von unterschiedlichen Erwartungen, die zu entsprechenden Erwartungsbündeln, also sozialen Rollen gehören. Man nennt das „das Spannungsfeld der Erwartungen“.
Beispiel: Rolle als berufstätige Mutter, eventuell auch alleinerziehend. Sind die Kinder krank, sieht sie sich widersprechenden Erwartungen gegenüber. Der Arbeitgeber will ihre Arbeitskraft. Ihre Kinder brauchen sie auch.

Was lernen wir?
Rollenverhalten und eine Rolle spielen, das ist nicht angeboren, das muss gelernt werden. Man muss seine Rolle bewusst spielen und Distanz zu seiner Rolle haben (wie ein Schauspieler), damit man sich nicht sklavisch an die Rolle gebunden fühlt, sondern sie eigenverantwortlich auch verändern kann. Denn: Rollenverhalten ist eine Eigenleistung des Menschen.

tmd.

Der Kompetenzzuwachs nähert sich dem Erdmittelpunkt

Rollenspiel als Methode im Ethikunterricht ist grundsätzlich ungeeignet.

War das Thema Sinnsuche schon sperrig und privat, so ist das Thema „verfehlte“ Sinnfindung um so sperriger wie privater es ist. Ich habe in einem Ethikbuch den Vorschlag gefunden, dass die SuS gemeinsam Beispiele zusammentragen sollen für verfehlte Sinnfindung. Anschließend sollen dann in Rollenspielen die Probleme exemplarisch gelöst werden.

Zwei Dinge muss man vorab klarstellen.

Erstens: Die Merkmalsausprägungen von verfehlter Sinnfindung lassen sich nur schwer in wenige Gruppen ordnen. Es gibt Depression, Sucht in allen nur denkbaren Formen, Neurosen, psychosomatische Erscheinungen (Körper reagiert mit Krankheit auf seelische Schmerzen), soziale Vereinsamung bis zu sozialem Absturz. Die Kategorien lassen sich leicht erweitern und differenzieren. Erschwerend kommt hier noch hinzu, dass beispielsweise das Merkmal Depression eine Folge von verfehlter Sinnfindung, aber auch die medizinische Ursache dafür sein kann.

Zweitens: Ursache der verfehlten Sinnfindung sind Störungen im Prozess des Erwachsenwerdens (Identitätsbildung). Natürlich gibt es diese Identitätsprobleme auch bei älteren Menschen, aber das ist hier nicht unser Thema. Kinder und Jugendliche reagieren besonders empfindlich auf Themen dieser Art. Deshalb nenne ich sie sperrig und privat. Im Klartext: Das geht niemanden was an! Zu Recht sind die Gespräche von Psychologen (auch an Schulen) mit ihren Klienten (hier Kinder und Jugendliche) top secret.

Heft mit Geheimnissen
Top Secret – Quelle: PeteLindforth, Pixabay

Vor diesem Hintergrund soll also dieses sehr spezielle Thema abgehandelt und erklärt werden. Vor diesem Hintergrund sollen also Kinder ein Rollenspiel planen und aufführen, in dem es um sehr private Dinge geht.

Und wozu das ganze? Um Empathie (Mitgefühl) und Perspektivwechsel einzuüben. Auch hier wieder Klartext: „Wie geht es mir, wenn ich süchtig bin“, soll erlebt und nachempfunden  werden. Natürlich nur im Spiel.
Die Ernsthaftigkeit dieses Unternehmens seitens der Kinder geht gegen Null. Der Kompetenzzuwachs nähert sich dem Erdmittelpunkt.

Was wäre die Alternative? Bücher lesen! Die Literatur ist voll von Beispielen der verfehlten Sinnfindung. Deutschlehrer/innen können aus dem Stegreif ein Dutzend Bücher nennen mit passenden Themen.
Statt dessen sollen Kinder ohne viel Input zum Thema einen Output produzieren in Form eines Rollenspiels.

tmd.

Das Leben ist kein Spiel

Roulette – nichts geht mehr
Rien ne va plus – Quelle: stux, Pixabay

NICHTS GEHT MEHR!
oh, schade, das Spiel ist aus?
NEIN! DAS WAR KEIN SPIEL. ES IST AUS. ENDE!

Grenzsituationen beschreiben, das ist nur möglich mit Vergleichen. Mit Vergleichen jedoch, die nie an die Wirklichkeit heran reichen. Grenzsituationen sind letztlich Todeserfahrungen, Erfahrungen absoluter Schuld, unabwendbaren Leides. Aber ihnen – diesen Erfahrungen – folgt nicht die Rettung. Es folgt der Tod, das Leiden, die immer währende Schuld.

Paolo Giordano hat das Problem in „Die Einsamkeit der Primzahlen“ literarisch umgesetzt. In seinem Buch gibt es nicht einmal die Andeutung eines happy end. Der Film dazu – überwiegend eindrucksvoll beklemmend – will einen aber nicht ohne einen Funken Hoffnung entlassen. Das ist aber nicht die Realität.

Viele verwechseln Grenzsituationen auch mit Grenzerfahrungen. Das sind beispielsweise die Erfahrungen, die ein Marathonläufer macht. Er geht an seine Grenzen. Er spürt die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit. Aber er ist nicht am Ende.

Grenzsituationen, das sind Leid, Tod, Schuld. Karl Jaspers nennt sie die „tragische Trias“. In diesen Grenzsituationen fühlt sich der Mensch ohnmächtig. Ohnmächtig, das meint „ohne Macht“. NICHTS GEHT MEHR.

Was tun in solchen Situationen? Victor Frankl, Fachmann für solche Fragen, verweist auf die Pflicht jedes Menschen in solchen Situationen nicht zu verdrängen, aufzugeben. Jaspers sagt, man dürfe nicht die Situation verschleiern oder ihr ausweichen. Frankl zitiert in diesem Zusammenhang einen Aphorismus von Hölderlin: Wer auf sein Leid tritt, tritt höher. Aus der Erkenntnis von Schuld folgt Verantwortung.
Doch das setzt absolute moralische Haltung voraus. Die wird gerade in unseren Zeiten nicht hochgehalten. Bob Dylan – er hat in diesem Jahr den Literaturnobelpreis erhalten – verdichtete den Gedanken der Verantwortung – auch gegen den Widerstand der Mehrheit – in „All Along The Watchtower“.

„No reason to get excited, “ the thief, he kindly spoke, „There are many here among us, who feel that life is but a joke. But you and I, we’ve been through that, and this is not our fate, So let us not talk falsely now, the hour is getting late.“ (Bob Dylan, 1967)
(Hervorhebungen von mir)

Dem Leben einen Sinn geben, das ist in Grenzsituationen hoch problematisch. Wir neigen dazu, den Sinn zu „konstruieren“. Das birgt aber gerade die Gefahr in sich, dass wir die Situation irgendwie verschleiern. Frankl tut sich dabei in der Lösungssuche einfach. Er sagt, dass „Sinn“ gefunden werden muss. Das lässt an Offenbarung oder Erleuchtung denken. Das widerspricht aber dem rational denkenden, aufgeklärten Menschen.

Manchmal muss es einfach ausreichen, Gedankengänge nachzuvollziehen und Lösungswege kennenzulernen ohne sofort eine praktische Handlungsanweisung daraus abzuleiten.

tmd.

Der Weg zur Selbstverwirklichung: Tugenden üben!

Selbstverwirklichung heißt: Die Tugenden der Gerechtigkeit, Klugheit, Tapferkeit, Mäßigung einüben. Das Ziel: Ein glücklicher Mensch werden.

Selbstverwirklichung ist ein Thema, das nicht sofort und unmittelbar den Bezug zur Moral offenlegt. Oder einfach gesagt: Was hat denn das mit Ethik zu tun?

Ehrlicherweise müsste man dann sagen: Mit unseren heutigen Vorstellungen von Moral hat es in der Tat nicht viel zu schaffen. Aber ein antiker Mensch zur Zeit von Aristoteles, der wäre umgekehrt erstaunt darüber, dass wir die Selbstverwirklichung nicht zur Ethik rechnen.
Wenn wir Selbstverwirklichung als Grund für ein glückliches Leben sehen, dann sind wir der Sache schon näher gekommen. Denn der antike Mensch wollte glücklich sein und nahm an, dass es durch tugendhaftes Leben auch zu erreichen ist.

Gotische Malerei
Die Tugenden, gotische Malerei – Quelle: makamuki0, Pixabay

Und wie ist es heute? Von den Tugenden der Mäßigung, Tapferkeit, Klugheit und Gerechtigkeit bleibt nicht viel übrig. Gerechtigkeit wird als Wert wahrgenommen, und zwar in einer Weise, die nichts mehr mit „Aneignung“ zu tun hat. Es wird nicht darüber geredet, wie das gerecht „sein“ sich vollzieht. Es ist eine Handlung! Nicht ein Gegenstand, den man hat oder nicht. Gerechtigkeit muss eingeübt werden! Es reicht eben nicht, das Wort auf ein Poster zu malen und an die Wand zu hängen.
Die anderen Tugenden? Passen überhaupt nicht in das moderne Projekt der Selbstverwirklichung. Klugheit wird von Quiz-Wissen ersetzt. Tapferkeit ist durch unsere Vergangenheit schwer beschädigt aus dem Verkehr gezogen worden. Mäßigung ist von der Gesundheitslobby instrumentalisiert auf reines Ernährungsverhalten reduziert worden.
„Jeder Mensch soll sich ein Ziel stecken und es verwirklichen. Das ist der Sinn des Lebens.“ Auf diesen Kernsatz reduziert ist vom Projekt der Antike – über das Einüben von Tugenden ein guter und glücklicher Mensch zu werden – nicht mehr viel übrig geblieben.

Wo kann man die Tugenden einüben? Im Alltag! Überall!
Warum wird es nicht gemacht? Weil man sehr schnell an seine Grenzen stößt. Es ist eben einfacher, dumm, feige und maßlos zu sein. Und die Gerechtigkeit haben wir ja schon als Poster an die Wand gehängt. Dann schreiben wir noch schnell die anderen drei außer Mode gekommenen Tugenden hinzu und fertig ist das Thema.

Halt: Wir können doch ein Rollenspiel skizzieren und ansatzweise vorführen. Gut sind wir!

tmd.

Strategie der Sekten – Herstellung einer neuen Identität

Das Ziel jeder Sekte ist es, den Willen der Mitglieder zu brechen. Die Strategie: Das Opfer langsam und unauffällig aus ihrem früheren Umfeld ziehen.

„Habt ihr denn gar nichts gemerkt? Ist euch nichts aufgefallen? Er (sie) muss sich doch verändert haben?“ Diese Fragen hören Eltern, deren Kinder in eine Sekte eingetreten sind und plötzlich verschwunden sind.
Nein! Sie haben nichts gemerkt. Sie konnten nichts merken. Seitdem in Deutschland Jugendliche von Salafisten dazu verführt wurden, ihr Leben für den IS in Syrien zu opfern, ist die Strategie von Sekten und Fundamentalisten näher ausgeleuchtet worden.

Zur Strategie gehört es, dass die Neuen in der Gruppe zunächst ein Doppelleben führen müssen. Das heißt, sie müssen in ihrem bisherigen Leben weiterhin die Rolle spielen, die ihr Umfeld von ihnen erwartet. Gleichzeitig sollen sie nach und nach in die Sekte durch Manipulation eingebunden werden. Das hat einen Sinn. Der Neue muss davor geschützt werden, dass sein bisheriges Umfeld ihn auf die Sinnlosigkeit seines Tuns hinweist. Solange das Opfer noch nicht vollständig in die Gruppe eingebunden ist, besteht die Gefahr, dass Eltern und Freunde mit ihr/ihm über die Inhalte der Sekte diskutieren. Sehr schnell würde in solchen Diskussionen die Botschaft der Sekte also Ideologie enttarnt werden. Das muss die Sekte verhindern.

In den Fällen, in denen Jugendliche in die Fänge der Salafisten geraten waren, haben die Opfer erst sehr spät bzw. gar nicht offengelegt, dass sie zu den Fundamentalisten gewechselt waren.

Gottesanbeterin
Lass dich nicht fressen – Quelle: bella67, Pixabay

Ist ein junger Mensch erst einmal in der Sekte fest verankert, dann wird er aus seinem bisherigen Umfeld abgezogen. Er wird von der Sekte hermetisch abgeschirmt und kontrolliert. Kein Kontakt zu seinem früheren Leben soll mehr möglich sein. Auch das hat seinen Sinn.
Ideologien sind von der Struktur und Systematik her angreifbar. Ein letzter Zweifel an der Ideologie der Sekte bleibt immer. Hier müssen also Vorkehrungen getroffen werden, dass dieser Zweifel nicht zum Nachdenken anregt.

In ihrem Buch „Mein geheimes Leben bei Scientology und meine dramatische Flucht“ beschreibt Jenna Miscavige Hill diesen Punkt in ihrem Leben, an dem sich Zweifel an der Ideologie von Scientology bei ihr regten. Plötzlich waren ihr die Freunde wichtiger als die Gruppe. Jenna Miscavige ist die Nichte des Nachfolgers von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard, David Miscavige.

Solche Zweifel haben tief verwurzelte moralische Standards. Es gibt Psychologen, die behaupten, dass Mitgefühl und Mitleid angeboren sind.
Genau das müssen die Sekten verhindern, dass nämlich diese Zweifel aufkommen.

Es wird zum Beispiel viel Mühe darauf verwendet, den Sektenmitgliedern Handreichungen zu bieten im Umgang mit der Kritik der Umwelt. Einem frischen Salafisten muss immer wieder „eingetrichtert“ werden, dass es erlaubt ist, Nicht-Gläubige (und das sind alle Nicht-Moslems) zu töten.
Erstaunlich ist aber auch, dass viele Rückkehrer aus dem IS-Kalifat desillusioniert sind. Die Indoktrination hat anscheinend nicht der Realität des grausamen Krieges standgehalten.

Was die Rückkehrer jedoch erzählen und was davon in den Medien berichtet wird, das kommt bei den frisch Angeworbenen nicht an. Denn die sind schließlich auf der Suche nach einem Weltbild, das ihnen weismacht, sie würden bei Befolgung dieser irren Lehrinhalte zu besseren Menschen – und wenn nicht zu besseren Menschen, dann wenigstens zu besseren Toten mit Freifahrt ins Paradies – und den dort auf sie wartenden Jungfrauen.

tmd.

Die Methoden der Sekten – und bei wem sie nicht wirken

Wer mit Identitätsdefiziten zu kämpfen hat, wer keine Freunde hat, wer in der Schule versagt, wer also ein Verlierer ist, der wird schnell zum Opfer von Sekten, neu-religiösen Bewegungen, Psychogruppen und fundamentalistischen Religionsfanatikern.

Sekten werben Mitglieder
Mitgliederwerbung – Quelle: Pavlofox, Pixabay

Aufklärung über Sekten und andere ideologielastige Gruppen ist am besten machbar durch das Nacherzählen von Geschichten über Menschen, die in die Fänge von Sekten geraten sind. Bücher über Aussteiger, z. B. aus Scientology, gibt es etliche. Eine andere Möglichkeit ist, die Methoden offenzulegen, nach denen Sekten neue Mitglieder werben.

Mitgliederrekrutierung ist eine Inszenierung.

  • Dabei spielt die Sekte die WIR-Rolle: Wir sind die Starken. Wir halten zusammen. Wir kennen die Wahrheit. Wir wissen, warum es den anderen so schlecht geht. Und wir sagen es auch! Fundamentalisten gehen meist diesen direkten Weg.
  • Eine andere Inszenierung ist die HELFER-Rolle: Hast du Probleme, dann komm doch mal bei uns vorbei. Ganz unverbindlich natürlich. Kostet nichts! Und wenn du länger bleiben willst … eine Schlafstelle haben wir auch für dich.
  • Besonders heimtückisch ist die entwaffnend ehrliche BESSERWISSER-Rolle. Die geht so: Also weißt du, so kannst du nicht weitermachen. Du musst etwas für deine Gesundheit tun. Und du musst endlich sehen, dass du ein Workaholic bist. Also du musst unbedingt mental „aufräumen“. Komm doch in meine Gruppe! Sieh mich an, mir geht es fantastisch, seitdem ich bei meiner Gruppe bin.

Diese Inszenierungen haben nicht bei jedem Erfolg. Nur wer Probleme hat, wer in Schule oder Ausbildung nicht zurecht kommt, wer keine gefestigte Identität hat, der wird zum Opfer. Wer es nicht gelernt hat, mit Enttäuschungen, Verlusten und Misserfolgen zurecht zu kommen, der wird die Inszenierungen dankbar annehmen.

Aufklärung macht immun gegen das Sekten-Virus.
Kritische junge Menschen, die „selbst denken“ wollen, sind dagegen immun gegen Sekten. Sie sind sogar eine Gefahr für jede Sekte. Wer bei Diskussionen mit Fundamentalisten sein moralisches Basis-Handwerkszeug, das „ethische Argumentieren“ auspackt, der wird schnell verabschiedet. Denn mit jungen Menschen, die logisch argumentieren, wollen Fundamentalisten und Sektierer nichts zu tun haben.

tmd.

10 Fragen an dich

Diskussion
Diskussion – Quelle: Unsplash, Pixabay
  1. Lebst du gerne in einer Gruppe mit starren Regeln?
  2. Bist du zudem bereit, dich unterzuordnen, viel zu leisten und keine Ansprüche zu stellen?
  3. Würdest du für diese Gruppe auch die Regeln und Normen der anderen, die nicht in der Gruppe sind, missachten, weil es der Gruppe hilft?
  4. Möchtest du in einer Gruppe leben, die von einem Menschen geführt wird, der von sich sagt, dass er den vollen Durchblick hat, der eigentlich eine unangreifbare Autorität ist, der eigentlich auf alle Fragen eine Antwort weiß, einfach ein toller Typ, dem du unbedingt folgen willst?
  5. Willst du endlich ganz klar sagen können, dass du den Unterschied von Gut und Böse kennst? Denn du kennst die Weltformel, die Wahrheit. Du willst zwar die andern Menschen, deine Familie und Freunde retten, aber wenn die nicht wollen, dann sollen die doch untergehen.
  6. Kannst du dir vorstellen, jegliches Privatleben für die Gruppe aufzugeben und keinen eigenen Besitz zu haben?
  7. Würdest du strenge Übungen, wie tagelanges Fasten, akzeptieren, wenn es die Gruppe von dir verlangt?
  8. Würdest du den Kontakt zu deiner Familie und zu Freunden abbrechen, weil die nicht in die Gruppe eintreten?
  9. Ist es für dich erstrebenswert in einer Gruppe zu leben, die zur Elite der Menschheit gehört?
  10. Glaubst du, dass nur du und deine Gruppe überleben werden, wenn die Erde untergehen wird?
  • Das hört sich doch alles ganz gut an, sagst du.
  • Dann hast du ein heftiges Problem, antworte ich dir.
  • Welches?, fragst du.
  • Du bist in höchstem Maße gefährdet, in die Fänge einer Sekte zu geraten und du merkst es nicht einmal. Vielleicht bist du schon in einer Sekte.

tmd.