Friedensethik – weich gespülte Statements

Krieg und Religion?
Krieg – Quelle: 753446, Pixabay

Krieg und Religion, das ist kein gefälliges Thema. Denn es wird ein Zusammenhang mit den zwei Wörtern hergestellt, der nach Diskussion drängt, aber irgendwie tabu ist. Die Gläubigen wollen darüber nicht diskutieren, weil damit ihre Religion beschädigt werden kann, die Nicht-Gläubigen scheuen das Thema, weil die political correctness es verbietet.

Vielleicht kann man das Thema konfliktfrei abarbeiten, wenn man sich der Geschichte der Glaubenskriege zuwendet.
Aber man sollte dann vermeiden, aktuelle Konflikte anzusprechen.
Das geht jedoch heute nicht mehr. Die Schlussfolgerung aus der Kenntnis der Glaubenskriege ist nun mal die Frage: Ist das erlaubt, was beispielsweise die IS-Kämpfer anrichten, nur weil sie sich auf den Koran berufen können?

Natürlich nicht!, kommt hier die Antwort. Doch dieser mit Empörung vorgetragenen Zurückweisung des IS-Terrorismus folgt sofort die politisch korrekte Erklärung, die uns freilich in keiner Weise weiterhilft.
Das sei doch nur die falsche Auslegung der heiligen Schrift des Islam, heißt es sofort. Und dann kommt der obligatorische Verweis auf den Dschihad. Da gibt es den friedlichen Dschihad, der ein Kampf des einzelnen Gläubigen ist und zum Ziel hat, ein guter Mensch zu werden. Man kann es nicht mehr hören, dieses weich gespülte Statement. Und die Koranverse, die zum Abschlachten der Christen und Juden auffordern, die sind historisch einzuordnen, haben heute keine Bedeutung mehr. Also bitte keine Aufregung.

Ehrlicherweise muss man an dieser Stelle sagen, so einfach kann man es sich nicht machen. Im Gegenteil: Diese Argumentation öffnet den Fundamentalisten Tür und Tor für ihre krude Ideologie. Denn der Koran ist bei Fundamentalisten das originale Wort Gottes. Nicht etwa eine von Menschen niedergeschriebene Offenbarung. Am Koran darf nichts geändert werden!

Mit dieser Haltung ist der Islam aber nicht reformierbar und bleibt eine hermetisch in sich geschlossene Ideologie, die keinen Widerspruch zulässt. Denn der mögliche Widerspruch oder die vernünftige Kritik ist in diesem System bereits als Immunisierungsstrategie eingebaut. Wer den Koran nicht Wort für Wort glaubt, der hat eben nicht den richtigen Glauben, ist abgefallen. Mehr noch: Wer den Koran nicht in der Version des Hocharabischen lesen kann, der braucht sich als Kritiker überhaupt nicht zu Wort melden. Der versteht nichts, so die Fundamentalisten.

Die muslimischen Kritiker, die den Islam reformieren wollen, stehen da auf verlorenem Posten. Sie fordern Aufklärung. Aber Aufklärung bedeutet, sich aus der Unmündigkeit (der selbst verschuldeten) zu befreien. Das ist eigentlich Kant pur. Liberale Theologen im Islam meinen, die problematischen Texte im Koran sollten neu interpretiert werden und das Mohammed-Bild sollte entdogmatisiert werden, was nichts anderes heißt, als die dunklen Seiten des Propheten zu beleuchten. Beides zählt für Fundamentalisten zu den schlimmsten Beleidigungen des Religionsgründers.

Radikale Kritiker und Aufklärer halten von diesen Reformen wenig. Unmoralische Suren sollen gestrichen werden. Was unmoralisch ist, das soll auch benannt werden.

Doch radikale Aufklärer und liberale Theologen liefern den Ideologen unter den Moslems nur weiter den simplen Beweis, dass die Welt außerhalb des Islam gottlos ist und vernichtet werden soll.
Was tun?

Unter diesen Umständen ist es dann doch angebracht, sich im Ethikunterricht einfachen Aufgaben zuzuwenden – frei von moralischen Ansprüchen. Wir können ja ein Poster malen oder vielleicht ein Rollenspiel einüben, um unserer Betroffenheit Ausdruck zu geben.

tmd.


Quelle: gbs Koblenz, Youtube

Der Tyrann in uns – Das Gewissen bei Freud

Ein ICH mit schweren Gewissenskonflikten wendet sich Rat suchend an sein Unterbewusstsein, auch ES genannt. „Belästige mich nicht mit deinen Problemen“, sagt das Unterbewusstsein. „Frag das ÜBER-ICH, das ist für deine Gewissenskonflikte verantwortlich.“

Quelle: emARTix, YouTube

Sigmund Freud hat Entstehung und Funktion des Gewissens in seinem Modell mit ICH, ÜBER-ICH und ES erklärt. Das Bild, das in den meisten Lehrbüchern zur Ethik dazu abgedruckt wird, ist eigentlich selbsterklärend. In der graphischen Darstellung geht jedoch ein zentraler Gedanke von Freud unter: Der Mensch hat bereits dann ein schlechtes Gewissen und leidet unter diesem schlechten Gewissen, wenn er nur daran denkt (!), etwas zu wollen, was ihm Eltern, Lehrer oder sonstige „Sozialisationsagenten“ verboten haben zu tun. Das funktioniert nur deshalb, weil der Mensch diese Erzieher als ÜBER-ICH im Bewusstsein „introjiziert“ (also verinnerlicht oder auch eingepflanzt) hat. Das schwer Verstehbare daran ist nun, dass der Mensch für diese „Internalisierung“ (anderes Wort für den gleichen Vorgang) teilweise mit verantwortlich ist. Der Mensch holt sich das schlechte Gewissen als Plagegeist selbst ins Bewusstsein. Wie kann das geschehen und welche Konsequenzen für unser moralisches Verhalten ziehen wir aus diesem Wissen?

Schauen wir uns an, wie das Gewissen entsteht.
Das Glücksempfinden ist für das Kleinkind mit Aggression verbunden, behauptet Freud. Warum? Weil das Kind noch keine Grenzen zwischen sich und seiner Umwelt ziehen kann. Einfach ausgedrückt: Die Eltern sind für das Kleinkind Teil seiner selbst. Wenn die Eltern sich plötzlich anders verhalten, als das Kind es will, reagiert es mit Aggression. Gleichzeitig erkennt das Kind, dass es von den Eltern abhängig ist.

Baby weint
Weinendes Baby – Quelle: TaniaVdB, Pixabay

Krawall machen bedeutet unter Umständen, dass sich die Eltern abwenden. Eltern, die sich abwenden, sind aber für das Kleinkind eine existentielle Bedrohung. Und nun geschieht – nach Freud – etwas Sonderbares. Die Aggression, die sich eigentlich gegen die Eltern richtete, wird umgelenkt auf das eigene, sich langsam herausbildende ICH.

Freud schreibt: „Die Aggression wird introjiziert, verinnerlicht, eigentlich aber dorthin zurückgeschickt, woher sie gekommen ist, also gegen das eigene ICH gewendet. Dort wird sie von einem Teil des ICHs übernommen, das sich als ÜBER-ICH dem übrigen ICH entgegenstellt und nun als Gewissen gegen das ICH dieselbe strenge Aggressionsbereitschaft ausübt, die das ICH gerne an anderen, fremden Individuen befriedigt hätte.“ (aus: Das Unbehagen in der Kultur)

Das ist verständlich. Denn das Kind fühlt sich verantwortlich für den drohenden eigenen Untergang, wenn sich die Eltern nicht mehr um es, das Kind, kümmern. Freud sieht hier auch die grundlegende Angst des Menschen vor Liebesentzug. Das Kind fühlt sich also verantwortlich für die Unlustgefühle (Liebesentzug, Zuwendung fehlt). Damit ist der Grundstein gelegt für eine noch viel üblere Komponente im Bewusstsein: das ÜBER-ICH.

Denn der Mechanismus, die Aggressionen, die sich gegen die Eltern oder die Umwelt richten, umzulenken auf die eigene Person, muss dauerhaft aufrechterhalten werden. Hier bildet sich das ÜBER-ICH heraus, das fortan immer darüber wacht, Aggressionen nicht gegen die Umwelt, sondern gegen das eigene ICH zu steuern.

An dieser Stelle ist aber noch nicht klar, warum man ein schlechtes Gewissen hat. Bisher ist nur erklärt worden, warum Sozialisation funktioniert: Kinder wollen der Bestrafung durch Liebesentzug entgehen und lernen, sich angepasst zu verhalten. Damit sind sie „quitt“ mit den Eltern. Der Verzicht auf Aggression bzw. Triebbefriedigung wird mit Zuneigung und Liebe belohnt.

Ein schlechtes Gewissen entsteht jedoch erst dann, wenn Kinder meinen, dass die Eltern wissen, dass sie (die Kinder) eigentlich aggressiv sich durchsetzen wollen, aber es sich nicht trauen aus besagten Gründen. Was Freud so nicht wusste, aber Psychologen nach ihm herausgefunden haben: Jeder Mensch hat die Chance zu verhindern, dass ihm ein dauerhaft schlechtes Gewissen eingepflanzt wird. Kinder lernen nämlich ab dem vierten Lebensjahr, dass sie lügen können und ihre Umwelt grundsätzlich nicht herausfinden kann, was sie (die Kinder) gerade denken. An diesem Punkt der Entwicklung könnten sich Menschen eigentlich frei machen von der Angst, dass man ihre Gedanken liest. Niemand bräuchte mehr ein schlechtes Gewissen zu haben.

Portrait Sigmund Freud
Sigmund Freud – Quelle: Wikipedia

Diese Chance zur Befreiung von einem üblen inneren Tyrannen können nicht alle nutzen. Wenn sich erst einmal das ÜBER-ICH von den konkreten Personen der Umwelt gelöst hat und im Bewusstsein des Menschen ein Eigenleben führt, dann ist es zu spät. Therapeuten erzählen traurige Geschichten von Menschen, die sich beispielsweise ständig von Gott beobachtet fühlen. Bei vielen Neurotikern wird dieser innere Beobachter aber von den Betroffenen selbst nicht mehr als solcher wahrgenommen. Der Arzt muss hierbei mühevolle Seelenarchäologie betreiben.

Die moralischen Konsequenzen sind: Bei der Erziehung sollte das Seelenleben der Kinder im Vordergrund stehen. Das Gewissen ist keine irgendwie dem Menschen angeborene Eigenschaft. Der Schöpfer des Gewissens ist der Mensch selbst. Also kann er es auch beherrschen.
Und: Eine autonome Verarbeitung von unterschiedlichen, sich widersprechenden Normen ist mit einem Tyrannen im eigenen Bewusstsein nicht möglich.
tmd.

Gewissen: eine kritische Auseinandersetzung

Das ist kein Thema, mit dem man sich gerne beschäftigt – auch weil es eine intuitive Erfahrung ist. Intuitiv? Das sind Erkenntnisse, die ohne inneren Dialog, also ohne mein Zutun, ohne Verstand ablaufen. Da läuft also etwas in meinem Gehirn ab, das ich nicht steuern kann? Nein Danke!
Ich soll es pflegen, das Gewissen, heißt es. Wie soll das gehen, wenn es doch intuitiv abläuft? „Gewissen: eine kritische Auseinandersetzung“ weiterlesen

Moralische Kompetenz setzt Wissen voraus

Wer moralische Probleme nicht sieht, der sucht natürlich auch nicht nach Lösungen. Es ist also manchmal hilfreich, zuerst das Problem genauer zu beleuchten und dann erst die Lösung zu präsentieren.

Bücher, die Wissen enthalten
Moralisches Handeln setzt Wissen voraus – Quelle: ElasticComputeFarm, Pixabay

Wenig hilfreich ist es, Kinder und Jugendliche ohne Anleitung nach Lösungen suchen zu lassen.

Meist ist das Ergebnis eher trivial. Außerdem macht sich schnell ein Relativismus breit, der aus dem freien Suchen nach Lösungen entspringt.

Oder, wie mir mal eine Schülerin sagte: Jeder hat eine andere Meinung. Warum dann aber noch Zeit vergeuden, um diese unterschiedlichen Meinungen auszutauschen.

tmd.