Macht mich meine Arbeit glücklich?

Den Unterschied von „arbeiten, um zu überleben“ oder „leben, um sich selbst zu verwirklichen, um tätig zu sein“, kennen wir bereits aus den Beiträgen „Den Sinn des Lebens gibt es nicht auf Rezept“ und „„Sinnsuche und Moral“. In diesen Beiträgen habe ich mich damit beschäftigt, dass Arbeit den Sinn des Lebens beeinflusst, sogar ein wichtiger Faktor ist bei der Frage „Wie wollen wir leben“. Die Frage nach dem „Wie“ ist dabei die philosophische Frage nach dem guten, glücklichen Leben.

Hier in diesem Beitrag werde ich Arbeit soziologisch und psychologisch näher erklären. Beginnen wir mit der Psychologie. Arbeit ist der Gegensatz zur Freizeit. Diese Unterscheidung klingt zunächst einfach, ist es aber nicht. Schnell stellen wir fest, dass unterschiedliche Menschen Arbeit und Freizeit unterschiedlich bewerten. Das geht soweit, dass einige Menschen als Freizeit ansehen, was andere als Arbeit sehen. In der Freizeit im eigenen Garten zu arbeiten ist demnach für den Hobbygärtner etwas anderes als für den Landschaftsgärtner, der damit sein Geld verdient. Objektiv gesehen ist die Arbeit aber dieselbe.

Damit verliert die Unterscheidung von „tätig sein“ und „arbeiten, um zu überleben“ aber die nötige Trennschärfe. Wann ist Arbeit etwas, was mein Leben zu einem guten und glücklichen macht? Die Frage nach der richtigen Arbeitsmoral ist damit noch schwerer zu beantworten.

Es gibt nun weitere Merkmale von Arbeit: Macht, Leistungsdruck, Lohn, Zugang zu Arbeit, Recht auf Arbeit. Diese Merkmale werden oft abgehandelt, ohne die Leitfrage nach dem „Glücklichsein“ zu stellen.
Die Antwort auf die Frage „Bin ich in meinem Job glücklich?“ braucht eine soziologische Fragestellung: Wer fühlt sich in welchem Job unter welchen Bedingungen glücklich. Das ist die zentrale Frage. Es gibt also nicht mehr eine oder zwei Wege durch und mit Arbeit ein gutes/glückliches Leben zu führen, sondern mehrere, die auch unterschiedliche Arbeitsmoralen voraussetzen.

Ein glücklicher Bauer
Ist dieser Bauer glücklich? – Quelle: rottonara, Pixabay

Ist hier noch eine Bewertung möglich? Es gibt einen Ansatz, der in der Diskussion um Arbeitsmoral immer wieder auftaucht und eine Bewertung nahelegt. Wer sein Leben als Herausforderung sieht, tätig zu sein und sich selbst zu verwirklichen, der wird seiner Arbeit gegenüber eher eine Haltung entwickeln, die mit dem alten Wort „Berufung“ beschrieben werden kann.

Wer seine Arbeit als Gelderwerb sieht, um sich damit das einzukaufen, was ihm als Person fehlt – Macht, sicherer Arbeitsplatz, Freizeit – wird seine Arbeit eher als Job bezeichnen. Für ihn ist der Gelderwerb dazu da, beispielsweise in der Freizeit sich die Freiheit einzukaufen, die ihm im Job fehlt.

Meine Merkformel dazu ist: Entweder Freiheit im Beruf oder eine Ersatz-Freiheit in der Freizeit. Der Philosoph Robert Menasse hat diese Formulierung in einem lesbaren Interview im fluter-Heft Arbeit der Bundeszentrale für Politische Bildung verwendet. Sie ist aber auch bei anderen Philosophen zu lesen.

Warum sind diese Überlegungen moralische Überlegungen?, werde ich immer wieder gefragt. Antwort: Es ist eine grundsätzlich moralische Frage, ob ich im Leben glücklich sein will oder kann. Arbeit bestimmt mein Leben. Also sollte ich unbedingt etwas dafür tun, dass ich in der Arbeit zufrieden bin und mich wohl fühle, damit ich daraus „Glücklichsein“ ableiten kann.

Viele Firmen geben heutzutage viel Geld aus, damit sich ihre Mitarbeiter am Arbeitsplatz wohl fühlen. Soll man das glauben, dass es den Vorständen von Weltkonzernen um das Glück der Menschen geht?

tmd.

Über Geisterfahrer auf den Autobahnen der Moral

Verwahrloster Fahrrad-Sattel
Verwahrlost – Quelle: pixel2013, Pixabay

Moralisches Verhalten muss man einüben. Dabei lernt man, den Widerspruch von unterschiedlichen Normen und Werten zu ertragen.

Normenkollisionen beschreiben, das ist deshalb so schwer, weil man die Erfahrung zwar irgendwie beschreiben kann, aber derjenige, der die Beschreibung hört, die Erfahrung nicht nachempfinden kann, wenn er selbst noch nie in einer solchen Situation war. Das erzeugt sehr viel praxisfremdes Gerede. Das langweilt junge Menschen.

Aus diesem Grund habe ich in einem früheren Beitrag (Wir müssen lernen, Normenkollisionen auszuhalten) das Beispiel vom Geisterfahrer gewählt, um die Situation der Normenkollision zu beschreiben. Der Vergleich stammt nicht von mir, sondern vom Jesuiten-Pater Klaus Mertes.
Der Vergleich kann dafür sensibel machen, dass unmoralisches Verhalten schwer zu kritisieren ist, wenn man in der Minderheit ist. Der Konsens als Wahrheits-Indikator ist schwer zu durchbrechen. Deshalb ist es so erstaunlich, dass sich in der Zeit des Nationalsozialismus Menschen trauten, Widerstand zu leisten.

Aber auch bei weit weniger dramatischen Kollisionen auf der Moral-Autobahn ist festzustellen, dass wir uns schwer gegen eine Mehrheit durchsetzen können.

Der Zukunftsforscher Harald Welzer hat das an wirklich einfachen Beispielen herausgearbeitet. Die gesamte ökologische Bewegung musste sich widersetzen gegen eine große Mehrheit. Hier ging es zwar nicht um Leben und Tod, zumindest nicht für die aktuelle Gesellschaft. Aber die Öko-Alternativen konnten moralische Gründe ins Feld führen. Sie sahen die Zukunft der Menschheit in Gefahr. Dabei konnten sie sich auf den Philosophen Hans Jonas berufen. Der hatte in „Das Prinzip Verantwortung“ herausgearbeitet, das der Zeithorizont eines Gesellschaftsvertrages nicht ausreicht. Wir können keinen Vertrag mit der nächsten Generation schließen.

Philosophische Konzepte können keinen Widerstand leisten, das können nur Menschen. Diese Menschen müssen Normen- und Wertekollisionen aushalten. Wer aber einmal erfolgreich Widerstand geleistet hat, der spürt das als Identitätserweiterung und Stabilisierung. Welzer nennt das Selbstwirksamkeit. Einfach ausgedrückt: Man merkt, dass man erfolgreich war.

Den Umgang mit Normenkollisionen kann man eher an einfachen Problemen lernen. Niederschwellige Kollisionen treten ja schon dann auf, wenn es darum geht, einem Mobbing-Opfer zur Seite zu stehen.

Die bloße Kenntnis von Werten ersetzt nicht das Einüben!

Wenn man aber einmal selbst erfahren hat, sich moralisch erfolgreich durchgesetzt zu haben, dann ist das ein Gefühl der Selbstwirksamkeit: Ich schaffe das! Mit diesem Bewusstsein kann man sich auch als Geisterfahrer auf die moralische Autobahn wagen.

tmd.

Herausforderung zum „Selbst Denken“

Kind denkt nach
Selbst denken – Quelle: MrsBrown, Pixabay

Neben dem Gewissensirrtum und -missbrauch gibt es noch die Gewissenspflege. Ich würde es besser Gewissenserziehung nennen. Der Prozess der Erziehung ist dynamisch. Pflege hat den Anstrich des Erhaltens und Bewahrens. Da der Mensch aber in einer Welt lebt, die sich ständig ändert und diese Welt dem darin lebenden Menschen neue Herausforderungen abverlangt, muss das Gewissen auch komplexer werden können, um den wachsenden Ansprüchen gerecht zu werden.
Schlüsselwörter bei der Gewissenspflege sind die Begriffe „präskriptiv“ und „evaluativ“.

Es gibt ein Lehrbuch, in dem der Begriff „präskriptiv“ vom Fehlerteufel umetikettiert wurde. Es ist dort die Rede von der „deskriptiven Funktion“.
Es ist aber ein feiner Unterschied, ob ich vorschreibe (praescribere) oder nur beschreibe (describere).

Was mir mein Gewissen vorschreibt, dem sollte ich folgen. Einer reinen Beschreibung fehlt das Merkmal der Forderung. Die evaluative Funktion ist mit dem Gewissensmissbrauch verknüpft. Hier nämlich bewerte ich meine Handlungen vor dem Hintergrund kollidierender Normenvorstellungen.

(Kleine Anmerkung an dieser Stelle: Gäbe es keine Normenkollisionen, dann gäbe es die betreffenden Normen auch nicht. Was wir daraus lernen: Moral ohne Gut und Böse gibt es nicht. )

An diesem Punkt sieht man, dass Handlungsentscheidung und Handlungsbewertung die beiden Seiten einer Münze sind. Ich kann sie nicht trennen. In dem Moment, in dem ich mich für eine Handlung entscheide, denke ich die Bewertung gleich mit. In den einfachen Modellen der Gewissensfunktion sieht das eher so aus, dass ich handele und dann erstaunt feststelle, dass meine Handlung nicht korrekt war.

Einige Soziologen meinen, dass der Mensch bereits vorgefertigte Handlungsmuster inklusive Beurteilungsmuster in seiner sozialen Umwelt vorfindet und auswählt. Das ist besonders bei Handlungen interessant, die man eigentlich ablehnt und sogar moralisch verurteilt. Beispiel: Tierversuche, um Medikamente zu entwickeln, die Menschenleben retten. Der Missbrauch in Form der Rationalisierung ist hier in die Handlungsbeschreibung schon eingebaut: Menschenleben retten.
Gleiches gilt natürlich auch für die präskriptive Funktion. Eine Handlung auszuführen vor dem Hintergrund einer moralischen Forderung beinhaltet auch gleich die Orientierung an kollidierenden Normen und Werten.

Jetzt, wo wir also Irrtum, Missbrauch und Pflege nebeneinander stellen und verknüpfen können, sehen wir, dass die getrennte Darstellung nur eine analytische Trennung sein kann. Das Gewissen funktioniert nämlich im Multitasking-Modus.

Unsere Entscheidungen und die dazu gehörenden Bewertungen laufen also nicht getrennt voneinander ab. In einer bestimmten Situation sehe ich sofort die präskriptiven und evaluativen Komponenten. Ich kann mir vorstellen, wie es ist, wenn ich so oder anders gehandelt haben werde. Das ist Futur II.

Dieses Modell von Gewissen integriert die fremd-gesetzlichen und autonomen Modelle. Moralische Normen und Werte sind Produkte menschlichen Handelns. Insofern sind wir von ihnen abhängig, als wir die Normen und Werte anerzogen bekommen. Wir sind im Umgang mit diesen anerzogenen Werten aber autonom, das heißt, wir können unsere Moral auch verändern. Das setzt allerdings Aufklärung voraus. Aber wir haben ja unseren Immanuel Kant und deshalb wird alles gut.

Der Zukunftsforscher Harald Welzer sieht in dem Denken im Futur II eine Möglichkeit, die Zukunft unserer Gesellschaft moralisch zu bessern. Das Gewissen verliert in dieser Modellvorstellung seinen heteronomen (fremd-gesetzlichen) Charakter und wird zu einer absolut „autonomen“ Funktion unseres Bewusstseins. Wir beschreiben uns damit als Menschen, die zur Selbststeuerung nicht nur fähig, sondern auch moralisch verpflichtet sind. Gewissenspflege wird so gesehen zur Herausforderung für uns, Verantwortung zu übernehmen für unser Handeln. Welzer steht hier in Tradition mit Kant. Für Kant war die Vernunft der Motor des moralisch korrekten Handelns. Also bitte: Selbst denken!

tmd.

Wir müssen lernen, Normenkollisionen auszuhalten

Münze, Acropolis
Jede Münze hat zwei Seiten – Quelle: BITLAKE, Pixabay

Gewissensmissbrauch und Dilemma-Geschichten sind eigentlich zwei Seiten einer Münze. Dass es hier einen Zusammenhang gibt, sieht man nicht sofort, weil die meisten Dilemma-Geschichten auf der „Vernunft-Ebene“ diskutiert werden und die Funktion des Gewissens nicht thematisiert wird.

Ein Beispiel: Karl ist Biochemiker, verheiratet und hat zwei Kinder. Seine Frau ist arbeitslos und kümmert sich um die Kinder. Beide leben ökologisch-alternativ. Die Firma, für die Karl arbeitet, wird von einem internationalen Konzern aufgekauft. Karl steht vor der Entscheidung, entweder im Labor Tierversuche zu machen, oder arbeitslos zu werden.
Soweit die Dilemma-Geschichte mit den bekannten Problemen. Zwei Entscheidungen mit den üblichen Begründungen. Eigentlich nichts Neues.
Karl will weiter alternativ leben, aber er will auch nicht arbeitslos werden. Er kann seine Entscheidung rechtfertigen und … hat ein schlechtes Gewissen. Die Rechtfertigung war eigentlich ein Missbrauch seines Gewissens. Doch halt! Kann er überhaupt irgendwie ein gutes Gewissen haben? Nein! Wie er auch entscheidet, immer verhält er sich irgendwie moralisch daneben.

Und nun wenden wir uns mal den Inhalten zu, die in den meisten Lehrbüchern zum Thema Gewissensmissbrauch referiert werden. Da heißt es, dass Menschen ihr unmoralisches Handeln irgendwie begründen mit „beschönigen, rationalisieren usw.“. Selbstverständlich kommt sofort die Geschichte mit dem Nationalsozialismus. Und damit ist das Thema beendet, die Formen des Missbrauchs werden auswendig gelernt und wieder vergessen.

Genau an diesem Punkt wird das kritische Denken plötzlich ausgeschaltet. Verfolgen wir deshalb nochmal den Gedankengang: Menschen im Nationalsozialismus sehen, dass Juden verschwinden. Sie hören, dass es Konzentrationslager gibt. Sie wissen, dass ihnen das gleiche Schicksal droht, wenn sie den Juden helfen. Sie haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihnen nicht helfen.

Wir unterstellen aber sofort: Die wollten nicht helfen und suchen nach einer Entschuldigung. Genau das aber wissen wir nicht. Aus unserer komfortablen Situation heraus lässt sich hier leicht über Gewissensmissbrauch reden und über die Betroffenen urteilen.
Also: Wenn wir schon moralisches Handeln im Gedankenexperiment einüben wollen – denn nichts anderes machen wir im Schonraum Schule – dann müssen wir auch die Randbedingungen und Rahmenbedingungen mit in Rechnung stellen.

Wenn wir das bedenken, dann bekommen die Floskeln zum Gewissensmissbrauch (rationalisieren, verleugnen usw.) sofort eine andere Qualität. Es sind Begründungen für Entscheidungen in einem moralischen Dilemma.

Die Geschichten der Wehrmachtsoldaten über ihre Erlebnisse sind Legion von solchen Rechtfertigungen. Damit werden die Taten nicht entschuldigt, sondern aus einer anderen Perspektive in Augenschein genommen. Einer Perspektive, die die Bedeutung moralischer Entscheidungen grell ausleuchtet und die Tragödie des moralischen Handelns bewusst macht. Wir machen uns schuldig, egal wie wir uns entscheiden. C.G. Jung meinte genau diese Entscheidungen, wenn er davon sprach, dass der Mensch lernen muss, Normenkollisionen auszuhalten. Bei einer solchen Kollision fühlt man sich wie ein Geisterfahrer auf der Autobahn. Man zweifelt daran, auf dem richtigen Weg zu sein.

Wenig zielführend ist jedoch, im Gedankenexperiment Heldenpositionen einzunehmen.

tmd.

Irren ist menschlich

Versuch und Irrtum bestimmen das menschliche Leben. Was im Alltagsleben und in der Wissenschaft Methode ist, wird zum Problem, wenn es um Moral geht. Dann nämlich schaltet sich das Gewissen ein.
Kann sich das Gewissen irren?

Bevor diese Frage sinnvoll beantwortet werden kann, muss man eine Entscheidung treffen. Ist das Gewissen etwas, das fremdbestimmt ist oder ist es ein Teil in uns, das „autonom“ existiert? Wissenschaftliche Deutungen des Gewissens gehen von einer Fremdbestimmung aus. Als Beispiel haben wir das Modell von Freud mit ICH, ES und ÜBER-ICH kennengelernt. Hierbei ist das Gewissen im ÜBER-ICH angesiedelt und das Ergebnis von Erziehung und sozialer Umwelt.

Leitgedanke: vertrau auf dich
Selbstvertrauen ist wichtig – Quelle: geralt, Pixabay

Religiöse Menschen gehen davon aus, dass ihr Gewissen etwas mit Gott zu tun hat. Demnach hat jeder Mensch eine solche Entscheidungseinrichtung in sich, die ihm sagt, was gut und böse ist. Thomas von Aquin hat dieses Modell im Einzelnen ausgearbeitet. Das Modell beim Aquiner sieht so aus: Zunächst hat der Mensch eine synderesis/syneidesis (die erste Schreibweise verwendet T.v.A., es ist ein Abschreibefehler eines Mönchs, der vor ihm gelebt hat, die zweite Schreibweise war die richtige). Diese synderesis hat die Fähigkeit, grundsätzlich zwischen Gut und Böse zu entscheiden. Wie der Mensch nach dieser grundlegenden Entscheidung der synderesis handelt, ist seine Sache. Der Mensch kann also das Böse wollen.

Nun kommt aber die entscheidende Frage: Kann das Gewissen irren? Thomas von Aquin sagt: Ja, es kann irren, und zwar, wenn die synderesis ein falsches Wertesystem heranzieht für die Unterscheidung von Gut und Böse. Wie kann man diesen Irrtum verhindern? Aquin rät: Informationen einholen, in der Bibel lesen, usw. Aber auch dann kann es zu Irrtümern kommen. Was soll der Mensch also tun?

Thomas von Aquin rät: Immer auf das Gewissen hören. Denn wenn sich das Gewissen irrt, der Mensch aber davon ausgeht, dass er alle Informationen eingeholt hat, dann war das eben ein Gewissensirrtum.
Ein solcher Gewissensirrtum ist weniger verwerflich, als gegen das Gewissen zu handeln.

Ein paar Jahrhunderte später hat sich Martin Luther diese Argumentation zurechtgelegt, um seine Kritik an der katholischen Kirche zu verteidigen. In unserem Grundgesetz ist das Recht, sich auf das Gewissen zu berufen, in Artikel 4 festgeschrieben und durch den Artikel 79 soweit gesichert, als er nur mit zwei Drittel Mehrheit in Bundestag und Bundesrat geändert werden darf.

tmd.

Friedensethik – weich gespülte Statements

Krieg und Religion?
Krieg – Quelle: 753446, Pixabay

Krieg und Religion, das ist kein gefälliges Thema. Denn es wird ein Zusammenhang mit den zwei Wörtern hergestellt, der nach Diskussion drängt, aber irgendwie tabu ist. Die Gläubigen wollen darüber nicht diskutieren, weil damit ihre Religion beschädigt werden kann, die Nicht-Gläubigen scheuen das Thema, weil die political correctness es verbietet.

Vielleicht kann man das Thema konfliktfrei abarbeiten, wenn man sich der Geschichte der Glaubenskriege zuwendet.
Aber man sollte dann vermeiden, aktuelle Konflikte anzusprechen.
Das geht jedoch heute nicht mehr. Die Schlussfolgerung aus der Kenntnis der Glaubenskriege ist nun mal die Frage: Ist das erlaubt, was beispielsweise die IS-Kämpfer anrichten, nur weil sie sich auf den Koran berufen können?

Natürlich nicht!, kommt hier die Antwort. Doch dieser mit Empörung vorgetragenen Zurückweisung des IS-Terrorismus folgt sofort die politisch korrekte Erklärung, die uns freilich in keiner Weise weiterhilft.
Das sei doch nur die falsche Auslegung der heiligen Schrift des Islam, heißt es sofort. Und dann kommt der obligatorische Verweis auf den Dschihad. Da gibt es den friedlichen Dschihad, der ein Kampf des einzelnen Gläubigen ist und zum Ziel hat, ein guter Mensch zu werden. Man kann es nicht mehr hören, dieses weich gespülte Statement. Und die Koranverse, die zum Abschlachten der Christen und Juden auffordern, die sind historisch einzuordnen, haben heute keine Bedeutung mehr. Also bitte keine Aufregung.

Ehrlicherweise muss man an dieser Stelle sagen, so einfach kann man es sich nicht machen. Im Gegenteil: Diese Argumentation öffnet den Fundamentalisten Tür und Tor für ihre krude Ideologie. Denn der Koran ist bei Fundamentalisten das originale Wort Gottes. Nicht etwa eine von Menschen niedergeschriebene Offenbarung. Am Koran darf nichts geändert werden!

Mit dieser Haltung ist der Islam aber nicht reformierbar und bleibt eine hermetisch in sich geschlossene Ideologie, die keinen Widerspruch zulässt. Denn der mögliche Widerspruch oder die vernünftige Kritik ist in diesem System bereits als Immunisierungsstrategie eingebaut. Wer den Koran nicht Wort für Wort glaubt, der hat eben nicht den richtigen Glauben, ist abgefallen. Mehr noch: Wer den Koran nicht in der Version des Hocharabischen lesen kann, der braucht sich als Kritiker überhaupt nicht zu Wort melden. Der versteht nichts, so die Fundamentalisten.

Die muslimischen Kritiker, die den Islam reformieren wollen, stehen da auf verlorenem Posten. Sie fordern Aufklärung. Aber Aufklärung bedeutet, sich aus der Unmündigkeit (der selbst verschuldeten) zu befreien. Das ist eigentlich Kant pur. Liberale Theologen im Islam meinen, die problematischen Texte im Koran sollten neu interpretiert werden und das Mohammed-Bild sollte entdogmatisiert werden, was nichts anderes heißt, als die dunklen Seiten des Propheten zu beleuchten. Beides zählt für Fundamentalisten zu den schlimmsten Beleidigungen des Religionsgründers.

Radikale Kritiker und Aufklärer halten von diesen Reformen wenig. Unmoralische Suren sollen gestrichen werden. Was unmoralisch ist, das soll auch benannt werden.

Doch radikale Aufklärer und liberale Theologen liefern den Ideologen unter den Moslems nur weiter den simplen Beweis, dass die Welt außerhalb des Islam gottlos ist und vernichtet werden soll.
Was tun?

Unter diesen Umständen ist es dann doch angebracht, sich im Ethikunterricht einfachen Aufgaben zuzuwenden – frei von moralischen Ansprüchen. Wir können ja ein Poster malen oder vielleicht ein Rollenspiel einüben, um unserer Betroffenheit Ausdruck zu geben.

tmd.


Quelle: gbs Koblenz, Youtube

Der Tyrann in uns – Das Gewissen bei Freud

Ein ICH mit schweren Gewissenskonflikten wendet sich Rat suchend an sein Unterbewusstsein, auch ES genannt. „Belästige mich nicht mit deinen Problemen“, sagt das Unterbewusstsein. „Frag das ÜBER-ICH, das ist für deine Gewissenskonflikte verantwortlich.“

Quelle: emARTix, YouTube

Sigmund Freud hat Entstehung und Funktion des Gewissens in seinem Modell mit ICH, ÜBER-ICH und ES erklärt. Das Bild, das in den meisten Lehrbüchern zur Ethik dazu abgedruckt wird, ist eigentlich selbsterklärend. In der graphischen Darstellung geht jedoch ein zentraler Gedanke von Freud unter: Der Mensch hat bereits dann ein schlechtes Gewissen und leidet unter diesem schlechten Gewissen, wenn er nur daran denkt (!), etwas zu wollen, was ihm Eltern, Lehrer oder sonstige „Sozialisationsagenten“ verboten haben zu tun. Das funktioniert nur deshalb, weil der Mensch diese Erzieher als ÜBER-ICH im Bewusstsein „introjiziert“ (also verinnerlicht oder auch eingepflanzt) hat. Das schwer Verstehbare daran ist nun, dass der Mensch für diese „Internalisierung“ (anderes Wort für den gleichen Vorgang) teilweise mit verantwortlich ist. Der Mensch holt sich das schlechte Gewissen als Plagegeist selbst ins Bewusstsein. Wie kann das geschehen und welche Konsequenzen für unser moralisches Verhalten ziehen wir aus diesem Wissen?

Schauen wir uns an, wie das Gewissen entsteht.
Das Glücksempfinden ist für das Kleinkind mit Aggression verbunden, behauptet Freud. Warum? Weil das Kind noch keine Grenzen zwischen sich und seiner Umwelt ziehen kann. Einfach ausgedrückt: Die Eltern sind für das Kleinkind Teil seiner selbst. Wenn die Eltern sich plötzlich anders verhalten, als das Kind es will, reagiert es mit Aggression. Gleichzeitig erkennt das Kind, dass es von den Eltern abhängig ist.

Baby weint
Weinendes Baby – Quelle: TaniaVdB, Pixabay

Krawall machen bedeutet unter Umständen, dass sich die Eltern abwenden. Eltern, die sich abwenden, sind aber für das Kleinkind eine existentielle Bedrohung. Und nun geschieht – nach Freud – etwas Sonderbares. Die Aggression, die sich eigentlich gegen die Eltern richtete, wird umgelenkt auf das eigene, sich langsam herausbildende ICH.

Freud schreibt: „Die Aggression wird introjiziert, verinnerlicht, eigentlich aber dorthin zurückgeschickt, woher sie gekommen ist, also gegen das eigene ICH gewendet. Dort wird sie von einem Teil des ICHs übernommen, das sich als ÜBER-ICH dem übrigen ICH entgegenstellt und nun als Gewissen gegen das ICH dieselbe strenge Aggressionsbereitschaft ausübt, die das ICH gerne an anderen, fremden Individuen befriedigt hätte.“ (aus: Das Unbehagen in der Kultur)

Das ist verständlich. Denn das Kind fühlt sich verantwortlich für den drohenden eigenen Untergang, wenn sich die Eltern nicht mehr um es, das Kind, kümmern. Freud sieht hier auch die grundlegende Angst des Menschen vor Liebesentzug. Das Kind fühlt sich also verantwortlich für die Unlustgefühle (Liebesentzug, Zuwendung fehlt). Damit ist der Grundstein gelegt für eine noch viel üblere Komponente im Bewusstsein: das ÜBER-ICH.

Denn der Mechanismus, die Aggressionen, die sich gegen die Eltern oder die Umwelt richten, umzulenken auf die eigene Person, muss dauerhaft aufrechterhalten werden. Hier bildet sich das ÜBER-ICH heraus, das fortan immer darüber wacht, Aggressionen nicht gegen die Umwelt, sondern gegen das eigene ICH zu steuern.

An dieser Stelle ist aber noch nicht klar, warum man ein schlechtes Gewissen hat. Bisher ist nur erklärt worden, warum Sozialisation funktioniert: Kinder wollen der Bestrafung durch Liebesentzug entgehen und lernen, sich angepasst zu verhalten. Damit sind sie „quitt“ mit den Eltern. Der Verzicht auf Aggression bzw. Triebbefriedigung wird mit Zuneigung und Liebe belohnt.

Ein schlechtes Gewissen entsteht jedoch erst dann, wenn Kinder meinen, dass die Eltern wissen, dass sie (die Kinder) eigentlich aggressiv sich durchsetzen wollen, aber es sich nicht trauen aus besagten Gründen. Was Freud so nicht wusste, aber Psychologen nach ihm herausgefunden haben: Jeder Mensch hat die Chance zu verhindern, dass ihm ein dauerhaft schlechtes Gewissen eingepflanzt wird. Kinder lernen nämlich ab dem vierten Lebensjahr, dass sie lügen können und ihre Umwelt grundsätzlich nicht herausfinden kann, was sie (die Kinder) gerade denken. An diesem Punkt der Entwicklung könnten sich Menschen eigentlich frei machen von der Angst, dass man ihre Gedanken liest. Niemand bräuchte mehr ein schlechtes Gewissen zu haben.

Portrait Sigmund Freud
Sigmund Freud – Quelle: Wikipedia

Diese Chance zur Befreiung von einem üblen inneren Tyrannen können nicht alle nutzen. Wenn sich erst einmal das ÜBER-ICH von den konkreten Personen der Umwelt gelöst hat und im Bewusstsein des Menschen ein Eigenleben führt, dann ist es zu spät. Therapeuten erzählen traurige Geschichten von Menschen, die sich beispielsweise ständig von Gott beobachtet fühlen. Bei vielen Neurotikern wird dieser innere Beobachter aber von den Betroffenen selbst nicht mehr als solcher wahrgenommen. Der Arzt muss hierbei mühevolle Seelenarchäologie betreiben.

Die moralischen Konsequenzen sind: Bei der Erziehung sollte das Seelenleben der Kinder im Vordergrund stehen. Das Gewissen ist keine irgendwie dem Menschen angeborene Eigenschaft. Der Schöpfer des Gewissens ist der Mensch selbst. Also kann er es auch beherrschen.
Und: Eine autonome Verarbeitung von unterschiedlichen, sich widersprechenden Normen ist mit einem Tyrannen im eigenen Bewusstsein nicht möglich.
tmd.

Gewissen: eine kritische Auseinandersetzung

Das ist kein Thema, mit dem man sich gerne beschäftigt – auch weil es eine intuitive Erfahrung ist. Intuitiv? Das sind Erkenntnisse, die ohne inneren Dialog, also ohne mein Zutun, ohne Verstand ablaufen. Da läuft also etwas in meinem Gehirn ab, das ich nicht steuern kann? Nein Danke!
Ich soll es pflegen, das Gewissen, heißt es. Wie soll das gehen, wenn es doch intuitiv abläuft? „Gewissen: eine kritische Auseinandersetzung“ weiterlesen

Moralische Kompetenz setzt Wissen voraus

Wer moralische Probleme nicht sieht, der sucht natürlich auch nicht nach Lösungen. Es ist also manchmal hilfreich, zuerst das Problem genauer zu beleuchten und dann erst die Lösung zu präsentieren.

Bücher, die Wissen enthalten
Moralisches Handeln setzt Wissen voraus – Quelle: ElasticComputeFarm, Pixabay

Wenig hilfreich ist es, Kinder und Jugendliche ohne Anleitung nach Lösungen suchen zu lassen.

Meist ist das Ergebnis eher trivial. Außerdem macht sich schnell ein Relativismus breit, der aus dem freien Suchen nach Lösungen entspringt.

Oder, wie mir mal eine Schülerin sagte: Jeder hat eine andere Meinung. Warum dann aber noch Zeit vergeuden, um diese unterschiedlichen Meinungen auszutauschen.

tmd.