Diskursethik

Kant und der kategorische Imperativ sind notwendiges Vorwissen, um in der Oberstufe die Diskursethik von Jürgen Habermas zu verstehen.
Habermas bezeichnet Kants Ethik als deontologische und formalistische Ethik.

Mit deontologisch meint er, dass die moralischen Gebote nichts mit den Folgen des Handelns zu tun haben. Eine Handlung ist also bei Kant nicht deshalb gut, weil die Folgen gut sind. Das moralische Gesetz muss für sich schon gut sein. Das ist es aber nur, wenn es in sich widerspruchsfrei ist. Dazu haben wir z.B. die Geschichten mit dem Kaufmann gelernt, der nicht nur deswegen nicht betrügt, weil es dem Firmenimage schadet, sondern, weil er grundsätzlich, also „aus Pflicht“, nicht betrügt. Soviel zur Deontologie.

Formal ist die Ethik von Kant, weil er in einem Gedankenexperiment die Widersprüche in Sätzen herausfiltern kann. Betrügen muss grundsätzlich verboten sein. Wenn es Einzelfälle gibt, in denen das Betrügen erlaubt ist, dann ist die moralische Regel unbrauchbar.

Skywalker & Moral – Quelle: federicoghedini, Pixabay

Was verändert Habermas an Kants Vorgaben? Der Kategorische Imperativ ist nicht haltbar. Ich kenne nämlich nicht alle Menschen und ihre kulturellen Besonderheiten. Da kann es leicht passieren, dass ich eine Regel in meinem Kulturkreis für optimal erkläre, aber in anderen Kulturen die Sache ganz anders aussieht. Habermas nennt das die Gefahr des Ethnozentrismus.

Anmerkung an dieser Stelle: In meinem Ethikbuch für die Oberstufe an Gymnasien in Bayern sind die relevanten Texte von Habermass gekürzt wiedergegeben. Das ist bedauerlich. Ich würde seinen Gedankengang mit diesen Kürzungen nicht verstehen.

Habermas verengt Deontologie und Formalethik auf den schmalen Bereich einer Diskussion. Geltung haben die gefundenen Aussagen – deontologisch und formal – vorerst nur in einer kleinen Gruppe von Menschen, die miteinander sprechen.

Wie sieht so eine Diskussion aus. An dieser Stelle werden die praktischen Anweisungen gegeben. Dabei wird aber nicht erwähnt, dass Habermas davon ausgeht, dass eine solche Diskussion nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich ist. Habermas nennt das den moralischen Standpunkt. Mit Standpunkt meint Habermas das, was wir für eine Diskussion voraussetzen. Das erinnert sehr an das Menschenbild in Ethik: Was kann der Mensch erkennen. Hier geht es darum, unter welchen Voraussetzungen ist ein Diskurs möglich, der zu moralisch akzeptablen Regeln führt.

Habermas hat dazu Vorschläge gemacht, die heftig kritisiert wurden. Seine Vorschläge brauche ich hier nicht nochmal auflisten. Sie stehen in jedem Ethik-Lehrbuch. Habermas antwortet seinen Kritikern, dass der Diskurs eine ideale Sprechsituation vorwegnimmt. Der ideale Sprecher unterstellt dem Gesprächspartner, dass er ebenfalls wahrheitsgemäß argumentiert und es keinen Druck und Zwang gibt.

Solche Sprechsituationen sind denkbar und auch möglich.

tmd.

Steuerhinterziehung ist unmoralisch

Steuerhinterziehung - unmoralisch?
Steuerhinterziehung – unmoralisch? – Quelle: Alexas_Fotos, Pixabay

Du sollst nicht stehlen! Die Weltreligionen greifen diese Regel in leicht abgewandelter Textform auf. Das kann man wissen. Das Strafgesetz in Deutschland verfeinert diese Grundregel. Es gibt Unterschlagung, Diebstahl und (schweren) Raub. Die Kernbotschaft aber ist immer die gleiche. Man soll nicht jemandem etwas wegnehmen, was demjenigen gehört.

Wie ist es aber mit folgendem Fall. Der Gesetzgeber verbietet nicht ausdrücklich eine Handlung, die eigentlich unter die Norm fällt, um die es hier geht. Machen wir also die Argumentation auf. Es geht um sogenannte „cum-ex-Geschäfte“.

Hierbei konnten Aktienbesitzer das deutsche Finanzamt regelrecht ausplündern. Die Einzelheiten, also wie man das macht, interessieren uns hier nicht. Das ist Sache der Juristen und Finanzexperten. Was uns interessiert ist, ob und wie jemand dieses Fehlverhalten vor sich und der Gesellschaft rechtfertigen kann.

Auf Seiten der Straftäter heißt es: Was nicht verboten ist, das ist erlaubt. Tatsache ist aber auch, dass hier einige – sowieso schon reiche – Personen den Staat, das Finanzamt betrügen. Das Geld, das sie erschwindeln, ist aber das Geld der anderen Bürger, die brav ihre Steuern gezahlt haben, um unseren Sozialstaat, die Polizei und die Infrastruktur zu finanzieren.

Steuerhinterziehung ist unmoralisch

Reicht hier die Empörung? Nein! Wenden wir den kategorischen Imperativ an, dann werden wir sofort sehen, dass eine Gesellschaft so nicht funktioniert, nicht funktionieren kann. Wenn das jeder macht, dann wäre unser Gemeinwesen schnell pleite. Das Handeln dieser Personen, die sich darauf berufen, dass ihr Handeln nicht direkt verboten ist, dieses Handeln ist zutiefst unmoralisch. Das Geld, was sie sich aneignen, ist das Geld des Nachbarn, der seine Steuern gezahlt hat.

tmd.

Anmerkungen: Der kategorische Imperativ (Teil 3)

Dilemma-Geschichten sind im Moralunterricht der Unterstufe das geeignete Übungsfeld, soziale Situationen kennen zu lernen, in denen unterschiedliche, sich widersprechende moralische Regeln aufeinander treffen.
Zunächst wird dann gelernt, dass es Vorzugsregeln gibt. Bald aber wird klar, dass es in Dilemma-Situationen keine befriedigende Entscheidung gibt. Folgt man der einen Moral, missachtet man die andere und umgekehrt.
Kant hilft hier anscheinend nicht weiter.
Weiter hilft dagegen ein Utilitarismus, der sich aber seiner Entscheidungsfindung und Verfahrensweise bewusst ist. Man wird in Situationen, die moralisch nicht eindeutig zu klären sind, die Folgen des Handelns abklären und eine für alle Beteiligten annehmbare Lösung suchen und finden. Die Lösung ist nun aber nicht formal gefunden worden, sondern ist abhängig von den besonderen Einzelumständen. Die Handlungsanweisung ist also nur auf diesen Fall und alle anderen gleichen Fälle anwendbar.
Die Art der Entscheidungsfindung ist zwar nicht im Sinne der formalen Pflichtethik von Kant, aber sie orientiert sich am Gedanken der Maxime, das eine Entscheidung von allen Beteiligen akzeptiert werden kann.

tmd.

Anmerkungen: Der kategorische Imperativ (Teil 2)

Muss man eine Maxime, z.B. „du sollst nicht lügen“, sklavisch befolgen, auch wenn man damit Menschenleben gefährdet?
Genau diese Frage wird immer wieder gegen Kant ins Feld geführt. Ihm wird reiner Formalismus vorgeworfen. Das sei unmenschlich, sagen die Kritiker.
Die Maxime du sollst nicht lügen, hat bei Kant immer Vorfahrt. Was aber, wenn ich einen Menschen durch meine Lüge vor dem Tode rette? Dann muss man es tun. Man muss Menschenleben retten. Denn die Maxime, einen anderen Menschen zu retten vor dem Tode, ist höchstes Gut in unserer aufgeklärten Gesellschaft.
Was ist aber dann mit der Maxime, du sollst nicht lügen? Hat sie ihren Wert verloren? Sie hat nur Bedeutung und Verpflichtung in Handlungszusammenhängen, die das Zusammenleben der Menschen konfliktfrei gestalten und regeln. Wenn aber eine Maxime das Zusammenleben und insbesondere die Menschenrechte selbst beschädigt, dann ist diese Maxime in diesem Zusammenhang nicht mehr brauchbar.
Also: Ein zu Unrecht Verfolgter in einer Diktatur genießt den Schutz eines jeden aufgeklärten Mitbürgers.
Jede Maxime muss dem – erweiterten – Gedankenexperiment genügen und widerspruchsfrei sein.

Gerne dien‘ ich den Freunden, doch tu‘ ich es leider mit Neigung,
und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin.
(Friedrich Schiller)

Heißt das, dass ich nicht moralisch handele, wenn ich aus Zuneigung oder Liebe handele?
Absolut falsch! Kant meinte, dass man dann, wenn keine Zuneigung besteht, man dennoch aus Pflicht oder zumindest pflichtgemäß (weil es zum Job gehört) handeln soll.

tmd.

Anmerkungen: Der kategorische Imperativ (Teil 1)

Unentschlossen
Möge, täte, wolle… – Quelle: Buecherwurm_65, Pixabay

Der Philosoph Günther Patzig hat in dem Aufsatz „Der kategorische Imperativ in der Ethik-Diskussion“ (erstmals erschienen 1978) einige interessante Präzisierungen zum Thema vorgenommen, die ich hier kurz in drei aufeinanderfolgenden Beiträgen zusammenfassen will.

Die Unterscheidung von kategorisch und hypothetisch wird mit hypothetischen Imperativen erklärt, die in wenn, dann-Sätzen verpackt sind. Beispiel: Wenn ich perfekt Klavier spielen will, dann muss ich fleißig üben. Dieser Imperativ richtet sich also nur an ehrgeizige Musiker. Der Imperativ richtet sich an die Bedürfnisse und Absichten der Menschen.

Kategorische Imperative haben jedoch die Verallgemeinerungsfähigkeit ihrer Handlungsanweisungen im Blick. Diese Handlungen muss jeder wollen können. Es gibt aber auch wenn, dann-Sätze, die kategorisch sind. Beispiel: Wenn du eine Familie hast, so sorge für ihren Unterhalt“ (Beispiel von Patzig). Dies ist nicht hypothetisch gemeint. Es geht hier nicht um Wünsche und Absichten, sondern um eine Situation. Jeder, der in diese Situation gerät, soll sich an die Maxime „Sorge für deine Familie“ halten – sofern er in der Situation ist.

Verallgemeinerungsfähige Maxime sollen ihre Trägfähigkeit erweisen, indem sie mit einem Gedankenexperiment getestet werden. Handlungsanweisungen dürfen nicht in sich widersprüchlich sein. Wenn ich eine Handlungsanweisung dulde, die das Lügen in bestimmten für mich vorteilhaften Situationen erlaubt, dann schaffe ich damit Vertrauen in der Gesellschaft ab. Niemand wird mehr Vertrauen aufbringen, wenn Vertrauensbruch erlaubt ist. Also: Ich kann nur lügen, weil die Anderen sich darauf verlassen, dass ich nicht lüge.

tmd.

Politik und Moral

Ein Mensch, der immer nur das Gute möchte, wird zwangsläufig zugrunde gehen inmitten von so vielen Menschen, die nicht gut sind.
(Niccolò Machiavelli, aus: Der Fürst)

Kant, der in diesem Blog eine nicht unwichtige Rolle spielt, hatte da eine andere Meinung. Der gute Wille ist bei Kant allein ausschlaggebend für moralisches Handeln. Freilich hat Kant vor das Wollen die Vernunft gesetzt. Sie, die Vernunft, macht die Regeln, die für ein friedliches Zusammenleben der Menschheit notwendig sind. Es sind Regeln, die dem Gedankenexperiment des Kategorischen Imperativs genügen und der Maxime, dass der Mensch immer Zweck, nie Mittel ist. Nur so kann der freie Bürger auch Verantwortung übernehmen. Moralisch Handeln, das heißt, Verantwortung übernehmen für das eigene Handeln. Und das muss in Freiheit geschehen. Wenn also jemand nicht die Wahrheit sagt und das mit widrigen Umständen begründen will, dann setzt er seinen Verstand nicht ein und missachtet die Kantschen Maxime. Ein konfliktfreies Zusammenleben sei so nicht möglich, folgert Kant.

Reichstag in Berlin
Reichstag, Berlin – Quelle: Hans, Pixabay

Lässt sich das auch auf die Politik anwenden? Der Fachmann in diesem Thema, Machiavelli, ist da skeptisch.

Jeder sieht ein, wie lobenswert es für einen Herrscher ist, wenn er sein Wort hält und ehrlich, ohne Verschlagenheit seinen Weg geht. Trotzdem sagt uns die Erfahrung unserer Tage, daß gerade jene Herrscher Bedeutendes geleistet haben, die nur wenig von der Treue gehalten und es verstanden haben, mit Verschlagenheit die Köpfe der Menschen zu verdrehen; und schließlich haben sie über die die Oberhand gewonnen, die Verhalten auf Ehrlichkeit gegründet haben.
(Niccolò Machiavelli, aus: Der Fürst. Alte Rechtschreibung)

Soll man daraus folgern, dass Moral in der Politik nicht funktioniert? NEIN! Zunächst kennen wir die Einschränkung: Moral funktioniere in … nicht, aus allen kommunikativ vermittelten gesellschaftlichen Bereichen. Insbesondere aus der Ökonomie kennen wir diese skeptische Haltung: Wallstreet funktioniere nur unmoralisch.

Moralisch Handeln bleibt eine Herausforderung für den Menschen.

Moral ist kein System, das für uns fremdgesetztlich abläuft. Moral ist selbstbestimmtes Menschenwerk. Gibt man freilich diesen Gedanken auf, dann bleibt uns nur die Rolle von umher irrenden Figuren in Dystopien oder Endzeitszenarien, wie in Hollywood-Filmen.

tmd.

Stichwort: Pflichtethik

Gutes Gewissen – Quelle: melissaflor, Pixabay

Kant nimmt die Vernunft in die Pflicht. Was ist damit gemeint?
Die Vernunft ist bei Kant die oberste Instanz zum moralisch einwandfreien Handeln. Die Vernunft ist aber autonom, also frei von Fremdbestimmung.

Damit die Vernunft nicht willkürlich handelt, muss sie kontrolliert werden. Sie darf aber nicht kontrolliert werden von Regeln, die wie Naturgesetze funktionieren, weil die Vernunft dann nicht mehr autonom wäre.

Übrig bleibt also nur der Mensch, der sich verpflichtet so zu handeln, dass es moralisch ist. Wie macht das der Mensch? Er orientiert sich am kategorischen Imperativ.

tmd.

Ethik als urteilendes Denken: Wir machen die Wirklichkeit

Wahrheit wird in diesem Blog epistemisch (Vernunft) und empirisch (Wahrnehmung) erklärt. Moralische Aussagen sind durch die Vernunft gestützt. Beispiel: Die Aussage „alle Menschen sind gleich“, ist auch ohne wissenschaftliche Hilfsmittel zumindest plausibel. Auf den ersten Blick sind wir ähnlich. Es ist jedoch ein Verdienst der Naturwissenschaften, die enge genetische Verwandtschaft empirisch offenzulegen. Die moralische Forderung der Gleichheit aller Menschen erfolgte jedoch vor dem empirischen Beweis und war allein eine Sache der Vernunft, also epistemisch.

Der empirische Wahrheitsbegriff steht und fällt jedoch mit der Annahme, dass wir die Welt, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, mit der gemachten Wahrnehmung vergleichen. Das ist natürlich hoch riskant: Die Wahrnehmung, die wir von der Welt haben, mit dem Objekt der Wahrnehmung zu vergleichen, wobei das Objekt doch nur in unserer Wahrnehmung existiert. Ein Zirkelschluss.

Immanuel Kant hat uns in dieser erkenntnistheoretischen Problemlage weiter geholfen. Die sinnliche Wahrnehmung erfolgt nach Kant immer unter Zuhilfenahme von Raum und Zeit. Unsere Wahrnehmung ist bedingt durch Raum und Zeit. Raum und Zeit gibt es also nicht an sich, sondern nur für sich oder für uns. Damit ist der Zirkelschluss: die Wirklichkeit mit der Wahrnehmung von ihr zu vergleichen, wobei die Wirklichkeit nur über Wahrnehmung zugänglich ist, durchbrochen. Wirklichkeit ist nicht nur passives Wahrnehmen, es ist aktives Konstruieren.

Pokemon
Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt? – Quelle: stux, Pixabay

Wir machen die Wirklichkeit. Das heißt, die Welt, wie sie wirklich ist, bleibt uns für immer verschlossen. Ist das ein Problem? Nein! Wir kommen mit unseren Bildern von der Welt gut zurecht. In der Soziologie beispielsweise hat sich die Wissenschaft längst von einem Unterschied zwischen einer Wirklichkeit „an sich“ und „für sich“ verabschiedet. Die Tatsachen, mit denen sich die Soziologie beschäftigt, sind Produkt menschlichen Handelns und menschlicher Kommunikation. Dahinter gibt es nichts. Es gibt also hinter den Rollen, die wir spielen, nicht irgendwelche echte, unverfälschte Persönlichkeiten.

Veritas est adaequatio intellectus et rei. Wahrheit ist die Übereinstimmung des urteilenden Denkens mit der Sache. Thomas von Aquin hat das geschrieben. Ist die Aussage noch brauchbar? Sicher! Moral ist Produkt menschlicher Vernunft. Das kann man kritisch untersuchen (urteilendes Denken). Nichts anderes machen wir in Ethik.

tmd.

Ethik als Pflicht: der freie Wille und die Vernunft

Kant und der freie Wille sind ein Hauptthema in diesem Blog. Denn nur ein freier Wille kann auch ein guter Wille sein. Kant unterscheidet grundsätzlich Freiheit von etwas und Freiheit zu etwas. Freiheit von etwas nennt er negative Freiheit. Negativ heißt hier nicht schlecht. Gemeint ist, dass Handlungen der freien Bürger grundsätzlich (es gibt also Ausnahmen)  nicht fremdbestimmt sein dürfen. Das muss genauer untersucht werden, was hier Kant vorschlägt.

Schließlich ist der Mensch abhängig davon, dass er Essen und Trinken und Erholungsphasen braucht. Ist das dann schon Abhängigkeit? Diese physischen Ursachen meint Kant nicht. Er meint in erster Linie, dass der Wille nicht fremdgesteuert sein darf. Er denkt hier an biologische und psychologische Gesetze. Kant nennt solche Abhängigkeiten heteronom (fremdgesetzlich). Kant meint aber auch, dass es die gesellschaftlichen Verhältnisse ermöglichen sollen, in der Öffentlichkeit Kritik zu üben. Hier darf es keine Einschränkungen geben. Wo ist dann der Unterschied zur positiven Freiheit, zur Freiheit zu etwas?

Ballonfahren
Freiheit der Lüfte – Quelle: Cleverpix, Pixabay

Die Freiheit, tun und lassen zu können, was man will, ist nur denkbar, wenn es auf Seiten der negativen Freiheit keine Beeinflussung gibt. Erst dann kann der Wille sich als freier gebärden. Wie wird aber die negative Freiheit – z.B. öffentlich Kritik üben zu dürfen -, welche die Grundlage der positiven ist, hergestellt? Durch Gesetze, die der freie, weil gute Wille macht. Stopp! Das ist aber genau betrachtet ein Zirkelschluss. Aber auch nur auf den ersten Blick.

Der freie Wille ist durch den kategorischen Imperativ dynamisch konstruiert. Je weiter es mit der Aufklärung vorangeht, desto mehr wird dafür gesorgt, dass der freie Wille nicht behindert wird durch Gesetze, die nicht der Aufklärung dienen.

Jetzt muss aber noch dafür gesorgt werden, dass der freie Wille nicht in Willkür abgleitet. Das geht nur durch die Pflicht, die beiden Kantischen Maxime zu beachten: (1) Der Mensch ist immer Zweck. (2) Die Gesetze müssen dem Gedankenexperiment des Kategorischen Imperativs genügen. Das verleiht dem freien Willen das Merkmal „gut“. Die Konstruktion aus negativer und positiver Freiheit, angereichert mit den beiden Maximen, verhilft der Vernunft zu der zentralen Rolle in Kants Philosophie.
Aber: Dieser Mechanismus läuft nicht automatisch ab! Dahinter steht immer die Pflicht!

Vernünftig (mit Vernunft) Gesetze zu machen, erfordert die Pflicht, die Maxime auch zu beachten. Deshalb nennt man die Ethik von Kant eine Pflichtethik.

tmd.

Kant: die selbst lernende Gesellschaft

Kant unterscheidet öffentlichen und privaten Gebrauch der Vernunft. Mit öffentlichem Gebrauch der Vernunft meint Kant das Räsonieren (Kritisieren) als freier Bürger vor und in der Öffentlichkeit. Er nennt hier den Gelehrten, der seine Kritik der „Leserwelt“ bekannt macht. Hier muss Kritik durch Einsatz von Vernunft uneingeschränkt erlaubt sein.
Nicht so ist es im privaten Bereich. Hier muss sich auch der aufgeklärte Bürger an die Regeln halten, die sein Arbeitgeber von ihm verlangt. Ein Offizier muss also die Befehle seiner Vorgesetzten ausführen und darf nicht „laut vernünfteln“. Es ist ihm jedoch erlaubt, außerhalb seiner Tätigkeit als Berufssoldat zu räsonieren und zwar als freier Bürger, wieder nennt Kant hier den Gelehrten als Beispiel für den freien Bürger. In einem anderen Beispiel schreibt er, dass der Bürger als Bürger in einer freien Gesellschaft zunächst verpflichtet ist, seine Steuern zu zahlen. Dann aber ist er als Privatmensch durchaus berechtigt, die Steuergesetze zu kritisieren.

Ist dieses Modell von Kritik an und in der Gesellschaft praktikabel und eventuell auch heute noch anwendbar?

Die politische Tätigkeit eines jeden Bürgers ist heutzutage gewährleistet durch Grundgesetz und Arbeitsrecht. Sie geht sogar noch weiter, als Kant es sich vorstellte. Man muss also nicht Gelehrter sein, um zu räsonieren. Systeme, also Verwaltung, Wirtschaft und dergleichen, sollen heute „selbst lernend“ sein. Damit meinen Systemtheoretiker, das beispielsweise eine Verwaltung ihre Zielgruppe im Blick haben sollte und die eigene Arbeitsabläufe ständig beobachten sollte. (Anmerkung: Systemtheoretiker fassen alle denkbar möglichen Teile der Gesellschaft irgendwie zusammen und bezeichnen sie als System: also Schule, Krankenhaus, Stadtverwaltung, Fabriken usw.)

Systeme & Strukturen – Quelle: geralt, Pixabay

Auch damit wäre Kant einverstanden gewesen, solange nicht in der Öffentlichkeit über Veränderungen der Systemstrukturen diskutiert würde, was heutzutage aber möglich ist und auch gemacht wird. Die Gesellschaft als „selbst lernendes System“ würde Kant grundsätzlich gefallen. Er glaubte an die kollektive Aufklärung. Er meinte, dass es nur Wenigen allein gelingt, sich aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien.

Was uns hier interessiert ist das Menschenbild bei Kant und der Interrollenkonflikt des freien Bürgers, der im Job funktionieren muss/soll, aber als freier Bürger Kritik üben kann/soll. Kant hat diesen Interessenkonflikt nicht zu Ende gedacht. Im Zentrum seiner Überlegungen stand der freie, absolut autonome Bürger mit freiem (und gutem) Willen. Er sah sich am Beginn des Prozesses der Aufklärung. Interessenkonflikte sind bei Kant das nachrangige Problem, wenn es darum geht, den Bürger zum autonomen Bürger zu machen.
Wie werden heute die Interessenkonflikte gelöst? Hier hilft die arbeitsteilige Gesellschaft und die Versachlichung gesellschaftlicher Probleme. Wer sich beispielsweise als Pazifist sieht, der arbeitet nicht bei der Bundeswehr. Wer Kritik üben will, der darf es auf mehreren Ebenen: Parteien, Interessenverbände usw.

Wir sehen: Eine pluralistische, demokratische Gesellschaft mit sozialer Marktwirtschaft und entsprechendem Arbeitsrecht ist eine Basis für den aufgeklärten Bürger, da sie viel elastischer und flexibler ist im Umgang mit Kritik. Und: Der aufgeklärte Bürger braucht eine politische Kultur mit Kompromissdemokratie und mehreren Parteien, keine populistischen Mehrheitsentscheidungen. Die Tür zur „selbst lernenden“ Gesellschaft, die hat uns Kant geöffnet.

tmd.