Kinder an die Macht

Immer wieder hört man von Kinderlobbyisten markige Sprüche wie: Kinder an die Macht. Das klingt einfach gut. Sollen doch die Kleinen entscheiden! Dann wird alles gut! Die Anbiederung an die Jugend ist nicht mehr zu überbieten.

Auf der gleichen dümmlichen Argumentationswolke sind auch die Forderungen nach einem Wahlrecht für Jugendliche ab 16 angesiedelt. Wer das fordert, kennt Kinder und Jugendliche nur aus den Medien.

Fragen wir jemanden, der mit praktischer Philosophie bewandert war und dessen Beratung auch Folgen hatte: Aristoteles. Wer zu seiner Zeit politische Entscheidungen zu treffen hatte, der lebte nicht in einer Wohlfühldemokratie, wie sie heute unseren Kindern vorgemacht wird. Die Entscheidungen mussten verantwortet werden. Versager wurden abgestraft.

Junge Menschen, so urteilt Aristoteles, folgen noch den Leidenschaften und sind unerfahren in politischen Entscheidungen. Kann man sie „fordern und fördern“? Nein! Auch hier sagt Aristoteles, dass es eben seine Zeit braucht, bis jemand den Ratschlägen eines erfahrenen Menschen folgen kann und will – ihm überhaupt zuhört.

Das ist ein hartes Urteil. Sind die Bemühungen des Morallehrers deshalb grundsätzlich zum Scheitern verurteilt?

Nein! Moralisches und politisches Handeln lässt sich schon im Klassenverband einüben. Diejenigen, die noch nicht den Nutzen und den Zweck dieser Übungen erkennen können, sind noch nicht reif für die moralische Praxis. Sie brauchen weiterhin strenge moralische Leitplanken als Ersatz für ihre fehlenden Kompetenzen. Aber keinesfalls brauchen sie die Lizenz zum politischen Handeln. Da hatte Aristoteles eben doch Recht.

tmd.

Fides quaerens intellectum

Etwas größeres als Gott ist nicht denkbar. Anselm von Canterbury hat das geschrieben. Die Idee dazu hatte er von Augustinus entlehnt. Anselm lebte im 11. Jahrhundert und hat die Diskussion um den Gottesbeweis so richtig eröffnet.
Seine Argumentation ist aber nur zu verstehen, wenn wir zwei seiner Sätze kennen.

Fides quaerens intellectum – Glaube, der nach Einsicht sucht.
Credo ut intelligam – Ich glaube, damit ich verstehe.

Erkenntnistheoretisch ist dieses Vorgehen hochinteressant.
Nicht die Offenbarung oder Spekulation werden bemüht. Die Vernunft ist es, die weiterhelfen kann. Aber sie kann eben nur genutzt werden, weil sie auf dem Glauben ruht.
Dennoch: Die Vernunft wird bemüht und ihr wird ein wesentlicher Anteil an der erfolgreichen Suche zugeschrieben.
Anselms Argumentation ist einfach und ein Vorgriff auf die Evidenztheorie. Sie sei hier kurz wiedergegeben.
Wenn ich mir etwas vorstellen kann, dann gibt es das auch. Denn in meinem Bewusstsein kann nur das sein, was es auch gibt. (Fantasy-Fans können an dieser Stelle schon mal jubeln.)
Gott ist das Größte, das es gibt, was ich mir denken kann. Mein Glaube, dass es nichts größeres als Gott gibt, ist also richtig, weil ich mir etwas Größeres nicht vorstellen kann.
Die erfolgreiche Nutzung der Vernunft hat jedoch auch einen Nachteil.
Sobald jemand auf die Idee kommt, seine Vernunft ohne den Glauben einzusetzen, ist es um das „fides quaerens intellectum“ und das „credo ut intelligam“ geschehen.
Und das ist dann der Fall, wenn es um die naturwissenschaftlich-technische Erklärung der Welt geht. Dabei kann man selbstverständlich gläubig sein und bleiben, aber die naturwissenschaftlich-technische Methode kennt keine Denkverbote, je erfolgreicher sie ist.
Was in Technik erfolgreich ist, soll auch bei der Suche nach Moral erfolgreich sein.
Mit dem Bemühen, Gott zu beweisen, haben Anselm und andere den Startschuss gegeben, Gott als Motor in der Welt abzuschaffen. Ohne Gott braucht es aber eine neue Verortung von Moral.

tmd.

Kann man eine Gesellschaft moralisch erziehen?

Männchen
Kann man „die Gesellschaft“ erziehen? – Quelle: 3dman_eu, Pixabay

In „Der Selbstmord“ entwickelte Emile Durkheim vor über 100 Jahren eine grundlegend neue Sicht auf dieses Problem. Abweichendes Verhalten, Verbrechen und auch Selbstmord sind Erscheinungen, die wir in allen Gesellschaften antreffen. Interessanterweise werden in allen Gesellschaften diese Erscheinungen moralisch beurteilt – nicht immer negativ. Zum Beispiel wird Selbstmord auch als gesamtgesellschaftlich notwendig verteidigt. Wir kennen das auch aus Literatur und insbesondere dramatischen Filmen, wenn der Held/die Heldin sich opfert, um die Menschheit zu retten.

Für den Moralunterricht hat die Sichtweise von Durkheim – und allen Soziologen, die seiner Methode seither folgen – enorme Bedeutung.
Moral ist relativ zur jeweiligen Gesellschaft zu denken. Ethischer Relativismus mal nicht philosophisch, sondern modern und wissenschaftlich unterlegt.

Durkheim geht sogar noch weiter. Er hält eine moralische Erziehung für unmöglich: Erziehung ist „nur Abbild und Widerschein der Gesellschaft, die sie nachahmt und zusammengedrängt wiedergibt, aber nicht neu schafft“, schreibt er. (S. 440 ff., Emile Durkheim: Der Selbstmord, stw 431, 1973).

Wie ist dann aber sozialer Wandel möglich?

tmd.

Populismus ist der Feind kritisch rationaler Wahrheitsfindung

Populismus
Populismus – Quelle: geralt, Pixabay

Kürzlich bin ich zu einer Fortbildung eingeladen worden. Thema: Populismus. Wer sich mit Moral beschäftigt, der wird aufmerken. Der Unterschied von Gut und Böse werde durch Populismus unkenntlich gemacht, heißt es im Texttrailer.

Der sokratisch-platonische Gedanke des universell Guten ist also immer noch aktuell. Das macht Hoffnung in einer Zeit, in der das moralisch richtige Handeln von Beliebigkeit okkupiert wird. Schuld daran seien unter anderem evidente Erzählungen. Evidenz ist aber eine der Wahrheitskriterien, die dem epistemischen Ansatz zur Verfügung stehen, um Wahrheit zu benennen.

Konsens, ein weiteres epistemisches Wahrheitskriterium, sei vom Populismus ebenso betroffen. Denn die Mehrheit, die unaufgeklärte, sei ebenfalls vom Populismus ins Visier genommen worden. Letzterer wüte dort und lasse das politische Kompetenzniveau auf Null sinken. Bleibt also nur die letzte Bastion kritisch rationaler Wahrheitsfindung: die Kohärenz, das schlüssige widerspruchsfreie Argumentieren. Die Waffe der wissenschaftlichen Aufklärung muss allerdings bedient werden. Das geht nur durch Übung. Also: Lesen, schreiben, reden.

tmd.

Grundwissen: Wahrnehmung

Das Grundwissen zum Thema: Wahrnehmung und Erkenntnis, wird schon in der fünften Klasse erarbeitet. Für Quereinsteiger in den Ethikunterricht der Mittelstufe gibt es hier eine kurze Zusammenfassung zum Thema Wahrnehmung.

Die menschliche Wahrnehmung ist zunächst auf die Sinne angewiesen. Die Sinne sind das Sehen, das Hören, das Riechen, das Schmecken und das Tasten (Fühlen). Diese Sinne können einzeln oder auch insgesamt getäuscht werden. Die Graphiken von M.C. Escher (Maurits Cornelis Escher, 1898-1972) sind gute Beispiele für die Täuschung des Sehsinnes. An diesen Bildern kann jedoch auch das Sehen trainiert werden, um die Täuschung zu erkennen. Aus diesem Beispiel kann aber auch abgeleitet werden, dass Menschen in Bezug auf ihre Sinne grundsätzlich manipulierbar sind. Die Möglichkeit der Täuschung wird dabei von anderen Menschen ausgenützt. Denkbar ist natürlich auch, dass Menschen aufgrund von Krankheit ihre Sinne nicht voll einsetzen können.

Maßstab
Sind Werte messbar? – Quelle: arielrobin, Pixabay

Aus dieser Erkenntnis, dass Menschen grundsätzlich in ihrer Wahrnehmung getäuscht werden können, wird der Wunsch abgeleitet, unsere Wahrnehmung zu kontrollieren und zu prüfen. Menschen suchen nach Methoden (Wege), die Täuschungen zu erkennen und zu vermeiden.

Da es in Ethik um Moral, Normen (Regeln und Gesetze) und Werte geht, werden also mögliche Täuschungen im Wertesystem und in Moralvorstellungen unter die Lupe genommen. Ich brauche also einen Bewertungsmaßstab dafür, zu entscheiden, ob eine Moral brauchbar ist oder nicht.

Vorausgesetzt wird dabei im Weiteren ein moralisches System, das sich an den Menschenrechten und der Menschenwürde orientiert. Und: Moral und Werte müssen universell sein. Jeder muss sie anwenden können wollen. Hier wird Immamuel Kant (10. Klasse) bereits kennengelernt. Das Moral- und Wertesystem wird also nicht von der Basis her aufgebaut, sondern Alltagssituationen werden vor dem Hintergrund der herrschenden Moralvorstellungen gespiegelt. Gerade das bereitet die größten Schwierigkeiten, weil man nicht voraussetzungslos eine Moral aufbauen kann.

Beispiel: Einen Menschen allgemein und individuell wahrzunehmen, setzt voraus, dass ich bei der allgemeinen Wahrnehmung die Menschenrechte und -würde als Maßstab nehme: Alle Menschen sind gleich! Die reine Beobachtung ergibt jedoch das Gegenteil: Wir sind alle sehr individuell!
Ich muss also auch den Maßstab meiner Wertungen ständig reflektieren. Das erfolgt in meinen Erfahrungen und Erlebnissen. Das ist meine gleichsam innere, geistige Wahrnehmung. An dieser Stelle wird Verstand und Vernunft eingesetzt. Das wird aber in dieser ausdrücklichen Weise erst in der 10. Klasse thematisiert. In der Unterstufe werden Erkenntnisse aus Soziologie und Psychologie eingesetzt, um Allgemeines und Individuelles zu erklären. Beispiele sind Selbst- und Fremdwahrnehmung und die soziale Rolle.

Auf diese Weise kann man auch Regeln, Bedürfnisse und Glücksvorstellungen untersuchen und allgemeine und individuelle Maßstäbe aufstellen für Freiheit, soziales Handeln und Entscheiden.
An dieser Stelle wird zur Wahrnehmung von Regeln, Normen und so weiter immer ein vorwissenschaftliches Alltagswissen über Moral verwendet, also das, was wir über Moral schon erfahren haben (geistige Wahrnehmung). Beispiel: In sogenannten Dilemmageschichten lernt man, dass sich in Handlungssituationen Regeln widersprechen können. Bestenfalls kann man dann die eine Regel der anderen vorziehen (Vorzugsregeln). Meist ist jedoch der Konflikt zwischen sich widersprechenden Regeln nicht aufzuheben. Die eine Regel besagt: Du sollst nicht lügen. Was tun, wenn ich damit (mit Lügen) Menschenleben rette?

In der Mittelstufe wird dieses Problem dann nochmals aufgegriffen und präzisiert. Moral wird als ein System von wahren Aussagen behandelt. Aufgabe ist es nun, festzustellen, was Wahrheit ist. Hier gibt es zwei Möglichkeiten: empirisch und epistemisch. Die epistemische Feststellung von Wahrheit ist vernunftorientiert. Entweder ist wahr, was in sich widerspruchsfrei ist, was von allen so gesehen wird oder was einfach offensichtlich ist. Hierzu gibt es mehrere Beiträge im Blog, ebenso zur empirischen Feststellung von Wahrheit. Hier geht es um die Übereinstimmung von Wahrnehmung und Wirklichkeit.

In jedem Fall ist der moralische Maßstab, der angewendet wird, Menschenwerk und auch die Ergebnisse moralischer Betrachtungen sind es. Offenbarung und Erleuchtung müssen sich ebenfalls einer kritischen Untersuchung unterwerfen und sind nicht von sich aus wahr.

tmd.

Moralische Feldvermessung

Ein kleines erkenntnistheoretisches Problem beschäftigt Philosophen schon immer und sie können es nicht lösen: Die Beschreibung der Welt – und zwar umfassend und in ihrer Totalität, so nannten es zuletzt die Soziologen der Kritischen Theorie.

Welt in der Hand
Beschreibung der Welt – Quelle: sweetlouise, Pixabay

In dem Moment, in dem ich die Welt beschreibe, muss ich in Rechnung stellen, dass ich mich, der die Welt beschreibt, nicht unterschlagen kann – bei der Beschreibung. Wenn ich mich also in die Beschreibung der Welt mit einbeziehe, dann stehe ich für einen Augenblick außerhalb der Welt, die beschrieben wird und muss sogleich erkennen, dass ich mich wiederum in die Beschreibung einbeziehen muss, und so weiter.

Vor einigen Jahren hat der Philosophieprofessor Markus Gabriel einen Lösungsvorschlag gemacht, der soziologische Aspekte hervorhebt. Die Welt in ihrer Totalität können wir nicht beschreiben, weil es sie so und in dieser Art nicht gibt. Das heißt, wir haben die Frage falsch gestellt, bzw. wir suchen nach etwas, was es so nicht gibt.

Gabriel arbeitet mit „Sinnfeldern“. Sinnfelder konstruieren wir nach Bedarf. Das können x-beliebige Gegenstände sein. Sie müssen nur eines, andere Gegenstände, die unter Umständen ähnlich sind, ausschließen. Ein Beispiel: Eine Cola-Dose kann ich nur als solche auch wahrnehmen, weil ich alle anderen Dosen, die keine Cola enthalten, ausgrenze. „Man macht einen Unterschied“, so nannte das der Soziologe Niklas Luhmann.

Hilft uns das weiter, moralische Entscheidungen zu treffen? Zunächst wird der Standpunkt, dass es viele unterschiedliche Moralen gibt, mit einem wissenschaftlichen Argument gestützt. Das kennen wir. Moral ist Menschenwerk. Ein Sinnfeld einer Moral setzt voraus, dass es da noch andere Moralen gibt. Sonst wäre ja eine Unterscheidung nicht möglich. Dann aber wird ausgeschlossen, dass es so etwas wie eine weltumfassende Moral gibt, die alle anderen Moralen umfasst. Das schließt sowohl die Sinnfeldtheorie als auch unsere grundsätzliche Unfähigkeit, die Welt in Gänze zu beschreiben, aus.

Was sagt das nun aber aus, wenn wir versuchen, moralisch zu urteilen?
Selbstreflexion ist angesagt! Wer die Meinung vertritt, dass es universelle Regeln gibt, der hat ein Problem. Zumindest macht er sich verdächtig, seine Moral als alleinig Seeligmachende zu empfehlen. Das ist philosophisch nicht brauchbar.

tmd.

Stichwort: Anthropozentrische Wende

Hierbei geht es in erster Linie um Erkenntnistheorie. Im Unterricht wird es unter dem Begriff „Menschenbild“ behandelt. Es geht nicht um das Bild, das ich mir von einem Menschen mache, sondern um die Fähigkeiten des Menschen, die Welt und Wirklichkeit zu erkennen (deshalb auch Erkenntnistheorie). Anthropozentrisch heißt hier: auf den Menschen (anthropos, griechisch) bezogen (centrum, lateinisch).

Mensch, Mittelpunkt
Mittelpunkt Mensch – Quelle: geralt, Pixabay

Die Multiplikatoren dieser Wende im Denken und Erkennen waren die Sophisten. Hierzu wird der Name des Sophisten Protagoras gelernt und sein Merksatz: Der Mensch ist das Maß aller Dinge (homo-mensura-Satz). Daraus wird abgeleitet, dass unterschiedliche Menschen eine Sache/einen Sachverhalt unterschiedlich erkennen und bewerten. Den Sophisten war jedoch die Anwendung wichtiger als die Theorie. Sie wollten unter anderem nachweisen, dass für bestimmte Menschen eher die Diktatur als Herrschaftsform geeignet sei, für andere wieder eher die Oligarchie oder Demokratie. Das ist praktischer Relativismus. Geht es um Moral, wird daraus ein ethischer Relativismus abgeleitet.

Der Begriff „ethischer Relativismus“ ist hier eigentlich inkonsequent angewendet, weil es doch um die Beliebigkeit von unterschiedlichen Moralen geht. Die Beschäftigung mit unterschiedlichen Moralen ist eigentlich Ethik. Ethischer Relativismus ist dann eine weitere Meta-Reflexion. Im Unterricht wird das jedoch nicht thematisiert.

Um eine Wende handelt es sich deshalb, weil vor den Sophisten die Vorsokratiker (die Philosophen vor Sokrates, der eigentlich ein Sophist war) das Problem der Erkenntnis nicht subjektiv – vom Menschen her – sondern in Bezug auf die objektive Welt (das Seiende, das, was ist – das Nicht-Seiende, das, was nicht ist) lösen wollten.

tmd.

Mögliche Wege verwirklichen

Wege in die Zukunft – Quelle: aitik, Pixabay

In jedem Augenblick unseres Lebens treffen wir Entscheidungen, die das weitere Leben betreffen. Wir stellen die Weichen für die Zukunft. Das, wofür wir uns dann nicht entschieden haben, das sind die Möglichkeiten, die wir nicht nutzen. Wie oft denkt man: Was wäre wenn …, oder Hätte ich damals anders gehandelt. Peter Bieri (alias Pascal Mercier), Professor für Psychologie, hat den Sachverhalt in seinem Roman Nachtzug nach Lissabon präzisiert: „Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist – was geschieht mit dem Rest?“

Tamara Bach beantwortet diese Frage in ihrem Buch Marienbilder mit der Geschichte der jungen Mareike. Da dies kein Literatur-Blog ist, will ich mich nicht mit einer Rezension aufhalten. Nur soviel sei verraten, dass sich Mareike mehrere Biographien bastelt, die alle möglich wären – oder möglich waren.

Für das moralische Handeln ist dieses schmale Büchlein deshalb so interessant, weil es auf die Zerbrechlichkeit von Biographien aufmerksam macht. Sinnsuche und Sinnfindung ist meist auf einen Lebensweg, den man plant, abgestellt. Doch diesen geplanten Biographien in den ersten 15 bis 20 Lebensjahren fehlt eben die Erfahrung der ungelebten Leben. Die Erkenntnis ist allerdings betrüblich. Wenn man jung ist und Pläne macht, hat man nicht den rechten Blick auf die Komplexität der Zukunft. Wenn man dagegen die Summe der ungelebten Leben vor sich Revue passieren lassen kann, dann sind Korrekturen nicht mehr möglich.

Inhalte im Unterricht vermitteln, die erst in der Zukunft an Bedeutung gewinnen, (allerdings eine traurige Bedeutung, nämlich: es lässt sich nicht mehr viel ändern) und aktuell nicht durch eigene Erfahrung als Beispiel dienen, das ist eigentlich nur durch Lesen von Büchern wie den genannten möglich. Alle anderen didaktischen und methodischen Tricks werden von SuS (und die lesen den Blog auch und insbesondere) schnell durchschaut und demaskiert.

Also: Rollenspiel bei diesem Thema schnell vergessen. Lesen hilft hier weiter.

tmd.

Stichwort: Höhlengleichnis

Höhle – Quelle: Licya, Pixabay

Platon beschreibt mit dem Höhlengleichnis ein erkenntnistheoretisches Problem. Sinnliche Wahrnehmung ist kein sicherer Weg zur Feststellung von Wahrheit. Sinnliche Wahrnehmung täuscht uns sogar, wenn wir Welt und Wirklichkeit benennen und bestimmen wollen. Platon kannte die optischen Täuschungen, die wir heute verwenden, um diesen Sachverhalt zu erklären. Die Graphiken von M.C. Escher sind gute Beispiele.
Worauf kann sich der Mensch dann noch verlassen? Platon sagt: Es ist die Ratio, die Vernunft, die uns zu wahrer Erkenntnis führt.
Jetzt wird das Höhlengleichnis verständlich. Die Menschen, die gefesselt in der Höhle sitzen, das sind die Menschen, die nur ihre sinnliche Wahrnehmung gebrauchen.

Die sinnliche Wahrnehmung ist die Fessel des Menschen.

Wir sehen nur die Schatten der Wirklichkeit. Wenn wir aber die Fesseln der sinnlichen Wahrnehmung abstreifen und die Ratio einsetzen, dann erkennen wir die Wahrheit. Beispielhaft steht dafür die Mathematik. Beherrschen wir Mathematik und Logik, dann erkennen wir die Welt und Wirklichkeit in ihren wahren Formen und Gesetzen.
Also: Raus aus der Höhle der geistigen Beschränktheit!

tmd.

Stichwort: Wahrheit

Der Schein trügt? – Quelle: geralt, Pixabay

Die grundlegende erkenntnistheoretische Problematik ist: Die Übereinstimmung von Wahrnehmung und Wirklichkeit ist nicht zweifelsfrei zu beweisen.

Das heißt: Wahrheit ist abhängig von Konsens, Evidenz und schlüssiger Argumentation (Kohärenz). In den Naturwissenschaften hat diese Erkenntnis Forschung und Wissenschaft enorm vorangebracht. Was der Logik widerspricht und was nicht funktioniert, das ist falsch. In den Geisteswissenschaften ist das nicht so einfach, insbesondere in der Moral. Es gibt unterschiedliche Antworten auf die Frage, was gerecht, maßvoll, klug und tapfer ist. Beliebigkeit ist aber keine Lösung.

Es kann nicht zwei Gerechtigkeiten geben.
Moralisch handeln heißt, Normen und Werte beachten, die das Zusammenleben konfliktfrei gestalten. Dabei gehen wir davon aus, dass die Normen und Werte von Menschen gemacht sind und nicht etwa von Gott offenbart wurden.

tmd.