Das Licht und die Geräusche

Iceland – Quelle: photovicky, Pixabay

„Boris sent letter from Iceland“, höre ich die Stimme aus der Ferne.
„Yes“, sage ich, „I know. Iceland.“
Dann ist wieder so eine Stille am anderen Ende, sodass ich schon fast denke, dass sie vielleicht aufgelegt hat, und mir vorstelle, wie sie da irgendwo in Lissabon in so einer Wohnung sitzt, wo es einen großen Ventilator an der Decke gibt und sie mit diesen großen ausdruckslosen Augen in die Gegend starrt.
„I want to got to Iceland.“
„Yes“, sage ich. „Me too.“

(aus: Das Licht und die Geräusche, Jan Schomburg, 2017, S. 192)

Erwachsen werden lässt sich nicht so einfach einüben. Rollenspiele führen hierbei immer den Charakter des „so tun, als ob“ mit sich im Gepäck. Es geht aber nicht nur darum, die Spielregeln der Erwachsenen nachzumachen, sondern man muss sie als Jugendlicher auch durchschauen und Entscheidungen mit Reichweite zu treffen.

Johanna und Ana-Clara sind Betroffene einer weitreichenden Entscheidung, die Boris getroffen hat. Jan Schomburgs Roman nimmt an dieser Stelle (S. 192) Fahrt auf. Die komplexen Handlungsstrukturen werden hier verknüpft. Johanna und Ana-Clara werden als Suchende dargestellt. Nicht weil sie Boris suchen, das auch. Sie versuchen, die Entscheidungsstrukturen von Boris zu dechiffrieren. Und sie versuchen sich selbst zu verorten in der Welt der Erwachsenen. Keine leichte Aufgabe.
Wenn der Roman endet, dann hat der Leser nicht mehr das Schicksal von Boris im Gedächtnis. Es geht um Johanna.

„Als mir das klar wird, merke ich auch, dass da eben nicht nur Freude ist, sondern auch diese Lust daran, Macht über jemanden auszuüben, jemanden zu etwas zu zwingen, wogegen die Person nichts tun kann und sich vielleicht nicht mal bewusst wird, dass sie gerade zu was gezwungen wird.“ (S. 243)

Johanna hat die Suche für sich genutzt. Sie hat die komplexen Verhaltensstrukturen nicht nur erkannt, sie kann sie auch anwenden.

Textschnipsel in den Lehrbüchern können solche komplexen Lernprozesse nicht wiedergeben.

tmd.

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