Das magische Viereck der Medizinethik: moralischer Nachholbedarf

Ethik
Selbstbestimmung bis zum Ende möglich? – Quelle: Malalisa, Pixabay

Das amerikanische Modell soll dem Mediziner und dem Patienten helfen, moralisch tragbare Entscheidungen zu treffen. Die Beteiligten (aber eigentlich nur der Arzt) sollen dabei vier ethische Prinzipien berücksichtigen.

  • Selbstbestimmung (des Patienten)
  • Schadensvermeidung (für den Patienten)
  • Fürsorge (um den Patienten)
  • Soziale Gerechtigkeit (gegenüber anderen Patienten und der Gesellschaft)

Die Spannungen zwischen den einzelnen Punkten ist enorm, insbesondere wenn es ums Sterben geht. Wie bei allen Modellen nach dem Schema magisches Viereck oder Sechseck usw. sollen die Eckpunkte ausgeglichen sein. Die Fallstudien zeigen, dass dies nicht möglich ist.
Grundsätzlich endet die Schadensvermeidung für den Patienten an der Leistungsfähigkeit der Krankenkassen. Die Selbstbestimmung des Patienten, der sterben will, findet seine Grenzen in der Schadensvermeidung, die der behandelnde Arzt im Blick hat. Wenn, wie in einem Beitrag in diesem Blog, der Arzt mit dem langen Sterben mehr Geld verdient, als mit Schadensvermeidung (Schmerzlinderung) und Selbstbestimmung des Patienten, dann ist es zudem sozial ungerecht. Das Geld könnte man an anderer Stelle investieren. Das ist aber marktwirtschaftlich gedacht und nicht moralisch.

Es ist interessant, dass immer wieder der wirtschaftliche Aspekt zum Vorschein kommt, wenn es doch eigentlich um moralische Entscheidungen geht. Ich nenne es deswegen moralische Entscheidungen und nicht ethische, weil die letzte Entscheidung des Einzelnen sich nicht auf den Kommunikationszusammenhang des amerikanischen Modells bezieht. Die ethische Kommunikation des amerikanischen Modells lässt doch nur wie mit einem Zaubertrick die moralischen Ängste, Wünsche und Triebkräfte des Patienten und der Angehörigen verschwinden. Zu Recht haben die Soziologen diese und ähnliche Erscheinungen mit dem Wort eskamotieren belegt. Kommunikation lässt Probleme auch verschwinden, verpackt in ethische Konzepte.

„Helfen sie mir Doktor“, fleht der Patient. Und der Arzt kann nur sagen, „ich kann nicht, ich will nicht, ich darf nicht.“

Die Schamanen indigener Völker müssen nicht auf Entscheidungshilfen wie das amerikanische Modell zurückgreifen. Ist ihr Patient am Ende seines Lebens angekommen, dann begleiten sie ihn und haben die autonome Person des Patienten (Selbstbestimmung) im Blick, erleichtern ihm das Sterben (Fürsorge und Verhinderung von Leiden) und sie sind gerecht. Jeder muss sterben und kann so sterben. Nur das ist dem Menschen würdig. Zumindest bei der Ethik des Sterbens hat unsere Gesellschaft noch Nachholbedarf.

tmd.

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