Der Tyrann in uns – Das Gewissen bei Freud

Ein ICH mit schweren Gewissenskonflikten wendet sich Rat suchend an sein Unterbewusstsein, auch ES genannt. „Belästige mich nicht mit deinen Problemen“, sagt das Unterbewusstsein. „Frag das ÜBER-ICH, das ist für deine Gewissenskonflikte verantwortlich.“

Quelle: emARTix, YouTube

Sigmund Freud hat Entstehung und Funktion des Gewissens in seinem Modell mit ICH, ÜBER-ICH und ES erklärt. Das Bild, das in den meisten Lehrbüchern zur Ethik dazu abgedruckt wird, ist eigentlich selbsterklärend. In der graphischen Darstellung geht jedoch ein zentraler Gedanke von Freud unter: Der Mensch hat bereits dann ein schlechtes Gewissen und leidet unter diesem schlechten Gewissen, wenn er nur daran denkt (!), etwas zu wollen, was ihm Eltern, Lehrer oder sonstige „Sozialisationsagenten“ verboten haben zu tun. Das funktioniert nur deshalb, weil der Mensch diese Erzieher als ÜBER-ICH im Bewusstsein „introjiziert“ (also verinnerlicht oder auch eingepflanzt) hat. Das schwer Verstehbare daran ist nun, dass der Mensch für diese „Internalisierung“ (anderes Wort für den gleichen Vorgang) teilweise mit verantwortlich ist. Der Mensch holt sich das schlechte Gewissen als Plagegeist selbst ins Bewusstsein. Wie kann das geschehen und welche Konsequenzen für unser moralisches Verhalten ziehen wir aus diesem Wissen?

Schauen wir uns an, wie das Gewissen entsteht.
Das Glücksempfinden ist für das Kleinkind mit Aggression verbunden, behauptet Freud. Warum? Weil das Kind noch keine Grenzen zwischen sich und seiner Umwelt ziehen kann. Einfach ausgedrückt: Die Eltern sind für das Kleinkind Teil seiner selbst. Wenn die Eltern sich plötzlich anders verhalten, als das Kind es will, reagiert es mit Aggression. Gleichzeitig erkennt das Kind, dass es von den Eltern abhängig ist.

Baby weint
Weinendes Baby – Quelle: TaniaVdB, Pixabay

Krawall machen bedeutet unter Umständen, dass sich die Eltern abwenden. Eltern, die sich abwenden, sind aber für das Kleinkind eine existentielle Bedrohung. Und nun geschieht – nach Freud – etwas Sonderbares. Die Aggression, die sich eigentlich gegen die Eltern richtete, wird umgelenkt auf das eigene, sich langsam herausbildende ICH.

Freud schreibt: „Die Aggression wird introjiziert, verinnerlicht, eigentlich aber dorthin zurückgeschickt, woher sie gekommen ist, also gegen das eigene ICH gewendet. Dort wird sie von einem Teil des ICHs übernommen, das sich als ÜBER-ICH dem übrigen ICH entgegenstellt und nun als Gewissen gegen das ICH dieselbe strenge Aggressionsbereitschaft ausübt, die das ICH gerne an anderen, fremden Individuen befriedigt hätte.“ (aus: Das Unbehagen in der Kultur)

Das ist verständlich. Denn das Kind fühlt sich verantwortlich für den drohenden eigenen Untergang, wenn sich die Eltern nicht mehr um es, das Kind, kümmern. Freud sieht hier auch die grundlegende Angst des Menschen vor Liebesentzug. Das Kind fühlt sich also verantwortlich für die Unlustgefühle (Liebesentzug, Zuwendung fehlt). Damit ist der Grundstein gelegt für eine noch viel üblere Komponente im Bewusstsein: das ÜBER-ICH.

Denn der Mechanismus, die Aggressionen, die sich gegen die Eltern oder die Umwelt richten, umzulenken auf die eigene Person, muss dauerhaft aufrechterhalten werden. Hier bildet sich das ÜBER-ICH heraus, das fortan immer darüber wacht, Aggressionen nicht gegen die Umwelt, sondern gegen das eigene ICH zu steuern.

An dieser Stelle ist aber noch nicht klar, warum man ein schlechtes Gewissen hat. Bisher ist nur erklärt worden, warum Sozialisation funktioniert: Kinder wollen der Bestrafung durch Liebesentzug entgehen und lernen, sich angepasst zu verhalten. Damit sind sie „quitt“ mit den Eltern. Der Verzicht auf Aggression bzw. Triebbefriedigung wird mit Zuneigung und Liebe belohnt.

Ein schlechtes Gewissen entsteht jedoch erst dann, wenn Kinder meinen, dass die Eltern wissen, dass sie (die Kinder) eigentlich aggressiv sich durchsetzen wollen, aber es sich nicht trauen aus besagten Gründen. Was Freud so nicht wusste, aber Psychologen nach ihm herausgefunden haben: Jeder Mensch hat die Chance zu verhindern, dass ihm ein dauerhaft schlechtes Gewissen eingepflanzt wird. Kinder lernen nämlich ab dem vierten Lebensjahr, dass sie lügen können und ihre Umwelt grundsätzlich nicht herausfinden kann, was sie (die Kinder) gerade denken. An diesem Punkt der Entwicklung könnten sich Menschen eigentlich frei machen von der Angst, dass man ihre Gedanken liest. Niemand bräuchte mehr ein schlechtes Gewissen zu haben.

Portrait Sigmund Freud
Sigmund Freud – Quelle: Wikipedia

Diese Chance zur Befreiung von einem üblen inneren Tyrannen können nicht alle nutzen. Wenn sich erst einmal das ÜBER-ICH von den konkreten Personen der Umwelt gelöst hat und im Bewusstsein des Menschen ein Eigenleben führt, dann ist es zu spät. Therapeuten erzählen traurige Geschichten von Menschen, die sich beispielsweise ständig von Gott beobachtet fühlen. Bei vielen Neurotikern wird dieser innere Beobachter aber von den Betroffenen selbst nicht mehr als solcher wahrgenommen. Der Arzt muss hierbei mühevolle Seelenarchäologie betreiben.

Die moralischen Konsequenzen sind: Bei der Erziehung sollte das Seelenleben der Kinder im Vordergrund stehen. Das Gewissen ist keine irgendwie dem Menschen angeborene Eigenschaft. Der Schöpfer des Gewissens ist der Mensch selbst. Also kann er es auch beherrschen.
Und: Eine autonome Verarbeitung von unterschiedlichen, sich widersprechenden Normen ist mit einem Tyrannen im eigenen Bewusstsein nicht möglich.
tmd.

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