Erkenntnis und Interesse in der Umweltethik

In einem Ethikbuch habe ich ein Gedankenexperiment der besonderen Art gefunden. Die SuS sollten sich vorstellen, dass die Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft auf Augenhöhe mit den Menschen (und natürlich auch den Tieren und Pflanzen – was aber leider in dem Buch nicht gesagt wird) über die Umweltverschmutzung diskutieren können. Ein interessanter Ansatz. Eigentlich handelt es sich hier um puren Holismus: Nicht nur die Menschen und Tiere und auch nicht nur die Pflanzen und Einzeller, nein!, alles was es gibt an belebter und unbelebter Materie wird ins Recht gesetzt, für das eigene Fortbestehen zu sorgen und zu kämpfen.

Feuer, Wasser, Luft & Erde
Feuer, Wasser, Luft & Erde – Quelle: LaughingRaven, Pixabay

Das Gedankenexperiment läuft mit einem Rollenspiel, das die SuS organisieren sollen, in eine typische Falle: Menschen, hier die SuS, sollen das Interesse von belebter und unbelebter Natur vertreten und Erkenntnisse produzieren. Diese Erkenntnisse sollen ökologischen Frieden stiften. Interessenvertretung der Pflanzen- und Tierwelt ist aber nicht Spiegelung deren Interessen, sondern immer nur das Interesse der Menschen.

Hier eine Erklärung zum Thema Erkenntnis und Interesse und Konzepte der Umweltethik.
Jede Art von Erkenntnis ist immer abhängig vom Interesse. Das Interesse von Natur können wir aber nicht ermitteln, also greifen wir – meist ohne darüber nachzudenken – auf unser menschliches Interesse zurück. Unser Interesse ist aber das Überleben der Menschheit! Die Konzepte der Umweltethik bestätigen das eben gesagte.

Im Holismus haben alle Lebewesen und auch unbelebte Natur dieselben Rechte. Holismus ist eine von vier umweltethischen Positionen. Die anderen sind der Anthropozentrismus, der Pathozentrismus und der Biozentrismus. Hier sehr verkürzt (!) die Definitionen. Anthropozentrismus heißt: Naturschutz ist Schutz des Menschen (!). Pathozentrismus heißt: Naturschutz ist Vermeidung von Leid (für Mensch (!), Tier, Pflanze, Einzeller). Biozentrismus heißt: Naturschutz ist Schutz alles Lebendigen (also auch hier: der Mensch!).

Wir sehen sofort: Bio- und Pathozentrismus sind ein echtes Problem. Uns Menschen wird damit ein permanentes schlechtes Gewissen gemacht und Schuldgefühle sind programmiert. Wir müssen also mit diesem schlechten Gewissen irgendwie umgehen. Wie machen wir das? Wir ersinnen Erklärungen für unser Verhalten der Umwelt gegenüber. Wir erzählen uns Geschichten über die Entstehung der Welt (Bibel). Wir versuchen unser Verhalten in und mit der Natur zu rechtfertigen (Ökologie, Vegetarier, Veganer) Warum? Wir wollen überleben! Wir können das aber nur, indem wir die Natur nutzen. Die Nutzung ist aber auch Benutzung. Die Nutzung ist aber auch – Zerstörung!

Die Erkenntnisse, die in umweltethischen Konzepten wiedergegeben werden sind Erkenntnisse, die wir Menschen geleitet von unserem Interesse sammeln. Die reine Erkenntnis gibt es nicht. Was hat das für Folgen für die Konzepte der Umweltethik? Wir als Menschen versuchen Begründungen zu finden für unser Überleben in der Welt. Die „Zerstörung“ der Welt ist zunächst unspektakulär aus unserer Sicht, aus der Sicht der Menschen (also nicht holistish). Wir schlachten Tiere – industriell. Aber: Wenn wir dabei zuschauen müssten, würde uns übel werden. Wir zerstören die Umwelt.

Aber: Wenn wir wüssten, dass wir unsere Gattung (Mensch) damit umbringen, würde uns Panik erfassen. Beispiel: die Vermüllung der Meere mit Plastik. Plastik, das über die Meerestiere in der Nahrungskette wieder bei uns – in uns landet. Das Gedankenexperiment zu Anfang ist also zunächst zielführend: Wir zerstören unsere Umwelt. Aber die Lösung, Partei zu ergreifen für die Tiere, die Pflanzen und die Elemente, wird getrieben vom Interesse der Menschen, die überleben wollen. Das kann man wissen.

Übrigens: Ein Rollenspiel daraus zu machen, ist nun wirklich das letzte, was den SuS hilft, die Zusammenhänge von Interesse und Erkenntnis in der Umweltethik zu durchschauen. Nehmen wir die Kinder doch endlich ernst. Sie wollen das. Das sagen sie mir.

tmd.

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