Ethik als urteilendes Denken: Wir machen die Wirklichkeit

Wahrheit wird in diesem Blog epistemisch (Vernunft) und empirisch (Wahrnehmung) erklärt. Moralische Aussagen sind durch die Vernunft gestützt. Beispiel: Die Aussage „alle Menschen sind gleich“, ist auch ohne wissenschaftliche Hilfsmittel zumindest plausibel. Auf den ersten Blick sind wir ähnlich. Es ist jedoch ein Verdienst der Naturwissenschaften, die enge genetische Verwandtschaft empirisch offenzulegen. Die moralische Forderung der Gleichheit aller Menschen erfolgte jedoch vor dem empirischen Beweis und war allein eine Sache der Vernunft, also epistemisch.

Der empirische Wahrheitsbegriff steht und fällt jedoch mit der Annahme, dass wir die Welt, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, mit der gemachten Wahrnehmung vergleichen. Das ist natürlich hoch riskant: Die Wahrnehmung, die wir von der Welt haben, mit dem Objekt der Wahrnehmung zu vergleichen, wobei das Objekt doch nur in unserer Wahrnehmung existiert. Ein Zirkelschluss.

Immanuel Kant hat uns in dieser erkenntnistheoretischen Problemlage weiter geholfen. Die sinnliche Wahrnehmung erfolgt nach Kant immer unter Zuhilfenahme von Raum und Zeit. Unsere Wahrnehmung ist bedingt durch Raum und Zeit. Raum und Zeit gibt es also nicht an sich, sondern nur für sich oder für uns. Damit ist der Zirkelschluss: die Wirklichkeit mit der Wahrnehmung von ihr zu vergleichen, wobei die Wirklichkeit nur über Wahrnehmung zugänglich ist, durchbrochen. Wirklichkeit ist nicht nur passives Wahrnehmen, es ist aktives Konstruieren.

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Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt? – Quelle: stux, Pixabay

Wir machen die Wirklichkeit. Das heißt, die Welt, wie sie wirklich ist, bleibt uns für immer verschlossen. Ist das ein Problem? Nein! Wir kommen mit unseren Bildern von der Welt gut zurecht. In der Soziologie beispielsweise hat sich die Wissenschaft längst von einem Unterschied zwischen einer Wirklichkeit „an sich“ und „für sich“ verabschiedet. Die Tatsachen, mit denen sich die Soziologie beschäftigt, sind Produkt menschlichen Handelns und menschlicher Kommunikation. Dahinter gibt es nichts. Es gibt also hinter den Rollen, die wir spielen, nicht irgendwelche echte, unverfälschte Persönlichkeiten.

Veritas est adaequatio intellectus et rei. Wahrheit ist die Übereinstimmung des urteilenden Denkens mit der Sache. Thomas von Aquin hat das geschrieben. Ist die Aussage noch brauchbar? Sicher! Moral ist Produkt menschlicher Vernunft. Das kann man kritisch untersuchen (urteilendes Denken). Nichts anderes machen wir in Ethik.

tmd.

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