Gelassen in den Tod – Der moralische Sieg des Sokrates

Tod des Sokrates
Der Tod des Sokrates – Quelle: Wikipedia

Sokrates wird zum Tode verurteilt und zwar zu Unrecht. Was liegt näher bei einem Fehlurteil, als das Angebot zur Flucht anzunehmen. Alles war dafür vorbereitet. Sokrates aber beginnt zum Entsetzen seiner Freunde einen philosophischen Diskurs. Inhalt: ein Vergleich von „Unrecht erleiden“ und „Unrecht tun“. Was ist besser, was ist schändlicher, fragt Sokrates. Er kommt zum Ergebnis: Es ist besser Unrecht zu erleiden, als Unrecht zu tun. Was ist aber das „Unrecht tun“ in diesem speziellen Fall? Antwort: sich nicht an die Gesetze und an das Urteil des Gerichts halten.
Moment mal, sagt der kenntnisreiche Leser. Das Urteil war doch ein Fehlurteil. Warum dieses Urteil beachten.

Das ist aus unserer Sicht der Dinge durchaus angebracht. Nicht aber für Sokrates: Gesetze zu missachten, mache sie wertlos. Zudem haben die Gesetze ihm die Möglichkeit gegeben, in der Gerichtsverhandlung seine Gegner bloßzustellen. So wie es überliefert ist, hat Sokrates eigentlich alles dafür getan, dass er zum Tode verurteilt wird. Ihm ging es ums einwandfreie moralische Verhalten. Er wollte mit sich selbst im Einklang leben und sterben, so berichtet es Platon.

Das heißt: tugendhaft leben. Nur wer das Gute tut, der ist auch ein guter Mensch. Dazu muss man aber wissen, was das Gute ist. Genau das hat er in seinem letzten Diskurs klargestellt: Unrecht tun ist schändlich. Platon hat seinen Sokrates damit zum Superphilosophen gemacht, eigentlich moralisch nicht mehr zu übertreffen.

Weiter mit Sokrates und seinem Tod. Warum ist der Mann so ungerührt im Angesicht des Todes?

  • Erstens: Sokrates fragt, was der Tod sei. Er listet zwei damals gängige Versionen auf. Die erste geht so: Der Tod ist wie ein unendlich langer Schlaf, bei dem man nichts fühlt. Na gut, sagt Sokrates, das ist nicht gerade spannend, aber auch kein Grund sich zu fürchten. Die zweite Version ist wirklich interessant. Wenn man sich tugendhaft verhalten hat – so wie Sokrates – trifft man im Jenseits Gleichgesinnte und die Helden der Vergangenheit. Zum Beispiel die Helden vor Troja. Was gibt es besseres, als mit diesen Helden zusammen zu sitzen, Wein zu trinken und sich die alten Geschichten immer wieder neu zu erzählen.
  • Zweitens: Das ist nun nicht mehr nur Philosophiegeschichte, sondern Erkenntnistheorie. Sokrates erklärt, dass die sinnliche Erkenntniskraft des Menschen – gebunden an den Körper – eigentlich nichts an Wert sei im Verhältnis zur Erkenntniskraft der Vernunft. Vernunft ist aber eine Angelegenheit der Seele, die übrigens unsterblich ist.

Dass die Sinne unzuverlässig sind, kennen wir schon von den Wahrheitstheorien und von Platons Menschenbild.
Sokrates denkt hier an das, was wir die epistemischen Wahrheitstheorien nennen. Und die sind nicht empirisch, sondern ausschließlich Sache der Vernunft. Mit diesem erkenntnistheoretischen Rüstzeug kann Sokrates gelassen in den Tod gehen.
Wir merken uns: Das, was für uns eine Sache der Vernunft ist, war für Sokrates immer noch eine Sache der antiken Vorstellung von Tugend. Das, was das Gute ist, ist bei Sokrates als Idee wirklich vorhanden. Es ist nicht ein Ziel, das wir erreichen wollen, aber nicht genau wissen, wie es aussieht.
Fassen wir zusammen. Die Gewissheit, die Sokrates hatte, haben wir heute nicht mehr. Dafür haben wir ein Vorbild wie ihn, das Gute zu wollen und danach zu leben.

tmd.

Ein Gedanke zu „Gelassen in den Tod – Der moralische Sieg des Sokrates“

  1. Hier eine Präzisierung:
    Um das Gute zu tun, soll man das Gute kennen. Sokrates geht bei der Bestimmung hier aber den Weg, dass er sagt, was man nicht tun soll.
    Sokrates weiß, wie man nicht handeln soll: Unrecht tun, das ist es, was nicht geht. Auch dann, wenn man ungerecht behandelt wird, soll man nicht Gleiches mit Gleichem vergelten.

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