Gewissen: eine kritische Auseinandersetzung

Das ist kein Thema, mit dem man sich gerne beschäftigt – auch weil es eine intuitive Erfahrung ist. Intuitiv? Das sind Erkenntnisse, die ohne inneren Dialog, also ohne mein Zutun, ohne Verstand ablaufen. Da läuft also etwas in meinem Gehirn ab, das ich nicht steuern kann? Nein Danke!
Ich soll es pflegen, das Gewissen, heißt es. Wie soll das gehen, wenn es doch intuitiv abläuft?
Wenn man sich wenigstens darauf verlassen könnte, dass es immer richtig funktioniert, das Gewissen. Aber da gibt es auch noch den Gewissensirrtum und den Gewissensmissbrauch. Sich aufs Gewissen berufen geht auch nicht immer gut aus.

Hör auf dein Gewissen
Ein gutes Gewissen – Quelle: mightybutton, Pixabay

Martin Luther hat es zwar vorgemacht. Die jungen Männer, die in den 60er und 70 Jahren den Dienst mit der Waffe verweigerten, sich auch auf ihr Gewissen beriefen, aber nicht anerkannt wurden und deshalb ins Gefängnis mussten, die fanden das gar nicht cool. Und was ist mit dem Bundeswehrpiloten, der ein Passagierflugzeug mit Terroristen abschießt, um damit die Menschen zu retten, die sterben würden, wenn die Passagiermaschine von Terroristen in der Allianz-Arena zum Absturz gebracht werden würde. War das eine Gewissensentscheidung? Nein! Das war ein Abwägen der Folgen. War das ein Gewissensnotstand? Auch das nicht. Es lag kein Befehl vor. Zudem hat das Verfassungsgericht das Thema längst eingeordnet. Beide möglichen Entscheidungen können gerechtfertigt werden. Oder war es einfach ein Gewissensmissbrauch, der nachträglich als Gewissensnotstand erklärt wird? Der Mann wollte den Helden spielen?

Der Fall Jakob von Metzler und die Entscheidung des Polizeivizepräsidenten Wolfgang Daschner haben das Thema deutlicher gemacht. Deutlicher als die Fiktion mit dem Bundeswehrpiloten im ARD-Film vom 17.10.2016. Interessant ist da nur die anschließende Diskussion im Netz.

Zurück zu den grundlegenden Problemen, sich mit dem Gewissen auseinanderzusetzen. Es gibt mehrere Modelle und Erklärungen für das Gewissen, sogenannte philosophische Deutungen. Das muss doch das Misstrauen wecken. Gibt es da keine klaren Antworten?

In einigen Lehrbüchern steht, dass sich mit dem Gewissen der Anspruch verbindet, verantwortlich zu handeln. Anspruch?! Es ist also ein Anspruch, eine Aufforderung. Mehr nicht! Ist es nicht eher so: der Ehrliche ist der Dumme!? Warum dann noch das Gewissen pflegen – evaluativ und präskriptiv?

Also nochmal neu beginnen mit dem Gewissen, aber mit einer anderen Überschrift: Schuld und Sühne. Sühne ist ein anderes Wort für Strafe.
Jetzt sehen wir das Thema Gewissen klarer. Es geht darum, Menschen, die sich nicht so verhalten, wie sie sollen, zu bestrafen. Und die Strafe wird gerechtfertigt mit dem Verweis auf das Gewissen. Die Übeltäter hätten es ja gewusst, dass sie sich falsch verhalten. Denn das Gewissen hat ihnen doch gesagt, dass ihr schändliches Tun nicht erlaubt ist. Sie haben Schuld auf sich geladen. Und deshalb werden sie bestraft. So einfach ist das!

Himmel oder Hölle
Gut und böse? Himmel und Hölle? – Quelle: Alexas_Fotos, Pixabay

Wirklich so einfach? Das wäre einfach, wenn alle Menschen die gleichen Vorstellungen von Gut und Böse hätten. Haben sie aber nicht.
Oder vielleicht doch? Die Gewissensmodelle und Deutungen der Antike und grundsätzlich in den christlichen Religionen gehen davon aus, dass jeder Mensch die Unterscheidung von richtig und falsch treffen kann. Thomas von Aquin hatte da seine Zweifel. Nach seiner Meinung kann das Gewissen (synderesis/syneidesis) zwar immer zwischen Gut und Böse entscheiden, aber es braucht dazu die richtige Werteordnung. Die Suche nach der richtigen Werteordnung sei dann Aufgabe des Gewissens. Kant sieht das anders. Für ihn ist der Verstand/die Vernunft sowieso das wichtigste Werkzeug für den freien, aufgeklärten Bürger. Wenn es also zu Fehlleistungen des Gewissens kommt, dann ist daran die Vernunft Schuld.
Erst durch S. Freud wird klar, dass wir und unser Gewissen ein Produkt unserer Erziehung und Kultur sind – wenn die Deutung zutrifft. Wenn das stimmt, dann können wir einem Menschen, der „falsch“ sozialisiert wurde, eigentlich keine Vorwürfe machen, ihn nicht zur Rechenschaft ziehen. Oder doch?

Versuchen wir weiter dem Gewissen auf die Spur zu kommen, indem wir zwei einfache Bilder vom Gewissen untersuchen. Da ist zunächst das Bild vom inneren Gerichtshof. Das Gewissen ist Angeklagter, Zeuge, Verteidiger und Richter. Das zweite Bild ist in der Tat sehr naiv. Das Gewissen ist das Gute und das Böse, vertreten durch einen kleinen Teufel und einen kleinen Engel, die auf den Schultern einer Person stehen und ihm einflüstern, was er tun soll. Psychologen würden das zweite Bild als Ausdruck einer schweren Persönlichkeitsspaltung interpretieren. Dennoch ist es gerade bei gläubigen Menschen sehr häufig zu finden. Es passt aber zum Gewissensmodell von Freud. Das ES (die Triebe, das Unbewusste) versucht sich gegen das Über-ICH (Erziehung, Kultur) durchzusetzen und umgekehrt. Das ICH dazwischen wird unter Umständen zerrieben. Die Folgen: Depressionen, Zwangs-Neurosen, Selbstmord. Auf diese Art von Gewissen könnte man also gerne verzichten. Das Bild vom inneren Gerichtshof beschreibt ähnlich die innere Zerrissenheit, die ein Mensch spürt, der sich schuldig fühlt. Natürlich will sich jeder rechtfertigen. Schuld sind die Anderen. Gewissensmissbrauch ist das.

Wer bietet eine echte Lösung an? Es gibt Philosophen, die Schuld und Sühne aus einer ganz anderen Perspektive sehen. Nehmen wir zuerst einen Klassiker: Friedrich Nitzsche. Er hat dazu ein entsprechendes Buch geschrieben. „Jenseits von Gut und Böse“. Nehmen wir einen sehr modernen Philosophen: Michael Schmidt-Salomon. Er hat sein Buch auch „Jenseits von Gut und Böse“ genannt und einen Untertitel hinzugefügt: Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind. Wir sollen, meint er, uns befreien von den Menschen, die uns ein schlechtes Gewissen machen.

tmd.

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