Herausforderung zum „Selbst Denken“

Kind denkt nach
Selbst denken – Quelle: MrsBrown, Pixabay

Neben dem Gewissensirrtum und -missbrauch gibt es noch die Gewissenspflege. Ich würde es besser Gewissenserziehung nennen. Der Prozess der Erziehung ist dynamisch. Pflege hat den Anstrich des Erhaltens und Bewahrens. Da der Mensch aber in einer Welt lebt, die sich ständig ändert und diese Welt dem darin lebenden Menschen neue Herausforderungen abverlangt, muss das Gewissen auch komplexer werden können, um den wachsenden Ansprüchen gerecht zu werden.
Schlüsselwörter bei der Gewissenspflege sind die Begriffe „präskriptiv“ und „evaluativ“.

Es gibt ein Lehrbuch, in dem der Begriff „präskriptiv“ vom Fehlerteufel umetikettiert wurde. Es ist dort die Rede von der „deskriptiven Funktion“.
Es ist aber ein feiner Unterschied, ob ich vorschreibe (praescribere) oder nur beschreibe (describere).

Was mir mein Gewissen vorschreibt, dem sollte ich folgen. Einer reinen Beschreibung fehlt das Merkmal der Forderung. Die evaluative Funktion ist mit dem Gewissensmissbrauch verknüpft. Hier nämlich bewerte ich meine Handlungen vor dem Hintergrund kollidierender Normenvorstellungen.

(Kleine Anmerkung an dieser Stelle: Gäbe es keine Normenkollisionen, dann gäbe es die betreffenden Normen auch nicht. Was wir daraus lernen: Moral ohne Gut und Böse gibt es nicht. )

An diesem Punkt sieht man, dass Handlungsentscheidung und Handlungsbewertung die beiden Seiten einer Münze sind. Ich kann sie nicht trennen. In dem Moment, in dem ich mich für eine Handlung entscheide, denke ich die Bewertung gleich mit. In den einfachen Modellen der Gewissensfunktion sieht das eher so aus, dass ich handele und dann erstaunt feststelle, dass meine Handlung nicht korrekt war.

Einige Soziologen meinen, dass der Mensch bereits vorgefertigte Handlungsmuster inklusive Beurteilungsmuster in seiner sozialen Umwelt vorfindet und auswählt. Das ist besonders bei Handlungen interessant, die man eigentlich ablehnt und sogar moralisch verurteilt. Beispiel: Tierversuche, um Medikamente zu entwickeln, die Menschenleben retten. Der Missbrauch in Form der Rationalisierung ist hier in die Handlungsbeschreibung schon eingebaut: Menschenleben retten.
Gleiches gilt natürlich auch für die präskriptive Funktion. Eine Handlung auszuführen vor dem Hintergrund einer moralischen Forderung beinhaltet auch gleich die Orientierung an kollidierenden Normen und Werten.

Jetzt, wo wir also Irrtum, Missbrauch und Pflege nebeneinander stellen und verknüpfen können, sehen wir, dass die getrennte Darstellung nur eine analytische Trennung sein kann. Das Gewissen funktioniert nämlich im Multitasking-Modus.

Unsere Entscheidungen und die dazu gehörenden Bewertungen laufen also nicht getrennt voneinander ab. In einer bestimmten Situation sehe ich sofort die präskriptiven und evaluativen Komponenten. Ich kann mir vorstellen, wie es ist, wenn ich so oder anders gehandelt haben werde. Das ist Futur II.

Dieses Modell von Gewissen integriert die fremd-gesetzlichen und autonomen Modelle. Moralische Normen und Werte sind Produkte menschlichen Handelns. Insofern sind wir von ihnen abhängig, als wir die Normen und Werte anerzogen bekommen. Wir sind im Umgang mit diesen anerzogenen Werten aber autonom, das heißt, wir können unsere Moral auch verändern. Das setzt allerdings Aufklärung voraus. Aber wir haben ja unseren Immanuel Kant und deshalb wird alles gut.

Der Zukunftsforscher Harald Welzer sieht in dem Denken im Futur II eine Möglichkeit, die Zukunft unserer Gesellschaft moralisch zu bessern. Das Gewissen verliert in dieser Modellvorstellung seinen heteronomen (fremd-gesetzlichen) Charakter und wird zu einer absolut „autonomen“ Funktion unseres Bewusstseins. Wir beschreiben uns damit als Menschen, die zur Selbststeuerung nicht nur fähig, sondern auch moralisch verpflichtet sind. Gewissenspflege wird so gesehen zur Herausforderung für uns, Verantwortung zu übernehmen für unser Handeln. Welzer steht hier in Tradition mit Kant. Für Kant war die Vernunft der Motor des moralisch korrekten Handelns. Also bitte: Selbst denken!

tmd.

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