Ich will anders sein als die anderen

Jugendliche Gegenwelten sind ein Thema der Soziologie und auch der Psychologie spätestens seit es die Wandervogelbewegung am Anfang und die Halbstarken in der Mitte des letzten Jahrhunderts gab. Merkmale jugendlicher Gegenwelten sind: Kleidung, Lebensstil, Musik und Sprache.
Mit diesen Merkmalen will sich jede Alterskohorte von der vorhergehenden abgrenzen.

Abgrenzung durch Kleidung gab es schon früher. Als J.W. v. Goethe seinen Werther veröffentlicht hatte, liefen auffallend viele junge Männer gekleidet wie die Figur Werther herum. Mit ihrer Kleidung signalisierten sie gleich mehrere Botschaften: habe Werther gelesen, habe ihn verstanden und will so leben wie die Figur. Die Zahl der Selbstmorde ging übrigens auch in die Höhe. Kleidung ist seitdem eines der wichtigsten Merkmale, sich von der Generation der Eltern abzugrenzen und innerhalb der eigenen Kohorte hervorzuheben. Man zeigt Flagge mit seiner Kleidung und sagt, wo man hingehört.

Allerdings ist dieses Merkmal zur Differenzierung den Merkmalsträgern zunehmend aus der Hand genommen worden von der Modeindustrie. Sehr einfach gesagt geht das so: Sobald sich ein Trend in einer Gruppe herausgebildet hat, sobald die Gruppe mit einer bestimmten Mode sich von den anderen abgrenzt, versuchen die Modemacher die neue Mode ins Prêt-à-Porter zu bringen.

Die Folge: Mode verliert immer mehr die Möglichkeit der Abgrenzung. Und ein weiterer Trend ist zu vermelden: Man will zu keiner Gruppe mehr gehören, man will quasi unsichtbar sein in einer Gesellschaft von Mode-Merkmalsträgern. Einheitsjeans, Basic T-Shirt, No-Name Boots: das ist die neue Mode, die Nicht-Mode. Klar, dass auch dieser Trend schon wieder vom Modemarkt besetzt wird.

Tätowierte Hände
Anders sein? – Quelle: Unsplash, Pixabay

Mit dieser Erkenntnis sind wir aber auch schon beim zentralen Thema der jugendlichen Gegenwelten. Es wird immer schwerer, sich durch Merkmale zu individualisieren. Die Versuche, Individualität durch Merkmalsübernahme herzustellen, laufen nämlich nicht nur bei Mode ins Leere. Auch der Lebensstil wird vom Markt besetzt. War das unterschiedliche stilvolle Wohnen eine Frage des Möbelhauses, das man ansteuerte, ist heute entweder überall dasselbe zu sehen oder sehr ähnliches. Konnten sich Jugendliche früher in ihrem eigenen Zimmer durch individuelle Möblierung abgrenzen, so ist das heute so gut wie nicht mehr möglich.

Man hat das Gefühl, dass sich Adornos Gedanken in der Anekdote Asyl für Obdachlose (Minima Moralia) flächendeckend durchgesetzt haben. Wenn aber bei jeder Generation der Wunsch besteht, sich abzugrenzen, welchen Weg gehen dann die Jugendlichen heute, wenn die einfache Differenzierung über Mode und Stil nicht mehr ohne weiteres gangbar ist?

Jugendliche suchen sich die Nischen, die vom Markt nur schwer verwertbar sind, die vom Markt nicht zu Geld gemacht werden können. Es sind die alten Ideologien und Weltanschauungen, die wieder interessant werden. Einem Guru oder Heilsprediger nachlaufen, der einem verspricht einmalig und einzigartig zu sein, einem Hassprediger zu folgen, der einem verspricht, zur auserwählten Gruppe der im Jenseits Lebenden zu gehören, das sind die Refugien der nach Individualität Suchenden. Hier hilft wie so oft nur Aufklärung. Genau das mache ich hier im Ethik-Blog.

tmd.

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