Individualisierung revisited

Frau vor Horizont
Individualisierung macht die Arbeitswelt weiblich – Quelle: FreeFotos, Pixabay

Der Begriff „Individualisierung“ bereitet doch mehr Schwierigkeiten bei der Erarbeitung als erwartet. Deshalb gibt es hier noch einige Präzisierungen.
Individualisierung ist ein soziologischer Fachbegriff. Es geht um den Wandel von Fremd- zur Selbstbestimmung. Individualisierung ist eine soziale Tatsache. Soziale Tatsachen treten uns wie „Dinge“ gegenüber. Sie üben einen gewissen Zwang auf uns aus. Auch Selbstbestimmung übt Zwang aus.
Beispiel: An die Rolle der Ehefrau und Mutter wurden bis in die 70er Jahre Erwartungen gestellt, die von den meisten verheirateten Frauen auch geleistet wurden. Es bestand also ein gewisser Zwang, diese Rollen-Erwartungen zu erfüllen.
Individualisierung beschreibt nun den Prozess, dass diese Rollen und die damit verbundenen Erwartungen teilweise weggefallen sind. An Stelle dieser Erwartungen sind andere getreten, nämlich die Erwartung, dass jeder für sein Leben selbst verantwortlich ist. Frauen können und dürfen arbeiten gehen, Karriere machen oder auch nicht. Sie können Kinder haben wollen und eine Familie gründen oder auch nicht.
Und genau an dieser Stelle beginnen die Verständnisschwierigkeiten. Die soziale Tatsache „Individualisierung“ tritt den einzelnen Akteuren im sozialen Leben wie eine feststehende Sache, ein „Ding“ gegenüber. Soziale Tatsachen sind Zwänge in Form von Normen, Werten und Verpflichtungen. Wie die Akteure mit den Erwartungen umgehen, ist nun eine rein psychologische Angelegenheit. Bedienen sie die Erwartungen mit Leistungen, dann ist es in Ordnung, wenn nicht, drohen Sanktionen (Bestrafungen). Vor diesem sozialen Hintergrund der Erwartungen und Leistungen muss sich der einzelne Mensch entscheiden.
Viele SuS sind nun erstaunt, wenn sie feststellen, dass „Individualisierung“ nicht reibungslos funktioniert. Man hat zwar die Möglichkeit, sein eigenes Leben frei zu erfinden und zu gestalten, trifft dabei aber auf Widerstände, die wiederum sozialer Natur sind.
Beispiel: Frauen sind zwar die Gewinner der Individualisierung, weil sie in unserer auf Wissen und Kompetenz gebauten Arbeitswelt langsam die Führungsrolle (auch quantitativ) übernehmen. Aber die Alltagswelt ist nicht so, dass sie Karriere und Familie unter einen Hut bringen.
An diesem Punkt werden die Erklärungen, „warum ist das so?“, immer komplexer und komplizierter.
Denn die Baumeister und Konstrukteure der „Individualisierung“ sind selbstverständlich die Menschen selbst.
Zurecht fragen die SuS, warum die Baumeister der sozialen Zwänge diese nicht abstellen bzw. verändern? Das tun sie auch in Form von politischer Sozialgesetzgebung. Dennoch erklärt das nicht die Widersprüche, die uns im Alltagsleben begegnen. Wir können frei handeln und haben zahlreiche Wahlmöglichkeiten. Die negativen Effekte unseres Handelns müssen wir uns aber selbst zurechnen. Motto: Du bist frei, mach was draus.

Dahinter steht die alte Frage: Sind wir als Konstrukteure der sozialen Welt die Lösung oder Teil des Problems?

Wir stellen soziale Welt her und leiden gleichzeitig darunter. Karl Marx würde das als klassischen Widerspruch bezeichnen. Am Beispiel der „Individualisierung“ hätte er Recht. Frauen sind die Akteure unserer auf Wissen und Dienstleistung gestellten Gesellschaft. Diesen neuen „Produktivkräften“ widersprechen die noch vorhandenen alten Strukturen der Ungleichheit in unserer Gesellschaft, die Frauen dazu zwingen entweder auf Familie oder auf Karriere zu verzichten.
Es wird interessant sein, zu beobachten, wie sich die Widersprüche auflösen.

tmd.

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