Introspektion

„Ein gutes Gewissen haben“ und „ein schlechtes Gewissen haben“ sind Redewendungen, die eine Existenz eben dieses Gewissens voraussetzen. Die Existenz dieses Teils wird nicht bezweifelt. Das ist umso erstaunlicher, als wir es nicht sehen können. Wir müssten also doppelt vorsichtig sein, wenn wir uns damit beschäftigen.
Die Sinne können uns täuschen. Das war Thema bereits in der 5. Klasse in Ethik. Gewissen nehmen wir aber nicht über unsere Sinne wahr, sondern es ist eine „Wahrnehmung“, wenn wir in uns „hinein horchen“. Introspektion heißt hier das Fachwort. Das ist Selbstbeobachtung von Vorgängen in uns selbst.
Spätestens an dieser Stelle dürften wir eigentlich nicht mehr unkritisch vom Gewissen reden.

Introspektion – Quelle: geralt, Pixabay

Was machen wir eigentlich, wenn wir so in uns hinein horchen? Hirnforscher würden es folgendermaßen beschreiben. Der Mensch hat ein Bewusstsein. Bewusstsein ist: sich beim eigenen Denken zuschauen. Introspektion ist dann das Beobachten des „Sich selbst beim Denken zuschauen“. Ganz schön kompliziert.

Haben alle Menschen diese Wahrnehmung? Genau das ist das Problem. Philosophen und andere interessierte Menschen erzählen sich und uns von dieser Wahrnehmung. Die Erzählungen sind meist sehr ähnlich. Man kann sie aber nicht empirisch nachprüfen. Wissenschaftler können zwar die verschiedenen Hirnströme messen, aber letztlich machen wir uns ein gedankliches Modell davon, was das Gewissen ist.

Die Rede vom Gewissen ist also ein Leistung des Verstandes (epistemisch). Wenn wir die Introspektionen kritisch auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen wollen, dann haben wir nur die (aus der 8. Klasse bekannten) epistemischen Theorien zur Verfügung. Unser Modell von Gewissen muss also in sich widerspruchsfrei sein, von vielen akzeptiert werden und irgendwie unmittelbar einleuchtend sein, also kohärent, konsent und evident.

Damit ist klar, dass sich die Modelle, die Beschreibungen des Gewissens nicht immer gleichen müssen. Auch die Form (Modell) des Gewissens muss nicht immer gleich sein. Letztlich ist es auch eine Frage der Introspektion, was das Gewissen eigentlich leistet und woher es kommt.

Wir dürfen also nicht aus dem Blick verlieren, welche Interessen hinter den jeweiligen Modellen von Gewissen stehen.

tmd.

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