Irren ist menschlich

Versuch und Irrtum bestimmen das menschliche Leben. Was im Alltagsleben und in der Wissenschaft Methode ist, wird zum Problem, wenn es um Moral geht. Dann nämlich schaltet sich das Gewissen ein.
Kann sich das Gewissen irren?

Bevor diese Frage sinnvoll beantwortet werden kann, muss man eine Entscheidung treffen. Ist das Gewissen etwas, das fremdbestimmt ist oder ist es ein Teil in uns, das „autonom“ existiert? Wissenschaftliche Deutungen des Gewissens gehen von einer Fremdbestimmung aus. Als Beispiel haben wir das Modell von Freud mit ICH, ES und ÜBER-ICH kennengelernt. Hierbei ist das Gewissen im ÜBER-ICH angesiedelt und das Ergebnis von Erziehung und sozialer Umwelt.

Leitgedanke: vertrau auf dich
Selbstvertrauen ist wichtig – Quelle: geralt, Pixabay

Religiöse Menschen gehen davon aus, dass ihr Gewissen etwas mit Gott zu tun hat. Demnach hat jeder Mensch eine solche Entscheidungseinrichtung in sich, die ihm sagt, was gut und böse ist. Thomas von Aquin hat dieses Modell im Einzelnen ausgearbeitet. Das Modell beim Aquiner sieht so aus: Zunächst hat der Mensch eine synderesis/syneidesis (die erste Schreibweise verwendet T.v.A., es ist ein Abschreibefehler eines Mönchs, der vor ihm gelebt hat, die zweite Schreibweise war die richtige). Diese synderesis hat die Fähigkeit, grundsätzlich zwischen Gut und Böse zu entscheiden. Wie der Mensch nach dieser grundlegenden Entscheidung der synderesis handelt, ist seine Sache. Der Mensch kann also das Böse wollen.

Nun kommt aber die entscheidende Frage: Kann das Gewissen irren? Thomas von Aquin sagt: Ja, es kann irren, und zwar, wenn die synderesis ein falsches Wertesystem heranzieht für die Unterscheidung von Gut und Böse. Wie kann man diesen Irrtum verhindern? Aquin rät: Informationen einholen, in der Bibel lesen, usw. Aber auch dann kann es zu Irrtümern kommen. Was soll der Mensch also tun?

Thomas von Aquin rät: Immer auf das Gewissen hören. Denn wenn sich das Gewissen irrt, der Mensch aber davon ausgeht, dass er alle Informationen eingeholt hat, dann war das eben ein Gewissensirrtum.
Ein solcher Gewissensirrtum ist weniger verwerflich, als gegen das Gewissen zu handeln.

Ein paar Jahrhunderte später hat sich Martin Luther diese Argumentation zurechtgelegt, um seine Kritik an der katholischen Kirche zu verteidigen. In unserem Grundgesetz ist das Recht, sich auf das Gewissen zu berufen, in Artikel 4 festgeschrieben und durch den Artikel 79 soweit gesichert, als er nur mit zwei Drittel Mehrheit in Bundestag und Bundesrat geändert werden darf.

tmd.

2 Gedanken zu „Irren ist menschlich“

  1. Lieber Herr Decker,
    Beim Lesen hat sich uns jedoch eine Frage gestellt : Was ist mit „Das Gewissen kann sich irren“ gemeint? Denn im Endeffekt irrt sich ja nicht das Gewissen ja nicht sondern es zieht die synderesis (die möglicherweise ein falsches Wertesystem hat) zu Rate (so haben wir es zumindest verstanden). Also ist es dann so, dass einfach nur die synderesis falsche Wertevorstellungen hat und das Gewissen nach diesen handelt? Außerdem ist für jeden etwas anderes gut und böse also müsste sich das Gewissen nur für andere irren, nicht aber für denjenigen ,dem dieses Gewissen angehört, oder?
    Eine weitere Frage die wir uns stellen ist folgende : Kann das synderesis dann (wenn man davon ausgeht das nach Jung das Gewissen sich immer weiterentwickelt) auch im Laufe des Lebens verändert werden?
    Schonmal Danke im Voraus!
    Adrian R. und Alex H.

    1. Hallo Adrian, hallo Alexander,
      zuerst die einfachen Antworten: die synderesis verändert sich nicht. Sie kann wirklich nur entscheiden zwischen Gut und Böse. Man könnte auch sagen, zwischen Ja und Nein. Ausschlaggebend für einen Irrtum ist das Wertesystem. Für TvA gab es ein richtiges Wertesystem: der christliche Glaube. Alles andere war vom Teufel. Wer sich also am christlichen Glauben orientierte, der konnte eigentlich nichts falsch machen. Wenn da nicht der Wille des Menschen wäre. Der ist grundsätzlich frei, auch bei den Christen. Der Mensch kann also das Böse wollen und er macht es auch. Warum? Weil der Teufel (das Böse) ständig versucht, den Menschen von Gott weg zubringen. Das meinte TvA mit Gewissensirrtum. Wer aber alles unternimmt, also in der Bibel liest und den Pfarrer fragt, der macht alles richtig, weil er nach dem richtigen Wertesystem sucht.
      Jetzt die schweren Antworten: Ihr macht den Werterelativismus auf und erkennt, dass das Modell von TvA nicht mehr funktioniert. Richtig!! Relativismus plus das Modell von TvA ist zunächst geeignet, jeden Straftäter freizusprechen. Dann muss man jedoch Abschied nehmen von universellen Werten. Andere Möglichkeit: Man untersucht verschiedene Moralen von einer META-Ebene herab (das ist eigentlich Ethik heutzutage) und wertet diese nach einem Maßstab. Heute sind der Maßstab die Menschenrechte. Ihr schreibt, dass für jeden etwas anderes gut oder böse ist. Dieser Relativismus fällt, wenn man ihn erst nimmt, sofort in sich zusammen. Wenn das Gute beliebig ist, dann ist es für uns Menschen kein Wert, keine Norm, keine Moral mehr. Dann ist es eine unwichtige Bezeichnung, die auch wegfallen kann.
      Nun zu Jung: In seinem Modell gibt es keine synderesis. Bei ihm übernimmt die Vernunft diese Aufgabe. Der Mensch muss zwischen unterschiedlichen Moralen wählen. Jung war Schüler von Freud. Er wusste also, dass unser Gewissen anerzogen ist. Er wusste, dass man verblendet durch Ideologien die falsche Moral wählen kann. Was tun? Die eignen Entscheidungen immer hinterfragen.
      Also: auch wenn ich mich wie der Geisterfahrer auf der Autobahn fühle (die anderen sind alle Nazis und ich nicht, haben die Recht???) muss ich den harten Widerstand wählen, wenn ich meine, die anderen haben nicht Recht. Dann muss ich ethisch argumentieren, hier also kohärent und nicht etwa im Konsens. Ich muss mich also immer fragen: ist das richtig, was ich mache.

      tmd.

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