Kant: die selbst lernende Gesellschaft

Kant unterscheidet öffentlichen und privaten Gebrauch der Vernunft. Mit öffentlichem Gebrauch der Vernunft meint Kant das Räsonieren (Kritisieren) als freier Bürger vor und in der Öffentlichkeit. Er nennt hier den Gelehrten, der seine Kritik der „Leserwelt“ bekannt macht. Hier muss Kritik durch Einsatz von Vernunft uneingeschränkt erlaubt sein.
Nicht so ist es im privaten Bereich. Hier muss sich auch der aufgeklärte Bürger an die Regeln halten, die sein Arbeitgeber von ihm verlangt. Ein Offizier muss also die Befehle seiner Vorgesetzten ausführen und darf nicht „laut vernünfteln“. Es ist ihm jedoch erlaubt, außerhalb seiner Tätigkeit als Berufssoldat zu räsonieren und zwar als freier Bürger, wieder nennt Kant hier den Gelehrten als Beispiel für den freien Bürger. In einem anderen Beispiel schreibt er, dass der Bürger als Bürger in einer freien Gesellschaft zunächst verpflichtet ist, seine Steuern zu zahlen. Dann aber ist er als Privatmensch durchaus berechtigt, die Steuergesetze zu kritisieren.

Ist dieses Modell von Kritik an und in der Gesellschaft praktikabel und eventuell auch heute noch anwendbar?

Die politische Tätigkeit eines jeden Bürgers ist heutzutage gewährleistet durch Grundgesetz und Arbeitsrecht. Sie geht sogar noch weiter, als Kant es sich vorstellte. Man muss also nicht Gelehrter sein, um zu räsonieren. Systeme, also Verwaltung, Wirtschaft und dergleichen, sollen heute „selbst lernend“ sein. Damit meinen Systemtheoretiker, das beispielsweise eine Verwaltung ihre Zielgruppe im Blick haben sollte und die eigene Arbeitsabläufe ständig beobachten sollte. (Anmerkung: Systemtheoretiker fassen alle denkbar möglichen Teile der Gesellschaft irgendwie zusammen und bezeichnen sie als System: also Schule, Krankenhaus, Stadtverwaltung, Fabriken usw.)

Systeme & Strukturen – Quelle: geralt, Pixabay

Auch damit wäre Kant einverstanden gewesen, solange nicht in der Öffentlichkeit über Veränderungen der Systemstrukturen diskutiert würde, was heutzutage aber möglich ist und auch gemacht wird. Die Gesellschaft als „selbst lernendes System“ würde Kant grundsätzlich gefallen. Er glaubte an die kollektive Aufklärung. Er meinte, dass es nur Wenigen allein gelingt, sich aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien.

Was uns hier interessiert ist das Menschenbild bei Kant und der Interrollenkonflikt des freien Bürgers, der im Job funktionieren muss/soll, aber als freier Bürger Kritik üben kann/soll. Kant hat diesen Interessenkonflikt nicht zu Ende gedacht. Im Zentrum seiner Überlegungen stand der freie, absolut autonome Bürger mit freiem (und gutem) Willen. Er sah sich am Beginn des Prozesses der Aufklärung. Interessenkonflikte sind bei Kant das nachrangige Problem, wenn es darum geht, den Bürger zum autonomen Bürger zu machen.
Wie werden heute die Interessenkonflikte gelöst? Hier hilft die arbeitsteilige Gesellschaft und die Versachlichung gesellschaftlicher Probleme. Wer sich beispielsweise als Pazifist sieht, der arbeitet nicht bei der Bundeswehr. Wer Kritik üben will, der darf es auf mehreren Ebenen: Parteien, Interessenverbände usw.

Wir sehen: Eine pluralistische, demokratische Gesellschaft mit sozialer Marktwirtschaft und entsprechendem Arbeitsrecht ist eine Basis für den aufgeklärten Bürger, da sie viel elastischer und flexibler ist im Umgang mit Kritik. Und: Der aufgeklärte Bürger braucht eine politische Kultur mit Kompromissdemokratie und mehreren Parteien, keine populistischen Mehrheitsentscheidungen. Die Tür zur „selbst lernenden“ Gesellschaft, die hat uns Kant geöffnet.

tmd.

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