Kategorisch und hypothetisch

Der Unterschied zwischen kategorisch und hypothetisch lässt sich am besten an einem Beispiel erklären.

Pianospieler auf der Straße
Pianospieler – Quelle: Maky_Orel, Pixabay

„Wenn du ein professioneller Pianist werden willst, dann musst du täglich üben.“
Das ist eine hypothetische Aufforderung. Du kannst es dir auch merken als „wenn-dann“-Regel. Einen solchen hypothetischen Imperativ muss man nur befolgen, wenn man professioneller Pianist werden will. (Bei diesem Beispiel gehe ich davon aus, dass es so etwas wie eine natürliche Begabung zum Klavierspielen ohne Anleitung nicht gibt.)

Grundsätzlich muss man einen hypothetischen Imperativ nicht befolgen, sondern nur dann, wenn man die Folgerung in der „wenn-dann“-Regel anstrebt.

Anders ist es beim kategorischen Imperativ. Hier wird eine Forderung aufgestellt, die jeder beachten muss und die auch jeder beachten „wollen“ kann.

Wie ist das nun zu verstehen? Jeder hat ein Interesse daran, dass dieser Imperativ befolgt wird. Das klingt im ersten Moment wie die Goldene Regel. Die ist aber auf das Subjekt bezogen. Wenn ich etwas nicht will, dann kann es ohne weiteres etwas sein, was ein anderer sehr wohl will.

Achtung: In einer Gesellschaft, in der jeder jedem mitteilen kann, was ihm nicht angetan werden soll und das auch nicht anderen antut, kann es ohne weiteres möglich sein, dass so eine Gesellschaft konfliktfrei funktioniert. Es funktioniert aber dann nicht, wenn es zu Verhaltensweisen und Handlungen kommt, die einigen Menschen Schaden zufügen, die das aber nicht den anderen erzählen können. Die Goldene Regel ist Kant zu wenig. Was will er dann? Er will Regeln, die, wenn man sie anwendet, in sich widerspruchsfrei sind. Was heißt das?

Auch das kann an einem Beispiel gut erklärt werden (das Beispiel und andere stammen in ähnlicher Form von Kant selbst, aber in einem schwerer verständlichen Deutsch). Stell dir vor, in deiner Familie ist jemand lebensbedrohlich erkrankt. Es gibt zwar ein Medikament, aber du kannst die Medizin nicht bezahlen. Du kannst dir zwar das Geld leihen, aber du weißt jetzt schon, dass du das Geld nicht zurückzahlen werden kannst. Eine klassische Dilemma-Geschichte, in der man – egal, wie man handelt – immer alles falsch machen kann.

An dieser Stelle könnte man zu folgender Notlösung greifen. Immer dann, wenn man einem Menschen etwas Gutes tun kann (Leben retten), dann kann man Gesetze missachten. Das ist die typische Robin-Hood-Lösung.
Hier setzt Kant seine kategorischen Imperativ ein. Er sagt, dass man eine solche Notlösung zunächst als Regel aufstellen soll. Dann soll man prüfen, ob die Regel in sich widerspruchsfrei ist.

Und siehe da! Unser Not-Regel ist nicht widerspruchsfrei. Wenn das alle Menschen machen würden, dann würde niemand mehr einem anderen Menschen Geld leihen.

Merke also: Regeln zuerst aufstellen und dann im Gedankenexperiment durchspielen, ob es funktioniert oder nicht.

Um nun Enttäuschungen vorzubeugen: Keiner kann so leben und handeln, wie Kant es fordert. Natürlich übertreten wir Gesetze, um damit Menschenleben zu retten. Gerade in Diktaturen haben sich mutige Menschen nicht an Gesetze gehalten und Verfolgte geschützt.

tmd.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*