Leben lernen

Moralisch richtig handeln – Quelle: Comfreak, Pixabay

Moralisch richtig handeln, das wird erst in Dilemma-Situationen zum Problem. In Dilemma-Situationen können wir uns zwar entscheiden zwischen zwei möglichen Handlungsmöglichkeiten, nur ist leider keine dieser beiden Entscheidungen so wirklich zufriedenstellend. Eigentlich würden wir gerne gar nicht handeln, wenn das ginge.

Dilemma-Situationen durchziehen den Moralunterricht von Anfang an. Einfachstes Beispiel: Wir können dem Freund/der Freundin die Hausaufgabe abschreiben lassen, was nicht erlaubt ist, was aber dem Freund/der Freundin hilft. Wir können uns aber auch an die Spielregeln halten. Beide Entscheidungen sind begründbar. Beide Handlungsweisen machen uns nicht wirklich froh. Geht es um Probleme von Leben und Tod, dann kann man daran verzweifeln.

Die psychischen Effekte solcher Dilemma-Situationen sind nicht zentraler Gegenstand des Moral-Unterrichts. Leider, denn ein unreflektiertes moralisches Koordinatensystem bringt uns in schwere Konflikte mit uns selbst. In „Sieben Minuten nach Mitternacht“ hat Patrick Ness genau das zum Gegenstand eines Jugendbuches gemacht. Die Hauptperson Conor leidet unter dem bevorstehenden Tod der Mutter. Und: Er sehnt den Tod der Mutter gleichzeitig herbei, damit sein Leiden (die Mutter zu verlieren) endlich ein Ende hat. Sozial ist er durch das Sterben der Mutter zum Außenseiter mutiert, zu einer unbedeutenden Person, der nicht wahrgenommen werden möchte und auch nicht wahrgenommen wird. Auch darunter leidet er.

Sein Leiden quält ihn. Jede Nacht der gleiche Traum. Er will seine Mutter festhalten, die einen Abhang hinunter zu fallen droht. Es gelingt ihm nicht, sie fest zu halten. Der Traum endet immer in gleicher Weise. Seine Mutter stürzt ab. Soweit die psychologische Deutung der Dilemma-Situation. Erwachsene lösen diesen inneren Konflikt, indem sie den Tod des geliebten Menschen als Erlösung einordnen. Dabei wird jedoch unterschlagen, dass es nicht nur für den Sterbenden, sondern auch für die, die zurück bleiben, eine Erlösung ist – eine Erlösung von ihrem Schmerz.
Doch Patrick Ness gibt sich damit nicht zufrieden. Er will diesen Konflikt nutzen, um die Hauptperson reifen zu lassen. Conor soll sein Leid überwinden: Aber nicht in psychotherapeutischen Sitzungen die kranke Persönlichkeit stabilisieren und Krücken finden für die eigenen Unzulänglichkeiten.

Nein! Conor soll ein anderer, ein neuer Mensch werden, der sich über sein Leiden erhebt und es besiegt. Das heißt aber: Den guten Menschen, den mit Heiligenschein, den, der immer alles richtig macht, den, der immer von sich sagen kann, „Ich habe niemals …“, diesen Menschen gibt es nicht. Wir sind verurteilt, Schuld auf uns zu laden, wenn wir handeln.
Statt nun genau diese Erkenntnis in salbungsvolle Worte und Handlungsanweisungen zu pressen, was die SuS (und auch mich) nicht interessiert, greift Patrick Ness zu einem Mittel, das ein wenig an griechische Mythologie erinnert.

Jede Nacht, nach seinem psychologisch leicht zu interpretierenden Traum, erscheint ein Monster (7 Minuten nach Mitternacht). Ein Monster, das nicht besser ausgedacht hätte werden können. Ein Baum, der Menschengestalt annimmt. Ein Monster, so grausam und brutal, das man meint, etwas weniger hätte auch gereicht. Das ist nicht das nette, liebe Monster, das vielleicht nur schrecklich aussieht. Das Monster ist schrecklich. Das Monster repräsentiert das wirkliche, in sich widersprüchliche Leben. Von diesem Monster soll Conor lernen, wie Leben funktioniert. Conor soll lernen, dass es den moralisch einwandfreien Menschen nicht gibt. Moralisch handeln heißt, genau das zu erkennen.

tmd.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*