Leben und Arbeiten Teil 2

In einem älteren Ethikbuch habe ich gelesen, das der Einzelne selbst dafür verantwortlich ist, wenn er sich am Arbeitsplatz dem Konkurrenzkampf aussetzt oder sich dem Leistungsdruck stellt. Zwei Seiten vorher wird in diesem Buch über den Freitod des Torwarts Robert Enke (2009) berichtet. Es ist ein stark vereinfachendes Denken, Konkurrenz und Leistungsdruck allein psychologisch zu erklären. Genau das aber wird den Betroffenen angeboten: psychologische Erklärungen.

Das Selbstbild ist demnach dafür verantwortlich, ob man eine neue Aufgabe als „Herausforderung“ oder als „Druck“ empfindet. Das Selbstbild soll erklären, warum jemand seine Leistungsvorstellung ändern soll oder seine Ziele korrigieren soll, um dann weniger überfordert zu sein. Das ist wenig hilfreich und erklärt darüber hinaus nur Oberflächenerscheinungen. Solche „Scheinerklärungen“ kann man vielleicht SuS in der 9. Klasse erzählen, aber nicht Erwachsenen, die im Arbeitsprozess stehen. Im realen Arbeitsleben kann jemand, der Schwächen zeigt, davon ausgehen, dass er nicht lange seinen Arbeitsplatz behalten wird. Wenn der Kollege/die Kollegin schneller arbeitet, weniger Fehler macht, dann wird sich der Arbeitgeber gerne von dem unproduktiven, Fehler produzierenden Mitarbeiter verabschieden.

Allein der Ratschlag, für das eigene Leistungsvermögen ein geeignetes Anspruchsniveau zu suchen, hilft wenig. Unsere Ansprüche an uns selbst und die Erwartungen der Anderen an uns selbst sind in unseren Rollen bereits verfestigt, wenn wir die Schule verlassen haben. Sanktionen in der Schule trainieren uns für die Wahrnehmung der Sanktionen im Berufsleben. Wir sind darauf geeicht, die Erwartungen, die an uns gestellt werden mit Leistungen zu bedienen, ohne dabei darauf zu achten, was „Herausforderungen“ für uns bedeuten. Achtsamkeit ist in der modernen Arbeitswelt nicht gefragt. Angebote der Arbeitgeber, Überforderung der Mitarbeiter zu verhindern und Leistungsdruck zu mindern, haben nicht den einzelnen Menschen im Blick. Es geht um die Produktivität und das Überleben der Firma.

Geld, Uhr, Streß
Time ist money – Quelle: Alexas_Fotos, Pixabay

Trotz Leistungsdruck und Überforderung durchschauen wir nicht, wie wenig achtsam wir mit uns selbst umgehen. Auch hier ist das an-trainierte Rollenverhalten verantwortlich. Wir haben gelernt, dass ein Mensch ohne Arbeit „nichts wert“ ist. Also fühlen wir uns wertlos, wenn wir keine Arbeit haben. Wir haben gelernt, dass wir bewundert werden, wenn wir viel Geld verdienen. Also fühlen wir uns verachtet, wenn wir nicht Spitzenverdiener sind. Wir haben gelernt, das bestimmte Berufe wichtiger sind als andere. Also fühlen wir uns minderwertig, wenn wir nicht die oberste Gehaltsgruppe erreicht haben.

Wenn wir diese Zusammenhänge durchschauen und dennoch uns weiter unter Druck setzen lassen, dann haben die Psychologen in der Tat recht, dass wir selbst für unser Übel verantwortlich sind.

tmd.

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