Merkzettel: Psychologische Deutung des Gewissens bei Freud

Wie ein Virenscanner sitzt das Über-ICH im Arbeitsspeicher des Bewusstseins und kontrolliert die Wünsche des Unterbewusstseins.

Scan im Bewusstsein – Quelle: gagnonm1993, Pixabay

Sigmund Freud beschreibt das Gewissen als heteronomen (fremdbestimmten) Teil des Bewusstseins. Das Gewissen ist dabei abhängig von Erziehung und sozialer Umwelt.
Dem Analytiker Freud geht es nicht um die nähere Bestimmung eines psychischen Apparates, der für die Unterscheidung von Gut und Böse zuständig ist. Freud will Krankheiten, insbesondere Neurosen, behandeln und heilen. Diese Krankheiten sind das Ergebnis von Schuldgefühlen/Schuldbewusstsein und Strafbedürfnis. Die Spannung von Schuld und Strafe muss aufgelöst werden. Freuds Vermutung: Neurosen sind Spannungslöser.
Das Modell des Gewissens von Freud ist einfach im Aufbau: Unterbewusstsein – ICH – Über-ICH. Das ICH ist die handelnde Person. Sie steht in ständiger Auseinandersetzung mit dem Unterbewusstsein und dem Über-ICH. Das Unterbewusstsein beherbergt die Wünsche des Menschen nach Lustbefriedigung. Das Über-ICH ist der Ort der anerzogenen Moralvorstellungen. Das ICH steht dazwischen und muss in seiner Umwelt handeln – gegen oder mit dem einen oder anderen Teil des Bewusstseins.
Das Über-ICH wacht über die Einhaltung der moralischen Vorstellungen. Es ist zunächst nur das Abziehbild der elterlichen Erziehung. Es löst sich jedoch von der sozialen Erziehungssituation und führt ein Eigenleben im Bewusstsein des Kindes. Das Kind fühlt sich auch dann von den Eltern beobachtet, wenn diese das amoralische Verhalten nicht bemerken – und zwar von dem Über-ICH.
Das Über-ICH sitzt wie eine App im Arbeitsspeicher des Bewusstseins und kontrolliert die Wünsche des Unterbewusstseins wie ein Virenscanner.
Das Kind fühlt sich also schon mit den Wünschen im Unterbewusstsein ertappt und hat ein schlechtes Gewissen, hat Schuldgefühle. Diese Spannung aus Schuldgefühl und Strafbedürfnis (damit wieder alles in Ordnung ist) will das Kind/der Jugendliche beenden durch Spannungsauflösung. Selbstbestrafung ist hier die Lösung.
Genau das sind die Neurosen, die Freud behandeln will.

tmd.

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