Merkzettel: Schuld und Sühne bei Sigmund Freud

In Freuds Theorie ist das Gewissen im Über-Ich beheimatet. Das Gewissen ist aber nichts Ursprüngliches, das dem Menschen bei der Unterscheidung von Gut und Böse hilft. Das Gewissen ist Ergebnis von Erziehung und Sozialisation. Verantwortlich für das Gewissen ist also die soziale Umwelt des Menschen. Da diese Umwelt von Mensch zu Mensch verschieden ist, ist auch das Gewissen unterschiedlich. Man bezeichnet diese Art von Gewissen heteronom (fremdgesetzlich).

Welchen Stellenwert hat das Gewissen bei Freud für das moralische Handeln? Gewissen ist bei Freud zufällig und bietet keinerlei moralische Orientierung. Dennoch hat der Mensch Schuldgefühle. Wie kommt es dazu?

Ein zerbrochenes GLas
Schuld – Quelle: stevepb, Pixabay

Freud nennt diesen Vorgang während der frühkindlichen Sozialisation Introjizierung. Schuldgedanken werden also in das ICH verpflanzt. Freud erklärt das folgendermaßen. Das Kind befürchtet Liebesentzug durch Eltern und sozialer Umwelt wegen aggressivem Verhalten (Lustbefriedigung). Diese Ängste werden in das Über-Ich eingepflanzt und richten sich gegen das ICH. Das Kind will Liebesentzug verhindern und baut im Über-Ich eine Kontrollinstanz auf, das dem ICH verbietet, Handlungen auszuführen, die zum Liebesentzug führen können. Diese Kontrollinstanz wäre nicht weiter problematisch, wenn sich das Über-Ich nicht auch als Kontrolleur bereits der Absichten und Wünsche einschalten würde. Das Kind, und später der Erwachsene, hat bereits dann ein schlechtes Gewissen, wenn es/er nur daran denkt, gegen die Warnungen des Über-Ich zu handeln.

Das ist das schlechte Gewissen. Genau damit sind aber auch Schuldgefühle zu rechtfertigen und werden von der Gesellschaft auch eingefordert. Eine Gesellschaft, in der das Gewissen als zufälliges Sozialisationsergebnis verstanden wird, hat also ein anderes Verständnis von Schuld und Sühne.

tmd.

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