Mobbing: Psychogramm des Täters

Wie oft muss sich der Autor dieses Blogs eigentlich noch mit dem Thema Mobbing beschäftigen? So oft, antwortet der geneigte Leser und E-Mail-Schreiber, bis die Zielgruppe des Blogs das Kompetenzniveau erreicht hat, dem Problem Mobbing nicht mehr hilflos gegenüber zu stehen. Das ist schließlich Sinn und Zweck des Moralunterrichts.

Mobbing ist ein zentrales Thema, auch und besonders in Ethik. Denn hier ist es nicht nur eine Frage der Praxis: Wie gehe ich als Pädagoge und als betroffener Schüler damit um? Es ist auch eine Frage der Theorie: Was sind die Ursachen und Anlässe? Gibt es Erklärungen? Letzteres ist ein Kompetenzthema meiner Zielgruppe (nicht nur in der 7. Klasse).
Natürlich ist jedem klar, dass Mobbing moralisch nicht akzeptabel ist. Daraus lässt sich dann ableiten, dass diejenigen, die Mobbing betreiben, nicht einsichtig sind. Sie haben es nicht oder noch nicht begriffen, dass sie das eigentliche Problem sind.

In den Beiträgen dieses Blogs habe ich mehrfach die Meinung vertreten, dass Mobber mit der komplexen, sich schnell verändernden Umwelt und den Erwartungen, die an sie gestellt werden, nicht zurechtkommen. Man könnte auch sagen: Im Prozess des Erwachsenwerdens haben diese Kinder keine „Roadmap“. Nicht etwa die falsche, wohlgemerkt, sie haben KEINE.
Aufklärung und Schadensvermeidung heißt bei diesem Thema, sich auch mit dem Psychogramm des Mobbers zu beschäftigen. Nicht wissenschaftlich und abstrakt, sondern in Beispielen.

Schwäche – Quelle: Clker-Free-Vector-Images, Pixabay

Im Folgenden will ich mich also nicht damit beschäftigen, wie man Einsicht bei Kindern mit unsozialem Verhalten herstellt. Sehr viel hilfreicher ist es, die Technik des Mobbens offenzulegen mit dem Ziel, dem Mobber zu sagen: Du bist enttarnt und überführt. Wir kennen dein mieses Spiel.

Eine schwache Persönlichkeit – nichts anderes sind Mobber – sucht sich in einer unübersichtlichen, komplexen und neuen Situation Hilfe. Sie will eine Situation herstellen, in der sie sich sicher fühlt. Wovor fürchtet sich der Täter? Als Versager oder Schwächling zu gelten und von den anderen nicht akzeptiert zu werden.

Thomas Hobbes, den wir in der 7. Klasse als schlauen Philosophen kennenlernen, hat das herausgefunden. Fehlendes Selbstvertrauen ist ein Grund für Streiterei und Konflikte. Mobbing ist ein versteckter Konflikt.
Die einfachste Methode für eine Person ohne Selbstvertrauen, Sicherheit für sich herzustellen, ist, in einer Gruppe eine oder mehrere Gruppenmitglieder auszumachen, denen die Rolle des Außenseiters oder Sonderlings zugewiesen wird. Damit will der Mobber von sich ablenken. Das Interesse der Gruppe soll auf das Opfer gelenkt werden. Außerdem sucht sich der Mobber vorher einige andere noch schwächere Persönlichkeiten unter den Mitschülern/-innen. Denen verspricht er, dass er ihnen Schutz bietet. Stichwort: Gemeinsam sind wir stark.
Gemeinsam kann man sich nun dem Opfer zuwenden. Der Haupttäter versucht dabei aus dem Hinterhalt zu handeln. Hier ein Handlungsmuster von mehreren.

Phase 1: Zunächst werden über das Opfer Gerüchte in Umlauf gebracht. Beispiel: Über eine Mitschülerin wird erzählt, dass sie noch mit Plüschtieren spielt. Diese Gerüchte kann das Opfer nicht aus der Welt räumen. Es weiß davon noch nichts.

Phase 2: Das Opfer erfährt von den Gerüchten und will Klarheit herstellen. Der Mobber/die Mobberin muss jetzt sehr vorsichtig sein. Die Helfer werden beauftragt, mit dem Opfer die Sache zu klären: „Wir klären das untereinander.“ Allerdings liegt die Beweislast beim Opfer. Das Opfer soll die Gerüchte aus der Welt schaffen durch eine Gegendarstellung. In unserem Beispiel geht das nur durch eine Gegenbehauptung. Und die ist so gut wie nichts wert, wird aber von den Helfern des Mobbers angenommen. (Anmerkung: Helfen würde es hier, den Psychologen der Schule einzuschalten. Dann hat der Täter nämlich so gut wie verloren.)

Phase 3: Das Thema (Plüschtiere) wird jetzt wie beiläufig im Beisein des Opfers nochmals thematisiert. Das Opfer wehrt sich. Der Mobber/die Mobberin handelt jetzt anders als erwartet. Er/Sie entschuldigt sich. Das Opfer kann nicht anders, als die Entschuldigung anzunehmen.

Phase 4: Die Angelegenheit ist damit nicht beendet. Die Geschichte mit den Plüschtieren wird immer wieder erneut hervorgeholt, gefolgt von einer Entschuldigung. Die ist aber zu diesem Zeitpunkt bereits wertlos.

Phase 5: Das Opfer kann ab sofort mit der Plüschtier-Geschichte ständig gemobbt werden. Die Täter können sich immer herausreden, dass es nur Spaß sei usw., und man sich entschuldigt hat.

Ich habe das Beispiel mit den Plüschtieren bewusst gewählt, weil es noch harmlos ist. Die Wirklichkeit ist brutaler. Schon in der Unterstufe wird mit harten Bandagen gekämpft.

Aus der Literatur wissen wir, dass es Mobbing in Schulen schon immer gab. Soll man das Problem also hinnehmen und ertragen? Typischer naturalistischer Fehlschluss. Dann wäre Moralunterricht sinnlos. Die Methode der Mobber, dem Opfer die Außenseiterrolle zuzuschreiben, muss offengelegt werden, muss transparent gemacht werden. Nicht nur die Pädagogen, sondern auch die Kinder müssen das miese Spiel dieser schwachen Persönlichkeiten als solches erkennen, kritisieren und beenden.

tmd.

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