Nietzsche: Der Mensch ist der Sinn des Lebens

Muss es Gott sein?
Muss es Gott sein? – Mysticsartdesign, Pixabay

In einem Ethikbuch habe ich eine Karikatur gefunden, die einen Jugendlichen vor einer Wand zeigt. Auf der Wand steht in schwarzer Schrift geschrieben: GOTT IST TOT. NIETZSCHE. Darunter steht in Rot auf gesprüht: NIETZSCHE IST TOT. GOTT. Neben dem Jugendlichen steht eine Sprühdose mit Aufschrift ROT. Offensichtlich hat er dieses Graffiti zu verantworten. Nebenbei bemerkt: Das ist Sachbeschädigung. Die Fragen zur Karikatur lassen vermuten, dass deren dümmliche Botschaft nicht erkannt wurde. So missverstanden wird Nietsche von seinen Kritikern oder denen, die ihn nicht verstehen, sehr oft. Man greift sich ein Zitat aus seinen zahlreichen Aphorismen heraus und versucht sich in einer Deutung.

Nietzsche hat nicht nur die radikalste Form der Religionskritik vertreten, er hat wissenschaftskritisch die Leistungsfähigkeit der Erkenntniskraft des Menschen und die Grenzen der Kulturproduktion – und dazu gehört Religion – unter die Lupe genommen.

Nietzsche hat offengelegt, dass Moral und Sitte und natürlich auch Religion Menschenwerk sind. Gut, das war nichts Neues damals. Aber er hat erkannt und die Schlussfolgerung gezogen, dass ein Abschied von Gott dem Menschen gleichsam den Boden unter den Füßen wegzieht. Was kommt an die Stelle von Gott?, fragt Nietzsche. Und er gibt sich eben nicht mit Utopien und von Interessen gesteuerten Lösungen zufrieden. An die Stelle von Religion tritt nur wieder eine andere Form von Sitte und Moral, gemacht von wieder den gleichen Menschen mit den gleichen Erkenntnisfähigkeiten.

Was tun? Ein neuer Mensch mit neuer Erkenntnisfähigkeit muss her: der Übermensch. Der Übermensch ist in Kritik am Christentum konzipiert. Das kann man wissen. Seine Merkmale müssen also den Aussagen über den Christenmenschen absolut widersprechen.

Man muss auch fragen, warum Nietzsche – abgesehen von seiner Krankheit – den Gedankengang nicht verfolgt hat, den moderne Geisteswissenschaften heute gehen können. Aber das ist kein eigentliches moralisches Thema. Meine vorsichtige Vermutung ist, dass ihm die entsprechende Kommunikation, ein passendes Paradigma gefehlt hat. Es geht um die Frage, wie kann ich meine Kritikfähigkeit auf die eigene Kritik anwenden? Moderne Soziologen des letzten Jahrhunderts haben darauf eine Antwort gegeben. Es geht nicht. Die Aufgabe wird verglichen mit dem Versuch, ein Auto von außen anzuschieben, in dem man sitzt. (Berger/Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit). Liest man Nietzsche aus dieser Perspektive, dann ist seine Philosophie keineswegs nihilistisch, sondern die Basis für einen handfesten Existentialismus. Aber das geht weit über die gesteckten Ziele des Blogs hinaus.

Mit diesen Grundinformationen kann man Nietzsche lesen und verstehen. Aber ohne Lesen der Originaltexte geht bei Nietzsche nichts. Ich empfehle zum Einstieg aus der MORGENRÖTE, Erstes Buch, Begriff der Sittlichkeit der Sitte (9) und Vom Ursprung der Religionen (62).

tmd.

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