Ohne Vorurteile funktioniert das Alltagsleben nicht

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Bunte Vielfalt geht nur mit Toleranz – Quelle: aitoff, Pixabay

„Was tun Sie“, wurde Herr K. gefragt, „wenn Sie einen Menschen lieben?“ „Ich mache einen Entwurf von ihm“, sagte Herr K., „und sorge, dass er ihm ähnlich wird.“ „Wer? Der Entwurf?“ „Nein“, sagte Herr K., „der Mensch.“ (Bertholt Brecht)

Vorurteile und Stereotype sind eigentlich negativ besetzt. Vorurteile sind schlecht, insbesondere gegenüber sozialen Randgruppen. Bei Stereotypen ist das etwas anders. Da kann man sich sogar darüber amüsieren, wenn man betroffen ist. Schotten sind geizig. Ja, wir wissen, dass das nicht stimmt. Deutsche sind fleißig. Ja bitte, das ist schmeichelhaft. Noch mal Glück gehabt, dass uns der Rest der Welt so sieht.

Ohne Vorurteile und Stereotype kommen wir aber nicht zurecht im Alltagsleben. Psychologen sagen, dass wir innerhalb kürzester Zeit einen fremden Menschen einschätzen und beurteilen können und müssen. Soziales Handeln und Kommunikation wären sehr kompliziert, wenn wir nicht bereits vorgefertigte Meinungen abrufen könnten, sobald wir einen uns unbekannten Menschen treffen. Was soll daran schlecht sein?
Im sozialen Zusammenleben greifen wir nicht nur auf Vorurteile zurück, sondern auch auf Rollen. Soziale Rollen sind der Schmierstoff der Gesellschaft. Ohne sie geht nichts. Wir können und müssen ihnen zunächst einmal blind vertrauen. Erst wenn wir enttäuscht werden, wenn beispielsweise unsere Erwartungen an eine andere Person von dieser nicht mit Leistungen bedient werden, merken wir auf: Der andere ist aus der Rolle gefallen, sagen wir.

Was hat das mit Vorurteilen zu tun? Vorurteile und Stereotype sind sehr simple und mit wenigen Leistungs- und Erwartungsbündeln ausgestattete Rollen. (siehe hierzu auch die Serie in diesem Blog: Wir alle spielen Theater Teil 1 bis 5.). Wenn wir über eine Personengruppe nicht viel wissen, dann nehmen wir das an Informationen, was wir bekommen können, auch wenn das grundfalsch ist.

Und: Diese mit wenig Information ausgestatteten Rollen (Vorurteile) basteln wir selbst. Nicht die fremde Person ist es, wir basteln uns ein Bild vom anderen, wie wir es gerne hätten. Das funktioniert aber schon in der Liebe nicht, wie der eingangs zitierte Dialog von Brecht wiedergibt. Wenn man Brecht ernst nimmt, dann müsste man auch Toleranz anders sehen. Wir basteln uns heute von sozialen Randgruppen manchmal Vorurteile, um – politisch korrekt – mit ihnen zurecht zu kommen. Sinnvoller wäre es, mehr über diese Menschen zu erfahren. Das Selbstbild sozialer Randgruppen sollte nicht von unserem Fremdbild überwuchert werden.

tmd.

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