Der Weg zur Selbstverwirklichung: Tugenden üben!

Selbstverwirklichung heißt: Die Tugenden der Gerechtigkeit, Klugheit, Tapferkeit, Mäßigung einüben. Das Ziel: Ein glücklicher Mensch werden.

Selbstverwirklichung ist ein Thema, das nicht sofort und unmittelbar den Bezug zur Moral offenlegt. Oder einfach gesagt: Was hat denn das mit Ethik zu tun?

Ehrlicherweise müsste man dann sagen: Mit unseren heutigen Vorstellungen von Moral hat es in der Tat nicht viel zu schaffen. Aber ein antiker Mensch zur Zeit von Aristoteles, der wäre umgekehrt erstaunt darüber, dass wir die Selbstverwirklichung nicht zur Ethik rechnen.
Wenn wir Selbstverwirklichung als Grund für ein glückliches Leben sehen, dann sind wir der Sache schon näher gekommen. Denn der antike Mensch wollte glücklich sein und nahm an, dass es durch tugendhaftes Leben auch zu erreichen ist.

Gotische Malerei
Die Tugenden, gotische Malerei – Quelle: makamuki0, Pixabay

Und wie ist es heute? Von den Tugenden der Mäßigung, Tapferkeit, Klugheit und Gerechtigkeit bleibt nicht viel übrig. Gerechtigkeit wird als Wert wahrgenommen, und zwar in einer Weise, die nichts mehr mit „Aneignung“ zu tun hat. Es wird nicht darüber geredet, wie das gerecht „sein“ sich vollzieht. Es ist eine Handlung! Nicht ein Gegenstand, den man hat oder nicht. Gerechtigkeit muss eingeübt werden! Es reicht eben nicht, das Wort auf ein Poster zu malen und an die Wand zu hängen.
Die anderen Tugenden? Passen überhaupt nicht in das moderne Projekt der Selbstverwirklichung. Klugheit wird von Quiz-Wissen ersetzt. Tapferkeit ist durch unsere Vergangenheit schwer beschädigt aus dem Verkehr gezogen worden. Mäßigung ist von der Gesundheitslobby instrumentalisiert auf reines Ernährungsverhalten reduziert worden.
„Jeder Mensch soll sich ein Ziel stecken und es verwirklichen. Das ist der Sinn des Lebens.“ Auf diesen Kernsatz reduziert ist vom Projekt der Antike – über das Einüben von Tugenden ein guter und glücklicher Mensch zu werden – nicht mehr viel übrig geblieben.

Wo kann man die Tugenden einüben? Im Alltag! Überall!
Warum wird es nicht gemacht? Weil man sehr schnell an seine Grenzen stößt. Es ist eben einfacher, dumm, feige und maßlos zu sein. Und die Gerechtigkeit haben wir ja schon als Poster an die Wand gehängt. Dann schreiben wir noch schnell die anderen drei außer Mode gekommenen Tugenden hinzu und fertig ist das Thema.

Halt: Wir können doch ein Rollenspiel skizzieren und ansatzweise vorführen. Gut sind wir!

tmd.

Strategie der Sekten – Herstellung einer neuen Identität

Das Ziel jeder Sekte ist es, den Willen der Mitglieder zu brechen. Die Strategie: Das Opfer langsam und unauffällig aus ihrem früheren Umfeld ziehen.

„Habt ihr denn gar nichts gemerkt? Ist euch nichts aufgefallen? Er (sie) muss sich doch verändert haben?“ Diese Fragen hören Eltern, deren Kinder in eine Sekte eingetreten sind und plötzlich verschwunden sind.
Nein! Sie haben nichts gemerkt. Sie konnten nichts merken. Seitdem in Deutschland Jugendliche von Salafisten dazu verführt wurden, ihr Leben für den IS in Syrien zu opfern, ist die Strategie von Sekten und Fundamentalisten näher ausgeleuchtet worden.

Zur Strategie gehört es, dass die Neuen in der Gruppe zunächst ein Doppelleben führen müssen. Das heißt, sie müssen in ihrem bisherigen Leben weiterhin die Rolle spielen, die ihr Umfeld von ihnen erwartet. Gleichzeitig sollen sie nach und nach in die Sekte durch Manipulation eingebunden werden. Das hat einen Sinn. Der Neue muss davor geschützt werden, dass sein bisheriges Umfeld ihn auf die Sinnlosigkeit seines Tuns hinweist. Solange das Opfer noch nicht vollständig in die Gruppe eingebunden ist, besteht die Gefahr, dass Eltern und Freunde mit ihr/ihm über die Inhalte der Sekte diskutieren. Sehr schnell würde in solchen Diskussionen die Botschaft der Sekte also Ideologie enttarnt werden. Das muss die Sekte verhindern.

In den Fällen, in denen Jugendliche in die Fänge der Salafisten geraten waren, haben die Opfer erst sehr spät bzw. gar nicht offengelegt, dass sie zu den Fundamentalisten gewechselt waren.

Gottesanbeterin
Lass dich nicht fressen – Quelle: bella67, Pixabay

Ist ein junger Mensch erst einmal in der Sekte fest verankert, dann wird er aus seinem bisherigen Umfeld abgezogen. Er wird von der Sekte hermetisch abgeschirmt und kontrolliert. Kein Kontakt zu seinem früheren Leben soll mehr möglich sein. Auch das hat seinen Sinn.
Ideologien sind von der Struktur und Systematik her angreifbar. Ein letzter Zweifel an der Ideologie der Sekte bleibt immer. Hier müssen also Vorkehrungen getroffen werden, dass dieser Zweifel nicht zum Nachdenken anregt.

In ihrem Buch „Mein geheimes Leben bei Scientology und meine dramatische Flucht“ beschreibt Jenna Miscavige Hill diesen Punkt in ihrem Leben, an dem sich Zweifel an der Ideologie von Scientology bei ihr regten. Plötzlich waren ihr die Freunde wichtiger als die Gruppe. Jenna Miscavige ist die Nichte des Nachfolgers von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard, David Miscavige.

Solche Zweifel haben tief verwurzelte moralische Standards. Es gibt Psychologen, die behaupten, dass Mitgefühl und Mitleid angeboren sind.
Genau das müssen die Sekten verhindern, dass nämlich diese Zweifel aufkommen.

Es wird zum Beispiel viel Mühe darauf verwendet, den Sektenmitgliedern Handreichungen zu bieten im Umgang mit der Kritik der Umwelt. Einem frischen Salafisten muss immer wieder „eingetrichtert“ werden, dass es erlaubt ist, Nicht-Gläubige (und das sind alle Nicht-Moslems) zu töten.
Erstaunlich ist aber auch, dass viele Rückkehrer aus dem IS-Kalifat desillusioniert sind. Die Indoktrination hat anscheinend nicht der Realität des grausamen Krieges standgehalten.

Was die Rückkehrer jedoch erzählen und was davon in den Medien berichtet wird, das kommt bei den frisch Angeworbenen nicht an. Denn die sind schließlich auf der Suche nach einem Weltbild, das ihnen weismacht, sie würden bei Befolgung dieser irren Lehrinhalte zu besseren Menschen – und wenn nicht zu besseren Menschen, dann wenigstens zu besseren Toten mit Freifahrt ins Paradies – und den dort auf sie wartenden Jungfrauen.

tmd.

Tugenden – Die Seele des Staates

„Dear Prudence won’t you come out to play?“
(Lennon/McCartney)

Das Thema Seele und Platon geht weiter. Wieder war eine E-Mail der Anlass. Ich wurde gefragt, was die Tugenden mit der Seele zu tun haben.
In „Der Staat“ (politeia) entwickelt Platon die Seelenlehre weiter. Sein Interesse ist dabei Folgendes: Er will einen Zusammenhang herstellen zwischen dem einzelnen Bürger des Staatswesens und dem Staatswesen als einem funktionierenden Gemeinwesen. Er behauptet, dass der Staat dann gut ist, wenn jeder einzelne Bürger sich am „Gut-sein“ orientiert.
Um es gleich vorweg zu sagen. Der Platonische Staat in der politeia ist ein totalitärer Staat. Der Einzelne hat sich der Gemeinschaft unterzuordnen. Und der Entwurf ist eine reine Utopie, die ein wenig an marxistische Verhältnisse erinnert. Tommaso Campanella hat es in seiner Utopie „Sonnenstaat“ (1602) sehr viel bunter dargestellt, aber auch mit totalitären Zügen.

Jetzt aber zum Verhältnis von Seele und Staat.
Die Seele besteht in der politeia aus drei Teilen: Vernunft, Mut, Begierde. Die Vernunft ist von den Dreien der wichtige Teil. Die Vernunft muss den Mut und die Begierde führen. Damit die Vernunft diese schwere Aufgabe leisten kann, braucht sie Klugheit. Klugheit ist aber eine Tugend. Mit dieser Tugend der Klugheit kann die Vernunft aus dem Mut oder aus der Tollkühnheit die Tugend der Tapferkeit machen. Aus der reinen Begierde macht die Vernunft mit Hilfe der Klugheit die Tugend der Mäßigung.
Halten wir also fest: Es gibt eine Rangordnung der Tugenden. Zuerst die Klugheit, dann die Tapferkeit, und zuletzt die Mäßigung. Dafür gibt es auch ein schönes Bild, das des Wagenlenkers mit zwei Pferden. Die Vernunft als Träger der Klugheit ist der Wagenlenker und die beiden Pferde sind Mut und Begierde, die zu den Tugenden der Tapferkeit und Mäßigung geformt werden.

Platon führt an dieser Stelle eine weitere Tugend ein, die keine Entsprechung in einem Seelenteil findet: die Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit schwebt gleichsam über den andern Tugenden. Sie ist Orientierungspunkt und Wegweiser für die untergeordneten Tugenden.
Jetzt haben wir als endgültige Reihenfolge für die Tugenden:
Gerechtigkeit, Klugheit, Tapferkeit und Mäßigung. Die Tugenden der Klugheit, Tapferkeit und Mäßigung sollen sich an der Gerechtigkeit orientieren.

Utopie Blase
Platonischer Utopie-Staat – Quelle: geralt, Pixabay

Jetzt geht es weiter zum Staat.
Auch hier gibt es drei Teile, nämlich drei Klassen. Es erinnert ein wenig an das Kastensystem der Hindus, aber hier wird man nicht in eine Klasse hinein geboren, sondern „hinein-erzogen“ und gebildet. Aber das Thema hatte ich in einem früheren Beitrag schon behandelt.
Die unterste Klasse entspricht dem Seelenteil der Begierde. Das sind die Handwerker und Kaufleute. Darüber stehen die Soldaten. Sie entsprechen dem Seelenteil des Mutes. An oberster Stelle stehen die Philosophen oder die Herrscher mit Philosophen-Diplom. Das entspricht der Vernunft.
Die Philosophen haben nun die Aufgabe, die Soldaten zur Tapferkeit zu erziehen und die Handwerker und Kaufleute zur Mäßigung. Dabei setzen die Philosophen die Klugheit ein. Klug sind sie, weil sie ziemlich lang studiert haben und letztlich den Durchblick auf das Ideale und Gute haben. Bei ihren Führungsaufgaben orientieren sie sich an der Tugend der Gerechtigkeit.

Der Platonische Utopie-Staat funktioniert also nur, wenn die Philosophen an der Herrschaft sind und wenn sie alles richtig machen. Die Herrschaft war das eigentliche Ziel von Platon. Er wollte politisch an die Macht. Geschafft hat er das nicht, aber die Philosophen nach ihm hatten genug Stoff zum Nachdenken und konnten auf Platon aufbauend neue und eigene Ideen entwickeln.

tmd.

Die Methoden der Sekten – und bei wem sie nicht wirken

Wer mit Identitätsdefiziten zu kämpfen hat, wer keine Freunde hat, wer in der Schule versagt, wer also ein Verlierer ist, der wird schnell zum Opfer von Sekten, neu-religiösen Bewegungen, Psychogruppen und fundamentalistischen Religionsfanatikern.

Sekten werben Mitglieder
Mitgliederwerbung – Quelle: Pavlofox, Pixabay

Aufklärung über Sekten und andere ideologielastige Gruppen ist am besten machbar durch das Nacherzählen von Geschichten über Menschen, die in die Fänge von Sekten geraten sind. Bücher über Aussteiger, z. B. aus Scientology, gibt es etliche. Eine andere Möglichkeit ist, die Methoden offenzulegen, nach denen Sekten neue Mitglieder werben.

Mitgliederrekrutierung ist eine Inszenierung.

  • Dabei spielt die Sekte die WIR-Rolle: Wir sind die Starken. Wir halten zusammen. Wir kennen die Wahrheit. Wir wissen, warum es den anderen so schlecht geht. Und wir sagen es auch! Fundamentalisten gehen meist diesen direkten Weg.
  • Eine andere Inszenierung ist die HELFER-Rolle: Hast du Probleme, dann komm doch mal bei uns vorbei. Ganz unverbindlich natürlich. Kostet nichts! Und wenn du länger bleiben willst … eine Schlafstelle haben wir auch für dich.
  • Besonders heimtückisch ist die entwaffnend ehrliche BESSERWISSER-Rolle. Die geht so: Also weißt du, so kannst du nicht weitermachen. Du musst etwas für deine Gesundheit tun. Und du musst endlich sehen, dass du ein Workaholic bist. Also du musst unbedingt mental „aufräumen“. Komm doch in meine Gruppe! Sieh mich an, mir geht es fantastisch, seitdem ich bei meiner Gruppe bin.

Diese Inszenierungen haben nicht bei jedem Erfolg. Nur wer Probleme hat, wer in Schule oder Ausbildung nicht zurecht kommt, wer keine gefestigte Identität hat, der wird zum Opfer. Wer es nicht gelernt hat, mit Enttäuschungen, Verlusten und Misserfolgen zurecht zu kommen, der wird die Inszenierungen dankbar annehmen.

Aufklärung macht immun gegen das Sekten-Virus.
Kritische junge Menschen, die „selbst denken“ wollen, sind dagegen immun gegen Sekten. Sie sind sogar eine Gefahr für jede Sekte. Wer bei Diskussionen mit Fundamentalisten sein moralisches Basis-Handwerkszeug, das „ethische Argumentieren“ auspackt, der wird schnell verabschiedet. Denn mit jungen Menschen, die logisch argumentieren, wollen Fundamentalisten und Sektierer nichts zu tun haben.

tmd.

Diktatur der Philosophen

Die Beiträge zu Platon haben einen Aspekt nicht ausführlich behandelt. Dank einer E-Mail kann ich diesen wichtigen Punkt nachliefern. Es geht um die Frage, ob Bildung für alle möglich ist und ob der Platonische Staat demokratisch gedacht war.

Platons Staat ist eine Klassengesellschaft. Die Philosophen herrschen. Handwerker und Kaufleute sind dazu da, das Gemeinwesen ökonomisch am Leben zu halten. Krieger sollen den Staat militärisch nach außen schützen. Sie alle aber haben in Platons Staat keine demokratischen Mitspracherechte, denn nur die Philosophen oder Herrscher mit Philosophen-Diplom führen den Staat.

Wie ist die Verteilung auf die einzelnen Positionen der Gesellschaft organisiert? Gibt es eine Verteilungsgerechtigkeit? Nicht in dem Sinne, wie wir uns das vorstellen. Die Besetzung der Positionen ist abhängig von Bildung. Bildung ist bei Platon aber ein Ausleseprozess. Nur die wirklich Guten kommen an die Spitze.

Aber halt!, sagt der kundige Leser. Bei Platons Lehrer, dem alten Sokrates, da war das doch irgendwie anders. Genau! Der war der Meinung, dass jeder gebildet werden kann, wenn man ihm nur dabei durch geschicktes Fragen hilft. Platon passt das nun wirklich nicht in seine politische Philosophie. Er will die Herrschaft nicht demokratisch teilen. Er will die Diktatur der Wissenden.

Bücher - Wissen
Wissen ist Macht? – Quelle: Alexa, Pixabay

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch leicht die Frage beantworten, ob man sich unbedingt diesen mühsamen Bildungsprozess zumuten muss. Hat man nicht ein Recht auf „dumm bleiben“, wie manche Schüler das einwenden. Das Recht hat man nicht, man hat höchstens das Schicksal, „ganz unten“ zu bleiben.

Für Platon gibt es Menschen, die einfach nicht zum Philosophen taugen. Nicht jeder kann Häuptling sein. Es braucht auch Indianer. Und die Indianer können „dumm“ bleiben, wenn es um Herrschaft geht. Insofern ist das eine Art von Gerechtigkeit, die sich an den Fähigkeiten des Menschen orientiert. Wenn man es vorsichtig formuliert, dann hat Platon Bildung eng mit Elite verknüpft.

Soziologen sehen das heute sehr kritisch. Wir wissen, dass Bildung abhängig von der sozialen Schicht ist, aus der man kommt. Kinder von Elite-Eltern haben es einfach leichter, im Bildungssystem „nach oben“ zu kommen. Anders herum ist es aber auch so, dass dem Wunsch von Schülern, sich nicht mit Bildung auseinander zu setzen, in der Oberschicht nicht nachgegeben wird. Schon in der oberen Mittelschicht wissen die Eltern, dass soziale Teilhabe auch bildungsabhängig ist.

Geht es um politische Teilhabe, dann ist der Vorsprung der Bildungsgewinner noch größer. Im Deutschen Bundestag sind die Beamten und die Bildungsgewinner überrepräsentiert im Verhältnis zur Bevölkerung der Republik. Allerdings ist in unserer politischen Kultur der Weg an die Spitze nicht so unmöglich wie in Platons Staat für Bildungsverlierer. Auch ohne Abitur kann man beispielsweise in Deutschland Außenminister werden.

tmd.

Über Geisterfahrer auf den Autobahnen der Moral

Verwahrloster Fahrrad-Sattel
Verwahrlost – Quelle: pixel2013, Pixabay

Moralisches Verhalten muss man einüben. Dabei lernt man, den Widerspruch von unterschiedlichen Normen und Werten zu ertragen.

Normenkollisionen beschreiben, das ist deshalb so schwer, weil man die Erfahrung zwar irgendwie beschreiben kann, aber derjenige, der die Beschreibung hört, die Erfahrung nicht nachempfinden kann, wenn er selbst noch nie in einer solchen Situation war. Das erzeugt sehr viel praxisfremdes Gerede. Das langweilt junge Menschen.

Aus diesem Grund habe ich in einem früheren Beitrag (Wir müssen lernen, Normenkollisionen auszuhalten) das Beispiel vom Geisterfahrer gewählt, um die Situation der Normenkollision zu beschreiben. Der Vergleich stammt nicht von mir, sondern vom Jesuiten-Pater Klaus Mertes.
Der Vergleich kann dafür sensibel machen, dass unmoralisches Verhalten schwer zu kritisieren ist, wenn man in der Minderheit ist. Der Konsens als Wahrheits-Indikator ist schwer zu durchbrechen. Deshalb ist es so erstaunlich, dass sich in der Zeit des Nationalsozialismus Menschen trauten, Widerstand zu leisten.

Aber auch bei weit weniger dramatischen Kollisionen auf der Moral-Autobahn ist festzustellen, dass wir uns schwer gegen eine Mehrheit durchsetzen können.

Der Zukunftsforscher Harald Welzer hat das an wirklich einfachen Beispielen herausgearbeitet. Die gesamte ökologische Bewegung musste sich widersetzen gegen eine große Mehrheit. Hier ging es zwar nicht um Leben und Tod, zumindest nicht für die aktuelle Gesellschaft. Aber die Öko-Alternativen konnten moralische Gründe ins Feld führen. Sie sahen die Zukunft der Menschheit in Gefahr. Dabei konnten sie sich auf den Philosophen Hans Jonas berufen. Der hatte in „Das Prinzip Verantwortung“ herausgearbeitet, das der Zeithorizont eines Gesellschaftsvertrages nicht ausreicht. Wir können keinen Vertrag mit der nächsten Generation schließen.

Philosophische Konzepte können keinen Widerstand leisten, das können nur Menschen. Diese Menschen müssen Normen- und Wertekollisionen aushalten. Wer aber einmal erfolgreich Widerstand geleistet hat, der spürt das als Identitätserweiterung und Stabilisierung. Welzer nennt das Selbstwirksamkeit. Einfach ausgedrückt: Man merkt, dass man erfolgreich war.

Den Umgang mit Normenkollisionen kann man eher an einfachen Problemen lernen. Niederschwellige Kollisionen treten ja schon dann auf, wenn es darum geht, einem Mobbing-Opfer zur Seite zu stehen.

Die bloße Kenntnis von Werten ersetzt nicht das Einüben!

Wenn man aber einmal selbst erfahren hat, sich moralisch erfolgreich durchgesetzt zu haben, dann ist das ein Gefühl der Selbstwirksamkeit: Ich schaffe das! Mit diesem Bewusstsein kann man sich auch als Geisterfahrer auf die moralische Autobahn wagen.

tmd.

10 Fragen an dich

Diskussion
Diskussion – Quelle: Unsplash, Pixabay
  1. Lebst du gerne in einer Gruppe mit starren Regeln?
  2. Bist du zudem bereit, dich unterzuordnen, viel zu leisten und keine Ansprüche zu stellen?
  3. Würdest du für diese Gruppe auch die Regeln und Normen der anderen, die nicht in der Gruppe sind, missachten, weil es der Gruppe hilft?
  4. Möchtest du in einer Gruppe leben, die von einem Menschen geführt wird, der von sich sagt, dass er den vollen Durchblick hat, der eigentlich eine unangreifbare Autorität ist, der eigentlich auf alle Fragen eine Antwort weiß, einfach ein toller Typ, dem du unbedingt folgen willst?
  5. Willst du endlich ganz klar sagen können, dass du den Unterschied von Gut und Böse kennst? Denn du kennst die Weltformel, die Wahrheit. Du willst zwar die andern Menschen, deine Familie und Freunde retten, aber wenn die nicht wollen, dann sollen die doch untergehen.
  6. Kannst du dir vorstellen, jegliches Privatleben für die Gruppe aufzugeben und keinen eigenen Besitz zu haben?
  7. Würdest du strenge Übungen, wie tagelanges Fasten, akzeptieren, wenn es die Gruppe von dir verlangt?
  8. Würdest du den Kontakt zu deiner Familie und zu Freunden abbrechen, weil die nicht in die Gruppe eintreten?
  9. Ist es für dich erstrebenswert in einer Gruppe zu leben, die zur Elite der Menschheit gehört?
  10. Glaubst du, dass nur du und deine Gruppe überleben werden, wenn die Erde untergehen wird?
  • Das hört sich doch alles ganz gut an, sagst du.
  • Dann hast du ein heftiges Problem, antworte ich dir.
  • Welches?, fragst du.
  • Du bist in höchstem Maße gefährdet, in die Fänge einer Sekte zu geraten und du merkst es nicht einmal. Vielleicht bist du schon in einer Sekte.

tmd.

Platon revisited – der Mensch als bildungsfähiges Wesen

Der Mensch erlangt Erkenntnis durch Bildung. Nicht die Erfahrung, sondern die Vernunft ist Motor der Erkenntnis.

Das Menschenbild bei Platon hat sokratische und vorsokratische Elemente in sich aufgehoben. Es ist ein komplexes Menschenbild. Einzelnen Elemente werde ich hier nochmal auflisten.

Jeder Mensch hat eine unsterbliche Seele. Die Seele existiert vor der Geburt und nach dem Tod. Bei der Geburt kommt die Seele also in einen Körper. In diesem Moment vergisst die Seele fast alles, was sie weiß.

Die unsterbliche Seele
Seele – Quelle: geralt, Pixabay

Was weiß die Seele? Sie hat umfassendes Wissen über die Ideenwelt. In dieser Ideenwelt sind alle moralischen Begriffe, aber auch alle Objekte der Welt, die wir als Menschen sehen, in ihrer Idealform vorhanden.
In der Ideenwelt gibt es also die Tugend der Gerechtigkeit, Tapferkeit usw. in Reinform. In der Ideenwelt gibt es aber auch die Originale zu den Objekten, die in der von uns wahrnehmbaren Welt vorhanden sind.

Die Seele muss sich an das umfassende Wissen, das sie hatte, erinnern. Erkenntnis ist also ein Prozess der Erinnerung. Dieses Erinnern kann durch geschickte Fragestellungen gefördert werden. Das Werkzeug der Erinnerung ist die Vernunft, nicht etwa die Erfahrung.
Die Vernunft hat bei entsprechender Schulung Zugang zu den Ideen in der Ideenwelt. Die Inhalte der Ideenwelt sind keine Konstrukte des Menschen. Sie sind objektiv vorhanden. In der Welt, in der wir leben, existieren die Abbilder dieser Objekte in der Ideenwelt als Schatten.

Der sinnlichen Wahrnehmung des Menschen traut Platon nichts zu. Die sinnliche Wahrnehmung kann leicht getäuscht werden und ist abhängig von der Situation, in der sich der Mensch befindet. Platon vermeidet es, die Vernunft nur für die Erkenntnis der Tugenden in der Ideenwelt heranzuziehen. Denn dann wäre sein Ansatz nicht systematisch. Er weitet die Erkenntnisfähigkeit der Vernunft auch auf die Objekte der Lebenswelt aus. Diese Systematik führt zu den Unklarheiten und Fragen wie: gibt es das Böse, das Ungerechte, die Krankheit usw. in der Ideenwelt.

Der Mensch muss sich durch Erinnerung die Sicht auf die Objekte in der Ideenwelt erschließen. Das geht nur durch Bildung. Bildung ist zunächst das Gespräch. Mathematik erschließt sich nach Platon durch das rechte Gespräch mit dem Schüler, der alles selbst erkennen bzw. eigentlich erinnern kann.
Das ist die Begründung dafür, das der Mensch fähig zur Bildung ist. Seine Erkenntniskraft ist auf Bildung durch Vernunft ausgelegt.

Der Mensch braucht also einen Lehrer, der den Prozess der Bildung am Laufen hält. Wer diesen Bildungsweg nicht durchläuft, der ist nicht nur ungebildet, er ist auch unfähig zur Führung eines Staatswesens.
Begründung: Der Staat soll ein guter Staat sein. Um den Staat so zu führen, dass er ein guter ist, muss man wissen, was das Gute ist. Das Gute kann man aber nicht empirisch (durch Erfahrung) ermitteln, sondern nur durch Erinnern der Idealform des Guten. Dazu braucht es die Vernunft.
Wenn also ein Staat ein guter sein will, muss er sich Herrscher suchen, die gebildet sind, wie Platon es will. Oder man nimmt als Herrscher der Einfachheit halber gleich einen Philosophen.

tmd.

Herausforderung zum „Selbst Denken“

Kind denkt nach
Selbst denken – Quelle: MrsBrown, Pixabay

Neben dem Gewissensirrtum und -missbrauch gibt es noch die Gewissenspflege. Ich würde es besser Gewissenserziehung nennen. Der Prozess der Erziehung ist dynamisch. Pflege hat den Anstrich des Erhaltens und Bewahrens. Da der Mensch aber in einer Welt lebt, die sich ständig ändert und diese Welt dem darin lebenden Menschen neue Herausforderungen abverlangt, muss das Gewissen auch komplexer werden können, um den wachsenden Ansprüchen gerecht zu werden.
Schlüsselwörter bei der Gewissenspflege sind die Begriffe „präskriptiv“ und „evaluativ“.

Es gibt ein Lehrbuch, in dem der Begriff „präskriptiv“ vom Fehlerteufel umetikettiert wurde. Es ist dort die Rede von der „deskriptiven Funktion“.
Es ist aber ein feiner Unterschied, ob ich vorschreibe (praescribere) oder nur beschreibe (describere).

Was mir mein Gewissen vorschreibt, dem sollte ich folgen. Einer reinen Beschreibung fehlt das Merkmal der Forderung. Die evaluative Funktion ist mit dem Gewissensmissbrauch verknüpft. Hier nämlich bewerte ich meine Handlungen vor dem Hintergrund kollidierender Normenvorstellungen.

(Kleine Anmerkung an dieser Stelle: Gäbe es keine Normenkollisionen, dann gäbe es die betreffenden Normen auch nicht. Was wir daraus lernen: Moral ohne Gut und Böse gibt es nicht. )

An diesem Punkt sieht man, dass Handlungsentscheidung und Handlungsbewertung die beiden Seiten einer Münze sind. Ich kann sie nicht trennen. In dem Moment, in dem ich mich für eine Handlung entscheide, denke ich die Bewertung gleich mit. In den einfachen Modellen der Gewissensfunktion sieht das eher so aus, dass ich handele und dann erstaunt feststelle, dass meine Handlung nicht korrekt war.

Einige Soziologen meinen, dass der Mensch bereits vorgefertigte Handlungsmuster inklusive Beurteilungsmuster in seiner sozialen Umwelt vorfindet und auswählt. Das ist besonders bei Handlungen interessant, die man eigentlich ablehnt und sogar moralisch verurteilt. Beispiel: Tierversuche, um Medikamente zu entwickeln, die Menschenleben retten. Der Missbrauch in Form der Rationalisierung ist hier in die Handlungsbeschreibung schon eingebaut: Menschenleben retten.
Gleiches gilt natürlich auch für die präskriptive Funktion. Eine Handlung auszuführen vor dem Hintergrund einer moralischen Forderung beinhaltet auch gleich die Orientierung an kollidierenden Normen und Werten.

Jetzt, wo wir also Irrtum, Missbrauch und Pflege nebeneinander stellen und verknüpfen können, sehen wir, dass die getrennte Darstellung nur eine analytische Trennung sein kann. Das Gewissen funktioniert nämlich im Multitasking-Modus.

Unsere Entscheidungen und die dazu gehörenden Bewertungen laufen also nicht getrennt voneinander ab. In einer bestimmten Situation sehe ich sofort die präskriptiven und evaluativen Komponenten. Ich kann mir vorstellen, wie es ist, wenn ich so oder anders gehandelt haben werde. Das ist Futur II.

Dieses Modell von Gewissen integriert die fremd-gesetzlichen und autonomen Modelle. Moralische Normen und Werte sind Produkte menschlichen Handelns. Insofern sind wir von ihnen abhängig, als wir die Normen und Werte anerzogen bekommen. Wir sind im Umgang mit diesen anerzogenen Werten aber autonom, das heißt, wir können unsere Moral auch verändern. Das setzt allerdings Aufklärung voraus. Aber wir haben ja unseren Immanuel Kant und deshalb wird alles gut.

Der Zukunftsforscher Harald Welzer sieht in dem Denken im Futur II eine Möglichkeit, die Zukunft unserer Gesellschaft moralisch zu bessern. Das Gewissen verliert in dieser Modellvorstellung seinen heteronomen (fremd-gesetzlichen) Charakter und wird zu einer absolut „autonomen“ Funktion unseres Bewusstseins. Wir beschreiben uns damit als Menschen, die zur Selbststeuerung nicht nur fähig, sondern auch moralisch verpflichtet sind. Gewissenspflege wird so gesehen zur Herausforderung für uns, Verantwortung zu übernehmen für unser Handeln. Welzer steht hier in Tradition mit Kant. Für Kant war die Vernunft der Motor des moralisch korrekten Handelns. Also bitte: Selbst denken!

tmd.

Wir müssen lernen, Normenkollisionen auszuhalten

Münze, Acropolis
Jede Münze hat zwei Seiten – Quelle: BITLAKE, Pixabay

Gewissensmissbrauch und Dilemma-Geschichten sind eigentlich zwei Seiten einer Münze. Dass es hier einen Zusammenhang gibt, sieht man nicht sofort, weil die meisten Dilemma-Geschichten auf der „Vernunft-Ebene“ diskutiert werden und die Funktion des Gewissens nicht thematisiert wird.

Ein Beispiel: Karl ist Biochemiker, verheiratet und hat zwei Kinder. Seine Frau ist arbeitslos und kümmert sich um die Kinder. Beide leben ökologisch-alternativ. Die Firma, für die Karl arbeitet, wird von einem internationalen Konzern aufgekauft. Karl steht vor der Entscheidung, entweder im Labor Tierversuche zu machen, oder arbeitslos zu werden.
Soweit die Dilemma-Geschichte mit den bekannten Problemen. Zwei Entscheidungen mit den üblichen Begründungen. Eigentlich nichts Neues.
Karl will weiter alternativ leben, aber er will auch nicht arbeitslos werden. Er kann seine Entscheidung rechtfertigen und … hat ein schlechtes Gewissen. Die Rechtfertigung war eigentlich ein Missbrauch seines Gewissens. Doch halt! Kann er überhaupt irgendwie ein gutes Gewissen haben? Nein! Wie er auch entscheidet, immer verhält er sich irgendwie moralisch daneben.

Und nun wenden wir uns mal den Inhalten zu, die in den meisten Lehrbüchern zum Thema Gewissensmissbrauch referiert werden. Da heißt es, dass Menschen ihr unmoralisches Handeln irgendwie begründen mit „beschönigen, rationalisieren usw.“. Selbstverständlich kommt sofort die Geschichte mit dem Nationalsozialismus. Und damit ist das Thema beendet, die Formen des Missbrauchs werden auswendig gelernt und wieder vergessen.

Genau an diesem Punkt wird das kritische Denken plötzlich ausgeschaltet. Verfolgen wir deshalb nochmal den Gedankengang: Menschen im Nationalsozialismus sehen, dass Juden verschwinden. Sie hören, dass es Konzentrationslager gibt. Sie wissen, dass ihnen das gleiche Schicksal droht, wenn sie den Juden helfen. Sie haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihnen nicht helfen.

Wir unterstellen aber sofort: Die wollten nicht helfen und suchen nach einer Entschuldigung. Genau das aber wissen wir nicht. Aus unserer komfortablen Situation heraus lässt sich hier leicht über Gewissensmissbrauch reden und über die Betroffenen urteilen.
Also: Wenn wir schon moralisches Handeln im Gedankenexperiment einüben wollen – denn nichts anderes machen wir im Schonraum Schule – dann müssen wir auch die Randbedingungen und Rahmenbedingungen mit in Rechnung stellen.

Wenn wir das bedenken, dann bekommen die Floskeln zum Gewissensmissbrauch (rationalisieren, verleugnen usw.) sofort eine andere Qualität. Es sind Begründungen für Entscheidungen in einem moralischen Dilemma.

Die Geschichten der Wehrmachtsoldaten über ihre Erlebnisse sind Legion von solchen Rechtfertigungen. Damit werden die Taten nicht entschuldigt, sondern aus einer anderen Perspektive in Augenschein genommen. Einer Perspektive, die die Bedeutung moralischer Entscheidungen grell ausleuchtet und die Tragödie des moralischen Handelns bewusst macht. Wir machen uns schuldig, egal wie wir uns entscheiden. C.G. Jung meinte genau diese Entscheidungen, wenn er davon sprach, dass der Mensch lernen muss, Normenkollisionen auszuhalten. Bei einer solchen Kollision fühlt man sich wie ein Geisterfahrer auf der Autobahn. Man zweifelt daran, auf dem richtigen Weg zu sein.

Wenig zielführend ist jedoch, im Gedankenexperiment Heldenpositionen einzunehmen.

tmd.