Wahrnehmung und Moral

Wahrnehmung und Wirklichkeit – Quelle: ptra, Pixabay

In der gegenständlichen Wahrnehmung von Welt und Wirklichkeit sind sich Menschen grundsätzlich ähnlich. Wir Menschen sind auf das 3-D(imensionale)-Sehen geeicht. Das zeigt sich, wenn wir Fotos oder gemalte/gezeichnete Bilder anschauen und sofort die 3-D-Brille im Kopf einschalten. Wenn wir Zeichnungen, die die Perspektiven nicht berücksichtigen, anschauen, dann erkennen wir das sofort: Da stimmt was nicht und es müsste so und nicht anders aussehen! Die Graphiken von M.C. Escher sind bestens geeignet, um das 3-D-Sehen zu trainieren. Wie verhält es sich aber mit Erfahrungen und Empfindungen, die wir machen? Hier beschäftigen wir uns mit Dingen, die im Bewusstsein auftauchen. Hierbei bewerten wir das Erlebte, die Erfahrungen automatisch. Genauso, wie beim gegenständlichen Sehen, bei dem wir die 3-D-Brille im Kopf einschalten, schalten wir bei der Bewertung von Erfahrungen einen speziellen Betrachtungsmaßstab ein. Schönheit ist zum Beispiel nicht etwas, das „an sich“ so ist, sondern es ist nur „für uns“ so (fachsprachlich: für sich).

In einem neueren Ethikbuch habe ich dazu die Anleitung gefunden für die „Objektivierung“ von solchen Wahrnehmungen. Man solle – wie in den Naturwissenschaften – Maßstäbe finden und verwenden, um Wahrnehmungen zu bewerten. Solche Maßstäbe beruhen aber – auch in den Wissenschaften – auf Konsens. Geht es um Werte, Normen und Sitten, also um Moralen, dann ist die Angelegenheit plötzlich hochbrisant. Wie und nach welchem Maßstab soll ich hier „objektivieren“?

Im erwähnten Ethikbuch heißt es dazu: Informationen sammeln, also einfach gesagt, durch „Mehr-Wissen“ das eigene Urteil absichern. Didaktisch ist das interessant und schon in der 5. Klasse wird in Ethik dieser „Trick“ verwendet, um die eigene Vernunft zu optimieren. Doch diese Methode der Selbstaufklärung funktioniert dann nicht mehr so ohne Weiteres, wenn man erkennt, dass die moralischen Maßstäbe, die man verwendet, nicht objektiv vorgegeben sind, sondern auch einen sehr subjektiven Ursprung haben: Sozialisation und Charakter. Soll ich moralische Standards einhalten, die zwar ehrenvoll und tugendhaft daherkommen, wenn ich gleichzeitig dadurch massive Nachteile im Alltagsleben habe? Die Rückkoppelung von Alltagshandeln an Tugenden setzt ein erhebliches Maß an moralischem Standvermögen voraus.

tmd.

Anmerkungen zum Nirvana

Nirwana – Quelle: mikegi, Pixabay

Der Versuch, die Bedeutung von Identität zu erklären, dass sie nämlich für den Menschen wichtig ist, kann auch so gehen, dass man sich Gedanken darüber macht, wie es wäre, wenn es so etwas wie Identität nicht gibt.
Alle die Merkmale, die uns voneinander unterscheiden, die sind bei diesem Gedankenexperiment eingeebnet. Menschen wären dann ununterscheidbar, bzw. sie würden sich gegenseitig nicht mehr erkennen.
Das kann man nicht mal mehr als Langeweile betrachten, weil dazu bedarf es ja wenigstens irgendeines Merkmals, weswegen wir uns langweilen.
So oder so ähnlich kann man sich das Nirvana vorstellen.

tmd.

Das Licht und die Geräusche

Iceland – Quelle: photovicky, Pixabay

„Boris sent letter from Iceland“, höre ich die Stimme aus der Ferne.
„Yes“, sage ich, „I know. Iceland.“
Dann ist wieder so eine Stille am anderen Ende, sodass ich schon fast denke, dass sie vielleicht aufgelegt hat, und mir vorstelle, wie sie da irgendwo in Lissabon in so einer Wohnung sitzt, wo es einen großen Ventilator an der Decke gibt und sie mit diesen großen ausdruckslosen Augen in die Gegend starrt.
„I want to got to Iceland.“
„Yes“, sage ich. „Me too.“

(aus: Das Licht und die Geräusche, Jan Schomburg, 2017, S. 192)

Erwachsen werden lässt sich nicht so einfach einüben. Rollenspiele führen hierbei immer den Charakter des „so tun, als ob“ mit sich im Gepäck. Es geht aber nicht nur darum, die Spielregeln der Erwachsenen nachzumachen, sondern man muss sie als Jugendlicher auch durchschauen und Entscheidungen mit Reichweite zu treffen.

Johanna und Ana-Clara sind Betroffene einer weitreichenden Entscheidung, die Boris getroffen hat. Jan Schomburgs Roman nimmt an dieser Stelle (S. 192) Fahrt auf. Die komplexen Handlungsstrukturen werden hier verknüpft. Johanna und Ana-Clara werden als Suchende dargestellt. Nicht weil sie Boris suchen, das auch. Sie versuchen, die Entscheidungsstrukturen von Boris zu dechiffrieren. Und sie versuchen sich selbst zu verorten in der Welt der Erwachsenen. Keine leichte Aufgabe.
Wenn der Roman endet, dann hat der Leser nicht mehr das Schicksal von Boris im Gedächtnis. Es geht um Johanna.

„Als mir das klar wird, merke ich auch, dass da eben nicht nur Freude ist, sondern auch diese Lust daran, Macht über jemanden auszuüben, jemanden zu etwas zu zwingen, wogegen die Person nichts tun kann und sich vielleicht nicht mal bewusst wird, dass sie gerade zu was gezwungen wird.“ (S. 243)

Johanna hat die Suche für sich genutzt. Sie hat die komplexen Verhaltensstrukturen nicht nur erkannt, sie kann sie auch anwenden.

Textschnipsel in den Lehrbüchern können solche komplexen Lernprozesse nicht wiedergeben.

tmd.

Subjektive Wahrnehmung

Individualität – Quelle: geralt, Pixabay

„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, heißt es in einem alten Ethik-Lehrbuch (G8). Hinter dem Satz steht ein bestimmtes Menschenbild. Alle Menschen sind von Natur aus irgendwie gut, aber doch auch und insbesondere verschieden. Diese Verschiedenheit macht uns untereinander so interessant und leider auch das Zusammenleben so kompliziert. Das Individuelle gefällt uns, aber eben nicht immer. Dann wird Ablehnung und Ausgrenzung daraus. Eigentlich schade, dass wir die sehr subjektive Wahrnehmung eines anderen Menschen nicht grundsätzlich als etwas positives sehen. Also müssen wir dann doch auf das Allgemeine (alle Menschen sind gleich) ausweichen, damit wir miteinander friedlich umgehen können.

tmd.

Moral und Ethik

Leben & Sterben – Quelle: DasWortgewand, Pixabay

Ethische Debatten zum Leben und Sterben kranken daran, dass sie sich ihres moralischen Charakters nicht bewusst sind oder sein wollen. Es geht im Kern um die Frage: Welcher Mensch darf leben und welcher Mensch darf wann und wie sterben. Dabei werden unterschiedliche Menschenbilder in Stellung gebracht. Den Befürwortern der Sterbehilfe beispielsweise wird vorgeworfen, dass durch ihr Bild vom Menschen der Mensch dem Zeitgeist geopfert wird. Dabei werden für dieses Argument Beispiele aus der Vergangenheit angeführt. Ähnlich ist es mit den Argumenten gegen jegliche Art von Stammzellforschung. Man solle sich nicht in den Plan der Natur/Gottes einmischen. Das Bild des Menschen sei nicht von ihm selbst abhängig. Bei dieser Argumentationsweise wird jedoch vergessen, dass sich der Standpunkt der Gegner von Sterbehilfe und Stammzellforschung nicht auf einem höheren Niveau von Moral befindet, der durch die Sichtung unterschiedlicher Moralen entstanden ist. Auch dieser Standpunkt muss sich vorwerfen lassen, ein Kind des Zeitgeistes zu sein. Für beide Standpunkte gibt es Argumente und Beispiele. Die Entscheidung, die getroffen wird, ist eine soziokulturell abhängige. Sie ist zudem abhängig von Machtverhältnissen. Insbesondere Machtverhältnisse werden bei der Diskussion nicht offengelegt. Das Selbstbestimmungsrecht der Betroffenen wird einer politischen Entscheidung geopfert.

tmd.

Sich ständig neu erfinden

Wer bin ich – Quelle: johnhain, Pixabay

Identität wird meist mit Vorbildern und der eigenen (bei Kindern kurzen) Biographie erklärt: Das bin ich! Man soll sich vorstellen, dass man einer anderen Person ähnlich sein will. Das ist zunächst Identifikation. Anschließend baut man Verhalten usw. dieses Vorbilds teilweise in das eigene Selbstbild ein. Auch hier kann man ein Bild zum Vergleich heranziehen: Die eigene Identität ist ein Mosaik aus vielen Personen, die man kennt. Genauso, wie man andere Menschen kopiert und sich deren Merkmale „zu Eigen“ macht, kann man auch die Mosaiksteine wieder aus der eigenen Identität entfernen: sich neu erfinden.

Nicht immer geht das problemlos. Es gibt Menschen, die haben sich ein derart festes Mosaik gebastelt, dass sie die eigene Identität nicht mehr verändern können. Sie bleiben in ihrer Entwicklung an irgendeinem Punkt hängen. Sie können nicht erwachsen werden oder nicht älter werden, natürlich nur psychisch, nicht biologisch/physisch.

Erwachsen werden und Identitätsfindung/Identitätsbildung ist also ein Prozess, der ziemlich heftig abläuft. Hier sollte man als Kind/Jugendlicher nichts dem Zufall überlassen. Also: Identitätsbildung und Erwachsen werden selbst steuern!

Wenn man sich selbst verändert, merkt man das erst, wenn man verändert ist.
(Anne Frank, Tagebuch)

Am besten ist es, Tagebuch zu führen – im Computerzeitalter kann man das Teil auch Log-Buch nennen – und mit absolut vertrauenswürdigen Personen diese Zeit durchleben. Was hat Identitätsbildung mit Moral zu tun? Die moralischen Kompetenzen haben in den Jahren der Pubertät ihre Grundsteinlegung.

tmd.

Moral und Liebe

Moralische Konflikte – Quelle: kaboompics, Pixabay

Moral, das sind Regeln, Normen und Vorschriften nach dem Muster: du sollst! Woher beziehe ich diese Normen? Die Empirie (Wahrnehmung und Erfahrung) hilft nicht recht weiter. Vom Sein (Dasein) auf das Sollen (Moral) zu schließen, das geht nicht. Das ist ein Naturalistischer Fehlschluss.

Also muss die Ratio, die Vernunft in Stellung gebracht werden. Die Frage ist dann, kann ich mit Vernunft zu moralischen Aussagen kommen, die gesamtgesellschaftlich akzeptabel sind? Sofort fällt einem dabei Immanuel Kant ein und der kategorische Imperativ. Der Imperativ ist streng rational und kritisch. Aber er führt streng rational zu Normen und Regeln, die wir nicht ohne Weiteres akzeptieren können. Die Regel, nicht zu lügen, kann nicht durchgehalten werden, wenn dabei Unschuldige darunter leiden. Also müssen Zusatzaussagen gemacht werden. Die sind aber selten streng kritisch und rational, wie beispielsweise das Gefühl der Liebe.

Was also tun? Den umgekehrten Weg gehen! Solange Mitleid, Wohlwollen und Liebe nicht zu Konflikten führen, dann weiter so. Wenn nicht, dann die Vernunft einschalten und kritisch prüfen, was zu tun ist.

tmd.

Wahrheit und Wille

Veritas semper major. Die Wahrheit ist immer größer (als alles andere). Dieser Satz im Ethik-Buch der 8. Klassen in Bayern irritiert den Morallehrer mehr als seine Schüler. Die lernen ihn brav auswendig. Es passt schließlich, zu sagen, dass die Philosophie immer nach Wahrheit strebt.

Wahres Wissen – was ist das? – Quelle johnhain, Pixabay

Und was dann? Was mache ich mit der Wahrheit?
Aus der angewandten Psychologie wissen wir, dass Menschen auch gegen ihren Willen dazu gebracht werden können, etwas zu tun, was sie eigentlich nicht wollten. In der Alltagssprache nennt man das Gehirnwäsche. Das ist eine betrübliche Wahrheit. Man kann diese Erkenntnis umsetzen und fremde Menschen so manipulieren, dass diese nicht mehr Herr im eigenen Haus (Bewusstsein) sind. Man kann die Erkenntnis aber auch nutzen, um Aufklärung zu betreiben. Beispielsweise kann man erzählen, dass Sekten solche Methoden (wahren Erkenntnisse) einsetzen, um verunsicherte, labile Menschen zu rekrutieren.

Es geht also um die Anwendung von wahrem Wissen. Es geht darum, Gutes zu tun. Es reicht also nicht aus, nur zu ermitteln, was die Wahrheit ist. Ich muss sie auch nutzen zum Vorteil des Menschen. Ich muss sie einsetzen, um die Menschen gut zu machen. Das ist aber eine wirklich schwere Aufgabe. Kann der Ethik-Unterricht das leisten?

tmd.

Über Menschen und Tiere

Mensch & Tier – Quelle: 12019, Pixabay

In grauer Vorzeit haben sich die Menschen noch keine Gedanken über Tierschutz oder Tierquälerei machen müssen. Die Menschen, die ein Stück Fleisch über dem Feuer haben wollten, mussten sich sehr praktisch mit den Tieren, die sie verspeisen wollten, auseinandersetzen. So ein Urwaldrind oder Wildschwein wartete nämlich nicht darauf, bis es getötet wurde. Zunächst einmal versuchte es den Angreifer – den Jäger – außer Gefecht zu setzen. Traf der prähistorische Jäger auf einen der zahlreichen Säbelzahntiger, dann war die Sache zunächst einmal unentschieden. Der Bessere gewinnt und hat anschließend was zum Fressen.

Dieser Respekt vor dem Tier fehlt uns natürlich heute. Das Rind sehen wir nur noch fertig portioniert im Kühlregal. Dass man vorher so ein Tier töten muss, haben die Wenigsten so richtig vor Augen. Wahrscheinlich würde ihnen dann auch der Appetit vergehen.

Da es in diesem Blog um Moral geht, haben die obigen Überlegungen nicht zum Ziel, Vegetarier zu missionieren. Natürlich essen Menschen Fleisch. Aber sie sollten dabei nicht vergessen, dass Tiere ihr Leben dafür hergeben, damit wir uns nicht nur von Gemüse ernähren müssen.

Michel de Montaigne (1533 – 1592) hat sich dazu sehr differenziert geäußert. Das Verhältnis von Mensch zu Tier ist nicht objektiv beschreibbar, meint er. Tiere sind vernunftlose Wesen, meinen die Menschen. Maßstab dieser Beurteilung ist aber immer der Mensch. Denkbar wäre aber auch, dass die Tiere uns ebenfalls als vernunftloses Vieh betrachten, schreibt er in einem Essay über die Grausamkeit. Science-Fiktion-Autoren haben diesen Gedanken immer wieder mal aufgenommen und durchgespielt.

tmd.

Tanz der Tiefseequalle

Mobbing – Quelle: tdesigns, Pixabay

Das Thema Mobbing und Außenseiter ist ein zentrales Thema im Ethikunterricht der 6. und 7. Klasse. Es ist ein Glücksfall, dass immer mehr Kinderbuchautoren die beiden Themen aufgreifen und spannend umsetzen. Auf die Textschnipsel und die dümmlichen Fallgeschichten der Lehrbücher kann man deshalb leicht verzichten.

Mit Tanz der Tiefseequalle hat Stefanie Höfler eine Geschichte vorgelegt, die punktgenau in den Lehrplan (G8) in Bayern passt. Die Strukturen und die Methoden von Mobbing werden beschrieben. Die Geschichte ist glaubwürdig und absolut in der Welt der SuS. Sehr wichtig ist: Stefanie Höfler legt die informellen Strukturen einer Gruppe (hier einer Klasse) offen. Die Außendarstellung einer Klasse – und nur die sieht der Lehrer/die Lehrerin – ist nun mal etwas anderes als die informellen Strukturen.

Beispiel: Als die Ereignisse im Ferienlager eskalieren, versucht die Lehrerin die Lage in den Griff zu bekommen. „Die hält wahrscheinlich drinnen gerade eine extralage Standpauke zum Thema Mobbing und andere in Ruhe lassen, Respekt und Toleranz, das ganze Blabla.“ (S. 63)

Dieses Blabla ist es, das die SuS langweilt und nervt im Unterricht. Die Gründe sind naheliegend. Es soll psychologisches und soziologisches Wissen angesammelt werden, das später in die Leistungsbewertung einfließt. Ziel ist also die Leistungsbewertung und nicht das Sammeln von Expertenwissen, um das Zusammenleben in einer Gruppe zu erleichtern.

Zurück zur Geschichte. Es geht um Nico und Sera. Er ist übergewichtig. Sie ist ein bildhübsches Mädchen. Er wird gemobbt, sie gerät in den Fokus der Mobber. Die Mobber sind allesamt Waschlappen. Unterstützung finden die beiden – wie so oft – bei Typen, die ebenfalls Außenseiter sind oder mittelschwer durchgeknallt.

„Ich bin auch nicht der Einzige“, sagt Lenni. „Gibt noch ein paar mehr Leute, die auf eurer Seite sind.“ Auf eurer Seite, sagt er. (S. 180)

Die Geschichte ist jeweils aus der Perspektive von Nico und Sera erzählt. Seine Sprache ist episch. Sera kommuniziert eher im Telegrammstil.
Im letzten Kapitel kommen beide absatzweise zu Wort.

tmd.