Wir müssen lernen, Normenkollisionen auszuhalten

Münze, Acropolis
Jede Münze hat zwei Seiten – Quelle: BITLAKE, Pixabay

Gewissensmissbrauch und Dilemma-Geschichten sind eigentlich zwei Seiten einer Münze. Dass es hier einen Zusammenhang gibt, sieht man nicht sofort, weil die meisten Dilemma-Geschichten auf der „Vernunft-Ebene“ diskutiert werden und die Funktion des Gewissens nicht thematisiert wird.

Ein Beispiel: Karl ist Biochemiker, verheiratet und hat zwei Kinder. Seine Frau ist arbeitslos und kümmert sich um die Kinder. Beide leben ökologisch-alternativ. Die Firma, für die Karl arbeitet, wird von einem internationalen Konzern aufgekauft. Karl steht vor der Entscheidung, entweder im Labor Tierversuche zu machen, oder arbeitslos zu werden.
Soweit die Dilemma-Geschichte mit den bekannten Problemen. Zwei Entscheidungen mit den üblichen Begründungen. Eigentlich nichts Neues.
Karl will weiter alternativ leben, aber er will auch nicht arbeitslos werden. Er kann seine Entscheidung rechtfertigen und … hat ein schlechtes Gewissen. Die Rechtfertigung war eigentlich ein Missbrauch seines Gewissens. Doch halt! Kann er überhaupt irgendwie ein gutes Gewissen haben? Nein! Wie er auch entscheidet, immer verhält er sich irgendwie moralisch daneben.

Und nun wenden wir uns mal den Inhalten zu, die in den meisten Lehrbüchern zum Thema Gewissensmissbrauch referiert werden. Da heißt es, dass Menschen ihr unmoralisches Handeln irgendwie begründen mit „beschönigen, rationalisieren usw.“. Selbstverständlich kommt sofort die Geschichte mit dem Nationalsozialismus. Und damit ist das Thema beendet, die Formen des Missbrauchs werden auswendig gelernt und wieder vergessen.

Genau an diesem Punkt wird das kritische Denken plötzlich ausgeschaltet. Verfolgen wir deshalb nochmal den Gedankengang: Menschen im Nationalsozialismus sehen, dass Juden verschwinden. Sie hören, dass es Konzentrationslager gibt. Sie wissen, dass ihnen das gleiche Schicksal droht, wenn sie den Juden helfen. Sie haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihnen nicht helfen.

Wir unterstellen aber sofort: Die wollten nicht helfen und suchen nach einer Entschuldigung. Genau das aber wissen wir nicht. Aus unserer komfortablen Situation heraus lässt sich hier leicht über Gewissensmissbrauch reden und über die Betroffenen urteilen.
Also: Wenn wir schon moralisches Handeln im Gedankenexperiment einüben wollen – denn nichts anderes machen wir im Schonraum Schule – dann müssen wir auch die Randbedingungen und Rahmenbedingungen mit in Rechnung stellen.

Wenn wir das bedenken, dann bekommen die Floskeln zum Gewissensmissbrauch (rationalisieren, verleugnen usw.) sofort eine andere Qualität. Es sind Begründungen für Entscheidungen in einem moralischen Dilemma.

Die Geschichten der Wehrmachtsoldaten über ihre Erlebnisse sind Legion von solchen Rechtfertigungen. Damit werden die Taten nicht entschuldigt, sondern aus einer anderen Perspektive in Augenschein genommen. Einer Perspektive, die die Bedeutung moralischer Entscheidungen grell ausleuchtet und die Tragödie des moralischen Handelns bewusst macht. Wir machen uns schuldig, egal wie wir uns entscheiden. C.G. Jung meinte genau diese Entscheidungen, wenn er davon sprach, dass der Mensch lernen muss, Normenkollisionen auszuhalten. Bei einer solchen Kollision fühlt man sich wie ein Geisterfahrer auf der Autobahn. Man zweifelt daran, auf dem richtigen Weg zu sein.

Wenig zielführend ist jedoch, im Gedankenexperiment Heldenpositionen einzunehmen.

tmd.

Irren ist menschlich

Versuch und Irrtum bestimmen das menschliche Leben. Was im Alltagsleben und in der Wissenschaft Methode ist, wird zum Problem, wenn es um Moral geht. Dann nämlich schaltet sich das Gewissen ein.
Kann sich das Gewissen irren?

Bevor diese Frage sinnvoll beantwortet werden kann, muss man eine Entscheidung treffen. Ist das Gewissen etwas, das fremdbestimmt ist oder ist es ein Teil in uns, das „autonom“ existiert? Wissenschaftliche Deutungen des Gewissens gehen von einer Fremdbestimmung aus. Als Beispiel haben wir das Modell von Freud mit ICH, ES und ÜBER-ICH kennengelernt. Hierbei ist das Gewissen im ÜBER-ICH angesiedelt und das Ergebnis von Erziehung und sozialer Umwelt.

Leitgedanke: vertrau auf dich
Selbstvertrauen ist wichtig – Quelle: geralt, Pixabay

Religiöse Menschen gehen davon aus, dass ihr Gewissen etwas mit Gott zu tun hat. Demnach hat jeder Mensch eine solche Entscheidungseinrichtung in sich, die ihm sagt, was gut und böse ist. Thomas von Aquin hat dieses Modell im Einzelnen ausgearbeitet. Das Modell beim Aquiner sieht so aus: Zunächst hat der Mensch eine synderesis/syneidesis (die erste Schreibweise verwendet T.v.A., es ist ein Abschreibefehler eines Mönchs, der vor ihm gelebt hat, die zweite Schreibweise war die richtige). Diese synderesis hat die Fähigkeit, grundsätzlich zwischen Gut und Böse zu entscheiden. Wie der Mensch nach dieser grundlegenden Entscheidung der synderesis handelt, ist seine Sache. Der Mensch kann also das Böse wollen.

Nun kommt aber die entscheidende Frage: Kann das Gewissen irren? Thomas von Aquin sagt: Ja, es kann irren, und zwar, wenn die synderesis ein falsches Wertesystem heranzieht für die Unterscheidung von Gut und Böse. Wie kann man diesen Irrtum verhindern? Aquin rät: Informationen einholen, in der Bibel lesen, usw. Aber auch dann kann es zu Irrtümern kommen. Was soll der Mensch also tun?

Thomas von Aquin rät: Immer auf das Gewissen hören. Denn wenn sich das Gewissen irrt, der Mensch aber davon ausgeht, dass er alle Informationen eingeholt hat, dann war das eben ein Gewissensirrtum.
Ein solcher Gewissensirrtum ist weniger verwerflich, als gegen das Gewissen zu handeln.

Ein paar Jahrhunderte später hat sich Martin Luther diese Argumentation zurechtgelegt, um seine Kritik an der katholischen Kirche zu verteidigen. In unserem Grundgesetz ist das Recht, sich auf das Gewissen zu berufen, in Artikel 4 festgeschrieben und durch den Artikel 79 soweit gesichert, als er nur mit zwei Drittel Mehrheit in Bundestag und Bundesrat geändert werden darf.

tmd.

Wer rettet Klara?

Beim Texten des Beitrags: Was ist eine Dilemma-Geschichte, habe ich das Dossier der ZEIT vom 17. September 2016 vor mir gehabt. Wer rettet Klara?
Dort heißt es: „Angenommen, ein Kind ist todkrank und Sie haben das Medikament, das es retten könnte. Geben Sie ihm das Medikament? Dumme Frage. Natürlich.

Kranker Teddybär
Gedankenexperiment mit Krankheit – Quelle: condesign, Pixabay

Angenommen, ein Kind ist todkrank und Sie haben das Medikament. Angenommen, Sie wissen: Wenn die Rettung schief geht, darf niemand anderes mehr das Medikament bekommen. Zehn, vielleicht hundert Kranke, denen das Medikament helfen könnte, werden nicht behandelt werden, weil Sie versucht haben, das eine kranke Kind zu retten.

Was machen Sie? Geben Sie ihm das Medikament, oder lassen Sie es sterben, damit die vielen anderen eine Chance haben? Das ist ja ein absurdes Gedankenexperiment, denken Sie. So eine grausame Entscheidung muss niemand fällen. Irrtum. Das Gedankenexperiment ist gar nicht so weit von der Realität entfernt.“

Später heißt es dann: „Es geht beim Thema compassionate use immer auch um ein ethisches Dilemma: Was, wenn die sofortige Rettung eines Patienten die spätere Rettung vieler Patienten verhindert?“

Kompetenz setzt Wissen voraus! Deshalb empfehle ich, dieses Dossier zu lesen. Es ersetzt spielend die blutarmen und konstruiert wirkenden Fiktionen der Ethik-Lehrbücher.

tmd.

Was ist eine Dilemma-Geschichte?

Eine Dilemma-Geschichte ist ein besonderes Gedankenexperiment. Manche Dilemma-Geschichten sind allerdings aus dem wirklichen Leben. Dazu aber später.

Bei einer Dilemma-Geschichte geht es darum, dass eine Person eine Entscheidung treffen muss. Sie muss sich dabei zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden.

Hier ein wirkliches einfaches Beispiel: Dein Freund, deine Freundin hat die Hausaufgaben nicht gemacht. Er/sie will bei dir abschreiben. Abschreiben ist nicht erlaubt. Das ist die erste Regel. Dem Freund/der Freundin helfen, ist ein Gebot der Freundschaft. Das ist die zweite Regel.

Wegkreuzung
Crossroads – Quelle: stevepb, Pixabay

Jetzt musst du dich entscheiden: Sollst du dich an die Regeln der Schule halten oder an die ungeschriebene Regel der Freundschaft? Beide Entscheidungen sind zu rechtfertigen. Für beide gibt es eine Regel. Was du auch machst, immer verletzt du eine der beiden Regeln. Das ist das Dilemma. Die spezielle Aufgabe ist jedoch nicht allein, eine Entscheidung zu treffen. Es geht darum, die Entscheidung zu begründen.

Solche Dilemma-Geschichten sind den Geschichten mit den „Vorzugsregeln“ aus der Unterstufe im Ethikunterricht ähnlich. Diese sind nach dem gleichen Muster aufgebaut. Nur sind sie meist sehr simpel und naiv. Leider geben diese einfachen Beispiele mit den Vorzugsregeln die Möglichkeit einer zufriedenstellenden Lösung.

Auch hier ein einfaches Beispiel: Die Rasenfläche vor einem Haus darf nicht betreten werden. Da steht sogar ein Schild: Betreten verboten. Dann bricht im Haus plötzlich Feuer aus. Die Feuerwehr kommt und fährt über die Rasenfläche. Alles klar? Das war ein wirklich naives Beispiel.

Das Beispiel mit dem Abschreiben wird in machen Lehrbüchern leider entschärft, indem eine dritte Möglichkeit als Lösung genannt wird (die eigentlich keine ist). Da heißt es dann, Abschreiben lassen ist nicht gut für die Freundschaft, weil der Freund/die Freundin dann nichts lernt und eventuell das Klassenziel nicht erreicht. Das ist aber keine weitere Entscheidungsmöglichkeit, sondern eine Begründung für das „nicht-Abschreiben-lassen“. Genauso könnte ich auch eine Begründung liefern, dass „Abschreiben-lassen“ richtig ist.

Im wirklichen Leben gibt es Dilemma-Geschichten, die dann allerdings nicht im Gedankenexperiment gelöst werden können, sondern die eine echte Entscheidung verlangen.

Auch hier ein Beispiel: Derzeit wird viel über Sterbehilfe geredet. In Deutschland ist es verboten, dass Menschen auf eigenen Wunsch sterben können, wenn sie wegen einer unheilbaren Krankheit große Schmerzen erleiden müssen und wissen, dass sie sowieso bald sterben. Diese Menschen gehen, wenn sie es bezahlen können, in ein Land, wo Sterbehilfe erlaubt ist. Der Gesetzgeber in Deutschland hat hier eine strenge Entscheidung getroffen. Für die Menschen, die sterben wollen, ist das meist sehr schlimm. Diejenigen, die ihnen helfen, machen sich strafbar. Viele von denen, die schwer leiden, töten sich dann irgendwie selbst. Die Frage ist hier, wie begründe ich es, zu helfen oder nicht.

Dilemma-Geschichten sind in der 7.Klasse in Ethik wichtig. Hier wird erklärt, dass Menschen unterschiedlichen Alters bei Dilemma-Geschichten zwar ähnliche Entscheidungen treffen, aber diese unterschiedlich begründen. Herausgefunden hat das der US-amerikanische Psychologe Lawrence Kohlberg.

Sein Standard-Dilemma ist die Geschichte von HEINZ – hier vereinfacht wiedergegeben. Heinz hat eine kranke Frau. Sie wird sterben. Sie kann aber durch ein Medikament gerettet werden. Das ist jedoch sehr teuer. Heinz kann es nicht bezahlen. Soll er die Medizin stehlen? Wichtig waren Kohlberg die Begründungen für die jeweilige Entscheidung, nicht die Entscheidung selbst.

tmd.

Moral, Identität und die Dilemma-Geschichten

Anna, ein Mädchen
Hallo, ich bin Anna

Anna im Dialog mit ihrer Oma Maria

Kann ich lernen, moralisch zu handeln?
Du musst es sogar lernen, es geht nicht automatisch. Das sagen zumindest die Psychologen.

Und wie geht das? Was muss ich da lernen?
Du machst das, was deine Eltern und die Lehrer in der Schule dir sagen, was das Richtige ist. Also: nicht lügen, nicht stehlen, andere nicht beleidigen usw. Aber das habt ihr doch alles schon in der Grundschule gelernt.

Weiß ich doch, aber jetzt ist es im Ethik-Unterricht plötzlich komplizierter.
Was heißt hier komplizierter?

Na ja, unverständlicher!
Was ist daran unverständlich?

Unsere Lehrerin hat gesagt, dass wir eine Identität entwickeln, wenn wir moralisch handeln. Aber das geht nur, wenn wir Individualität besitzen und uns identifizieren. Also, was soll ich jetzt zuerst machen, damit ich moralisch handle?
Halt! Das geht mir zu schnell. Ich weiß zwar, was die Begriffe bedeuten, aber weißt du das auch?

Schau her, Oma, hier steht im Hefteintrag: Wer über sein eigenes Handeln nachdenkt, es beurteilt und sich als Person mit seinen Eigenschaften sozusagen wie „von außen“ beschreiben kann, der entwickelt eine Identität. Sie oder er kann sagen: „Das bin ich“. Die philosophische Variante ist: Erkenne dich selbst.
Verstehst du das?

Klar, das haben wir schon in der letzten Klasse gemacht. Da haben wir Selbstbild und Fremdbild gelernt.
Und was ist mit den anderen Fremdwörtern?

Dazu habe ich aufgeschrieben: Individualität ist die einzigartige, unverwechselbare Persönlichkeit, und Identifikation ist, wenn man sich mit einem anderen emotional vergleichen kann. Bin ich nun unverwechselbar oder anderen ähnlich? Und was hat das mit moralischem Handeln zu tun?
Eine Frage noch, habt ihr den Namen Kohlberg im Unterricht gehört?

Ja. Ist der wichtig?
Er ist es! Aber fangen wir nochmal mit der ersten Frage an. Als Kind hast du das gemacht, was deine Eltern gesagt haben. Und wenn du es nicht gemacht hast, was war dann? Genau! Es gab Ärger. Kleine Kinder handeln also moralisch, weil sie die Strafe der Eltern fürchten. Das hast du verstanden!?

Ja, aber wenn ich nicht die Wahrheit sage, dann können das meine Eltern nicht wissen. Ich habe letztes Jahr gelernt, dass Kinder schon mit 4 Jahren lernen, dass sie lügen können, weil die anderen Menschen nicht Gedanken lesen können.
Das stimmt, aber wenn du früher gemogelt hast, dann hab ich das trotzdem gemerkt, weil du dich dann so komisch verhalten hast.

Anna und Oma Maria
Anna ist verdutzt und ihre Oma lacht

Was heißt hier komisch?
Lenk nicht ab, wir wollten über Moral reden. Also weiter: Wenn man älter wird, dann hält man sich an die Regeln und Verbote, aber nicht mehr aus Furcht vor den Eltern, sondern weil man die Regeln und Gesetze für richtig hält. Später hält man sich an die Gesetze, weil man einsieht, dass die Gesellschaft nur so, ohne Konflikte funktioniert.

Man hält sich also immer an die Gesetze, der Unterschied ist nur, dass ich mein Handeln anders begründe.
Genau, und das hat der Psychologe Lawrence Kohlberg herausgefunden.

Und was hat das mit Identität zu tun?
Das, was der Psychologe Kohlberg herausgefunden hat, das läuft nicht automatisch ab. Es ist deine Eigenleistung. Du musst dich selbst verändern. Ältere Menschen sagen dazu: „Sich neu erfinden“. Wer diese Eigenleistung aufbringt, der entwickelt Identität. Wenn man merkt, dass man sich verändert hat, dann kann man auf solche Eigenleistungen zurückblicken.

Wie hat das der Kohlberg herausgefunden?
Gute Frage! Er hat Experimente gemacht. Seine Versuchspersonen sollten Probleme lösen, die eigentlich nicht lösbar sind. Egal, wie man sich entscheidet, immer hat man gegen irgendeine Regel verstoßen. Dennoch mussten sich die Versuchspersonen entscheiden und ihre Entscheidung begründen. Die Begründungen unterschieden sich je nach Alter der Personen. Das habt ihr bestimmt im Unterricht ausprobiert mit Dilemma-Geschichten.

Ja, aber das war langweilig. Wir haben ewig diskutiert, wie man die Geschichten doch lösen kann. Und was ist mit der Identifikation und dem andern „I“.
Merke es dir so: Individualität heißt, dass du unverwechselbar bist, also einmalig und dass du das auch weißt. Du bist keine Kopie von einem anderen. Identifikation meint das Gegenteil, du entdeckst bei anderen Personen Eigenschaften, die deinen ähnlich sind oder Eigenschaften, die du auch gerne hättest. Beides ist für Freundschaften besonders wichtig. Und es ist der Grund, warum man sich Vorbilder sucht. Beides ist wichtig für eine starke Identität.

Anna, die Enkelin und Maria, die Oma Oma
Anna & Oma sind wieder fröhlich

Cool, Oma, wie du das so einfach erklärst.

tmd.

Kann man Moral durch Rollenspiele lernen? Szenen aus dem Unterricht

Dies ist eine fiktive Geschichte. Etwaige Übereinstimmungen mit der Wirklichkeit sind rein zufällig und waren nicht beabsichtigt.

Thema Mobbing in der 7. Klasse. Das Thema soll, nachdem es theoretisch erarbeitet worden war (Kommentar der Kinder: gähn, das wissen wir doch schon alles, ich hab da einen Film gesehen, können wir den Film anschauen), kompetent umgesetzt werden und Empathie soll eingeübt werden.

Trauriger Junge in der Schule
Mobbing in der Schule – Quelle: Patrice_Audet, Pixabay

Teil eins: Gruppen bilden und Rollenkarten schreiben. In der Klasse (24 Kinder) sind nur 4 Jungs. Die vier wollen nicht auf die Mädchengruppen verteilt werden. Der Lehrer macht ein Angebot. Er hilft beim Texten der Rollenkarten. Funktioniert immer.

Teil zwei: Rollen verteilen. Die Mädels: „Wir wollen Opfer spielen.“ Es gibt aber je Gruppe nur ein Opfer. Streiterei. Da hilft nur eine Entscheidung von oben herab. Die Jungs (hä?!?) müssen Opfer spielen, wenn sich die Mädels nicht einigen. Konflikt beseitigt. Die Jungs als Opfer, das wollen die Mädels nicht. Weiter geht es.

Teil drei: Rollenkarten schreiben. Harry: „Was soll ich schreiben?“ Antwort: Deinen Text und deine Rolle, du bist Täter! „Was macht ein Täter?“ Antwort: Frag die Svenja, die hat im Unterricht aufgepasst. Ronald: „Können wir das Rollenspiel filmen und ins Netz stellen? Ich hab ’ne Lumina. Hat ’ne starke Auflösung.“ Antwort: Ist verboten, das weißt du doch! Crissy: „Können wir nicht was anderes machen?“ Ronald: „Das sagst du nur, weil du nicht das Opfer sein darfst.“

Teil vier: Rollenspiel. Harry: „Kann ich den Text von der Karte ablesen? Ich kann mir das nicht merken, was die Svenja da aufgeschrieben hat.“ Crissy: „Stell dich als unbeteiligter Täter, der nicht hilft, an die Seite. Dann musst du gar nichts sagen.“ Ronald: „Das war mein Text! Das wollte ich sagen! Die hat meinen Text geklaut!“ Crissy: „Können wir nicht was anderes machen?“ Svenja: „Ich kann die Rollen von Täter und Opfer auch alleine spielen, wenn ihr ständig stört!“ Paula: „Nein! das Opfer bin ich, ich lasse mir die Rolle nicht wegnehmen.“

Teil fünf: Perspektivwechsel abfragen. Wie fühlt man sich als Opfer und Täter? Crissy: „Das nächste Mal will ich das Opfer sein.“ Antwort: Es gibt kein nächstes Mal. Wir haben das Thema abgeschlossen. Ronald: „Können wir einen Film anschauen …“ Svenja: „Du weißt doch, dass er keinen Film zeigen will.“ Crissy: „Können wir nicht was anderes machen?“

Teil sechs: Unterricht ist zu Ende. Kinder aus dem Religions-Unterricht kommen ins Klassenzimmer. Paula: „Wir haben heute Rollenspiel gemacht. Mobbing. Ich war das Opfer.“

tmd.

Friedensethik – weich gespülte Statements

Krieg und Religion?
Krieg – Quelle: 753446, Pixabay

Krieg und Religion, das ist kein gefälliges Thema. Denn es wird ein Zusammenhang mit den zwei Wörtern hergestellt, der nach Diskussion drängt, aber irgendwie tabu ist. Die Gläubigen wollen darüber nicht diskutieren, weil damit ihre Religion beschädigt werden kann, die Nicht-Gläubigen scheuen das Thema, weil die political correctness es verbietet.

Vielleicht kann man das Thema konfliktfrei abarbeiten, wenn man sich der Geschichte der Glaubenskriege zuwendet.
Aber man sollte dann vermeiden, aktuelle Konflikte anzusprechen.
Das geht jedoch heute nicht mehr. Die Schlussfolgerung aus der Kenntnis der Glaubenskriege ist nun mal die Frage: Ist das erlaubt, was beispielsweise die IS-Kämpfer anrichten, nur weil sie sich auf den Koran berufen können?

Natürlich nicht!, kommt hier die Antwort. Doch dieser mit Empörung vorgetragenen Zurückweisung des IS-Terrorismus folgt sofort die politisch korrekte Erklärung, die uns freilich in keiner Weise weiterhilft.
Das sei doch nur die falsche Auslegung der heiligen Schrift des Islam, heißt es sofort. Und dann kommt der obligatorische Verweis auf den Dschihad. Da gibt es den friedlichen Dschihad, der ein Kampf des einzelnen Gläubigen ist und zum Ziel hat, ein guter Mensch zu werden. Man kann es nicht mehr hören, dieses weich gespülte Statement. Und die Koranverse, die zum Abschlachten der Christen und Juden auffordern, die sind historisch einzuordnen, haben heute keine Bedeutung mehr. Also bitte keine Aufregung.

Ehrlicherweise muss man an dieser Stelle sagen, so einfach kann man es sich nicht machen. Im Gegenteil: Diese Argumentation öffnet den Fundamentalisten Tür und Tor für ihre krude Ideologie. Denn der Koran ist bei Fundamentalisten das originale Wort Gottes. Nicht etwa eine von Menschen niedergeschriebene Offenbarung. Am Koran darf nichts geändert werden!

Mit dieser Haltung ist der Islam aber nicht reformierbar und bleibt eine hermetisch in sich geschlossene Ideologie, die keinen Widerspruch zulässt. Denn der mögliche Widerspruch oder die vernünftige Kritik ist in diesem System bereits als Immunisierungsstrategie eingebaut. Wer den Koran nicht Wort für Wort glaubt, der hat eben nicht den richtigen Glauben, ist abgefallen. Mehr noch: Wer den Koran nicht in der Version des Hocharabischen lesen kann, der braucht sich als Kritiker überhaupt nicht zu Wort melden. Der versteht nichts, so die Fundamentalisten.

Die muslimischen Kritiker, die den Islam reformieren wollen, stehen da auf verlorenem Posten. Sie fordern Aufklärung. Aber Aufklärung bedeutet, sich aus der Unmündigkeit (der selbst verschuldeten) zu befreien. Das ist eigentlich Kant pur. Liberale Theologen im Islam meinen, die problematischen Texte im Koran sollten neu interpretiert werden und das Mohammed-Bild sollte entdogmatisiert werden, was nichts anderes heißt, als die dunklen Seiten des Propheten zu beleuchten. Beides zählt für Fundamentalisten zu den schlimmsten Beleidigungen des Religionsgründers.

Radikale Kritiker und Aufklärer halten von diesen Reformen wenig. Unmoralische Suren sollen gestrichen werden. Was unmoralisch ist, das soll auch benannt werden.

Doch radikale Aufklärer und liberale Theologen liefern den Ideologen unter den Moslems nur weiter den simplen Beweis, dass die Welt außerhalb des Islam gottlos ist und vernichtet werden soll.
Was tun?

Unter diesen Umständen ist es dann doch angebracht, sich im Ethikunterricht einfachen Aufgaben zuzuwenden – frei von moralischen Ansprüchen. Wir können ja ein Poster malen oder vielleicht ein Rollenspiel einüben, um unserer Betroffenheit Ausdruck zu geben.

tmd.


Quelle: gbs Koblenz, Youtube

Wenn es gut werden soll

Wenn Sokrates heute lebte, ginge er wohl nicht auf den Marktplatz, um dort Bürger anzusprechen. Sokrates ginge heute in einen Baumarkt. Nicht in irgendeinen, sondern in den Baumarkt, in den Bürger gehen, die es gut machen wollen.
Herauszufinden, was das Gute ist, das war Sokrates‘ zentrales Thema.
Doch das Personal im Baumarkt hätte Sokrates ebenso enttäuscht, wie ihn seine athenischen Mitbürger so oft enttäuscht haben.
Was das Gute ist, ist auch heutzutage eine sehr individuelle Sache. Sei es nun beim Renovieren oder Sanieren.
Wie reagierte Sokrates auf solchen Relativismus? Wie reagierte er darauf, dass alles letztlich eine individuelle „Maß“-Entscheidung ist, wie die Sophisten es behaupten? Die sagten, der Mensch sei das Maß aller Dinge.
Die Standardantwort von Sokrates war ungefähr folgende:
Wenn wir über das Gute reden, das Gute aber für jeden Menschen etwas anderes ist, wenn also das Gute etwas Beliebiges ist, dann brauche ich im Leben das Prädikat „ist gut“ eigentlich nicht mehr. Denn es sagt ja nichts mehr Verbindliches aus. Verbindlich wäre es, wenn man wüsste, dass alle Menschen etwas Bestimmtes als „das Gute“ bezeichnen.
Brauchen wir das Prädikat „ist gut“ nicht?
Im Alltag ist der Verlust des Prädikats „ist gut“ zu verschmerzen. In der Werbung ist ohnehin alles irgendwie gut, hipp, cool, angesagt, geil, trendig usw. Im Alltagsleben ist die Suche nach dem „Guten“ nicht notwendig, wenn es sich um Außer-moralisches handelt. Jeder soll schließlich nach seinem Geschmack glücklich werden.
Wenn es aber um Moral und die Tugenden geht, dann ist der Relativismus der Motor, das soziale und politische Zusammenleben zu zerstören.
tmd.

Den Sinn des Lebens gibt es nicht auf Rezept

Aussagen über den Sinn des Lebens sind unterschiedlich. Sie sind unterschiedlich innerhalb einer Altersgruppe (Fachwort: Alterskohorte), aber auch unterschiedlich zwischen den Generationen (Eltern, Großelten usw.).

Diese Unterschiede in Aussagen über die Sinnfrage führen dazu, nach Gründen zu suchen für die Unterschiede. Wir finden als Antworten Merkmale wie Alter, Geschlecht, Beruf, Lebensumwelt. Die Liste lässt sich verlängern. Was man aus dieser einfachen Übung lernt, ist, dass sich diese Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens zwar in Gruppen ordnen lassen (konventionelle und philosophisch-wissenschaftliche Antworten), aber sich schwer in ein Ranking bringen lassen. Der Einfluss der unterschiedlichen Faktoren wird zwar anhand der Maslow-Pyramide erklärt. Es gibt aber keinen besseren oder schlechteren Lebenssinn, den wir uns wie beim Discounter aussuchen können.

Es gibt aber Beispiele, wie die „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ von Heinrich Böll, die eine klare Bewertung vemitteln wollen. Eine kurze Inaltsangabe und Bewertung findet sich unter: Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral. Der Fischer in der Geschichte macht alles richtig, hat den rechten Sinn im Leben gefunden und der Tourist ist der Dumme, einer, dem der Kapitalismus zu Kopf gestiegen ist. Das ist voreilig geurteilt. Der Fischer arbeitet, um zu (über-)leben. Mehr will er nicht. Das gab es immer, und ist für die meisten Menschen Realität. Freiwillig nicht zu arbeiten  und dennoch zu überleben, das ist Bürgern in reichen Sozialstaaten (BRD) vorbehalten oder Multimillionären.

Aber was ist das Gegenteil? Leben, um zu arbeiten, oder anders ausgedrückt, leben, um sich selbst zu verwirklichen? Das kann nicht jeder. Man muss entweder sehr reich sein oder ein Lebenskünstler. Arbeiten, um zu überleben und leben, um tätig zu sein/sich selbst zu verwirklichen, sind Gegensätze, was die Arbeitsmoral betrifft. Es sind zwei vollkommen unterschiedliche Ausprägungen von Arbeitsethik.

Die Arbeitsmoral, die wir wählen oder wählen müssen (weil wir eben nicht reich oder romantisch sind), prägt unseren Lebenssinn.

Schaut man sich die Lebensläufe bekannter Personen an, dann findet man immer wieder den Aspekt des „Tätig-sein-Wollens“. Jemand will etwas erreichen. Der Film „Das Streben nach Glück“ mit Will Smith zeigt diesen unbändigen Willen. Der Sinn des Lebens wird hier als Eigenleistung dargestellt.

Konstantin Kolenda (Philosoph) erklärt die Eigenleistung folgendermaßen:
„Seinen Weg finden“.
„seinen“ deutet auf Individualität hin,
„finden“ meint Aktivität und
„Weg“ bedeutet Kontinuität.
Alles das sind Eigenleistungen.

Wir merken uns: Sinnfindung ist Eigenleistung, die uns niemand abnehmen kann. Ein Faktor der Sinnfindung ist Arbeit. Wir können uns aber unterschiedliche Lebenswege anschauen und nach „Glück streben“. Was dieses Glück ist, das entscheiden wir selbst. Die Verantwortung tragen wir dabei ebenfalls selbst.

Den Sinn des Lebens gibt es nicht auf Rezept!

tmd.

Quelle: CamMW, Youtube

Gegenaufklärung mit Konstruktionsfehlern

In meinem Beitrag: „Gefangen im Kerker der Sinne“ habe ich mir die Frage gestellt, ob es so etwas wie eine Idee des Bösen gibt.

Gehofft hatte ich, dass es dazu einen Kommentar gibt – von Seiten der Schüler/-innen. Eine E-Mail hat mich nun veranlasst, das Thema erneut aufzugreifen, wenn auch nur in der gebotenen Kürze.

Grundsätzlich ist die Diskussion über das Böse (in welcher Form es das gibt) nicht auf Platon beschränkt. Hier zeigt es sich nur als logisches Problem in der Konstruktion von Platons Ideenlehre. (Ich rede übrigens nicht von Theorie, sondern von Lehre – die Ideenlehre ist m.E. keine Wissenschaft.) Wenn es die Idee des Guten gibt, dann muss es doch auch – weil es in der Welt das Böse gibt – die Idee des Bösen geben.
In Platons Dialogen finden sich dazu sehr widersprüchliche Aussagen, für die ich hier – keineswegs Wissenschaftlichkeit beanspruchend – eine Erklärung gebe.

In der Platonforschung ist man sich nicht einig, ob die Reihenfolge der Dialoge so ist, wie sie angenommen wird. Warum ist das so wichtig? Man sagt, dass sich die Lehre von Platon in seinen Dialogen mit der Zeit geändert hat. Anfangs scheint er sich nicht sicher gewesen zu sein, dann kommt eine starke Phase, wo die Ideenlehre ausgearbeitet wird, und schließlich sieht es so aus, als ob Platon davon wieder Abstand nimmt. Einige Wissenschaftler sagen aber, dass Platon nur zeigen wollte, wie er nicht verstanden werden will. Wenn aber die Reihenfolge der Bücher nicht stimmt, dann stimmt auch dieses Argument nicht.
Für mich ist ein anderer Punkt ausschlaggebend: der siebte Brief Platons.

Send me a letter – Quelle: jackmac34, Pixabay
Send me a letter – Quelle: jackmac34, Pixabay

Diesen Brief soll Platon nicht geschrieben haben, sagen die meisten Altphilologen. Das ändert jedoch nichts daran, dass der Inhalt zu der Entwicklung seiner (Platons) politischen Karriere (die keine war, denn er war nicht erfolgreich) passt. Derjenige, der den Brief verfasst hat, muss das gewusst haben. Ich meine, dass Platon mit seinen politischen Ansichten nicht erfolgreich war und das hat sich in seinen Schriften gespiegelt. Ich nehme an, dass Platon den Sokrates deshalb so unerreichbar moralisch gut dargestellt hat, um damit für seine (Platons) politische Lehre eine Gründerfigur zu haben, die zudem nicht direkt angreifbar war, weil es keine eigenen Schriften von Sokrates gibt.

Wie also soll man mit dem Gedanken von der Idee des Bösen umgehen? Der Vorschlag von Jostein Gaarder (Sophies Welt) ist mir zu simpel, aber er hat wenigstens den Vorteil einer Erklärung, die man jedoch nicht hinterfragen darf. Damit sind allerdings nicht die Widersprüche in den Dialogen beseitigt.

Ich meine, die Diskussion um die Idee des Bösen lenkt nur von einem dahinterstehenden Problem ab. Es geht hier nicht um die Konstruktion eines logisch in sich widerspruchsfreien Systems von Aussagen, sondern es geht um das Erreichen der politischen Deutungshoheit.

Ich komme deshalb in diesem Zusammenhang immer wieder auf meinen Vorschlag zurück, dass die Ideenlehre nur dazu dienen sollte, den Sophisten politisch die Kommunikation aus der Hand zu nehmen. Und zwar nicht durch einen ständigen Prozess der Diskussion (den hatte Sokrates vollkommen offen angelegt), sondern durch eine in sich geschlossene Ideologie, die bestimmten Bürgern die Herrschaft sichert. Denn Ideologien sind nicht dazu da, logisch einwandfrei konstruiert zu sein, sondern sind dazu da, Menschen zu überzeugen, die nicht selbst denken wollen.

Oder etwas pointierter: Platons Ideenlehre ist handfeste Gegenaufklärung, aber mit erheblichen Konstruktionsfehlern. Die Konstruktionsfehler sind Ergebnis des Versuchs, die Idee des moralisch Guten auf die Welt der Gegenstände zu übertragen, ihnen dadurch einen Platz im „Ideenhimmel“ zu sichern und damit den Relativismus der Sophisten auszuhebeln. Platon sicherte sich damit die Deutungshoheit.

Ich muss mir dabei natürlich den Vorwurf gefallen lassen, dass ich hier den Sokratischen Diskurs zu einem herrschaftsfreien Diskurs wie bei Jürgen Habermas umdeute und grundsätzlich materialistisch-historisch argumentiere. (siehe dazu: Erkenntnis und Interesse in: Technik und Wissenschaft als >Ideologie<) Aber damit kann ich leben.

tmd.